Volkskrankheit Venenleiden – Versorgungsnotstand wird verschärft

Etwa 30 % der erwachsenen Bevölkerung sind von einem behandlungsbedürftigen Venenleiden betroffen. Schon jetzt gibt es zu wenige Gefäßmediziner. Diese Situation könnte sich bald noch weiter verschärfen, da auf dem Deutschen Ärztetag im Mai über die Zukunft oder den Wegfall der Zusatzweiterbildung Phlebologie entschieden werden soll.

Herr Schmidt ist 82 Jahre alt und hat eine chronische Wunde am Bein. Häufigste Ursache derartiger Wunden ist ein Gefäßleiden, meist ein Venenleiden. Dank der Spezialisierung seines Hausarztes im Bereich der Venenleiden (Phlebologie) hat er von Anfang an einen guten Ansprechpartner gefunden. Er erhielt eine sorgfältige Gefäßdiagnostik und eine leitliniengerechte Versorgung der Wunde. Nach etwa drei Monaten war die offene Stelle wieder abgeheilt. 

Versorgung  von Patienten mit venösen Geschwüren ist oft unzureichend

Leider hat nicht jeder Patient mit einem venösen Geschwür (Ulcus cruris venosum) das Glück, wie Herr Schmidt, an einen entsprechenden Spezialisten zu geraten. Wie Studien zeigen, ist die Versorgung von Patienten mit chronischen Wunden als schwerster Form eines Venenleidens, in Deutschland weiterhin unzureichend. Viele Patienten leiden über Monate oder gar Jahre an der offenen Stelle. Nur etwa 50% der Patienten erhalten die für die Abheilung und Rezidivvorbeugung zwingend notwendige Kompressionstherapie. Weitere Maßnahmen wie Diagnostik und interventionelle oder operative Therapien werden noch seltener adäquat umgesetzt.

Venenleiden bereits in einem frühen Stadium diagnostizieren und behandeln

Dabei handelt es sich bei einem Venenleiden um eine Volkskrankheit – etwa 30% der erwachsenen Bevölkerung sind von einem behandlungsbedürftigen Venenleiden betroffen. Bei fortschreitender Erkrankung resultieren Folgeschäden an Haut und Gewebe bis hin zum offenen Bein, Einschränkungen der Lebensqualität, Arbeitsausfälle und enorme Kosten für das Gesundheitssystem. Ziel sollte es daher sein, das Venenleiden bereits in einem frühen Stadium zu diagnostizieren und zu behandeln. Schon jetzt müssen Patienten lange Wartezeiten und Anfahrtswege in Kauf nehmen, wenn sie die Hilfe eines Gefäßspezialisten in Anspruch nehmen möchten. Es gibt einfach zu wenige Fachärzte für die schnell wachsende Zahl von Gefäßerkrankungen.

Diese Situation könnte sich bald noch weiter verschärfen, da die Delegierten der Landesärztekammern mit überwältigender Mehrheit dafür gestimmt haben, die Spezialisierung (Zusatzweiterbildung) Phlebologie abzuschaffen. Der Vorstand der Bundesärztekammer hat diesem Vorschlag am vergangenen Freitag zugestimmt. Eine finale Entscheidung über die Zukunft oder den Wegfall der Zusatzweiterbildung Phlebologie wird es auf dem Deutschen Ärztetag im Mai 2018 geben.

Patienten mit Krampfadern, Thrombosen, offenen Beinen oder Lymphödemen bleiben auf der Strecke

Die Deutsche Gesellschaft für Phlebologie, die Deutsche Gesellschaft für Gefäßchirurgie und die Deutsche Gesellschaft für Dermatologie protestieren heftig gegen diese Abschaffung und sehen die Versorgung der Patienten gefährdet. Patienten mit Krampfadern, Thrombosen, offenen Beinen oder Lymphödemen bleiben auf der Strecke, finden keinen Spezialisten mehr, der eine qualifizierte Ausbildung vorweisen kann. Damit stellt sich die Bundesärztekammer eindeutig gegen die Marschrichtung von Politik und Krankenkassen. Eigentlich sollte die medizinische Versorgung der Bevölkerung durch eine Qualitätsoffensive verbessert werden.

Zahl der zur Verfügung stehenden spezialisierten Fachärzte wird reduziert

Das wesentliche Argument für die Abschaffung der Zusatzweiterbildung lautet: Die Inhalte seien bereits in den Weiterbildungsordnungen für die Fächer Dermatologie und Gefäßchirurgie erfasst. Der Phlebologe sei damit überflüssig. Unbeachtet dabei bleibt allerdings, dass die Spezialisierung bisher nicht nur von diesen beiden Fachrichtungen erfolgen konnte, sondern es auch Ärzte aus der Inneren Medizin und Allgemeinmedizin gab und gibt, die diese Spezialisierung erworben haben. Bei einem entsprechenden Wegfall würde somit die Zahl der zur Verfügung stehenden spezialisierten Kollegen, v.a. in der hausärztlichen Versorgung (Innere Medizin & Allgemeinmedizin), die ja zumeist den ersten Ansprechpartner für den Patienten darstellen, reduziert.

Argumente für den Erhalt der Zusatzbezeichnung Phlebologie sind:

  • Die Zusatzbezeichnung Phlebologie umfasst die Vorbeugung, Erkennung, Behandlung und Rehabilitation der Erkrankungen und Fehlbildungen des Venensystems einschließlich der thrombotischen Erkrankungen. Umfassende Kenntnisse in diesem Fachbereich werden in keiner Facharztweiterbildung vollständig vermittelt. Die Zusatzbezeichnung Phlebologie ist daher tatsächlich ein „Zusatz“ und nicht in bereits vorhandenen Facharztweiterbildungen enthalten. Thrombose, Erkrankungen des Endstrombereichs, Lymphödem, Duplexsonographie, Funktionsmessungen, Sklerosierungstherapie, Therapie der chronischen Wunden, Kompressionstherapie, operative Therapie von Venenerkrankungen sind zwar jeweils einzeln in Facharztweiterbildungen erwähnt, nicht jedoch in der erforderlichen Gesamtheit und Quantität enthalten.
  • Versorgungssituation: ca. 25 % der Bevölkerung von Venenleiden betroffen. Allein von einem behandlungsbedürftigen Krampfaderleiden ist jede 5. Frau und jeder 6. Mann betroffen. Hinzu kommen Menschen mit Thrombosen und postthrombotischen Syndromen. Phlebologische Erkrankungen sind mit etwa 25% Betroffener innerhalb der Bevölkerung eine echte Volkskrankheit, die häufiger ist als andere Volkskrankheiten. Für eine effektive und zielgerichtete Versorgung ist sowohl für die Patienten als auch für nicht spezialisierte, überweisende Ärztinnen und Ärzte die ausweisbare Bezeichnung „Phlebologie“ unverzichtbar für die rasche Orientierung über die erforderliche Kompetenz im Bereich der Venenleiden.
  • Listung des Phlebologen im ESCO Register der EU: Voraussichtlich ab Januar 2018 wird die Berufsbezeichnung „Phlebologist“ offiziell im ESCO Berufsregister der EU gelistet. Dies vollzieht im Grunde den Stand in Deutschland nach.
  • Aktuell neu eingeführt: Europäischer Ausbildungskatalog Phlebologie beim UEMS (Union Européenne des Médecins Spécialistes) Council Meeting in Brüssel im Oktober 2017 wurde das multidisziplinäre European Training Requirement (ETR) Phlebology ohne Gegenstimmen verabschiedet. Es wird als Supraspezialisation verstanden. Damit wird nun auch europaweit die bislang in Deutschland gültige Weiterbildungspraxis nachvollzogen, vgl. auch:

https://www.uems.eu/__data/assets/pdf_file/0003/52518/UEMS-2017.33-European-Training-Requirements-Phlebology.pdf
https://www.uems.eu/__data/assets/pdf_file/0018/52515/4.2.6-Appendix-1_Logbook_Basic-Competencies_Phlebology.pdf

Eine Abschaffung der Zusatzbezeichnung Phlebologie in Deutschland zu einem Zeitpunkt, wo eben diese Weiterbildung in Europa gerade neu eingeführt wird, erscheint nicht als sinnvoll.

Quelle:  Deutsche Gesellschaft für Phlebologie (24.4.2018)

www.phlebology.de