CME: Atemwegsinfekte und Erkältungskrankheiten

Jahr für Jahr leiden wir in der kalten Jahreszeit unter Atemwegsinfekten. Der Leidensdruck ist groß und der Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit nicht zu unterschätzen. Das Wissen in der Bevölkerung rund um die Vermeidung und Therapie der Erkältung ist geprägt von Mythen und Missverständnissen. In diesem Fortbildungsmodul sollen einige dieser Irrtümer aufgegriffen und erläutert werden.

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Gemeinhin werden Faktoren wie Zugluft, kalte Füße oder sogenannte feuchte Witterung als Ursache von Erkältungen ausgemacht. Tatsächlich handelt es sich allerdings regelhaft um Virusinfekte, die den bekannten infektiologischen Pathomechanismen unterliegen.

Atemwegsinfekte werden durch ein Ungleichgewicht zwischen Krankheitserregern (in der Regel Viren) und Abwehrleistung des Immunsystems hervorgerufen. Einerseits ist dies durch eine vermehrte Keimbelastung mit unterschiedlichen Erregern, die in der Erkältungssaison regelhaft auftritt, zu erklären.1

Andererseits kann eine Abwehrschwäche der Atemwege die Ursache sein. Diese wird durch Austrocknung der Schleimhäute beim Atem von kalter, trockener Luft begünstigt, auch Stress und eine veränderte Schleimhautdurchblutung im Rahmen der Temperaturregulation werden als Einflussfaktoren diskutiert. Die Symptome der Erkältung werden durch Entzündungsreaktion – also die Abwehrleistung des Immunsystems –  im Nasenrachenraum (Nasopharyngitis) und den tiefen Atemwegen (Tracheobronchitis) hervorgerufen.

Es kommt dabei zunächst zur Adhäsion der Erreger an der Schleimhautzelle. Dies ist Voraussetzung für eine Infektion. Die Erreger dringen dann in die Wirtszelle ein und vermehren sich dort. Es entsteht ein Erregerreservoir im Bereich der oberen Atemwege. Anschließend kommt es zur Ausbreitung der Erreger in benachbarte und tiefer gelegene Bereiche. Tiefes Eindringen korreliert dabei mit der Symptomdauer. Im Rahmen der Immunabwehr werden infizierte Schleimhautzellen durch das angeborene Immunsystem, insbesondere durch natürliche Killerzellen, abgetötet. Die hierdurch entstehenden Schleimhautdefekte verursachen viele der Symptome bei Erkältungskrankheiten.2

Grippaler Infekt und echte Grippe

Die Unterscheidung zwischen der echten Grippe, also der durch Influenza Typ A oder B Viren verursachten Erkrankung und der gemeinhin als grippalen Infekt wahrgenommenen Infektion durch Erkältungsviren ist von Bedeutung. Typische Symptome der Erkältung (virale Bronchitis und/oder Rhinitis) sind Rhinorrhoe, Halsschmerzen und Husten. Der Krankheitsbeginn ist langsam, meist können die Betroffenen den Verlauf von milden Anfangssymptomen („Kratzen im Hals“, Schluckbeschwerden, Fließschnupfen) bis hin zur vollen Ausprägung der Beschwerden über mehrere Tage schildern.

Demgegenüber ist der Erkrankungsbeginn der echten Influenza akut. Schweres Krankheitsgefühl, Fieber sowie Kopf- und Gliederschmerzen sind kennzeichnend für das Krankheitsbild. Trockener Husten und Halsschmerzen können auftreten, putrider Auswurf oder eine Rhinorrhoe sind untypisch. Auch junge Betroffene sind aufgrund der ausgeprägten Symptome bettlägerig. Patienten mit vorbestehenden chronischen Erkrankungen wie COPD müssen nicht selten stationär behandelt werden. So akut die echte Grippe beginnt, so schnell bessert sich das Befinden auch wieder. Die durchschnittliche Krankheitsdauer beträgt 5 bis 7 Tage, also nur etwa halb so lange wie bei der sogenannten Erkältung.


Wichtig ist, dass die echte Grippe für chronisch Kranke eine vitale Bedrohung darstellen kann. Aus diesem Grund wird die jährliche Grippeschutzimpfung bestimmten Risikogruppen empfohlen.


Kann man die Ansteckung vermeiden?

Erkältungskrankheiten werden als Schmierinfektion über die Hände oder durch Husten oder Niesen über die Luft übertragen. Für Influenza-Viren wurde eine Übertragung allein durch die Atemluft nachgewiesen.3 Erkältungskrankheiten werden als Schmierinfektion über die Hände oder durch Husten oder Niesen über die Luft übertragen. Bei der aerogenen Übertragung entstehen zunächst Tröpfchen, die aufgrund der Schwerkraft mit einer Reichweite von etwa 1,5 Metern auf dem Boden landen. Allerdings führt z.B. Verdunstung dazu, dass aus den Tröpfchen kleinere Tropfenkerne werden, die eine längere Strecke durch die Luft zurücklegen und auch noch eine Weile als Aerosol in der Luft schweben. Man geht von etwa 10 Metern Reichweite dieses Aerosols aus.

Ein wirksamer Schutz vor Ansteckung für noch nicht Erkrankte hängt deshalb vor allem vom Verhalten derjenigen ab, die bereits an einem Atemwegsinfekt leiden. Zum Schutz der Umgebung sollte beim Husten der Arm so vor den Mund gehalten werden, dass in die Ellenbeuge gehustet wird. Dabei bleiben die Hände sauber und Tropfen werden durch den Ärmel aufgefangen.

Optimal ist die in asiatischen Ländern bereits zum Alltag gehörende Variante: Wer Husten hat, trägt einen Mundschutz. So werden die Tropfen direkt nach dem Verlassen des Mundes aufgehalten und können sich nicht in der Umgebung ausbreiten. In unserer Kultur ist das noch unüblich. Ein einfacher, sogenannter chirurgischer Mundschutz hat tatsächlich nur dann einen Sinn, wenn er vom Erkrankten getragen wird. Haben sich nach dem Niesen oder Husten erst einmal Tropfenkerne gebildet, so durchdringen diese auch den chirurgischen Mundschutz. Ein Gesunder kann also kaum durch Tragen eines Mundschutzes eine Ansteckung verhindern.

Hilfreich ist hingegen, das Händeschütteln möglichst ganz zu unterlassen oder sich nach jedem Kontakt konsequent die Hände zu desinfizieren. Der klassische Übertragungsweg Nase – Hand – Hand – Nase kann dadurch unterbrochen werden.

Dampfbad & Co.

Da die Symptome von Erkältungskrankheiten vorrangig den Bereich der oberen und unteren Luftwege betreffen, liegt es nahe, durch Inhalation von Dämpfen Linderung anzustreben. Die althergebrachte Methode, Wasser im Kochtopf zu erhitzen und vorgebeugt mit einem Handtuch über Kopf und Topf zu inhalieren, ist dabei nicht die Methode der Wahl. Neben der Gefahr von Verbrühungen durch den heißen Topf oder das heiße Wasser sind auch die Effekte nicht eindeutig positiv. Der durch das Erhitzen des Wassers entstehende Dampf kondensiert im Bereich des Gesichts beziehungsweise unmittelbar nach Eintritt in die Nase oder die Mundhöhle. Die Nasennebenhöhlen oder tiefere Atemwege werden nicht erreicht.

Die Verwendung von ätherischen Ölen kann zur Reizung der Atemwege führen, insbesondere Menschen mit Asthma und Kinder erleben dies als unangenehme Nebenwirkung. Das subjektive Empfinden, besser Atmen zu können, erzeugen ätherische Öle durch eine Aktivierung von Kälterezeptoren, die zu einer deutlicheren Wahrnehmung der Atemluft führen. Für ätherische Öle wie Eucalyptusöl und seinen Hauptbestandteil 1,8-Cineol sind ausgeprägte antiinflammatorische Effekte nachgewiesen (vgl. CME 2018).5,6,7,8

Zur Vernebelung im Rahmen medizinischer Anwendungen besser geeignet sind Ultraschall- oder Kompressionsvernebler. Das dabei erzeugte Aerosol dringt wesentlich tiefer in die Atemwege ein. Bei der Verwendung von isotonischer Kochsalzlösung (etwa 1 Teelöffel NaCl auf 1/2 Liter Wasser), die über 6 Minuten pernasal (dort ist das Erregerreservoir) inhaliert wird, kann eine Reduktion der Keimbelastung in der Ausatemluft der Betroffenen erreicht werden. Dieser Effekt hält über 6 Stunden an und verringert so das Ansteckungsrisiko. Hier geht es allerdings vorrangig um Reduktion des Ansteckungsrisikos, also um die Verhinderung der Übertragung von Krankheitserregern.

Antibiotika bei Erkältung?

Auslöser der Erkältung sind Viren. Antibiotika sind somit ungeeignet, um eine Erkältung zu behandeln. Irrtümlich werden sie bei Virusinfekten eingesetzt, um einer sogenannten bakteriellen Superinfektion vorzubeugen. Tatsächlich kann es nach einem Virusinfekt zu einer bakteriellen Infektion kommen. Die prophylaktische Gabe eines Antibiotikums ist dennoch sinnlos: Die Wirksamkeit der Antiinfektiva ist zwingend an das Vorhandensein von Bakterien geknüpft, da deren Strukturen angegriffen werden. Wird das Antibiotikum also zeitlich vor einer baktieriellen Infektion eingesetzt, so läuft dieser Ansatz ins Leere.4 Schlimmer noch: Im Tiermodell konnte gezeigt werden, dass durch die Zerstörung des Mikrobioms des Darmes die Bildung von IgA reduziert wird, so dass sogar eine erhöhte Anfälligkeit der Lungen für bestimmte bakterielle Infektionen (z.B. Pseudomonas aeruginosa) besteht.5 Das bedeutet:  


Antibiotika sind bei Erkältung nicht nur sinnlos sondern schädlich.


Dennoch berichten sowohl Betroffene als auch Ärzte oftmals, dass nach Beginn einer Antibiose eine Beschwerdebesserung beobachtet worden sei. Hier ist wichtig, die wahrgenommen Wirkung von der substanzspezifischen Wirkung zu unterscheiden.

Wahrgenommene Wirkung – auch ohne Substanzeffekt

Die Therapie von Erkältungen ist eine klassische Domäne der sogenannten Erfahrungsheilkunde. Da es sich bei vielen Therapeutika um rezeptfreie Präparate handelt, sind wir Ärzte nur in geringem Umfang über die Datenlage bezüglich des Nutzens informiert. Zudem werden auch Nahrungsergänzungsmittel eingesetzt, die verkauft werden, ohne dass Wirksamkeit oder Nutzen nachgewiesen sind. Man stützt sich also weitestgehend auf fremde und eigene Erfahrungen bei der Anwendung dieser Produkte.

Der Unterscheidung zwischen dem wahrgenommenen und dem spezifischen Effekt eines Arzneimittels kommt deshalb gerade bei Atemwegsinfekten eine besondere Rolle zu. Es gibt eine ganze Reihe von Mechanismen, die einen Einfluss auf die Wahrnehmung der Wirksamkeit einer Therapie haben:6

Natürlicher Verlauf

Erkältungen dauern in der Regel wenige Tage. Der Volksmund beschreibt mit dem Spruch „drei Tage kommt er, drei Tage bleibt er, drei Tage geht er“ schon recht treffend den Verlauf eines Atemwegsinfektes. Je nach dem, zu welchem Zeitpunkt eine therapeutische Intervention erfolgt, bessern sich also anschließend die Symptome schon alleine aufgrund des natürlichen Verlaufs der Erkrankung – was dann als Wirkung der Therapie fehlgedeutet wird.

Regression zur Mitte

In der Natur haben Zustände, die extrem vom Mittelwert abweichen, die Tendenz, sich wieder der Mitte anzunähern. So sind die Kinder besonders großer Menschen etwas kleiner als ihre Eltern und Kinder besonders kleiner Menschen etwas größer als Vater und Mutter. Typischerweise suchen Personen, die an einem Atemwegsinfekt leiden, medizinische Hilfe, wenn die Symptome am schlimmsten sind. Dass die Symptome sich anschließend bessern, ist also auf die natürliche Tendenz zur Normalisierung zurückzuführen.

Plazeboeffekt

Dieses Phänomen ist hinlänglich bekannt: Glaubt man an die Wirkung eines Arzneimittels, so tritt diese in einem gewissen Maße allein schon dadurch ein.

Hawthorne-Effekt

Unter Beobachtung zeigen Menschen erwünschtes Verhalten. Dieses Phänomen wurde bei Arbeitern in Fabriken der US-amerikanischen Firma Hawthorne wissenschaftlich untersucht. Waren Unternehmensberater im Haus, so stieg die Produktivität – vollkommen unabhängig davon, ob spezifische Maßnahmen zu deren Steigerung ergriffen wurden oder nicht – es reichte allein die Anwesenheit der Männer in Anzug und Krawatte. In der Medizin tritt dieser Effekt regelmäßig in Studien auf, in denen auch die Plazebogruppe bessere Ergebnisse aufweist als dies außerhalb der Studie zu erwarten wäre. Die ärztliche Begleitung und Beobachtung während eines Atemwegsinfektes kann dieses Phänomen ebenfalls hervorrufen.

Empathie

Anteilnahme und Empathie prägen das Arzt-Patienten-Verhältnis und fördern den Genesungsprozess. Wer durch die Symptome einer Erkältung belastet ist, dem hilft ein freundliches Wort des Mitgefühls. Angehörige kümmern sich und bringen Süppchen ans Bett oder kochen einen Ingwer-Tee. Die dadurch hervorgerufene Symptomlinderung trägt zur Besserung der Erkältung bei – oft auch ohne, dass ein Medikament verschrieben wird. Die Vielzahl an Phänomenen, die zur wahrgenommenen Wirksamkeit beitragen, erklärt, warum für Erkältungen eine so große Anzahl an komplementärmedizinischen Methoden genutzt wird. Die Bandbreite reicht dabei von Verfahren der Homöopathie; Bachblüten oder Schüssler-Salzen bis hin über anekdotische Berichte kolportierte Therapiemethoden. Grundsätzlich wird dabei deutlich, dass einerseits ein hoher Leidensdruck mit entsprechendem Behandlungswunsch besteht und andererseits auch die Bereitschaft, finanzielle Eigenmittel unabhängig von einer Erstattung durch die gesetzliche oder private Krankenversicherung für die Therapie einzusetzen. Gleichzeitig erklärt sich so auch die Wirksamkeit von „Hausrezepten“, für die keine wissenschaftliche Evidenz besteht. Hier steht also weiterhin jedem frei, diese Methoden einzusetzen.

Welche Wirkstoffe haben nachgewiesenen Nutzen?

Im Unterschied zu den sogenannten Hausmitteln verfügt eine ganze Reihe von rezeptfreien, allerdings apothekenpflichtigen Medikamenten über nachgewiesenen Nutzen bei der Behandlung von Atemwegsinfekten.7 Hier kommt also zur wahrgenommenen Wirksamkeit noch ein tatsächlich vorhandenener Substanzeffekt hinzu. Da diese Präparate in der Regel als sogenannte „over the counter“ (OTC) Präparate vertrieben werden, sind Ärzte über die diesbezügliche wissenschaftliche Datenlage oft nur unscharf informiert. Im Folgenden werden jene Wirkstoffe beschrieben, die in einem gewissen Umfang in der Behandlung von Erkältungskrankheiten Anwendung finden und deren Wirksamkeit und Nutzen belegt ist.

Ambroxol

Der Wirkstoff Ambroxol ist ein pharmakologisch verändertes Derivat des aus dem indischen Lungenkraut gewonnenen Vasicins. Es sind drei Ansätze, die den günstigen Einfluss von Ambroxol auf Husten und Auswurf erklären: Die Substanz aktiviert die Flimmerhärchen der Bronchien und fördert so die Selbstreinigung der Lungen. Durch eine Steigerung der Sekretproduktion durch seröse, wässriges Sekret sezernierende Drüsen wird der Bronchialschleim verflüssigt und der Abtransport durch die Flimmerhärchen erleichtert. Schließlich hat Ambroxol auch Eigenschaften eines Lokalanästhetikums: Hustenreiz, der sich aufgrund der Schleimhautreizung oft selbst unterhält, wird gemindert. Dies ist besonders bei der Darreichung als Lutschpastille der Fall. Im Rahmen der Grundlagenforschung konnte im Mausmodell gezeigt werden, dass Ambroxol die Vermehrung des Influenza-Virus unterdrückt, die Infektionsrate durch Rhinovirus in humanen Trachealzellen verhindert und die durch bakteriellen Biofilm eingeschränkte Wirksamkeit bestimmter Antibiotika verbessert. Die klinische Relevanz dieser Ergebnisse wurde in einer japanischen Untersuchung bestätigt: Ambroxol kann die Häufigkeit von Infekten der oberen Atemwege reduzieren, hat also eine prophylaktische Wirkung.9

Cineol und andere ätherische Öle

Beim Einsatz von ätherischen Ölen werden im Wesentlichen zwei Effekte im Bereich der Bronchialschleimhaut beobachtet: Zum einen führen die Substanzen zu einer nachgewiesenen, vermehrten Zilienaktivität, zum anderen erhöht sich durch sie der Wassergehalt der serösen Schicht des Bronchialschleims, in dem sich die Zilien bewegen. Die geringere Viskosität des im Rahmen des Atemwegsinfektes verdickten Bronchialsekrets und der vermehrterte Zilienschlag führen zu einer Verbesserung der mucoziliaren Clearance und damit zur Verkürzung der Symptomdauer. Cineol als Einzelsubstanz zeigte in einer randomisierten, plazebokontrollierten Studie eine Verkürzung der Symptomdauer. In einer nichtinterventionellen Studie wurde ein günstiger Einfluss auf die Dauer von Husten, Auswurf, Brustschmerzen, Rasselgeräusche und Atemnot innerhalb von drei Tagen beobachtet.10

Efeublätterextrakt

Eine expektorierende Wirkung soll durch Reize auf die Schleimhäute des Magens zustande kommen, indem reflektorisch über sensorische Fasern des Parasympathikus die Schleimdrüsen in der Bronchialschleimhaut stimuliert werden. In einer klinischen Untersuchung ergaben sich Hinweise auf eine bronchodilatatorische Wirkung des Präparates. Dieser Effekt wurde tierexperimentell nachgewiesen. Die Verkürzung der Symptomdauer bei akuter Bronchitis wurde in einer 2016 veröffentlichten, plazebokontrollierten Studie dokumentiert. Eine Beobachtungsstudie bei 6- bis 12-jährigen Schulkindern zeigte eine Verbesserung der mittels Tagebüchern erfassten Symptomatik innerhalb von 3,5 Tagen.11

Pelargonienwurzel-Extrakt

Das aus der Wurzel der den Storchenschnabelgewächsen zuzuordnenden Pelargonium sidoides (auch Kapland-Pelargonie) gewonnene Extrakt wird in Deutschland ebenso wie die vorgenannten Wirkstoffe in verschiedenen Darreichungsformen angeboten. Zu den nachgewiesenen pharmakologischen Eigenschaften gehören antivirale und antibakterielle Effekte, durch TNF-Alpha und Stickstoffmonoxid (NO) vermittelte immunmodulatorische Mechanismen, die Stimulation von Interferon-Beta sowie eine Aktivierung der natürlichen Killerzellen.8 Die Krankheitsdauer bei akuter Bronchitis, Sinusitis und akuter Pharyngitis werden durch Pelargonienwurzelextrakt signifikant verkürzt. Dieser Effekt wurde in mehreren plazebokontrollierten Studien konsistent nachgewiesen und ist sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern beginnend im Kleinkindesalter (ab einem Jahr) dokumentiert.12  

Leitlinien-Empfehlungen

Die S2k-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin zur Diagnostik und Therapie von erwachsenen Patienten mit Husten empfiehlt nachgewiesen wirksame Medikamente. Diese sollen die Hustendauer verkürzen und seine Intensität lindern. Häufig ist die Datenlage für Phytotherapeutika bei akuter Bronchitis besser als für synthetische Expektorantien. Daher empfiehlt die Leitlinie pflanzliche Arzneimittel mit guter Evidenz.

Dazu zählt auch ein Pelargonienwurzel-Extrakt, der in Deutschland für die akute Bronchitis zugelassen ist. Mehrere multizentrische, randomisierte, doppelblinde und placebokontrollierte Studien mit Erwachsenen und auch Kindern belegen: Betroffene fühlen sich weniger krank und sind schneller wieder gesund. Leitlinien sind unterstützende Handlungsempfehlungen und spiegeln den aktuellen Stand der Forschung. Aus diesem Grund hatte auch die DGP ihre Leitlinie überarbeitet und aktualisiert.13


Zu beachten ist bei allen pflanzlichen Wirkstoffen, die Wirksamkeitsbelege nur für die jeweils untersuchte Zubereitung (also in der Regel das Originalpräparat) existieren und nicht auf andere Präparate mit gleichen Inhaltsstoffen übertragen werden können.


Atemwegsinfekte bei Asthma und COPD

Tritt bei Menschen, die an Asthma oder COPD leiden, ein Atemwegsinfekt auf, so stellt dies eine Exazerbation (auch Infektexazerbation genannt) dar. Der Schweregrad der Exazerbation wird aktuell anhand der erforderlichen Intervention ermittelt.14 Helfen sich die Betroffenen selbst, beispielsweise mit rezeptfrei erhältlichen Präparaten oder durch vermehrte Anwendung der Bedarfsmedikation, so ist die Definition einer leichten Exazerbation erfüllt.

Erfolgt eine ambulante, ärztliche Behandlung, stellt dies eine mittelschwere Exazerbation dar. Ist eine stationäre Aufnahme erforderlich, so liegt eine schwere bzw. bei Notwendigkeit der intensivmedizinischen Versordnung sehr schwere Exazerbation vor. Für die Behandlung einer mittelschweren und schweren Exazerbation wird ein sogenannter Steroidstoß empfohlen. Die kurzzeitige Gabe von oralen Kortikosteroiden führt zu einer signifikant schnelleren Verbesserung der Symptome, der Lungenfunktion und der Mobilität im Vergleich zu Plazebo. Aktuell hat sich ein Schema mit 40mg Prednisolon einmal täglich über 5 Tage etabliert, da es einer 14-tägigen Therapie nicht unterlegen war und dabei gleichzeitig deutlich weniger unerwünschte Ereignisse (z.B. Blutzuckerentgleisungen) auftragen.15

Antibiotika sind bei der ambulanten Behandlung einer Exazerbation nur indiziert, wenn bei vorbestehender schwerer oder sehr schwerer COPD eine mindestens mittelgradige Exazerbation vorliegt und tagsüber (nicht nur morgens) putrider Auswurf vorhanden ist. Im Rahmen der Therapie der Exazerbation können zusätzlich die zuvor beschriebenen,  rezeptfreien Präparate eingesetzt werden.

Zusammenfassung

Bei akuten Infekten der Atemwege ist es wichtig, Pneumonie, echte Grippe (Influenza) und grippalen Infekt (Erkältung) voneinander zu unterscheiden. Ein langsamer Beginn mit Rhinorrhoe und Pharyngolaryngitis ohne Fieber und ohne Kopf- und Gliederschmerzen spricht für eine sogenannte Erkältung.

Die Übertragung erfolgt durch Tröpfchen- und Schmierinfektion und kann durch den Verzicht auf Händeschütteln sowie Hustenhygiene reduziert werden. Tragen Betroffene einen Mundschutz oder inhalieren Kochsalzlösung pernasal, so kann dadurch das Ansteckungsrisiko für Andere reduziert werden. Auf den Krankheitsverlauf haben diese Maßnahmen allerdings keinen Einfluss.

Obwohl es sich um virale Infektionen handelt, werden oft Antibiotika zur Therapie eingesetzt. Diese wirken allerdings nur gegen bakterielle Erreger. Aufgrund der wahrgenommenen Wirksamkeit, die durch einer Reihe von Effekten bedingt wird, vermeinen sowohl Patienten als auch Ärzte dennoch einen günstigen Einfluss der Antibiose auf den Virusinfekt zu erkennen. Tatsächlich wirksam gegen Erkältungssymptome sind Ambroxol, Efeublätterextrakt, bestimmte ätherische Öle (z.B. Cineol) und Pelargonienwurzel-Extrakt. Eine Verkürzung der Symptomdauer und andere positive Effekte wurden für diese Präparate in randomisierten, plazebokontrollierten Studien nachgewiesen.

Besonderes Augenmerk sollte auf Atemwegsinfekte bei Patienten mit vorbestehendem Asthma oder COPD gelegt werden. Bei dieser Gruppe stellt der Infekt mit Verschlimmerung von Husten, Auswurf und Atemnot eine Exazerbation dar. Neben den zuvor beschriebenen Maßnahmen wird bei diesen Patienten zusätzlich ein Steroidstoß mit 40 mg Prednisolon pro Tag über 5 Tage empfohlen. Eine Antibiose ist in diesen Fällen nur sinnvoll, wenn eine mindestens mittelgradige COPD besteht und tagsüber putrider Auswurf besteht.

Dr. med. Justus de Zeeuw*

  1. Hampl W, Mertens T: Virale Atemwegsinfektionen bei Erwachsenen, Bundesgesundheitsblatt ­ Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz 2003; 46: 488–498.
  2. Llor C: ERS Monograph “The Spectrum of Bronchial Infection” 2013; 60: 1–17.
  3. Yan Y et al.: PNAS. 2018. 115(5): 1081–86
  4. Kenealy T, Arroll B: Cochrane Database of Systematic Reviews 2013, Issue 6. Art. No.: CD000247.
  5. Robak OH et al.: J Clin Invest. 2018 Jul 16. pii: 97065. doi: 10.1172/JCI97065
  6. Ernst E.: The worst platitude of them all? www.edzardernst.com. Published Friday 06 September 2013
  7. Kardos P et al.: Pneumologie. 2014 Aug.;68(8):542–6.
  8. Koch E et al.: Arch. Pharmacol. 365, Suppl. 1, Abstr. 288, R75
  9. Plomer M, de Zeeuw J: MMW Fortschr Med. 2017 Jun;159(Suppl 5):22-33
  10. Juergens UR: Drug Res (Stuttg). 2014 Dec;64(12):638-46
  11. Schaefer A, Kehr MS, Giannetti BM et al. Pharmazie. 2016 Sep 1;71(9):504-509
  12. Matthys H et al.: J Lung Pulm Respir Res, 2016; 3(1): 00068
  13. Kardos P et al. Pneumologie 2019; 73(03): 143-80.
  14. Global Initiative for Obstructive Lung Disease (GOLD): 2019 Global Strategy for Prevention, Diagnosis and Management of COPD. goldcopd.org
  15. Leuppi JD et al.: Short-term vs conventional glucocorticoid therapy in acute exacerbations of chronic obstructive pulmonary disease: the REDUCE randomized clinical trial.JAMA 2013 Jun 5;309(21):2223-31

*Mitgliedschaften: Geschäftsführer des Verbands Pneumologischer Kliniken e. V. bis 2015, Mitglied der DGP, DGIM, DGSIM, des BdP, der RWGIM und der WDGP.
Interessenkonflikt: Der Autor erhielt Honorare vom Sponsor dieses Beitrags sowie von anderen Institutionen.
Dieser Beitrag wurde mit einem Kostenzuschuss (incl. ­Honorar) in Höhe von 3.400 € von der Dr. Willmar Schwabe GmbH und Co. KG unterstützt.