Challenge-Studien im Kampf gegen COVID-19?!

Der Kampf gegen COVID-19 dauert an. Nun fordern Experten die Anwendung von sogenannten Challenge-Studien als Alternative zur Impfstoff-Forschung. In diesen Challenge-Studien werden Personen kontrolliert mit Krankheitserregern infiziert, um so beispielsweise die Infektionsdynamik und den Krankheitsverlauf besser erforschen zu können. Weiterhin kann so die Wirksamkeit von potenziellen Impfstoffkandidaten schneller untersucht werden.

Challenge-Studien werden bereits seit Jahrhunderten durchgeführt. Viele frühere Versuche widersprechen jedoch derzeitigen ethischen Standards. 2017 veröffentlichten Tübinger Forscher Ergebnisse zu einem Malaria-Impfstoff, der mithilfe einer Challenge-Studie untersucht wurde: Dabei erhielten Probanden erst verschiedene Dosen eines potenziellen Impfstoffs und ein Medikament zur Malaria-Prophylaxe. Anschließend wurde der lebensfähige, nicht abgeschwächte Malaria-Erreger injiziert, um den erhofften Impfschutz zu überprüfen.1

 

WHO Beraterteam veröffentlicht Entwurf zur möglichen Challenge-Studie zu COVID-19

Ein solches Verfahren ist auch für die Erforschung des COVID-19 Erregers SARS-CoV-2 denkbar, wenn es nach einer Beratergruppe der WHO geht. Diese veröffentlichte Mitte Juni einen ersten Entwurf.2 Demnach sollten an der Studie vorerst nur junge, nicht vorerkrankte Menschen teilnehmen. Die ersten Stadien sollten in HochsicherheitsIsolationsbereichen unter Quarantänebedingungen durchgeführt werden. Probanden könnten die Teilnahme an der Studie jederzeit beenden, in den vorgeschriebenen Zeiträumen aber nicht die Isolation beziehungsweise Quarantäne beenden.

Challenge-Studien – ethisch vertretbar?

Ein Teil der Beratergruppe weist jedoch darauf hin, dass die Ergebnisse sich nicht unbedingt von jungen, gesunden Probandenpopulationen auf ältere, multimorbide Menschen übertragen lassen. Außerdem gibt die Tatsache, dass es noch keine wirksame Therapie gegen COVID-19 gibt, ethische Bedenken auf. Mitglieder der Arbeitsgruppe zu Medikamenten und Impfstoffen des nationalen Gesundheitsinstituts NIH (ACTIV) argumentieren Anfang Juli, dass die Entwicklung robuster, kontrollierter menschlicher Infektionsmodelle ein bis zwei Jahre dauern könne – inklusive der Entwicklung eines Vorrats möglicherweise abgeschwächter Formen von SARS-CoV-2. Vor der Durchführung einer Impfstoff-Studie müsse eine Dosierungs-Strategie entwickelt werden, die eine vorhersagbare Infizierung mit minimaler Krankheitsschwere verursacht. Herkömmliche große, randomisierte und kontrollierte Studien in natürlicher Umgebung könnten allerdings schneller und effektiver sein. Eine Option sei die Entwicklung von Challenge-Studien parallel zu herkömmlichen Studien, wobei diese stets ethisch vertretbar sein und strengen Regularien sowie Sicherheitsstandards unterliegen müssen. Das wichtigste sei jedoch ein wirksamer Arzneistoff gegen die Krankheit.

1 Mordmüller B et al. 2017. Sterile protection against human malaria by chemoattenuated PfSPZ vaccine. Nature; 542, 445-449. DOI: 10.1038/nature21060.
2 World Health Organization (15.06.2020): Feasibility, potential value and limitations of establishing a closely monitored challenge model of experimental COVID-19 infection and illness in healthy young adult volunteers.

irp