„Studien und Expertenmeinungen deuten darauf hin, dass bestimmte Vitamine und Mineralstoffe die Wirksamkeit von Zytostatika beeinträchtigen können.“
- Prof. Dr. med. Hans Georg Classen2, Vorsitzender der Gesellschaft für Biofaktoren e. V. (GfB)
Prof. Classen, kommen wir nun zu möglichen Einflüssen von Biofaktoren auf die Wirksamkeit einzelner Arzneimittel. Was gilt es hier zu berücksichtigen?
Classen: Ich denke beispielsweise an den Zusammenhang zwischen Antibiotika und Mineralstoffen. Eine häufige Ursache für die unzureichende Wirkung von Tetracyclinen oder Gyrasehemmern ist die gleichzeitige Einnahme von Calcium, Magnesium, Eisen und Zink. Dadurch bilden sich schwer resorbierbare Mineralstoff-Arzneimittel-Komplexe, sodass das Antibiotikum teilweise oder gänzlich unwirksam wird. Ein Abstand von zwei bis drei Stunden zwischen der Einnahme der Antibiotika und der Mineralstoffe kann dies verhindern. Ein anderes Beispiel: Die Einnahme höherer Vitamin-B 6-Dosen kann die ZNS-Bioverfügbarkeit von L-Dopa negativ beeinflussen. Der Biofaktor Vitamin B 6 ist in Form des Pyridoxal-5‘-Phosphats ein Coenzym der L-Aminosäuren-Decarboxylasen und beschleunigt so den peripheren Abbau von L-Dopa zu Dopamin.
Gibt es noch andere Arzneimittel, die durch bestimmte Vitamine oder Mineralstoffe in ihrer Wirkung beeinflusst werden?
Classen: Schauen wir zunächst mal auf das L-Thyroxin, auch ein sehr häufig verordnetes Medikament. Mineralstoffe wie Calcium, Magnesium, Zink und Eisen beeinflussen ebenfalls durch die Bildung schwerlöslicher Komplexe die Aufnahme und Verstoffwechselung von L-Thyroxin und können so die Wirkung des Schilddrüsenmedikamentes beeinträchtigen. Wenn Patienten sich also schwer auf eine stabile L-Thyroxin-Dosis einstellen lassen, gilt es, an mögliche Interaktionen mit den genannten Biofaktoren zu denken. Dabei sollte nicht nur auf die Einnahme von mineralstoffreichen Mineralwässern, Milchprodukten oder Antazida geachtet werden. Es ist explizit nach Arznei- und Nahrungsergänzungsmitteln mit mehrwertigen Kationen zu fragen. Hier denke ich beispielsweise an Calcium in der Osteoporose-Prävention, Magnesium bei Hypertonie-Patienten oder Zink zur Regulierung der Immunabwehr. Um eine Komplexbildung zu vermeiden, sollte wie bei einem Antibiotikum auch hier die Einnahme von L-Thyroxin und die von mehrwertigen Kationen zeitlich auseinanderliegen.
Ein sehr komplexes und teils kontrovers diskutiertes Thema ist die Wechselwirkung von Zytostatika und Biofaktoren. Was ist bekannt? Einige Zytostatika sind durch Interaktionen mit dem Haushalt essenzieller Biofaktoren verknüpft. Zytostatika aus der Wirkstoffgruppe der Platinanaloga beispielsweise beeinträchtigen die glomeruläre Filtration und wirken nephrotoxisch. Die renale Toxizität zeigt sich durch eine Abnahme der glomerulären Filtrationsrate bzw. durch eine Erhöhung des Serumkreatinins und der Serumharnsäure. Im Hinblick auf die Biofaktorenversorgung kann es zu vermehrten renalen Verlusten von Elektrolyten wie beispielsweise Magnesium, Kalium und Zink und einem entsprechenden Mangel kommen.
Studien und Expertenmeinungen deuten andererseits darauf hin, dass umgekehrt bestimmte Vitamine und Mineralstoffe die Wirksamkeit von Zytostatika beeinträchtigen können, indem sie deren toxische Wirkung auf Krebszellen abschwächen. In diesem Zusammenhang möchte ich auf die Antioxidantien zu sprechen kommen. Antioxidantien wie Vitamin C, Vitamin E und Selen werden oft als eine Art Wunderwaffe beschrieben, da sie bekanntermaßen die Zellen vor Schäden durch freie Radikale schützen können. Ein Überschuss an freien Radikalen fördert oxidativen Zellstress, der wiederum im Zusammenhang mit einer Krebsentstehung steht. Eine gesunde Ernährung, die reich an Antioxidantien ist, kann daher nach einhelliger Meinung der Entstehung von Krebs entgegenwirken. Ob auch eine Supplementierung mit Antioxidantien für Krebspatienten sinnvoll ist, wird allerdings kontrovers diskutiert. Die Empfehlungen lauten, dass während Bestrahlung und/oder Chemotherapie auf Antioxidantien-Supplemente verzichtet werden sollte. Antioxidantien könnten die Wirkung von Zytostatika reduzieren, indem sie die durch die Medikamente erzeugten freien Radikale neutralisieren könnten, die zur Zerstörung von Krebszellen beitragen.
Könnten Sie uns noch ein weiteres Beispiel nennen?
Classen: Wie mein Kollege, Prof. Kisters, bereits betont hat, gehören Diuretika zu den häufig verordneten Arzneimitteln und es ist in diesem Zusammenhang auf die erhöhte renale Ausscheidung verschiedener Biofaktoren zu achten. Es gibt allerdings noch einen anderen Zusammenhang zu berücksichtigen – und zwar zwischen Thiazid-Diuretika und Vitamin D. Nimmt ein Patient ein Thiazid-Diuretikum und gleichzeitig ein Vitamin-D-Präparat, beispielsweise zur Osteoporose-Prävention, kann dies den Calcium-Stoffwechsel deutlich beeinflussen. Das Diuretikum bindet an den NaCl-Cotransporter im frühdistalen Tubulus und inhibiert so den Natrium-Rücktransport, wodurch die Kaliumausscheidung vermehrt und die Calciumausscheidung reduziert wird. Das Vitamin D wiederum erhöht die intestinale Calciumaufnahme. Werden beide Präparate gemeinsam eingenommen, besteht also das Risiko eines erhöhten Calciumspiegels im Blut. Falls der Patient zusätzlich Milchprodukte oder ein Calciumpräparat einnimmt, lässt dies die Gefahr einer Hypercalcämie weiter steigen.
Vielen Dank, Prof. Classen, für das Interview.