Diabetische ­Folgeerkrankungen – Die Bedeutung essentieller Biofaktoren

Diabetikerinnen und Diabetiker und Betroffene mit diabetischen Folgeerkrankungen, wie diabetische Neuropathie oder Herzerkrankungen, können neben der Basistherapie aus optimierter Stoffwechseleinstellung und verbesserter Lebensweise von der Versorgung mit Biofaktoren wie Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen profitieren – so das Statement der Gesellschaft für Biofaktoren (GfB) anlässlich des Weltdiabetestages am 14. November 2021.

Patientinnen und Patienten mit Typ-2-Diabetes haben durch ihre Stoffwechselerkrankung einen erhöhten Bedarf an essentiellen Biofaktoren, wodurch sie häufiger als Gesunde in einen Mangel geraten.1 Auch die Entwicklung diabetischer Begleit- und Folgeerkrankungen kann mit einem Biofaktorendefizit verknüpft sein. Neben der Hyperglykämie und weiteren Faktoren, wie oxidativem Stress, Entzündungen sowie Veränderungen der Mikrozirkulation2 und den Risikofaktoren metabolisches Syndrom, Rauchen und Alkoholkonsum, gelten ein Vitamin-B1- und Vitamin-B12-Mangel beispielsweise als Ursachen für die Entwicklung einer diabetischen Neuropathie.3

Risiko für Vitamin-B12-Defizit

Bleibt ein Vitamin-B12-Mangel unbehandelt, können langfristig eine megaloblastäre Anämie und teils irreversible neurologische Schäden wie Hinterstrangschädigungen des Rückenmarkes, Polyneuropathien oder Hirnleitungsstörungen die Folge sein. Bei Typ-2-Diabetikerinnen und -diabetikern erhöht sich zudem die Inzidenz der kardiovaskulären autonomen Neuropathie, einem Risikofaktor der kardiovaskulären Morbidität und Mortalität.4 Als psychia­trische Symptome sind Vergesslichkeit, Konzentrationsmangel und Depressionen möglich.5,6

 

Diabetes mellitus und diabetische Folgeerkrankungen: Auch an andere Biofaktoren denken.

Biofaktor

Wirkung/Indikation bei Typ-2-Diabetes

Vitamin B1

 
  • Vitamin-B1-Mangel kann das Risiko für die Entwicklung einer peripheren Neuropathie mit Empfindungsstörungen v. a. in den Füßen sowie neuropathischen Schmerzen und anderer mikrovaskulärer Komplikationen erhöhen.
  • Das lipidlösliche Vitamin-B1-Derivat Benfotiamin ist 5-mal höher bioverfügbar als wasserlösliche Thiaminsalze.7,8
  • Benfotiamin kann zur Verbesserung von Nervenleitgeschwindigkeit, klinischer Symptomatik und Neuropathy Symptom Scores führen.9,10
 

Magnesium

 
  • Magnesiummangel kann Insulinresistenz fördern.11
  • Korrelation zwischen Magnesiumzufuhr und vermindertem Risiko für Typ-2-­Diabetes nachgewiesen.12
  • Magnesiumzufuhr dient der Prävention diabetischer Folgeerkrankungen.13
 

Zink

 
  • Zink ist an Produktion, Speicherung und Ausschüttung von Insulin beteiligt.14,15
  • Im Zinkmangel kann Glukose nicht richtig verwertet werden.16
  • Im Zinkmangel steigt das Risiko für diabetische Folgeerkrankungen wie Wundheilungsstörungen beim diabetischen Fuß.17,18
 

Chrom

 
  • Chrom kann die Insulinsensitivität steigern, so dass der Glukosespiegel sinkt.19
  • 200 µg Chrom/Tag können die Glucoseeinstellung so stabilisieren, dass weniger Antidiabetika benötigt werden.20
 


Alpha-Liponsäure bei distaler symmetrischer Polyneuropathie

Zahlreiche Diabetikerinnen und Diabetiker entwickeln eine distale symmetrische Polyneuropathie (DSPN) mit Missempfindungen an Beinen und Füßen, Ameisenlaufen, Brennen und Taubheitsgefühlen. Die Erkrankung wirkt sich negativ auf die Lebensqualität aus und gilt als Risikofaktor für eine erhöhte kardiovaskuläre Erkrankungshäufigkeit und Mortalität.21

Als Ursachen für die DSPN gelten Entzündungen und oxidativer Stress. Bei diabetischer Stoffwechsellage ist nicht nur die Blutglukose erhöht, sondern auch der Zuckergehalt in den Nervenzellen. Das stört den regulären Glukoseabbau, und es kommt zu oxidativem Stress durch Anstieg reaktiver Sauerstoff-Radikale. Diese aktivieren Stoffwechselprozesse, die zur Entwicklung diabetischer Komplikationen beitragen. Auch kommt es zu Entzündungen und Gewebeschädigungen, die die Nerven beeinträchtigen. Zudem sind Blutgefäße von Oxidationsprozessen betroffen, wodurch die Blutversorgung in den Nerven herabgesetzt ist. Alle Prozesse können die motorischen und sensiblen Nerven zerstören. Das Vitaminoid Alpha-­Liponsäure (ALA) greift in die Pathogenese der oxidativ bedingten Nervenschädigungen ein.22 ALA stellt die Blutspiegel des zellschützenden Glutathions wieder her, erhöht die antioxidative Kapazität in den Geweben, reduziert Entzündungsparameter im Blutplasma und wirkt in der Nervenzelle als Cofaktor für Enzyme, die wiederum einen geregelten Glukoseabbau bewirken.27 Aufgrund dieser Prozesse kann sich die Situation in den geschädigten Nerven bessern, indem der Blutfluss im Inneren der Nerven erhöht, die Nervenleitgeschwindigkeit verbessert und die sensorische Schmerzwahrnehmung positiv beeinflusst wird.23

Bei diabetischer Neuropathie wird eine Kombinationstherapie aus intravenöser und oraler Darreichung empfohlen: Initial eine tägliche Infusion mit 600 mg ALA über zwei bis vier Wochen und anschließend langfristig täglich 600 mg ALA oral.

Diabetische (Folge-)Erkrankungen: Biofaktorenmangel vermeiden

Neben medikamentöser Therapie und optimierter Lebensweise sollte in der Behandlung des Diabetes und seiner Folge­erkrankungen das Augenmerk auf dem Nutzen ausgewählter Biofaktoren liegen. Der zielgerichtete Ausgleich von Mangelzuständen kann den Krankheitsverlauf des Diabetes und die Entwicklung von Folgeerkrankungen positiv beeinflussen.

 

Literatur

1 Kaur B et al.: Micronutrient status in type 2 diabetes: a review. Adv Food Nutr Res 2014; 71: 55-100
2 Bönhof GJ et al.: Emerging biomarkers, tools, and treatments for diabetic polyneuropathy. Endocrine Review 2018. DOI: 10.1210/er.2018-00107
3 Ziegler D et al.: Praxisempfehlungen der Deutschen Diabetes Gesellschaft. Thieme Verlag Stuttgart, 2020, 15. Jahrgang
4 Hansen C et al.: Vitamin B12 deficiency is associated with cardiovascular autonomic neuropathy in patients with type 2 diabetes. J Diabetes Complications 2017, 31: 202-208
5 Köbe T et al.: Vitamin B12 concentration, memory performance and hippocampal structure in patients with mild cognitive impairment. Am J Clin Nutr 2016 Apr, 103(4): 1045-1054
6 Tiemeier H et al.: Vitamin B12, folate and homocysteine in depression: the Rotterdam Study. Am J Psychiatry 2002, 159: 2009-2101
7 Schreeb KH et al.: Comparative bioavailability of two vitamin B1 preparations: benfotiamine and thiamine mononitrate. Eur J Clin Pharmacol 1997, 52(4): 319-320
8 Loew D: Pharmacokinetics of thiamine derivatives especially of benfotiamine. Int J Clin Pharm Ther 1996, 34(2): 47-50
9 Stirban A: Therapie der diabetischen Neuropathie. 27. Kongress der Föderation der Internationalen Donau-Symposia über Diabetes mellitus. Diabetes-Congress-Report 2013, 2: 4-10
11 Raj V et al.: Therapeutic potential of benfotiamine and its molecular targets. Eur Rev Med Pharmacol Sci 2018, 22: 3261-3273
12 Gröber U, Schmidt J, Kisters K: Magnesium in prevention and therapy. Nutrients 2015, 7(9): 8199-8226
13 Veronese N et al.: Magnesium and health outcomes: an umbrella review of systematic reviews and meta-analyses of observational and intervention studies. Eur J Nutr 2019. DOI:10.1007/s0039 4-019-01905
14 Kisters K, Classen HG et al.: Magnesiumhaushalt und -therapie bei Hypertonie. Empfehlungen der Gesellschaft für Magnesium-Forschung e.V. Nieren- und Hochdruckkrankheiten 2020, 49(5): 245-251
15 Classen HG et al.: Zink. Das unterschätzte Element. MMP 2020, 4(43): 149-157
16 Jansen J et al.: Zinc and diabetes — clinical links and molecular mechanisms. J Nutr Biochem 2009, 20: 399-417
17 Wang W et al.: Zinc supplementation improves glycemic control for diabetes prevention and management: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Am J Clin Nutr 2019, 00: 1-15
18 Momen-Heravi M et al.: The effects of zinc supplementation on wound healing and metabolic status in patients with diabetic foot ulcer: A randomized, double-blind, placebo-controlled trial. Wound Rep Reg 2017, 25: 512-520
19 Wang S et al.: Zinc prevents the development of diabetic cardiomyopathy in db/db Mice. Int J Mol Sci. 2017 Mar 7, 18(3). pii: E580. doi: 10.3390/ijms18030580
20 Cefalu WT et al.: Role of chromium in human health and in diabetes. Diabetes Care, 2004, 27(11): 2741ff
21 Balk EM et al.:Effect of chromium supplementation on glucose metabolism and lipids. Diabetes Care 2007, 30(8): 2154 ff
22 Ziegler et al.: Painful and painless neuropathies are distinct and largely undiagnosed entities in subjects participating in an educational initiative. Diabetes Research and Clinical Practise 2018, 139: 147-154
23 Han T et al.: A systematic review and meta-analysis of α-lipoic acid in the treatment of diabetic peripheral neuropathy. Eur J Endocrinol 2012, 167(4): 465-471
24 Agathos E et al.: Effect of alpha-lipoic acid on symptoms and quality life in patients with painful diabetic neuropathy. J Intern Med Research 2018, 46(5): 1779-1790

Dr. Daniela Birkelbach
Gesellschaft für Bio­faktoren e. V. 
daniela.birkelbach@gf-biofaktoren.de