Abrechnungstipp EBM + GOÄ: Rezidivierende Zystitis

Mehr als 70 % aller Frauen sind mindestens einmal im Leben von einer Zystitis betroffen, etwa ein Viertel von ihnen leidet unter rezidivierenden Harnblasenentzündungen mit unterschiedlich langen beschwerdefreien Intervallen. Besonders Letztere bedürfen einer intensiven Betreuung.

Harnblasenentzündungen treten in den unterschiedlichsten Gruppen von Patientinnen auf. Die häufigste sind nicht-schwangere Frauen in der Prämenopause ohne sonstige relevante Begleiterkrankungen (nachfolgend: „Standardgruppe“). Dabei werden sogenannte „rezidivierende Zystitiden“ angenommen, wenn innerhalb von zwölf Monaten drei oder mehr oder innerhalb von sechs Monaten zwei oder mehr Harnwegsinfekte auftreten.


Fallbeispiel: Patientin mit erneut akut aufgetretenen Miktionsbeschwerden mit Dysurie und Pollakisurie.


Diagnostik EBM

Primär wird in der Regel eine Urinuntersuchung mittels Reagenzträger, eine mikroskopische Harnuntersuchung und eine kulturelle bakteriologische Urinuntersuchung durchgeführt. Bei positiven Ergebnissen kann eine Untersuchung mit Nährboden und ggf. eine Resistenzbestimmung erfolgen (Speziallabor). Allerdings haben nur wenige Gynäkologen die Genehmigung zur Abrechnung spezieller bakteriologischer Untersuchungen.

Ob nach Abklingen der akuten Beschwerden zur weiteren Abklärung eine Urethrozystoskopie durchgeführt und ergänzend zur Abklärung der anatomischen Verhältnisse eine Ausscheidungsurographie veranlasst werden sollte, ist im Einzelfall zu entscheiden. Bei positivem Bakteriennachweis wird ad hoc in der Regel eine kurzzeitige Antibiotikabehandlung (ggf. als Single-Shot-Therapie) durchgeführt, verbunden mit der Empfehlung von reichlicher Flüssigkeitszufuhr.

Beratung

Bei der chronisch rezidivierenden Zystitis werden regelmäßig zusätzliche und zumeist längere Beratungen zu prophylaktischen Maßnahmen erforderlich. Im Vordergrund steht dabei die Empfehlung einer reichlichen Flüssigkeitszufuhr.

Für die umfangreichen Beratungen findet sich im Gynäkologie-Kapitel des EBM (Kapitel 8) keine speziell berechnungsfähige Gebührenordnungsposition (GOP). Auch mit der Reform des EBM zum 1. April 2020 wurde für Ärzte des fachärztlichen Versorgungsbereichs und damit auch für Gynäkologen keine eigens berechnungsfähige GOP für Beratungen aufgenommen.

Psychosomatik

Mehr als die Hälfte der niedergelassenen Gynäkologen hat die Genehmigung zur Abrechnung von Leistungen der psychosomatischen Grundversorgung nach den GOP 35100 und 35110. Mit Wirkung zum 1. April wurde die Bewertung dieser GOP jeweils von 152 auf 193 Punkte erhöht. Bei der Abrechnung sind einige Besonderheiten bei der Dokumentation zu beachten:

  • Bei der Differentialdiagnostik GOP 35100 sind die ätiologischen Zusammenhänge zwischen der somatischen (z. B. Zystitis) und der psychosomatischen Erkrankung zu dokumentieren. Die GOP 35100 kann auch bei Verdachtsfällen bzw. zum Ausschluss angesetzt werden, dann mit dem Zusatz V oder A
  • Bei verbalen Interventionen nach GOP 35110 ist der Inhalt zumindest stichwortartig zu dokumentieren und die Diagnose ist als gesichert mit dem Zusatz G anzugeben.

 

Tab. 1: Angaben nach dem neuen EBM zum 01.04.2020; Punktwert für 2020: 10,9871 Cent

GOP

Leistungsbezeichnung

Punkte

Honorar in €

Bemerkung

08211 

Grundpauschale ab 6.
bis vollendetes 59. Lebensjahr

147

16,15

automatischer Zusatz
durch die KV je nach Alter der Patientin

08212

Grundpauschale ab dem 60. Lebensjahr

151

16,59

08220

Zuschlag gynäkologische Grundversorgung

24

2,64

automatischer Zusatz
durch die KV

32030

Orientierende Untersuchung, Reagenzträger

-

0,50

 

32031

Urinuntersuchung, mikroskopisch

-

0,25

 

32151

Urinkultur (Eintauchnährboden)

-

1,15

 

bei positivem Befund, ggf.

32720

Urinkultur, zwei Nährboden

-

5,50

Speziallabor

32772/
32773

Resistenzbestimmung, gramnegativ/-positiv

 

6,93

Speziallabor

08311

Urethrozystoskopie

284

31,20

 

34255

Ausscheidungsurographie

437

48,01

 

ggf. Leistungen der psychosomatischen Grundversorgung

35100

Psychosomatik Differential­diagnostik

193

21,21

nur mit Abrechnungs­genehmigung

35110

Psychosomatik verbale Intervention

193

21,21

nur mit Abrechnungs­genehmigung

 


Achtung Fallstrick

Bei Abrechnung der GOP 35100 und 35110 ist immer eine korrelierende Diagnose aus dem Kapitel F des ICD-10 anzugeben. Bei fehlender Angabe oder bei mangelhafter Dokumentation können die GOP 35100 und 35110 gestrichen werden. Zu beachten ist bei der Abrechnung, ob die zuständige KV für diese GOP ein qualifikationsbezogenes Zusatzvolumen (QZV) im Honorarverteilungsmaßstab festgelegt hat.


 

Tab. 2: Zuordnung der entsprechenden GOÄ-Nr. zu den genannten Leistungen. BHF = Behandlungsfall.

GOÄ-Nr.

Leistungs­bezeichnung

2,3-/1,8-/1,15-f. in €

1*

Anamnese

10,72

A806 oder
849

Psychosomatik Differentialdiagnostik

33,52
oder 30,83

7**

Gynäkologische Unter­suchung

21,45

410 +
2 x 420

Sonographie Nieren und Harnblase

48,25

3511

Urinteststreifen

3,35

3508

Urin – mikroskopische
Untersuchung

5,36

3531

Urinsediment

4,69

4743 oder 4749

Mikroskopische Unter­suchung Trichomonaden

8,04
oder 10,72

298

Abstrichentnahme mikro­biologisch

5,36

4711

Mikroskopische Unter­suchung auf Pilze

8,04

4605

Urinkultur, Eintauch­nährboden

4,02

250

Blutabnahme

4,20

3560

Glukosebestimmung

2,68

1709

Meatus-Harnröhrenkalibrierung bei der Frau

8,04

*neben Leistungen der Abs. C bis O nur einmal im BHF
**im BHF mehrfach möglich

Privatabrechnung nach der GOÄ

Am Anfang der Diagnostik steht die Anamnese. Sie umfasst z. B. Fragen nach Schmerzen beim Wasserlassen, Miktionshäufigkeit, imperativem Harndrang, vaginalen Beschwerden (Differentialdiagnostik!), Fieber, auch nach Hygieneverhalten und sexuellen Gewohnheiten.

In der allgemeinen und apparativen Diagnostik schließen sich nach der Anamneseerhebung bei privat Versicherten bei der Standardgruppe die körperliche Untersuchung mit gynäkologischer Untersuchung einschließlich Palpation der Nierenlager, Sonographie von Nieren und Harnblase sowie Laboruntersuchungen an. Die Laboruntersuchungen umfassen die Untersuchung des (Mittelstrahl-)Urins (Streifentest und ggf. Urinstatus), bei positivem Teststreifen Urinkultur und Keimtestung mit Antibiogramm.

Differentialdiagnostik

Werden keine Bakterien als „verantwortlich“ festgestellt, sind ggf. auch Infektionen z. B. mit Trichomonaden auszuschließen. Bei vaginalen Beschwerden ist zumindest eine Pilzinfektion auszuschließen bzw. zu bestätigen. Ob ein Diabetes mellitus vorliegt, sollte abgeklärt werden. Bei rezidivierender Zystitis sollte eine Meatusstenose ausgeschlossen werden. Diese Untersuchung ist auch für den Frauenarzt leicht durchzuführen (z. B. mit Olivensonde oder Bougie à boule). Somit ist in der frauenärztlichen Praxis eine so weitgehende Diagnostik möglich, dass nur Zweifelsfälle oder beispielsweise Fälle persistierender Hämaturie einer spezifisch urologischen Abklärung bedürfen (z. B. mit urodynamischer Untersuchung, Zystoskopie, Divertikel- und Refluxausschluss).

Therapie

Die Therapie umfasst neben allgemeinen Maßnahmen wie der Zufuhr größerer Flüssigkeitsmengen, Analgesie und eventueller Spasmolyse eine Antibiose (mit nachfolgender Kontrolle der Erregereradikation durch Urinkultur).

Prophylaxe

Die Prophylaxe mit D-Mannose bietet eine gute Option, um das Risiko der Entwicklung von Anti­biotikaresistenzen zu verhindern. Bei Frauen nach der Menopause ist ggf. eine lokale Östrogenisierung sinnvoll, zur Langzeitprävention können außer Antibiotika z. B. E. Coli-Fraktionen oder Phytotherapeutika angewandt werden.

► Stand: Juni 2020

Redaktion: aka