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Allgemein- & Innere Medizin, Naturheilverfahren, Medizin Allgemein- & Innere Medizin Allgemein- & Innere Medizin, Biofaktoren, im Alter
Wechselwirkung

2 Blicke auf das Thema „Verträgt sich das? Wenn Bio­faktoren und Arzneimittel interagieren“

In diesem 2-Blicke-Beitrag erklären Prof. Dr. med. Klaus Kisters und Prof. Dr. med. Hans Georg Classen, wie Arzneimittel und Biofaktoren miteinander in Wechselwirkung stehen.


20.08.2024
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Arzneimittelwirkstoffe können Aufnahme und Ausscheidung von Biofaktoren wie Vitaminen, Mineralstoffen oder Spurenelementen beeinflussen. Dadurch kann es zu einem Biofaktorenmangel mit zusätzlichen Gesundheitsstörungen kommen.

Aber auch Biofaktoren können einige Arzneimittel in ihrer Wirksamkeit beeinträchtigen.

In diesem Beitrag erklären Prof. Kisters und Classen anhdang konkreter Beispiele, wie Arzneimittel und Biofaktoren miteinander in Wechselwirkung stehen.




„Unter einer Langzeittherapie und bei der Einnahme mehrerer Arzneimittel sind negative Folgen für die Biofaktorenversorgung möglich.“
- Prof. Dr. med. Klaus Kisters1, stellvertretender Vorsitzender der Gesellschaft für Biofaktoren e. V. (GfB)

Prof. Kisters, lassen Sie uns zunächst über Arzneimittelwirkstoffe und ihre Auswirkungen auf den Biofaktorenhaushalt sprechen.  

Kisters: Wechselwirkungen von Arzneimittelwirkstoffen mit essenziellen Biofaktoren sind möglich, wenn die verschiedenen Wirkstoffe die gleichen Resorptions-, Transport- und Stoffwechselwege nehmen. Es besteht daher grundsätzlich die Möglichkeit von Interaktionen mit dem Biofaktorenhaushalt. Zum einen kann die Wirkung einiger Arzneimittel durch Vitamine und Mineralstoffe gestört werden. ­Hierauf wird mein Kollege Prof. Classen seinen Blick werfen. Und zum anderen kann der Biofaktorenstatus durch Arzneimittelwirkstoffe negativ beeinflusst werden. Es kann zu einer verminderten Resorption und/oder einer verstärkten Ausscheidung der Biofaktoren kommen.

Allerdings hängt das Risiko für einen Biofaktorenmangel auch vom Ernährungs- und Biofaktorenstatus des Patienten vor der Therapie und der Dauer der medikamentösen Behandlung ab. Der Vitamin- und Mineralstoffstatus eines gesunden Menschen, der sich ausgewogen ernährt, wird in der Regel durch eine kurze Arzneimitteltherapie nicht beeinträchtigt. Aber unter einer Langzeittherapie und bei der Einnahme mehrerer Arzneimittel sind negative Folgen für die Biofaktorenversorgung möglich. Und hier sind vor allem chronisch kranke Patienten und multimorbide Senioren gefährdet.

Lassen Sie uns gezielt die in der allgemeinmedizinischen Praxis große Patientengruppe der Senioren genauer betrachten. Was gibt es zu berücksichtigen?

Kisters: Fast 90 % der älteren Menschen nehmen regelmäßig mindestens ein und fast 80 % mindestens zwei verschreibungspflichtige Medikamente ein. Und bei knapp 40 % liegt die Anzahl der Arzneimittel sogar bei mindestens fünf. Und außer den Nebenwirkungen der Arzneimittel selber und Arzneimittelwechselwirkungen ist an den negativen Einfluss auf den Biofaktorenstatus zu denken.

In diesem Zusammenhang erinnere ich gerne an die Priscus-Liste. Dort sind Arzneistoffe zusammengestellt, die häufig verordnet werden und ein mögliches Risikopotenzial gerade für Senioren bergen. Erstmals ist die Priscus-Liste im Jahre 2010 mit 83 Arzneiwirkstoffen veröffentlicht worden. Im Jahr 2022 wurde eine Version 2.0 mit mehr als 177 Arzneiwirkstoffen publiziert, die für ältere und multimorbide Patienten als potenziell inadäquate Medikation gelten.

Schauen wir uns doch nun einige Arzneimittel und deren Einfluss auf den Biofaktorenstatus genauer an. 

Kisters: Gerne. Diuretika gehören zu den häufig verordneten Arzneimitteln. Während kaliumsparende Diuretika nicht nur kalium-, sondern auch magnesiumsparend wirken, führen Thiazid- und Schleifendiuretika zu einer vermehrten renalen Ausscheidung der beiden Mineralstoffe. Und Kalium und Magnesium spielen bekanntermaßen eine wichtige Rolle in der Pathogenese der essenziellen Hypertonie, eine der Indikationen für Diuretika. Zudem können Diuretika aller Substanzklassen vermehrt B-Vitamine und Zink aus dem Körper ausschwemmen. Diuretika mit dem Wirkstoff Triamteren sind Folsäure-Antagonisten und können auf diesem Wege zusätzlich die Wirkung des Vitamins hemmen. Als Folsäure-Antagonisten gelten auch Antibiotika wie Trimethoprim und Tetroxoprim.

Oder nehmen wir die Protonenpumpenhemmer, die ja nach wie vor trotz Hinweisen auf Nebenwirkungen unter Langzeiteinnahme zu den häufig verordneten Arzneimitteln gehören und deshalb auch in der Priscus-Liste stehen. Protonenpumpenhemmer erhöhen bei Langzeiteinnahme das Risiko für einen Vitamin-B12-Mangel um 65 %. Bei H2-Blockern sind es immerhin noch 25 %. Auch auf den Status der Vitamine C und D, auf Magnesium, Calcium, Eisen und Zink kann sich die längere Einnahme von Protonenpumpenhemmern negativ auswirken. Ein weiteres Beispiel: Das orale Antidiabetikum Metformin steigert bei Langzeiteinnahme ebenfalls das Risiko für einen Vitamin-B12-Mangel.

Und noch ein Tipp: Ausführliche Informationen zu Arzneimitteln als Biofaktorenräuber finden Interessierte auf der Webseite unserer Gesellschaft für Biofaktoren.

Vielen Dank, Prof. Kisters, für das Interview.


„Studien und Expertenmeinungen deuten darauf hin, dass bestimmte Vitamine und Mineralstoffe die Wirksamkeit von Zytostatika beeinträchtigen können.“
- Prof. Dr. med. Hans Georg Classen2, Vorsitzender der Gesellschaft für Biofaktoren e. V. (GfB)

Prof. Classen, kommen wir nun zu möglichen Einflüssen von Biofaktoren auf die Wirksamkeit einzelner Arzneimittel. Was gilt es hier zu berücksichtigen?

Classen: Ich denke beispielsweise an den Zusammenhang zwischen Antibiotika und Mineralstoffen. Eine häufige Ursache für die unzureichende Wirkung von Tetracyclinen oder Gyrasehemmern ist die gleichzeitige Einnahme von Calcium, Magnesium, Eisen und Zink. Dadurch bilden sich schwer resorbierbare Mineralstoff-Arzneimittel-Komplexe, sodass das Antibiotikum teilweise oder gänzlich unwirksam wird. Ein Abstand von zwei bis drei Stunden zwischen der Einnahme der Antibiotika und der Mineralstoffe kann dies verhindern. Ein anderes Beispiel: Die Einnahme höherer Vitamin-B 6-Dosen kann die ZNS-Bioverfügbarkeit von L-Dopa negativ beeinflussen. Der Biofaktor Vitamin B 6 ist in Form des Pyridoxal-5‘-Phosphats ein Coenzym der L-Aminosäuren-Decarboxylasen und beschleunigt so den peripheren Abbau von L-Dopa zu Dopamin.

Gibt es noch andere Arzneimittel, die durch bestimmte Vitamine oder Mineralstoffe in ihrer Wirkung beeinflusst werden?

Classen: Schauen wir zunächst mal auf das L-Thyroxin, auch ein sehr häufig verordnetes Medikament. Mineralstoffe wie Calcium, Magnesium, Zink und Eisen beeinflussen ebenfalls durch die Bildung schwerlöslicher Komplexe die Aufnahme und Verstoffwechselung von L-Thyroxin und können so die Wirkung des Schilddrüsenmedikamentes beeinträchtigen. Wenn Patienten sich also schwer auf eine stabile L-Thyroxin-Dosis einstellen lassen, gilt es, an mögliche Interaktionen mit den genannten Biofaktoren zu denken. Dabei sollte nicht nur auf die Einnahme von mineralstoffreichen Mineralwässern, Milchprodukten oder Antazida geachtet werden. Es ist explizit nach Arznei- und Nahrungsergänzungsmitteln mit mehrwertigen Kationen zu fragen. Hier denke ich beispielsweise an Calcium in der Osteoporose-Prävention, Magnesium bei Hypertonie-Patienten oder Zink zur Regulierung der Immunabwehr. Um eine Komplexbildung zu vermeiden, sollte wie bei einem Antibiotikum auch hier die Einnahme von L-Thyroxin und die von mehrwertigen Kationen zeitlich auseinanderliegen.

Ein sehr komplexes und teils kontrovers diskutiertes Thema ist die Wechselwirkung von Zytostatika und Biofaktoren. Was ist bekannt? Einige Zytostatika sind durch Interaktionen mit dem Haushalt essenzieller Biofaktoren verknüpft. Zytostatika aus der Wirkstoffgruppe der Platinanaloga beispielsweise beeinträchtigen die glomeruläre Filtration und wirken nephrotoxisch. Die renale Toxizität zeigt sich durch eine Abnahme der glomerulären Filtrationsrate bzw. durch eine Erhöhung des Serumkreatinins und der Serumharnsäure. Im Hinblick auf die Biofaktorenversorgung kann es zu vermehrten renalen Verlusten von Elektrolyten wie beispielsweise Magnesium, Kalium und Zink und einem entsprechenden Mangel kommen.

Studien und Expertenmeinungen deuten andererseits darauf hin, dass umgekehrt bestimmte Vitamine und Mineralstoffe die Wirksamkeit von Zytostatika beeinträchtigen können, indem sie deren toxische Wirkung auf Krebszellen abschwächen. In diesem Zusammenhang möchte ich auf die Antioxidantien zu sprechen kommen. Antioxidantien wie Vitamin C, Vitamin E und Selen werden oft als eine Art Wunderwaffe beschrieben, da sie bekanntermaßen die Zellen vor Schäden durch freie Radikale schützen können. Ein Überschuss an freien Radikalen fördert oxidativen Zellstress, der wiederum im Zusammenhang mit einer Krebsentstehung steht. Eine gesunde Ernährung, die reich an Antioxidantien ist, kann daher nach einhelliger Meinung der Entstehung von Krebs entgegenwirken. Ob auch eine Supplementierung mit Antioxidantien für Krebspatienten sinnvoll ist, wird allerdings kontrovers diskutiert. Die Empfehlungen lauten, dass während Bestrahlung und/oder Chemotherapie auf Antioxidantien-Supplemente verzichtet werden sollte. Antioxidantien könnten die Wirkung von Zytostatika reduzieren, indem sie die durch die Medikamente erzeugten freien Radikale neutralisieren könnten, die zur Zerstörung von Krebszellen beitragen. 

Könnten Sie uns noch ein weiteres Beispiel nennen?

Classen: Wie mein Kollege, Prof. Kisters, bereits betont hat, gehören Diuretika zu den häufig verordneten Arzneimitteln und es ist in diesem Zusammenhang auf die erhöhte renale Ausscheidung verschiedener Biofaktoren zu achten. Es gibt allerdings noch einen anderen Zusammenhang zu berücksichtigen – und zwar zwischen Thiazid-Diuretika und Vitamin D. Nimmt ein Patient ein Thiazid-Diuretikum und gleichzeitig ein Vitamin-D-Präparat, beispielsweise zur Osteoporose-Prävention, kann dies den Calcium-Stoffwechsel deutlich beeinflussen. Das Diuretikum bindet an den NaCl-Cotransporter im frühdistalen Tubulus und inhibiert so den Natrium-Rücktransport, wodurch die Kaliumausscheidung vermehrt und die Calciumausscheidung reduziert wird. Das Vitamin D wiederum erhöht die intestinale Calciumaufnahme. Werden beide Präparate gemeinsam eingenommen, besteht also das Risiko eines erhöhten Calciumspiegels im Blut. Falls der Patient zusätzlich Milchprodukte oder ein Calciumpräparat einnimmt, lässt dies die Gefahr einer Hypercalcämie weiter steigen.

Vielen Dank, Prof. Classen, für das Interview.


1 Prof. Kisters war bis Ende 2022 Chefarzt an der Medizinischen Klinik I am St. Anna Hospital in Herne und Leiter des als European Hypertension Excellence Centre (ESH) ausgezeichneten Hypertoniezentrums dort. Seit Januar 2023 ist er stellvertretender Leiter des Dialysezentrums Herne, seit 2001 Professor an der Westfälische Wilhelms-Universität-Münster. 

2 Prof. Classen war bis zu seiner Emeritierung Leiter des Fachgebietes Pharmakologie und Toxikologie der Ernährung an der Universität Stuttgart-Hohenheim.


* Zur besseren Lesbarkeit kann in Texten das generische Maskulinum verwendet werden. Nichtsdestoweniger beziehen sich die Angaben auf Angehörige aller Geschlechter.