Bewegung auf Rezept und Schrittzähler können motivieren

Wie kann man als Arzt „bewegungsscheuen“ Patienten mit kardiovaskulären Risiken oder Vorerkrankungen sportliche Betätigung nahebringen? Können „Sport auf Rezept“ und der Einsatz von tragbaren Devices wie Schrittzählern und Apps etwas bewirken?

Vielfältig positive Mechanismen

Die Mechanismen, über die Sport seine Wirkungen ausübt, sind komplex und vielfältig. Eine zentrale Rolle bei der ­Funktion des Endothels, der inneren Schicht, mit der Blutgefäße ausgekleidet sind, spielt die Bioverfügbarkeit von Stickstoffmonoxid (NO), so Prof. Wienbergen. Durch körperliches Training wird die NO-Verfügbarkeit gesteigert. Es kommt zusätzlich zu einer Reduktion freier Radikale, die ansonsten NO abbauen würden. Ein weiterer positiver Mechanismus von Sport bei Patienten mit koronarer Herzkrankheit ist die Verbesserung der Funktion von Kollateralen.
Mittlerweile ist es auch gelungen, ­direkte Effekte von Sport auf die Durchblutung des Herzmuskels nachzuweisen. Prof. Wienbergen: „Ein weiterer positiver Mechanismus von Sport bei Patienten mit koronarer Herzkrankheit ist die Verbesserung der Funktion von Kollateralen, also Umgehungen von eingeengten oder verschlossenen Herzkranzgefäßen. Das konnten im letzten Jahr Dr. Möbius-Winkler und Mitarbeiter in der EXCITE-Studie zeigen. Wir haben also eine Vielzahl von Daten, die uns zeigen, dass Sport positive Effekte bezüglich kardiovaskulärer Erkrankungen hat.“

„Viele Daten zeigen, dass Sport
positive Effekte bezüglich kardiovaskulärer
Erkrankungen hat.“

Prof. Dr. Harm Wienbergen

Wieviel ist „herzgesund“?

Damit stellt sich die Frage: Welcher und wie viel Sport wäre in Sachen Herzgesundheit zu empfehlen? Die Leitlinien empfehlen für gesunde Personen mindestens 150 Minuten pro Woche Training moderater Intensität oder 75 Minuten pro Woche Training hoher Intensität. Wichtig ist, dass die Dosis des Trainings individuell angepasst wird. Bei Patienten mit Vorerkrankungen müssen diese Berücksichtigung finden, und es sollte ein individuell abgestimmtes, ärztlich kontrolliertes Trainingsprogramm erstellt werden. Ob die Effekte von Sport in sehr hohen Intensitäten mit moderatem Training vergleichbar sind, ist unter kardiologischen Aspekten ein kontroverses Thema. Wienbergen: „Um der zunehmenden körperlichen Inaktivität in der Bevölkerung entgegen zu wirken, sind Methoden zur Motivation wichtig. Dazu gehört nicht zuletzt eine Optimierung der Kommunikation, wie zum Beispiel das Rezept für Bewegung. Auch der Einsatz von tragbaren Devices wie Schrittzählern und Apps sowie die Implementierung langfristiger Präventionsprogramme bewähren sich“.

Aktuelle Untersuchung zur Motivation

Aktuell wurde zu diesem Thema die IPP-Studie abgeschlossen (Intensives Präventions-Programm nach akutem Myokardinfarkt in Nordwest-Deutschland), die zeigte, dass ein langfristiges Präventionsprogramm mit Telemedizin/Schrittzählern und regelmäßigen Patientenfortbildungen die körperliche Aktivität von Herzpatienten im Vergleich zur Standardversorgung deutlich steigern kann.
„Durch wiederholte persönliche Schulungen und den Einsatz der Schrittzähler konnten die Patienten motiviert werden, deutlich aktiver zu sein als die Kontroll-Patienten,“ fasst Prof. Wienbergen die Ergebnisse zusammen. „Die Studie zeigt somit, dass die Möglichkeiten der Prävention von körperlicher Inaktivität in der Bevölkerung bei weitem nicht ausgeschöpft sind und weiter gesteigert werden sollten.“
Belardinelli R et al. Exercise training intervention after coronary angioplasty: the ETICA trial. J Am Coll Cardiol. 2001 Jun 1;37(7):1891-900.
Möbius-Winkler et al. Coronary Collateral Growth Induced by Physical Exercise: Results of the Impact of Intensive Exercise Training on Coronary Collateral Circulation in Patients With Stable Coronary Artery Disease (EXCITE) Trial. Circulation 2016; 133:1438-1448.

Wienbergen H et al. Intensive Long-Term Prevention Program vs. Usual Care After Myocardial Infarction – The IPP Study. Congress of the European Society of Cardiology 2017 – late breaking science P1315, V3951.

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Kardiologie