Bestrahlungstherapie gegen Akne inversa – Erste Erfahrungen

Akne inversa (Hidradenitis suppurativa) ließ sich bislang kaum erfolgreich therapieren. Anfang 2017 wurde eine neue Bestrahlungstherapie zur Behandlung dieser schweren chronischen Hauterkrankung zugelassen. Erste ­Erfahrungen aus der NICE-Studie und der Praxis zeigen vielversprechende Ergebnisse.

Schätzungen zufolge sind ein bis drei Millionen Menschen in Deutschland von Akne inversa betroffen. Die Dunkelziffer ist hoch, da die Betroffenen sich häufig für ihre Symptome schämen. Der Akne inversa liegt eine Verhornungsstörung zugrunde, in deren Folge sich die Haarwurzeln entzünden können. Ein schmerzhafter Abszess entsteht, der bis auf die Größe eines Tennisballs anwachsen und bei schwerer Ausprägung Fistelgänge bilden kann. Bei Betroffenen treten Abszesse oft mehrfach pro Monat auf, vor allem in den Hautfalten des Körpers wie in den Achselhöhlen und im Intimbereich. Auch Abszesse auf Steißbein, Brustbein und Oberschenkelinnenseiten zählen zur klassischen Symp­tomatik der Akne inversa.


Physikalische Behandlung

Bei der ambulant durchführbaren Bestrahlungstherapie (lAight) werden die betroffenen Haut­areale mit einer Kombination aus polychromatischem Licht und elektromagnetischen Frequenzen bestrahlt. Hierdurch werden bakterizide, photodynamische Effekte direkt an der Hautoberfläche erzielt, wodurch unter anderem die vorhandene Hyperkeratose gemindert wird. Die Therapie beschleunigt die Abszessreife und fördert deren Entleerung, wirkt oft sofort schmerzlindernd und regt die Gewebeneubildung an. Zudem wird der erneuten Bildung von Talgeinschlüssen entgegengewirkt.

Die Bestrahlung erfolgt durch ein speziell für diese Art der Therapie entwickeltes Gerät. Vor Beginn der Behandlung erstellt der behandelnde Arzt einen individuell auf den Patienten abgestimmten Therapieplan. Je nach Stärke der Erkrankung beinhaltet dieser in der Regel eine Bestrahlung der betroffenen Hautpartien in einem Abstand von zwei Wochen. Die Behandlungsdauer richtet sich nach der Größe der betroffenen Körperstelle und Ausprägung (z. B. Achsel circa 20 Minuten Behandlungsdauer). Im weiteren Verlauf lassen sich die Behandlungsintervalle auf vier bis acht Wochen ausdehnen.

Die entzündeten, aktiven Abszesse öffnen sich bei positivem Verlauf der Behandlung und heilen in der Folge ab. Neuen Entzündungen wird durch die antibakterielle und entzündungshemmende Wirkung der Bestrahlung vorgebeugt. Im Falle von – bei Akne inversa-Patienten häufig bereits vorhandenen – Narben kann auch ein positiver Effekt auf die Narbenstruktur festgestellt werden.

ZaVAi -Zirkel ambulanter Versorgung Akne inversa

Ziel von ZaVAi ist die nachhaltige Verbesserung der Qualität der Versorgung von Akne inversa-Patienten. ZaVAi ermöglicht Ärzten unterschiedlicher Fachrichtungen, sich schnell – d. h. auch im laufenden Praxisbetrieb – über Akne inversa zu informieren. Über eine sichere Messaging App können konkrete Fälle und Fragen mit anderen mit Akne inversa befassten Ärzten erörtert werden. Zudem wird ermöglicht, sich regelmäßig in Form von Online-Meetings in der Art eines Qualitätszirkels zu vernetzen, auszutauschen sowie voneinander und miteinander zu lernen. Für Betroffene und deren Angehörige werden die wichtigsten Links zu Selbst­hilfegruppen und anderen Informationen im Netz zur Verfügung gestellt.

ZaVAi-Initiator ist Dr. Uwe Kirschner. Seine Motivation zur Entwicklung von ZaVAi lag in seinen persönlichen Erfahrungen aus über einem Jahr Akne inversa-­Spezialsprechstunde in seiner dermatologischen Praxis in Mainz. Er möchte durch ZaVAi Kollegen an dem Wissen und der Erfahrung teilhaben lassen und auch selbst weiterhin von Kollegen lernen und sich dazu noch breiter vernetzen.

http://www.zavai.de


NICE-Studie

Entwickelt wurde die Therapie von einem Startup-Unternehmen der Universitätsmedizin Mainz. Dort wurde an der Hautklinik mit der NICE-Studie (Non-Invasive Combination therapy in acnE inversa)* die hohe Effektivität der Bestrahlung betroffener Hautareale nachgewiesen. Bei einer randomisierten Patientengruppe von 47 Personen wurden die Studienteilnehmer in zweiwöchigem Intervall über drei Monate hinweg jeweils zu einem Drittel mit polychromatischem Licht, elektromagnetischen Frequenzen und in der dritten Gruppe mit einer Kombination aus beiden Strahlungen in Verbindung mit einem Kontaktgel behandelt. Alle drei Gruppen wurden in der Folge mit der Kombinationstherapie weiter behandelt. Bei der Mehrheit der Teilnehmer ließ sich so eine signifikante Steigerung der Lebensqualität erreichen.


Versorgungskonzept

Neben der Therapie hat das Start­up-Unternehmen LENICURA ein umfassendes Versorgungskonzept für Akne inversa-Patienten entworfen. So erhalten Patienten u.a. über einen Online-Zugang weitere nützliche Informationen und haben ihre Behandlungshistorie im Überblick.

Seit Anfang 2017 ist die lAight-Therapie in Europa zugelassen und gegenwärtig an 18 Standorten in Deutschland erhältlich. Welche Praxen die lAight-Therapie anbieten, kann auf der Website lenicura.com/de eingesehen werden.


*Die Studie befindet sich zurzeit noch im Begutachtungsprozess.

Quelle: Universitätsmedizin Mainz


Erfahrungen mit Bestrahlungstherapie und Akne inversa-Sprechstunde: Dr. Uwe Kirschner im Interview

Dr. Uwe Kirschner

Dermatologe, Venerologe und Phlebologe,
Berufsdermatologe (ABD)

www.hautarztpraxis-mainz.de

Herr Dr. Kirschner, seit wann bieten Sie die lAight-Therapie an?

Wir bieten die Therapie seit April 2017 an und waren damit die erste Praxis im niedergelassenen Bereich mit diesem Therapie-Angebot.
 

Welche Erfahrungen haben Sie mit der Therapie gemacht?

Wir haben bisher mehr als 160 Patienten aller Schweregrade behandelt. Gerade bei den leichten bis mittelschweren Fällen, in denen wir noch keine fortgeschrittene Hautdestruktion sehen, zeigt diese physikalische Therapie schnell Wirkung: Es kommt zu einer Rückbildung der Läsionen und der Patient gewinnt schneller seine Lebensqualität zurück. Hier haben wir also nun ein Werkzeug an der Hand, um ein Fortschreiten in schwerere Ausprägungsformen zu verhindern. Wir haben die Therapie aber auch schon zur Reduktion von Entzündungen und Purulenz vor Operationen eingesetzt. Da viele Betroffene vor großflächigen Exzisionen zurückschrecken ist sie auch bei schweren Fällen eine Option, die sich durchaus mit anderen medikamentösen Therapien verbinden lässt.
 

Wo sehen Sie Probleme bei der Behandlung der Akne inversa?

Viele Patienten sind unzufrieden mit der Behandlung, weil bei ihnen die falsche oder keine Diagnose gestellt wurde. Diese Erfahrung habe ich seit der Einführung meiner Spezialsprechstunde für Akne inversa gemacht. Es kommen Patienten zu mir, die seit Jahren unter wiederkehrenden Abszessen leiden, aber schon lange nicht mehr deswegen zum Arzt gingen, weil man ihnen ohnehin nur Salben verschrieben hätte, die wenig brachten. Sie hätten mit diversen Hausmittelchen versucht den Entzündungen Herr zu werden, um dann, wenn es nicht mehr auszuhalten war, zur Not­aufnahme zu fahren, wo der Abszess gespalten wurde. Das ist natürlich eine katastrophale und völlig unbefriedigende Situation. Umso wichtiger ist es, dass wir bereits in der niedergelassenen Praxis Hilfe anbieten können und dass diese chronisch kranken Patienten unter regelmäßiger ärztlicher Kontrolle sind.
 

Welche Erfahrungen haben Sie noch mit der Spezialsprechstunde gemacht?

Am Anfang war ich – wie viele meiner Kollegen – skeptisch, ob es überhaupt ausreichend Nachfrage geben würde. Immerhin sehen wir meist nur vereinzelt Fälle von Akne inversa – dachte ich. Die Nachfrage war aber enorm hoch. Es kamen nicht nur die fortgeschrittenen Fälle, sondern eine ganze Menge Menschen, die immer wieder vereinzelt Abszesse hatten und bei denen man an der akut entzündlichen Stelle nicht sofort sieht, dass es sich um ein chronisches Problem handelt. Das heißt, hier wäre ich früher nicht unbedingt auf die Idee gekommen, zu fragen, ob denn zuvor auch schon Probleme mit Abszessen bestanden. Mittlerweile gehört das zu den ersten Fragen, die ich bei Abszesspatienten stelle. Die Scham, dies von sich aus zu erwähnen, scheint sehr hoch zu sein.

Ich merke, dass die Patienten, wenn sie regelmäßig betreut werden und wir einen individuellen Weg der Behandlung gefunden haben, ihre oft verloren gegangene Lebensfreude zurückgewinnen. Deshalb bin ich noch einen Schritt weiter gegangen und habe eine Plattform zum interdisziplinären digitalen Austausch zur Behandlung der Akne inversa ins Leben gerufen (ZaVAi, siehe Kasten oben). Fachübergreifend voneinander zu lernen und für diese Erkrankung und ihre Behandlungsmöglichkeiten zu sensibilisieren, ist Ziel des Zirkels.
 

Was raten Sie im Umgang mit Akne inversa-Patienten?

Die Betroffenen leiden psychisch oft stark unter der Erkrankung. Sie schämen sich aufgrund der Geruchsbildung des Eiters, ziehen sich aus dem Sozialleben zurück, haben ständig Schmerzen und sind – so würde ich schon sagen – deutlich gefährdeter für Depressionen. Ein verständnisvoller Umgang ist deshalb sehr wichtig. Auch sollte man mit einigen „Tipps“ sensibel umgehen. Auch wenn sich die Reduktion eines vielleicht vorhandenen Übergewichts langfristig durchaus positiv auf das Hautbild auswirken kann, reicht dies allein bei der Akne inversa nicht aus. Jemand, dem jede Bewegung Schmerzen verursacht, fällt Abnehmen extrem schwer. Wenn man aber eine Methode gefunden hat, die Symptome zu reduzieren, wollen viele Betroffene auch diese Baustellen angehen und sind offener für diese Ratschläge.

Vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Dr. Daniela Busse