Nährstoffmangel bei diabetischer Neuropathie

Jeder dritte Diabetiker entwickelt im Lauf der Erkrankung eine diabetische Neuropathie mit zum Teil schweren neuropathischen Schmerzen. Neben Hypertonie, Hyperlipidämie, Nikotin- und Alkoholkonsum sowie oxidativem Stress, Entzündungsreaktionen und Störungen der Mikrozirkulation zählt ein Mangel an den Nährstoffen Vitamin B1 und B12 als Risiko für die Entwicklung der Neuropathie.

Advanced Glycation Endproducts (AGEs) verursachen Schäden an Nerven und Blutgefäßen und spielen eine zentrale Rolle im Krankheitsgeschehen.1 Da insbesondere die distalen Nerven empfindlich auf diese schädigenden Prozesse reagieren, macht sich eine diabetische Neuropathie in der Regel zuerst an Zehen und Füßen, manchmal Fingern und Händen bemerkbar.2

Neben optimaler Blutzuckereinstellung, ausreichender Bewegung und Verzicht auf nervenschädigende Risikofaktoren gilt eine gute Versorgung mit dem Biofaktor Vitamin B1 (Thiamin) als Möglichkeit, in die Entstehung der diabetischen Neuropathie einzugreifen. Der wirksame Metabolit von Thiamin – Thiamindiphosphat – wird in den Zielzellen, z. B. den peripheren Nervenzellen gebildet und dient als Coenzym im Kohlenhydratstoffwechsel. Vor allem über die Beeinflussung der Transketolase wird die AGE-Produktion gehemmt und das Ausmaß der Nervenschäden reduziert.

Bei Hyperglykämie steigt daher der Vitamin-B1-Bedarf im Vergleich zu gesunden Personen, zudem kommt es bei Diabetikern krankheitsbedingt zu 3- bis 4-fach erhöhten renalen Vitamin-B1-Verlusten. In Studien konnte gezeigt werden, dass der Thiamin-Blutplasmaspiegel bei Diabetikern um durchschnittlich 75 % niedriger ist als bei Nicht-Diabetikern.3 Praxisrelevant ist allerdings, dass die Blutspiegel nicht immer eine zuverlässige Aussage ermöglichen und sich die Diagnostik eines Vitamin-B1-Mangels als schwierig erweisen kann. Daher empfiehlt sich aufgrund der guten Verträglichkeit eine Supplementierung mit dem Biofaktor, deren Erfolg klinisch verifiziert wird.

Vitamin-B12 -Defizit kann zu Neuropathie führen

„Auch ein unerkannter Mangel an dem Biofaktor Vitamin B12 kann ernsthafte neurologische Erkrankungen nach sich ziehen“, warnt Prof. Reiners, Neurologe und Mitglied des wissenschaftlichen Beirates der Gesellschaft für Biofaktoren (GfB). Der Vitamin-B12-Mangel wird meist durch Metformin verursacht, das bei Langzeiteinnahme die Resorption des Biofaktors stört.4
Die Gefahr für einen Vitamin-B12-Mangel bei Diabetikern unter Metformin ist dreifach erhöht im Vergleich zu Nicht-Diabetikern5,6, und doppelt so hoch im Vergleich zu Diabetikern ohne Metformin.7 Der häufige Einsatz von Säureblockern führt ebenfalls zu verminderter Vitamin-B12-­Resorption.8

Neben der hyperchromen Anämie, zerebralen9,10 und kognitiven Dysfunktionen11 zeigt sich neurologisch ein Vitamin-B12-Mangel in der funikulären Myelose. Symptomatisch treten Leitungsstörungen der Nervenbahnen im Hinterstrangsystem und der Pyramidenseitenbahnen des Rückenmarkes auf, aber auch in den peripheren sensiblen Nervenfasern mit der Entwicklung einer Neuropathie.12
 

Labordiagnostik schützt Mangel-Diagnose:13• Gesamt-Vitamin-B12-Serumspiegel: Normbereich 200–1.000 ng/l

• Serumspiegel < 200 ng/l: Vitamin-B12-Mangel bestätigt

• Serumspiegel 200–400 ng/l: Holotranscobalamin (Holo-TC) messen

• Holo-TC-Serumspiegel < 35 pmol/l: Vitamin-B12-Mangel bestätigt

• Holo-TC-Serumspiegel 36–55 pmol/l: Methylmalonsäure (MMA) und/oder
Homocystein messen

• MMA-Serumspiegel > 300 nmol/l bzw. > 0,4 µmol/l und Homocystein-Serum­spiegel > 10 µmol/: Vitamin-B12-Mangel bestätigt

MMA-Serumspiegel können auch bei eingeschränkter Nierenfunktion erhöht sein; zudem kann ein Mangel an Folsäure und Vitamin B6 zur Hyperhomo­cysteinämie führen. „Bleibt der Vitamin-B12-Status unklar, ist aufgrund der guten Verträglichkeit eine Supplementierung ratsam, deren Erfolg klinisch und anhand der Laborparameter verifiziert werden kann“, so Prof. Reiners.

 

Diabetische Neuropathie? Vitamine B1 und B12 supplementieren

Zum Ausgleich eines Vitamin-B1-Mangels und zur Therapie der diabetischen Neuropathie steht mit der lipidlöslichen Vitamin-B1-Vorstufe Benfotiamin eine gegenüber den Thiamin-Salzen 5-mal besser bioverfügbare Substanz für die Supplementierung zur Verfügung.14,15 Um eine Neuropathie in Folge eines Vitamin-B1-Mangels auf oralem Weg zu behandeln, wird daher in der Regel Benfotiamin eingesetzt, das in Studien auch zur Linderung neuropathischer Symptome wie Missempfindungen, Taubheitsgefühle und Schmerzen in den Füßen führte.16,17
Der Ausgleich des Vitamin-B12-Mangels – in Tagesdosen von 1.000–2.000 µg – ist durch die Möglichkeit einer gut verträg­lichen, hochdosierten oralen Darreichungsform erleichtert worden.18,19,20


► Die Gesellschaft für Biofaktoren e. V. ist ein gemeinnütziger Verein, der das Ziel verfolgt, die wissenschaftlichen Grundlagen der Therapie und Prophylaxe mit Biofaktoren zu fördern. Weitere Informationen finden Sie unter: www.gf-biofaktoren.de 
 

Literatur

1 Stirban A et al.: Vascular effects of advanced glycation endproducts: Clinical effects and molecular mechanisms. Molecular Metabolism 2014, 3: 94-108
2 Reiners K, Haslbeck M: Sensomotorische diabetische Neuropathien. Diabetologe 2006, 2: 92-103
3 Thornalley PJ et al.: High prevalence of low plasma thiamine concentration in diabetes linked to a marker of vascular disease. Diabetologia 2007 Oct, 50(10): 2164-2170
4 Chapman et al.: Association between metformin and vitamin B12 deficiency in patients with type 2 diabetes: A systematic review and meta-analysis. Diabetes metab 2016 Apr 26. DOI: 10.1016/j.diabet.2016.03.008
5 De Groot-Kamphuis DM et al.: Vitamin B12 deficiency and the lack of its consequences in type 2 diabetes patients using metformin. Neth J Med 2013 Sep, 71(7): 386-390
6 Damião CP et al.: Prevalence of vitamin B12 deficiency in type 2 diabetic patients using metformin: a cross-sectional study. Sao Paulo Med J 2016 Nov-Dec, 134(6): 473-479
7 Yang W et al.: Associations between metformin use and vitamin B12 level, anemia and neuropathy in patients with diabetes: a meta-analysis. J Diabetes 2019 Sep, 11(9): 729-743
8 Lam JR et al.: Proton pump inhibitor and histamine 2 receptor antagonist use and vitamin B12 deficiency. JAMA 2013 Dec, 310(22): 2435-2442
9 Chen H et al.: Associations between Alzheimer's disease and blood homocysteine, vitamin B12 and folate: a case-control study. Curr Alzheimer Res 2015, 12(1): 88-94
10 Djukic M et al.: Frequency of dementia syndromes with a potentially treatable cause in geriatric in-patients: analysis of a 1-year interval. Eur Arch Psychiatry Clin Neurosci 2015 Aug, 265(5): 429-438
11 Köbe T et al.: Vitamin B12 concentration, memory performance and hippocampal structure in patients with mild cognitive impairment. Am J Clin Nutr 2016 Apr, 103(4): 1045-1054
12 Wolffenbuttel BHR et al.: The Many Faces of Cobalamin (Vitamin B12) Deficiency. Mayo Clin Proc Inn Qual Out 2019, 3(2): 200-214
13 Reiners K: Vitaminkrankheiten. In: Hoffmann GF, Grau AJ (Hrsg): Stoffwechselerkrankungen in der Neurologie. Stuttgart: Thieme, 2004, 163-176
14 Schreeb KH et al.: Comparative bioavailability of two vitamin B1 preparations: benfotiamine and thiamine mononitrate. Eur J Clin Pharmacol 1997, 52(4): 319-320
15 Loew D: Pharmacokinetics of thiamine derivatives especially of benfotiamine. Int J Clin Pharm Ther 1996, 34(2): 47-50
16 Stirban A: Therapie der diabetischen Neuropathie. 27. Kongress der Föderation der Internationalen Donau-Symposia über Diabetes mellitus. Diabetes-Congress-Report 2013, 2: 4-10
17 Woelk H et al.: Benfotiamine in treatment of alcoholic polyneuropathy: an 8-week randomized controlled study (BAP I Study). Alcohol Alcohol, 1998, 33(6): 631-638
18 Andrès et al.: Systematic review and pragmatic clinical approach to oral and nasal vitamin B12 (Cobalamin) treatment in patients with vitamin B12 deficiency related to gastrointestinal disorders. J Clin Med 2018, 7 (304)
19 Bolaman Z et al.: Oral versus intramuscular cobalamin treatment in megaloblastic anemia: A single-center, prospective, randomized, open-label study. Clinical Therapeutics 2003, 25(12): 3124-3134
20 Vidal-Alaball JV et al.: Oral vitamin B12 versus intramuscular vitamin B12 for vitamin B12 deficiency. Cochrane Database. Syst Rev 2005 Jul, 20(3). CD004655. DOI: 10.1002/14651858.CD004655.pub2.

Dr. Daniela Birkelbach
Gesellschaft für Biofaktoren e. V.
E-Mail: daniela.birkelbach(at)gf-biofaktoren(dot)de
www.gf-biofaktoren.de