Atemwegserkrankungen natürlich behandeln

Zwischen Naturheilverfahren und klassischer Medizin wird gerne ein Gegensatzpaar konstruiert. Eine vorurteilsfreie Anwendung von Methoden der klassischen Medizin und von Naturheilverfahren kann jedoch dafür sorgen, dass unsere Kinder gesund aufwachsen und die bestmögliche Behandlung erfahren. Gerade im Hinblick auf Atemwegserkrankungen gibt es eine Reihe von pflanzlichen Arzneimitteln mit wissenschaftlich fundierten Erfahrungen.

Die Phytotherapie ist weder eine Alternativmethode, noch hat sie mit der Homöopathie im engeren Sinn zu tun, auch wenn es Schnittmengen gibt, die keiner der genannten Therapieoptionen gerecht werden. Sie ist wohl die älteste Behandlungsmethode überhaupt, wenn man vom Schamanismus absieht, der im postfaktischen Zeitalter fröhliche Urständ feiert. Sie kann ihren Ursprung bis ins Tierreich datieren: Man hat beispielsweise beobachtet, dass Affen verkohltes Holz verzehren, wenn sie an Durchfallerkrankungen leiden. Das erinnert an Carbo medicinalis. Papageien im brasilianischen Regenwald nehmen Ton­erde auf, bevor sie bestimmte Beeren verzehren, die ansonsten giftig wirken würden. Wir verwenden Kaolin, eine Tonerde, in Fertigpräparaten bei Durchfällen.

Die moderne Phytotherapie versteht sich als integralen Bestandteil einer rational betriebenen Pharmakotherapie. Pflanzliche Arzneimittel unterliegen den gleichen Qualitätskriterien wie synthetische, hier wie dort müssen Wirkungen klar belegt, Nebenwirkungen bekannt oder ausgeschlossen, Nutzen und Risiken vernünftig abgewogen sein. Pflanzliche Arzneimittel sind oft schwächer wirksam, besitzen oft ein ausgezeichnetes Nebenwirkungsprofil, das in Jahrhunderten erprobt wurde, so dass sie gefahrlos zur Selbstmedikation empfohlen werden können. Dabei sollte die Frage, ob in der Selbstmedikation neben Fertigpräparaten auch Haustees nach alten Rezepturen benutzt werden können, nicht zur Grundsatzfrage hochstilisiert werden. Unbestritten sind Tees in der Regel schwächer wirksam als Fertigarzneimittel, oft reicht aber im konkreten Einzelfall bereits diese schwächere Wirkung aus. Im Übrigen ist die – wissenschaftlich gesicherte – Indikationsbreite oft größer als die synthetischer Analoga.


Phytopharmaka in der Kinderheilkunde

In folgenden Bereichen können pflanzliche Arzneimittel bei Kindern Anwendung finden:

  • Erkältungskrankheiten
  • Entzündungen im Hals- und Rachenraum
  • Bronchitis (Husten)
  • Sinusitis (Schnupfen)
  • Obstruktive Bronchitis Asthma bronchiale (nur ergänzend!)
  • Magen-Darm-Erkrankungen
  • manche allergische Erkrankungen
  • Hauterkrankungen (vor allem Atopisches Ekzem, Neurodermitis)
  • Unruhezustände
  • Harnwegsinfektionen
  • Infektanfälligkeit (nur begrenzt)


Arzneipflanzen zur Anwendung bei Husten


Zunächst Abklären der Differenzialdiagnosen nächtlicher Husten, Anstrengungshusten und Reinigungshusten


Infekte der Atemwege spielen in der täglichen Praxis des Kinderarztes eine sehr große Rolle. Da ist ein Rezept für einen Hustensaft schnell ausgestellt – aber so einfach sollte es nicht sein. Pflanzliche Arzneimittel stehen in der Rangordnung sinnvoller Maßnahmen zwar weit oben, aber nicht an erster Stelle. Zunächst ist abzuwägen, ob ein aufmerksames, abwartendes Beobachten des spontanen Verlaufs einer Erkrankung nicht ausreicht oder ob andere Maßnahmen nötig sind. Häufig reichen ansteigend heiße Fußbäder und andere Kneipp’sche Techniken, oft auch Nasenspülungen mit physiologischer Kochsalzlösung. Danach können Erkältungstees eingesetzt werden, gefolgt von pflanzlichen Fertigpräparaten. Bei häufig wiederkehrenden Infekten ist ein Kneipp’sches Immuntraining hilfreich, in selteneren Fällen auch eine Immuntherapie mit Bakterienextrakten. Echinacea-Präparate bringen nur geringen Erfolg.

Viele Pflanzen, die zur Behandlung von Atemwegserkrankungen eingesetzt werden, enthalten ätherische Öle, die stark riechen, kaum wasserlöslich sind und eine ausgeprägte Sekret lösende Wirkung haben. Außerdem fördern sie den Transport des Sekrets und das Abhusten. Manche Öle sind zusätzlich bronchialerweiternd wirksam (Efeublätter, Kampfer und Eucalyptus­öl), bekämpfen Mikroben (Fichten- und Kiefernnadelöl, Pfefferminzöl und Thymol) oder erweitern die Blutgefäße (Fichten- und Kiefernnadelöl). Wegen ihrer starken Reizwirkung sollten Mittel mit ätherischen Ölen bei überempfindlichen Atemwegen nicht angewendet werden, und vor allem bei Säuglingen sollte auch eine Anwendung im Gesicht vermieden werden.


Die Arzneipflanzen im Überblick

Im Folgenden sind die pharmakologischen Eigenschaften der wichtigsten Arzneipflanzen mit der Indikation „Husten“ stichwortartig erläutert:

Eibischwurzel, Eibischblätter (Althaeae radix/-folium)

Eibischschleim (vor allem die enthaltenen Polysaccharide) bildet eine schützende Schicht auf der Schleimhaut, schützt so vor mechanischen und thermischen Reizen, reduziert die Reizung von Hustenrezeptoren und hemmt insgesamt den Hustenreiz. Polysaccharide aus Eibisch stimulieren außerdem die Wachstumsrate von Schleimhautzellen. Damit erklärt sich die schon seit Jahrhunderten beobachtete schleimhautschützende Wirkung. Eibisch-Wirkstoffe sind hitzeempfindlich. Aufgüsse müssen deshalb kalt angesetzt und langsam erwärmt werden.

Efeublätter (Hederae helicis folium)

Efeublätter sind eine sogenannte Saponindroge, eine „Seifendroge“. Sie sorgen für eine Verflüssigung von Bronchialsekret bei Erkrankungen der Atemwege und für ein leichteres Abhusten des Schleims. Hoch dosiert reizen sie jedoch Haut und Schleimhaut. Gegenanzeigen sind nicht bekannt. Es werden ausschließlich Fertigarzneimittel empfohlen, sie sind seit Langem in Gebrauch.

Holunderblüten (Sambuci flos)

Holunderblüten enthalten Flavonoide, Hydroxyphenolcarbonsäuren, Steroide und Triterpene. Sie werden bei Erkältungskrankheiten eingesetzt und gelten als schweißtreibend und fördernd für die Bronchial­sekretion. Nebenwirkungen oder Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten sind nicht bekannt. Eine aktuelle Zusammenfassung der WHO erwähnt entzündungshemmende, entwässernde und schweißtreibende Wirkungen. Aktuelle klinische Studien stehen aber nicht zur Verfügung. Holunderbeeren wirken gegen Influenza-A- und -B-Viren sowie gegen das Bakterium Helicobacter pylori. Holunderblüten werden seit Jahrhunderten in Erkältungstees benutzt. Sie sind unverzichtbarer Bestandteil verschiedener Fertigarzneimittel.

Malvenblüten (malvae flos), Malvenblätter (malvae folium)

Die Schleimdroge wirkt reizmildernd, ähnlich wie Eibisch, aber schwächer. Malvenblüten werden häufig Hustentees beigemischt. Nebenwirkungen und Gegenanzeigen sind nicht bekannt. Malvenblätter wirken etwas weniger intensiv als Malvenblüten.

Purpur-Sonnenhut (Echinacea purpurea herba)

Laut Kommission E bzw. ESCOP ist Echinacea purpurea herba angezeigt zur kurzfristigen unterstützenden Behandlung wiederkehrender Infekte der Atemwege und der ableitenden Harnwege. Sie fördert akut die unspezifische Immunreaktion. Als gesichert kann die immunstimulierende Wirkung am Beginn eines Infekts angesehen werden. Man hüte sich aber vor den allzu vollmundigen Versprechungen, mit denen mehr als 500 Echinacea-Präparate den deutschen Markt beglücken. Sie halten einer fundierten Kritik oft nicht stand.

Schlüsselblumenblüten (Primulae flos)

Schlüsselblumenblüten sind als typische Saponindroge sekretlösend und fördern das Abhusten. Die Wirkung erfolgt über eine Reizung der Schleimhaut. Seit 2005 ist die Indikation „Erkältungskrankheiten der Atemwege mit zähflüssigem Schleim“ zugelassen. Als wichtigste Gegenanzeige gilt eine Primelallergie. Bei Fertigarzneimitteln ist eher selten damit zu rechnen, außerdem treten Primelallergien bei Kindern nicht allzu oft auf. Als wichtigste Nebenwirkungen werden vereinzelt Magenbeschwerden und Übelkeit geschildert.

Spitzwegerichkraut (Plantaginis lanceolatae herba)

Als Schleimstoff- und Gerbstoffdroge wirkt der Spitzwegerich reizmildernd, adstringierend und mäßig antibakteriell. Er fehlt in keiner Sammlung von Teerezepten.

Süßholzwurzel (Liquiritiae radix)

Diese Saponindroge gilt als sekretlösend, fördert das Abhusten, wirkt krampflösend und entzündungshemmend. Außerdem ist die Süßholzwurzel wirksam gegen Influenza-A-Viren und Bakterien, darunter auch hier der Helicobacter pylori, selbst bei resistenten Keimstämmen. Die Süßholzwurzel ist wegen ihres angenehmen Geschmacks ein wichtiger Bestandteil von Erkältungstees. Wichtig ist, dass bei längerer Anwendung (mehr als vier Wochen) und höherer Dosierung Nebenwirkungen entstehen können, darunter ein Kaliumverlust mit Ödembildung.

Thymiankraut (Thymi herba)

Der Hauptinhaltsstoff des Thymians, das Thymol, zählt zu den stärksten antibakteriell und antiviral wirkenden Einzelkomponenten ätherischer Öle. Darüber hinaus sind entzündungs-hemmende, antibakterielle, schmerzlindernde und sekretlösende Wirkungen bekannt und wissenschaftlich nachgewiesen. Nebenwirkungen oder Gegenanzeigen sind nicht bekannt.

Pelargonienwurzel (Pelargonium sidoides)

2008 wurde der Pelargonium sidoides-Wurzelextrakt (1:8–10) in einer Zusammenschau verschiedenster klinischer Studien (Cochrane review) als erwiesenermaßen wirksam bei akuter Bronchitis eingestuft. Laut zwei von drei Studien bei Kindern und Jugendlichen beseitigt der Extrakt die Symptome einer akuten Bronchitis. Pelargonium sidoides löst zähen Schleim, wirkt gegen Bakterien und stimuliert das Immunsystem. Es ist inzwischen als Mittel gegen akute Bronchitis zugelassen. Der Pelargonium sidoides-Wurzelextrakt ist sicher ein wertvolles pflanzliches Arzneimittel, dessen Bedeutung in der täglichen kinderärztlichen Praxis aber noch nicht ausreichend eingeschätzt werden kann.

Wollblume (Verbasci flos)

Als Schleimstoff- und Saponindroge sind Wollblumen reizlindernd und fördern das Abhusten. Antivirale Wirkungen wurden ebenfalls beschrieben. Nebenwirkungen und Gegenanzeigen sind nicht bekannt. Wegen der milden Wirkung und des angenehmen Geschmacks sind sie für Kinder besonders geeignet.


Teerezepturen – eine Auswahl

Tee bei Bronchialerkrankungen (trockener Reizhusten)

  • 40 g Eibischwurzel
  • 20 g Isländisch Moos
  • 20 g Malvenblüten
  • 20 g Fenchelfrüchte (angestoßen)

Zwei Teelöffel der Mischung mit kaltem Wasser (ca. 150 ml) übergießen. Man lässt den Ansatz unter gelegentlichem Umrühren ca. eine Stunde abgedeckt stehen, seiht ab und erwärmt den Tee auf Trinktemperatur. Mehrmals täglich eine Tasse trinken (evtl. mit Honig gesüßt, nicht für Säuglinge).
 



Tee bei Bronchialerkrankungen (trockener, noch wenig produktiver Husten)

  • 10 g Fenchelfrüchte (angestoßen)
  • 10 g Anisfrüchte (angestoßen)
  • 10 g Wollblumenkraut
  • 15 g Spitzwegerichkraut
  • 15 g Malvenblüten

Zwei Teelöffel der Mischung mit siedendem Wasser (ca. 150 ml) übergießen, bedeckt etwa 10 Minuten ziehen lassen und dann durch ein Teesieb geben. Mehrmals täglich eine Tasse trinken (evtl. mit Honig gesüßt, nicht für Säuglinge).

Tee bei Infekten der oberen Atemwege

  • 30 g Holunderblüten
  • 10 g Schlüsselblumenblüten
  • 10 g Enzianwurzel
  • 10 g Wollblumenblüten

Einen Teelöffel der Mischung mit heißem Wasser übergießen, 15 Minuten ziehen lassen, abseihen und möglichst heiß trinken.


Schweißtreibender Tee bei Infekten der oberen Atemwege

  • 30 g Holunderblüten
  • 10 g Lindenblüten
  • 10 g Pfefferminzblätter
  • 10 g Melissenblätter

Einen Teelöffel der Mischung mit heißem Wasser übergießen, 15 Minuten ziehen lassen, abseihen und möglichst heiß trinken.


Tee bei Bronchitis

  • 10 g Fenchelfrüchte (angestoßen)
  • 10 g Anisfrüchte (angestoßen)
  • 10 g Wollblumenkraut
  • 15 g Spitzwegerichkraut
  • 15 g Malvenblüten

Zwei Teelöffel der Mischung mit siedendem Wasser (ca. 150 ml) übergießen, bedeckt etwa 10 Minuten ziehen lassen und dann durch ein Teesieb geben. Mehrmals täglich eine Tasse trinken (evtl. mit Honig gesüßt, Honig nicht bei Säuglingen).



Fertigpräparate

Auf die Nennung von Fertigarzneimitteln wird zur Vermeidung von Interessenskonflikten verzichtet, man sollte aber bitte unsinnig süße „Hustensäfte“ vermeiden.

Buchtipp

Kinder – natürlich gesund

Naturheilverfahren, die wirklich helfen

Wenn der Nachwuchs krank ist, wünschen sich viele Eltern für ihre Kinder eine möglichst natürliche Behandlung und keinen Arzt, der bei einer Erkältung Antibiotika verschreibt. Doch welche Naturheilverfahren sind wirklich sinnvoll? Der erfahrene Kinderarzt und Naturheilmediziner Walter Dorsch beschreibt, wie Pflanzenheilkunde, Wasserbehandlung, Akupunktur und andere Methoden zur Heilung beitragen können, und er erklärt, wann sie zum Einsatz kommen sollten. In vielen Fällen sind Naturheilverfahren unverzichtbar und ergänzen sinnvoll die klassische Medizin. Doch gilt es zu unterscheiden zwischen obskuren Angeboten und seriöser Anwendung: Dieses Buch ist ein Leitfaden für Eltern, damit sie eine selbstbestimmte Entscheidung treffen können.


Prof. Dr. Walter Dorsch
Kinder – natürlich gesund
288 Seiten, 18,00 Euro
ISBN: 9-783-550-050-374
Ullstein Buchverlage GmbH, April 2018

Prof. Dr. med. Walter Dorsch

Kinder- und Jugendarzt,
Arzt für Kinderlungenheilkunde,
Naturheilverfahren und Allergologie

www.kinderaerzte-muenchen-sued.de