Diagnose Biofaktorenmangel

Die Beurteilung der Versorgung mit essentiellen Biofaktoren wie Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen im Rahmen einer umfassenden Patientenbetreuung ist nach Ansicht des Mediziners Prof. Klaus Kisters unverzichtbar, da zahlreiche Beschwerden und Erkrankungen mit einem Biofaktorenmangel verknüpft sein können. Prof. Kisters geht im Interview mit dem „ der niedergelassene arzt“ darauf ein, welche Methoden sich in der täglichen Praxis zum Nachweis eines Biofaktorendefizits bewährt haben.

 

Prof. Kisters, können Sie unseren Lesern zum Einstieg in das Thema einige allgemeine Informationen zur Diagnostik eines Biofaktorenmangels geben?

Kisters: Um bei einem Patienten ein Biofaktorendefizit nachweisen zu können, empfiehlt sich eine Kombination aus ­Anamnese, Bewertung der klinischen Symptome und Labordiagnostik. Denken wir beispielsweise an Beschwerden wie Schlafstörungen, chronische Erschöpfung oder eine geschwächte Immunabwehr. Viele solcher unspezifischen Symptome können nicht einfach einem einzelnen Vitamin oder Mineralstoff bzw. deren Mangel zugeordnet werden. Auch bei Erkrankungen – nehmen wir zum Beispiel Hypertonie, Typ-2-Diabetes oder Osteoporose – kommt neben anderen zu diagnostizierenden Ursachen in der Regel ein Mangel mehrerer Biofaktoren in Frage. Bei Hypertonikern sollte der behandelnde Arzt neben Magnesium und Kalium auch an Vitamin D3 denken. Diabetiker können ein Defizit an Magnesium, Zink und Chrom sowie den Vitaminen B1 und B12 entwickeln. Dass es bei Osteoporose-Patienten nicht allein auf den Calciumstatus ankommt, sondern gleichermaßen die Versorgung mit Magnesium und Vitamin D3 zu berücksichtigen ist, ist ein weiteres eingängiges Beispiel aus der täglichen Praxis. Sie sehen also bereits an diesen wenigen Krankheitsbildern, wie wichtig eine fundierte Diagnostik ist und dass diese – wie eingangs erwähnt – optimalerweise aus den drei Säulen Anamnese, Mangelsymptomatik und Labordiagnostik bestehen sollte.

Am besten konzentrieren wir uns im Folgenden auf einzelne Biofaktoren, damit das von Ihnen erwähnte Prinzip aus Anamnese, Mangelsymptomatik und Labor für unsere Leser greifbar wird. Nehmen wir beispielsweiseVitamin D3.

Kisters: Vitamin D3 halte ich für ein gutes Beispiel, wie eine regelhafte Labordiagnostik den Verdacht auf einen Mangel untermauern kann.

Mittlerweile ist ja wissenschaftlich dokumentiert, dass ein Vitamin-D3-Defizit nicht nur in Zusammenhang mit der Entwicklung einer Osteoporose steht, sondern mit diversen anderen Krankheiten gerade im fortgeschrittenen Lebensalter. Hierzu zählen kardiovaskuläre Erkrankungen, Krebserkrankungen, neurodegenerative Krankheiten wie Morbus Alzheimer oder Morbus Parkinson sowie autoimmune und entzündliche Krankheiten. Zudem konnte aktuell auch ein Nutzen in der Behandlung von SARS-CoV-2 nachgewiesen werden, auch wenn meiner Ansicht nach für eine generelle Supplementierungsempfehlung weitere klinische Studien nötig sind.

Anhand von Anamnese und klinischer Symptomatik kann der Arzt aus diesem Wissen heraus den Verdacht auf einen Vitamin-D3-Mangel äußern. Dabei kann eine Art Risiko-Check helfen: Alter, Ernährung, Aufenthalt im Freien, Adipositas, Medikamenteneinnahme. Der Verdacht kann anschließend durch eine Blutuntersuchung bestätigt werden. Eine regelhafte Labordiagnostik bei Verdacht auf Vitamin-D3-Mangel sollte daher zur täglichen Routine gehören. Die Versorgung gilt nach Ansicht der US-Gesundheitsorganisation Institute of Medicine IOM als gesichert, wenn die Serumkonzentration der Vor­stufe des aktiven Vitamin D3, das 25(OH)D bzw. Calcidiol, über 50 nmol/l liegt.

Übrigens halte ich die Vitamin-D3-­Labordiagnostik auch zur Supplementierungskontrolle und zum Nachweis einer Hypervitaminose für sinnvoll. Calcidiol-­Serumwerte über 125 nmol/l können zur Hyperkalzämie und erhöhtem Risiko für Nierensteine oder Herzrhythmusstörungen führen. Gerade bei Vitamin D3 kursieren ja mitunter Dosierungsempfehlungen von mehreren zehntausend Internationalen Einheiten pro Woche. Von diesen sehr hohen Dosen raten wir als Gesellschaft für Biofaktoren ab und empfehlen alternativ eine Tagesdosis von 800 bis 1.000 IE Vitamin D3. Bei anhaltendem Mangel, Adipositas oder Patienten mit Resorptionsstörungen können mitunter Tagesdosen bis zu 4.000 IE zur Zielwerterreichung über 50 nmol/l des Calcidiols nötig sein.

Reicht es bei Biofaktoren wie Eisen oder Vitamin B12 ebenfalls aus, bei Verdacht auf einen Mangel allein den Serumwert bestimmen zu lassen?

Kisters: Bei Eisen empfiehlt sich, neben dem Serumeisen – das nahrungsabhängig ist und stündlichen Schwankungen sowie einem zirkadianen Rhythmus unterliegt – Hämoglobin, Serum-Ferritin, Transferrinsättigung und CRP zu messen. Die Erythrozyten-Indizes geben Hinweise auf Ursachen einer Anämie, während Parameter einer erweiterten Eisendiagnostik der lösliche Transferrinrezeptor und das Retikulozyten-Hämoglobin-Äquivalent sind.

Auch bei Vitamin B12 ist die Labordia­gnostik etwas aufwändiger. Serumwerte von Gesamt-Vitamin-B12 zwischen 200 und 1.000 ng/l definieren den Normbereich. Allerdings empfiehlt sich bei Werten zwischen 200 und 400 ng/l die Messung des sensitiveren und in frühen Stadien eines Mangels treffsichereren Holotranscobalamin (Holo­TC). Holo-TC-Serumwerte, die den Status des tatsächlich aktiven Vitamin B12 wiedergeben, unter 35 pmol/l beweisen einen Vitamin-B12-Mangel. Bei Werten zwischen 36 und 55 pmol/l sollten zur Absicherung zusätzlich die intrazellulären Metabolite Methylmalonsäure (MMA) und Homo­cystein gemessen werden. Sind zusätzlich zu niedrigem Holo-TC die MMA- (> 300 nmol/l bzw. > 0,4 µmol/l) und Homocysteinspiegel erhöht (> 10 µmol/l), liegt intrazellulär ein manifester Vitamin-B12-Mangel vor.

Prof. Kisters, können Sie uns noch weitere Beispiele nennen, um die Aussagekraft der Labordiagnostik zu bewerten?

Kisters: Gerne, am besten nehme ich mal einen Biofaktor, bei dem die Labordiagnostik weniger eindeutige Ergebnisse liefert, das Magnesium.

Dafür muss ich kurz auf die Physiologie eingehen. Bekanntermaßen befinden sich etwa 95 % des Magnesiumbestandes intrazellulär, nur 5 % extrazellulär und weniger als 1 % im Serum und der interstitiellen Flüssigkeit. Die gesamte Magnesiumkonzentration im Serum beträgt ca. 0,8 bis 1,1 mmol/l, die freie Magnesiumionenkonzentration liegt bei etwa 0,5 mmol/l und deren Referenzbereich wird je nach Labor mit 0,46 bis 0,6 mmol/l angegeben.

Unter physiologischen Bedingungen wird die freie extrazelluläre Magnesium­konzentration durch Anpassung von Resorption und Ausscheidung mit den Speichern im Skelett in engem Bereich konstant gehalten. Oder vereinfacht: Im Magnesium­mangel wird der Biofaktor aus Knochen oder Muskelzellen freigesetzt, um den Magnesiumserumspiegel konstant zu halten.

Durch diese physiologischen Zusammenhänge ist die Labordiagnostik eines Magnesiummangels erschwert, da ja trotz Serumwerten im Normbereich intrazellulär ein Magnesiummangel vorliegen kann. Erst wenn dort der Magnesiumspeicher erschöpft ist, sinkt die Serummagnesiumkonzentration. Das bedeutet, dass eine Hypomagnesiämie auf einen massiven Magnesiummangel deutet, aber auch durch zuvor erfolgte Freisetzung von Magnesium aus dem Intrazellulärraum maskiert werden kann.

Das heißt, eine Blutuntersuchung bei Verdacht auf Magnesiummangel macht überhaupt keinen Sinn?

Kisters: „Kein Sinn“ halte ich für übertrieben ausgedrückt, die Einschränkungen in der Magnesiumdiagnostik sollten dem Arzt jedoch geläufig sein. Nach wie vor wird standardmäßig als Mindest-Zielgröße für Magnesium 0,8 mmol/ im Serum, besser 0,85 mmol/l angestrebt. Für aussagekräftiger halte ich allerdings die Messung von ionisiertem Magnesium, dem eigentlich aktiven Magnesium. Das ionisierte Magnesium ist bereits erniedrigt, wenn die Serumspiegel noch im Normbereich sind. Die Messung des ionisierten Magnesiums im Serum misst die physiologisch aktive Fraktion von Magnesium, nämlich jene Fraktion, auf die Gewebe reagiert. Ionisiertes Magnesium gilt daher als empfindlicherer Indikator für das auf zellulärer Ebene tatsächlich verfügbare Magnesium.

Allerdings ist die Probennahme komplex, weshalb die Messung des ionisierten Serummagnesiums standardmäßig noch nicht zur Verfügung steht. Daher empfiehlt die GfB, gerade bei dem Biofaktor ­Magnesium – vergleichbares gilt übrigens für Zink – explizit auf Anamnese und Mangelsymptomatik zu achten.

Erlauben Sie eine letzte Frage, Prof. Kisters. Wie sieht es mit der Erstattungsfähigkeit der Labordiagnostik bei Biofaktoren aus?

Kisters: Kosten für eine Biofaktoren-­Blutanalyse werden in der Regel nicht von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet – es sei denn, es liegt eine Indikation oder ein Verdacht auf einen Mangel vor, was jeweils im Ermessen des Arztes liegt.

Und: Wie an den Beispielen von Magnesium und Zink erklärt, lässt sich ein Mangel essentieller Biofaktoren nicht immer zuverlässig durch eine Blutuntersuchung nachweisen. Weniger wissenschaftlich, aber für den Patienten entscheidend, ist es daher auch aus Sicht der GfB, ob sich nach Supplementation verdächtiger Biofaktoren die klinische Symptomatik bessert. So kann rückwirkend auf einen zuvor bestandenen Mangel geschlossen werden.

Sich Basiswissen im Bereich Biofaktorenmangel anzueignen – ich denke hier besonders an Mangelsymptome, Risikogruppen, Arzneimittelwechselwirkungen oder Erkrankungen als mögliche Auslöser – kann ich daher uns Therapeuten für die tägliche Praxis nur empfehlen.

Herzlichen Dank für das Interview, Prof. Kisters.


► Die Gesellschaft für Biofaktoren e. V. ist ein gemeinnütziger Verein, der das Ziel verfolgt, die wissenschaftlichen Grundlagen der Therapie und Prophylaxe mit Biofaktoren zu fördern.  Weitere Informationen finden Sie unter: www.gf-biofaktoren.de

Prof. Dr. med. Klaus Kisters, Chefarzt am St. Anna Hospital
Herne und stellvertretender Vorsitzender der ­Gesellschaft für Biofaktoren e.V. (GfB).

Dr. Daniela Birkelbach
Gesellschaft für Biofaktoren e. V.
daniela.birkelbach(at)gf-biofaktoren(dot)de
www.gf-biofaktoren.de