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Dossier Biofaktoren

Welche Rolle ein Nährstoffmangel bei der Prävention und Therapie von Volkskrankheiten spielt, welche Biofaktoren in welchem Alter besonders wichtig sind und wie Arzneimittel zu Biofaktor-Räubern werden können, erfahren Sie im Dossier „Biofaktoren“.

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Foto Prof. Dr. med. Klaus Kisters

Unser Experte Herr Prof. Dr. med. Klaus Kisters, Professor an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, stellvertretender Leiter des Dialysezentrums Herne und stellvertretender Vorsitzender der Gesellschaft für Biofaktoren e. V. (GfB) beantwortet gerne Ihre Fragen.

Schreiben Sie eine E-Mail an: info(at)wpv.de

Migräne

Update Migräneprophylaxe 2026: Magnesium, Vitamin B12 und Vitamin D im Praxisalltag

Welche Möglichkeiten gibt es neben der klassischen medikamentösen Behandlung zur Migräneprophylaxe? Hier rücken zunehmend Biofaktoren wie Magnesium, Vitamin B12 und Vitamin D in den Fokus. Das vorliegende Update 2026 zeigt, wie die drei Mikronährstoffe gezielt und leitliniengerecht eingesetzt werden können.


04.03.2026
D. Birkelbach
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Laut dem Robert Koch-Institut berichteten im Jahr 2020 rund 58 % der Frauen und etwa 44 % der Männer in Deutschland, innerhalb eines Jahres mindestens einmal von Kopfschmerzen betroffen zu sein. Fast 15 % der Frauen und 6 % der Männer erfüllen die Kriterien für eine diagnostizierte Migräne.1 Auch international zeigt sich ein ähnliches Bild: Schätzungsweise 14 % der Weltbevölkerung leidet unter Migräne, wobei Frauen wiederum häufiger betroffen sind als Männer. Diese Zahlen stammen aus großen bevölkerungsbasierten Datensätzen und systematischen Analysen wie der Global Burden of Disease-Studie und bieten damit eine solide Basis, um das Ausmaß der Erkrankung einzuordnen.2

Was empfiehlt die aktuelle Leitlinie?3

Die S1-Leitlinie zur Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) und der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) ordnet Magnesium in einer Dosierung von 600 mg täglich als mögliche prophylaktische Option ein, betont aber die begrenzte Evidenzlage.

Die Vitamine D und B12 werden nicht als eigenständige Standardprophylaxe empfohlen, was laut DGN und DMKG der noch begrenzteren Datenlage entspricht. Dennoch zeigen bereits einige Studien, dass niedrige Spiegel der beiden Vitamine bei Migräne häufiger auftreten und eine Supplementierung – insbesondere bei dokumentiertem Mangel – die Migränehäufigkeit senken könnte. 

Welche Biofaktoren helfen bei Migräne?

Migräne ist ein komplexes neurovaskuläres Krankheitsbild. Genetische Faktoren, neuronale Übererregbarkeit, mitochon­driale Mechanismen und entzündliche Prozesse spielen eine Rolle. Doch was können Biofaktoren in diesem Zusammenhang bewirken? Bestimmte Vitamine und Mineralstoffe greifen auf mehreren Ebenen ein: Sie modulieren die neuronale Erregbarkeit, unterstützen den mitochondrialen Energiestoffwechsel und beeinflussen entzündliche Prozesse. So können sie auf zentrale pathophysiologische Mechanismen einwirken, die mit der Migräne assoziiert sind.4,5

Laut aktueller Studienlage zeigen insbesondere die folgenden Biofaktoren einen potenziellen Nutzen und können in Prävention und Behandlung der Migräne berücksichtigt werden – auch jenseits der Leitlinienempfehlungen.

1. Magnesium6–11

Nach wie vor werden verschiedene Theorien zur Pathogenese der Migräne diskutiert, darunter die vaskuläre Hypothese, die Übererregbarkeitshypothese und die Hypothese der neurogenen Entzündung. Migräne entsteht durch ein Zusammenspiel aus neuronaler Übererregbarkeit, vaskulären Veränderungen, kortikaler Depression, Entzündungsprozessen und Dysregulation von Neurotransmittern. Physiologisch spielt Magnesium bei diesen Prozessen eine zentrale Rolle: Es stabilisiert das neuronale Membranpotenzial, moduliert NMDA-Rezeptoren und wirkt dämpfend auf übererregte Nervenzellen. Ein Magnesiummangel erhöht die Anfallsbereitschaft, während eine ausreichende Versorgung die neuronale Erregbarkeit senkt und entzündliche Prozesse moduliert. Dadurch treten Migräneattacken seltener und weniger intensiv auf.

In der Praxis bedeutet das: Bei nachgewiesenem Magnesiummangel oder häufigen Migräneepisoden kann eine gezielte Supplementierung die Therapie ergänzen. Gleichzeitig überzeugt Magnesium durch sehr gute Verträglichkeit und überschaubare Kosten.

2. Vitamin B1212–14

Vitamin B12 übernimmt im Nervensystem zentrale Funktionen, die auch für die Pathophysiologie der Migräne relevant sind. Hervorzuheben ist die Rolle des Biofaktors im Homocystein-Stoffwechsel: Gemeinsam mit Folsäure und Vitamin B6 wirkt Vitamin B12 als Cofaktor bei der Remethylierung von Homocystein zu Methionin. Umgekehrt kann ein Vitamin-B12-Mangel zu erhöhten Homocystein­spiegeln führen. Die Folgen sind endo­theliale Dysfunktion, oxidativer Stress und gesteigerte neuronale Erregbarkeit. Genau diese Mechanismen werden auch im Zusammenhang mit Migräne diskutiert. Erhöhte Homocysteinwerte sind zudem mit Gefäßveränderungen und einer verstärkten Freisetzung von Stickstoffmonoxid verbunden, wodurch trigeminovaskuläre Schmerzbahnen und neuroinflammatorische Prozesse aktiviert werden.

Darüber hinaus ist der Biofaktor essenziell für die neuronale Funktion und Myelinbildung und beeinflusst zahlreiche neuronale Signalwege.

Was bedeutet das für die Praxis? Auch wenn Vitamin B12 in den aktuellen Leitlinien nicht als eigenständige Prophylaxe- bzw. Therapieoption erwähnt wird, kann eine gezielte Supplementierung bei dokumentiertem Mangel einen relevanten Beitrag zur Reduktion von Migräneepisoden leisten – besonders aufgrund der guten Verträglichkeit und geringen Kosten.

3. Vitamin D15

Vitamin D spielt im Nervensystem eine wichtige Rolle bei der Kontrolle von Entzündungen. Es kann die Produktion bestimmter Zytokine und die Aktivität von Stickstoffmonoxid-Synthase regulieren – Prozesse, die bei Migräne relevant sind. Zudem beeinflusst Vitamin D Signalwege wie den CGRP-Weg, der als zentraler Mechanismus für Schmerzattacken gilt. Eine ausreichende Vitamin-D-Versorgung kann die neuronale Überempfindlichkeit reduzieren und so sowohl die Häufigkeit als auch die Intensität von Migräneattacken senken.

Wie bei Vitamin B12 zeigt sich auch hier: Trotz fehlender Leitlinienempfehlung kann der Ausgleich eines dokumentierten Vitamin-D-Mangels klinisch von Nutzen sein.

Praxisrelevanz einschätzen

Wie lässt sich das Wissen um den Nutzen der hier genannten Biofaktoren bei Migräne konkret in der Praxis nutzen? Während klassische Prophylaktika und Therapeutika bei Migräne die erste Wahl bleiben, können Magnesium, Vitamin B12 und Vitamin D gezielt ergänzend eingesetzt werden – zum Beispiel, wenn klassische Arzneimittel nicht ausreichend wirken oder nicht verwendet werden können. Eine Supplementierung von acht bis zwölf Wochen ist meist erforderlich, um spürbare Effekte zu erzielen. Die gute Verträglichkeit und das niedrige Nebenwirkungsprofil sprechen zusätzlich für den Einsatz dieser Biofaktoren.

Aktuelle Evidenz: Wie sieht die Studienlage aus?

Bei Magnesium ist der Nutzen einer Supplementierung gut belegt. Eine in­travenöse Magnesiumtherapie kann die Schmerzsymptomatik bei Migräneanfällen signifikant reduzieren – in manchen Fällen um mehr als 30 %.16 Die orale Magnesiumsupplementierung erwies sich ebenfalls als vielversprechend. Beispielsweise zeigte eine zwölfwöchige Gabe von 600 mg Magnesium – in Kombination mit Riboflavin und Coenzym Q10 – eine Reduktion der Migränetage und eine signifikante Reduktion der Kopfschmerzintensität.17 Auch Daten anderer Studien bestätigten die positiven Effekte von Magnesium: Der Biofaktor kann im Vergleich zu Placebo Migränetage und -attacken reduzieren.18,19

Migränepatienten weisen im Vergleich zu gesunden Kontrollpersonen häufiger niedrigere Vitamin-B12-Spiegel auf. Zudem korreliert ein Vitamin-B12-Mangel mit einer erhöhten Anfallsfrequenz.20,21 In Interventionsstudien zeigt Vitamin B12 – mitunter in Kombination mit weiteren B-Vitaminen – vielversprechende Effekte. Beispielsweise konnte eine zwölfwöchige Supplementierung die Anzahl der Migräneepisoden signifikant reduzieren und zu einer geringeren Einnahme von Akutmedikamenten führen.22

Auch ein Vitamin-D-Mangel tritt bei Migränepatienten oft auf, und ein gezielter Ausgleich kann die Häufigkeit der Anfälle reduzieren.23 So zeigte eine Metaanalyse, dass der Vitamin-D-Status bei Personen mit Migräne signifikant niedriger war als bei gesunden Kontrollpersonen und dass eine orale Supplementierung im Vergleich zu Placebo mit einer Reduktion der Migränehäufigkeit einhergeht.24 Weitere Studien bestätigen, dass die Korrektur eines Vitamin-D-Mangels einen therapeutischen Nutzen bei Migräne bieten kann.25,26

Dr. Daniela Birkelbach

[1] www.rki.de/EN/News/Publications/Journal-of-Health-Monitoring/GBEDownloadsJ/JoHM_S6_2020_Migraine_tension_type_headache.html

[2] GBD 2023 Headache Collaborators: Global, regional, and national burden of headache disorders, 1990-2023: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2023. Lancet Neurol 2025 Dec; 24(12): 1005-1015

[3] Diener HC et al.: Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne, S1-Leitlinie, 2025, DGN und DMKG, in: Deutsche Gesellschaft für Neurologie (Hrsg.), Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie

[4] Nattagh-Eshtivani E et al.: The role of nutrients in the pathogenesis and treatment of migraine headaches: Review. Biomed Pharmacother 2018 Jun; 102: 317-325

[5] Fila M et al.: Nutrients to Improve Mitochondrial Function to Reduce Brain Energy Deficit and Oxidative Stress in Migraine.  Nutrients 2021 Dec; 13(12): 4433

[6] Domitzr I et al.: Magnesium as an Important Factor in the Pathogenesis and Treatment of Migraine - From Theory to Practice. Nutrients 2022 Mar 5; 14(5): 1089

[7] Maier J et al.: Headaches and Magnesium: Mechanisms, Bioavailability, Therapeutic Efficacy and Potential Advantage of Magnesium Pidolate. Nutrients 2020 Aug 31; 12(9): 2660 

[8] Shin H-J et al.: Magnesium and Pain. Nutrients 2020 Jul 23; 12(8): 2184

[9] Mauskop A, Varughese J: Why all migraine patients should be treated with magnesium. J Neural Transm (Vienna) 2012 May; 119(5): 575-579

[10] Dolati S et al.: The Role of Magnesium in Pathophysiology and Migraine Treatment. Biol Trace Elem Res 2020 Aug; 196(2): 375-383

[11] Classen HG et al.: Pharmacology of orally administered Magnesium salts with special reference to acid-base status. In: Rayssiguier Y, Mazur A, Durlach J (Hrsg.): Advances in Magnesium Research: Nutrition and Health. John Libbey & Company, 2001; 459-463

[12] Liampas IN et al.: Pyridoxine, folate and cobalamin for migraine: A systematic review. Acta Neurol Scand 2020 Aug; 142(2): 108-120

[13] Liampas IN et al.: Serum Homocysteine, Pyridoxine, Folate, and Vitamin B12 Levels in Migraine: Systematic Review and Meta-Analysis. Headache 2020 Sep; 60(8): 1508-1534 

[14] Reynolds E: Vitamin B12, folic acid, and the nervous system. Lancet Neurol 2006 Nov; 5(11): 949-960

[15] Ghorbani Z et al.: The effects of vitamin D supplementation on interictal serum levels of calcitonin gene-related peptide (CGRP) in episodic migraine patients: post hoc analysis of a randomized double-blind placebo-controlled trial. J Headache Pain 2020 Feb 24; 21(1): 22

[16] Xu F et al: Experiences of an outpatient infusion center with intravenous magnesium therapy for status migrainosus. Clin Neurol Neurosurg 2019 Mar; 178: 31-35

[17] Gaul C et al.: Improvement of migraine symptoms with a proprietary supplement containing riboflavin, magnesium and Q10: a randomized, placebo-controlled, double-blind, multicenter trial. J Headache Pain 2015; 16: 516

[18] Luckner A von et al.: Magnesium in Migraine Prophylaxis - Is There an Evidence-Based Rationale? A Systematic Review. Headache 2018 Feb; 58(2): 199-209 

[19] Talandashti MK et al.: Effects of selected dietary supplements on migraine prophylaxis: A systematic review and dose-response meta-analysis of randomized controlled trials. Neurol Sci 2025 Feb; 46(2): 651-670

[20] Özek SÜ: A study on the correlation between pain frequency and severity and vitamin B12 levels in episodic and chronic migraine. Arq Neuropsiquiatr 2022 Aug 8; 80(6): 586-592

[21] Togha M et al.: Serum Vitamin B12 and Methylmalonic Acid Status in Migraineurs: A Case-Control Study. Headache 2019 Oct; 59(9): 1492-1503

[22] Nematgorgani S et al.: B vitamins and their combination could reduce migraine headaches: A randomized double-blind controlled trial. Curr J Neurol 2022 Apr 4; 21(2): 105-118

[23] Liampas E et al.: Vitamin D serum levels in patients with migraine: A meta-analysis. Rev Neurol (Paris) 2020 Sep; 176(7-8): 560-570

[24] Saibal D et al.: Effects of Vitamin D on Migraine: A Meta-Analysis. Neurology India 2023 Jul-Aug; 71(4): 655-661

[25] Zhang YF et al.: The Efficacy of Vitamin D Supplementation for Migraine: A Meta-Analysis of Randomized Controlled Studies. Clin Neuropharmacol 2021 Jan-Feb; 44(1): 5-8

[26] Hu C et al.: Vitamin D supplementation for the treatment of migraine: A meta-analysis of randomized controlled studies. Am J Emerg Med 2021 Dec; 50: 784-788

Autorin
Biologin Dr. Daniela Birkelbach

Dr. Daniela Birkelbach

Gesellschaft für Bio­faktoren e. V.

daniela.birkelbach@gf-biofaktoren.de

www.gf-biofaktoren.de


Dossier Biofaktoren

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