Hippotherapie vermindert Behinderung bei Multipler Sklerose

Eine wöchentliche Hippotherapie, die als Ergänzung zur gewohnten individuellen Standardtherapie eines Patienten durchgeführt wird, verbessert signifikant die Gleichgewichtsfähigkeit sowie die schnelle Ermüdbarkeit, Spastizität und Lebensqualität bei Patienten mit Mulitpler Sklerose (MS).

Der Nachweis eines positiven Effekts der Hippotherapie bei MS-Patienten konnte weltweit erstmals auf der höchsten Verlässlichkeitsstufe (Evidenz Stufe 1) erbracht werden. Die dazugehörige prospektive, randomisierte, einfachblinde, multizentrische vergleichende Studie ist im britischen Multiple Sclerosis Journal erschienen.1

Was ist Hippotherapie?Eine Hippotherapie ist eine Form der Krankengymnastik auf neurophysiologischer Basis. Dabei führt ein Pferdeführer das Pferd am Langzügel, die Physiotherapeutin gibt die entsprechenden Anweisungen und geht sichernd nebenher.

Das Pferd überträgt auf den Rumpf des aufrecht sitzenden Patienten etwa 90–110 dreidimensionale Schwingungsimpulse pro Minute, die fast identisch mit dem Bewegungsablauf des Gehens eines Erwachsenen sind.

Die Hippotherapie bietet Menschen mit neurologischen Bewegungsstörungen eine harmonische Fortbewegung im Raum in einem komplexen gangphysiologisch ablaufenden Bewegungsmuster. Die entstehenden Impulse ermöglichen das Training der Haltungs-, Gleichgewichts- und Stützreaktionen sowie eine Normalisierung der Muskelspannung.


Zwölf Wochen Hippotherapie

Insgesamt 70 Erwachsene mit langjähriger MS (57 Frauen, 13 Männer, Durchschnittsalter 51 Jahre, mit Spastizität der unteren Extremitäten und einem Expanded Disability Status Scale (EDSS)-Score zwischen 4,0 und 6,5 – Patienten mit einem EDSS von mehr als 5,0 können nicht mehr selbstständig ohne jegliche Hilfe gehen – wurden an fünf Studienzentren in Deutschland in die Studie eingeschlossen und randomisiert der Interventions- beziehungsweise der Kontrollgruppe zugeteilt. Die Patienten der Interventionsgruppe erhielten zwölf Wochen lang einmal wöchentlich eine Hippotherapie, wie sie in den Richtlinien für Hippotherapie des Deutschen Kuratoriums für Therapeutisches Reiten e. V. (DKThR) definiert wird, als Ergänzungstherapie zu ihrer jeweiligen Standardtherapie, die unverändert fortgeführt wurde. Die Patienten in der Kontrollgruppe führten ihre bisherige Therapie ohne Hippotherapie fort.


Alltagsrelevante Verbesserungen

Schon nach sechs Wochen konnten in der Hippotherapiegruppe im Vergleich mit der Kontrollgruppe deutlich stärkere Verbesserungen beobachtet werden, die für die Patienten alltagsrelevant waren. Das Ergebnis nach zwölf Wochen bestätigte diese Beobachtung: Das Gleichgewichtsgefühl, gemessen mit der Berg Balance Skala (BBS), verbesserte sich zwar in beiden Gruppen, jedoch signifikant mehr in der Hippotherapiegruppe (6,0 Punkte (95 % Konfidenzintervall KI: 4,2 – 7,8) im Vergleich zu 2,9 in der Kontrollgruppe (95 % KI: 1,5 – 4,4)). Der höchste Zugewinn in der BBS konnte in der Untergruppe mit einem EDSS-Score ≥ 5 (5,1; p = 0,001) festgestellt werden. Dabei handelte es sich um Patienten mit einer stärkeren Einschränkung der Gehfähigkeit.

Darüber hinaus wurde in der Interventionsgruppe ein wesentlich höherer positiver Effekt auf die Lebensqualität (Multiple Sclerosis Quality of Life-54, MSQoL-54) und andere MS-spezifische Symptome wie Fatigue (Fatique Severity Scale, FSS) und Spastizität (Numeric Rating Scale, NRS) beobachtet. Bezüglich Schmerzen (Visual Analogue Scale, VAS) wurde in beiden Gruppen kein Unterschied gefunden.


Vielseitiger Nutzen

Auch wenn die MS mit Arzneimitteln und anderen Therapieformen, zum Beispiel Physio­therapie, heute gut behandelt werden kann, haben viele Patienten das große Problem, dass ihre Symptome nicht gut unter Kontrolle sind und damit ihre Lebensqualität eingeschränkt ist. Hippotherapie als ergänzende Behandlung kann als Ein-Patient-ein-Pferd Physiotherapie-Behandlung mit und auf dem Pferd charakterisiert werden. Die primären Ziele der Hippotherapie sind die Regulierung des Muskeltonus (Reduktion der Spastizität) und der Atmung, die Kräftigung der Rumpfmuskulatur, die Verbesserung der Gleichgewichtskontrolle und der Koordination sowie des Gangs. Zudem fördert Hippotherapie die soziale Kommunikation im Alltag der Patienten und stärkt ihr Selbstbewusstsein.

Berichte zur Wirkung der Hippotherapie auf Symptome der MS gibt es seit den 1970er Jahren. Die Planung der aktuellen Studie zur Hippotherapie für Patienten mit Multipler Sklerose (MS-HIPPO) geht hauptsächlich auf die Ergebnisse zweier monozentrischer Pilotstudien zurück, die vom Zentrum für Therapeutisches Reiten Johannisberg e. V. schon in den Jahren 2007 und 2009 durchgeführt wurden.

Ergebnisse der MS-HIPPO Studie im DetailPrimärer Endpunkt: Veränderung des Wertes der BBS nach zwölf Wochen.
Sekundäre Endpunkte: Wirkungen auf Fatigue (FSS), Schmerzintensität (VAS), Lebensqualität (MSQoL-54) und Spastizität (NRS).

Gleichgewichtsgefühl

In der Interventionsgruppe (32 Patienten) veränderte sich die BBS vom Ausgangswert zu Woche 12 um 6,00 Punkte (95 % KI: 4,2 – 7,8) im Vergleich zu 2,9 in der Kontrollgruppe (95 % KI: 1,5 – 4,4) (38 Patienten). Die Hauptanalyse, die auch die unterschiedlichen BBS-Werte der Patienten zu Beginn der Studie berücksichtigt, ergab einen durchschnittlichen Unterschied der Veränderung der BBS von 2,33 (95 % KI: 0,03 – 4,63; p = 0,047) zugunsten der Interventionsgruppe gegenüber der Kontrollgruppe. Der höchste Zugewinn in der BBS konnte in der Untergruppe mit einem EDSS-Score ≥ 5 (5,1; p = 0,001) festgestellt werden. Dabei handelte es sich um Patienten mit einer stärkeren Einschränkung der Gehfähigkeit.

Fatigue und Spastizität

In der Interventionsgruppe verbesserten sich Fatigue und Spastizität vom Ausgangswert bis Woche 12 (FSS: -9,2 (SD: 10,3) / NRS: -1,7 (SD: 2,2)) während sie sich in der Kontroll­gruppe kaum veränderten (FSS: -0,9 (SD: 8,4) / NRS: -0,6 (SD: 1,8)). Fatigue und Spastizität verbesserten sich bei den Patienten in der Interventionsgruppe signifikant stärker im Vergleich zu den Patienten der Kontrollgruppe (FSS: -6,8 (95 % KI: -11,0 – -2,6; p = 0,002); NRS: -0,9 (95 % KI: -1,9 – -0,1; p = 0,031)).

Lebensqualität

Die 54 MSQoL-54 Elemente wurden in zwei Subskalen zusammengefasst: mental health- und physical health-Score. Nach zwölf Wochen zeigte sich in beiden Subskalen ein signifikanter Effekt zugunsten der Interventionsgruppe. Die Verbesserung in der Interventionsgruppe betrug bezogen auf die Kontrollgruppe auf der physical health-Skala 12,0 (95 % KI: 6,2 – 17,7; p<0,001) und auf der mental health-Skala 14,4 (95 % KI: 7,5 – 21,3; p < 0,001).

BBS: Berg Balance Skala; EDSS: Expanded Disability Status Scale; FSS: Fatique Severity Scale; KI: Konfidenzintervall; MSQoL-54: Multiple Sclerosis Quality of Life-54; NRS: Numeric Rating Scale; SD: standard deviation; VAS: Visual Analogue Scale


Bald Kostenübernahme?

Bislang wurde die Kostenübernahme für die Hippotherapie vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) mit Hinweis auf die nicht bewiesene Wirksamkeit abgelehnt. Mit den vorliegenden Daten wird eine Neubewertung angestrebt, die zu einer Kostenübernahme führen sollte.


Beteiligte

Die Studie MS-HIPPO wurde vom Zentrum für Therapeutisches Reiten Johannisberg e.V. initiiert und von der Willi Drache Stiftung finanziert (beide mit Sitz in Windhagen). Die Studie wurde an fünf Standorten (in Frankfurt-Kalbach, Windhagen, Bad Mergentheim, Essen und Nützen bei Hamburg) durchgeführt und in enger Zusammenarbeit mit der DRK Kamillus Klinik Asbach/Westerwald sowie zwei renommierten Instituten des Zentrums für Klinische Studien (ZKS) der Medizinischen Fakultät der Universität zu Köln erstellt.

Willi Drache Stiftung

Die Willi Drache Stiftung wurde 2006 als Treuhandstiftung gegründet und ist seit dem 1. Januar 2015 als rechtsfähige öffentliche Stiftung des bürgerlichen Rechts anerkannt. Die Stiftung fördert Wissenschaft und Forschung, aktuell mit dem Schwerpunkt auf wissenschaftlichen Studien, die der Anerkennung der medizinischen, pädagogischen und psychologischen Wirkungsweisen des Therapeutischen Reitens dienen.

Zentrum für Therapeutisches Reiten Johannisberg e.V.

Der gemeinnützige Verein Zentrum für Therapeutisches Reiten Johannisberg e.V. bietet seit Oktober 2004 Hippo­therapie, Heilpädagogische Förderung mit dem Pferd und Integratives Voltigieren. Aktuell stehen 100 Therapieplätze für Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit verschiedenen Handicaps zur Verfügung. Die Reit­anlage in Windhagen-Johannisberg ist behindertengerecht ausgestattet und steht ausschließlich für das Therapeutische Reiten zur Verfügung. Das Zentrum für Therapeutisches Reiten Johannisberg e.V. ist eine anerkannte Einrichtung des Deutschen Kuratoriums für Therapeu­tisches Reiten.

Deutsches Kuratorium für Therapeutisches Reiten (DKThR)

Das Deutsche Kuratorium für Thera­peutisches Reiten e.V. ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung des Therapeutischen Reitens. Der bundesweit agierende Fachverband wurde 1970 gegründet. Er ist dabei der älteste seiner Art weltweit. Seit über 45 Jahren ist das DKThR die zentrale Anlaufstelle für alle Fragen zum Therapeutischen Reiten und hat heute seinen Sitz in Warendorf.

Für welche Patienten ist Hippotherapie geeignet?

Grundsätzlich ist die Therapie für Kinder, Jugendliche und Erwachsene geeignet. Reiterliche Vorkenntnisse sind dabei nicht erforderlich. Die klassische Indikation für die Hippotherapie sind neurologische Bewegungsstörungen wie sie bei Multipler Sklerose, Zustand nach Schädelhirntrauma, nach Schlaganfall oder infantiler Zerebralparese auftreten. Von der Symptomatik ausgehend sind dies hypertone Symptome (Spastik, Rigor, Dystonie), hypotone Symptome (reduzierter Tonus bis zur Atonie, Dystonie), Hyperkinesen/Diskinesen (Athetosen, Tremor, Ballismus, Myoklonie, choreatische Bewegungsstörung), Ataxien (Asynergie, Dysmetrie, Hyper/ Hypometrie), Hypokinesen (Akinese, Bradykinese).

Wie verordne ich eine Hippotherapie?

Nach Prüfung und Ausschluss der Kontraindikationen kann dem Patienten eine Hippotherapie verordnet werden. Als absolute Kontraindikationen sind folgende Erkrankungen anzusehen: akute entzündliche Prozesse, akuter Bandscheibenvorfall, extreme Allergien (Tierhaar, Staub, Heu), Hüftarthrodese, Thrombosen, Thrombophlebitiden, arterielle Hypertonie mit Neigung zur hypertensiven Krise, Angina pectoris, ausgeprägte Arteriosklerose, Spondylodesen (der operativ winkelstabil versorgte Querschnitt stellt hier die Ausnahme dar, da hier meist mono-segmental stabilisiert wird), keine Kopfkontrolle, medikamentös unzureichend eingestellte Epilepsien mit großen Anfällen bei erwachsenen Patienten.

Wo finde ich Informationen und Angebote in der Nähe?

Der führende Fachverband das Deutsche Kuratorium für Therapeutisches Reiten e.V. (DKThR) ist die zentrale Anlaufstelle für alle Fragen zum Therapeutischen Reiten. Es führt eine nach Postleitzahl sortierte Liste von Fachkräften und Einrichtungen.

 

1Vermöhlen V et al. Hippotherapy for patients with multiple sclerosis: A multicenter randomized controlled trial (MS-HIPPO). Mult Scler. 2017 Aug 1:1352458517721354. doi: 10.1177/1352458517721354. [Epub ahead of print]

Quelle: Zentrum für Therapeutisches Reiten Johannisberg e.V./Deutsches Kuratorium für Therapeutisches Reiten e.V.