„Erhöhter Bedarf besteht im Rahmen eines Diabetes mellitus Typ 2 beispielsweise an Magnesium und Zink sowie den Vitaminen B1 und B12.“
- Prof. Dr. med. Hans Georg Classen2, Vorsitzender der Gesellschaft für Biofaktoren e. V. (GfB)
Herr Prof. Classen, laut aktuellem Gesundheitsbericht der Deutschen Diabetes Gesellschaft leben in Deutschland fast neun Millionen Menschen mit einem diagnostizierten Diabetes mellitus, davon 95 % mit Typ-2-Diabetes. Damit zählt Diabetes zweifelsfrei zu den großen Volkskrankheiten unserer Zeit und auch hier zählen vor allem die älteren Patienten als Risikogruppe. Was können Biofaktoren bewirken?
Classen: Im Vergleich zu gesunden Menschen sind Patienten mit Diabetes mellitus gleich aus mehreren Gründen gefährdet, in einen Biofaktorenmangel zu geraten. Zum einen haben sie aufgrund ihrer Stoffwechselerkrankung einen erhöhten Bedarf an einzelnen Biofaktoren wie beispielsweise Magnesium und Zink und den Vitaminen B1 und B12. Zum anderen sind Arzneimittelwechselwirkungen zu berücksichtigen und nicht zuletzt zeichnen sich einzelne Biofaktoren durch eigenständige Effekte auf den Zuckerstoffwechsel aus.
Schauen wir zunächst auf das Magnesium. Aufgrund seiner Beteiligung am Zuckerstoffwechsel kann ein Magnesiummangel eine Insulinresistenz fördern. Ebenfalls bekannt ist, dass Magnesiumsupplemente die Insulinsensitivität erhöhen und zu einer verbesserten Qualität der Diabeteseinstellung führen können, aber auch in der Prävention diabetischer Folgeerkrankungen, insbesondere im Bereich Herz-Kreislauf-Erkrankungen, hilfreich sind.
Welche Aufgaben erfüllt Zink?
Classen: Der Biofaktor Zink beeinflusst Insulinbildung, -wirkung und -resistenz. Beispielsweise ist der Insulingehalt in den Inselzellen des Pankreas bei Zinkmangel vermindert. Auch kommt es aufgrund der Hyperglykämie und der Proteinurie zu einer erhöhten renalen Zinkausscheidung. Was ist aus Studien bekannt? Die Zinkaufnahme bei Patienten mit Diabetes ist signifikant niedriger als bei gesunden Kontrollprobanden, die Zinkspiegel nehmen abhängig von der Erkrankungsdauer ab und eine im Vergleich zu den Zufuhrempfehlungen der D-A-CH-Fachgesellschaften für Ernährung höhere Zinkzufuhr kann das Risiko für die Entwicklung eines Diabetes reduzieren. Während die empfohlenen Tagesdosen zur Vermeidung eines Zinkmangels bei Gesunden bei maximal 16 mg liegen, wurden in den Studien Tagesdosen im Bereich von 30 mg Zink eingesetzt.
Interessant ist auch die antioxidative Wirkung von Zink. Als Bestandteil der Superoxiddismutase, einem Enzym zum Schutz vor reaktiven Sauerstoffverbindungen, kann der Biofaktor vor oxidativem Stress und einer Überladung mit freien Radikalen schützen. Wir wissen heute, dass bei einer diabetischen Stoffwechsellage jeder Blutzuckeranstieg zu einem deutlichen Anstieg freier Radikale führt. Und diese wiederum erhöhen das Risiko Diabetes-spezifischer vaskulärer Komplikationen beispielsweise an Gefäßen, Nerven und Augen. Nicht zuletzt kann Zink aufgrund verschiedener Effekte auf den Hautstoffwechsel das Risiko für Wundheilungsstörungen im Rahmen eines Diabetes reduzieren und ist dadurch hilfreich in der Prävention und Behandlung des diabetischen Fußsyndroms. Der diabetische Fuß ist ja nach wie vor eine der gefürchtetsten Folgeerkrankungen des Diabetes, die jedes Jahr zu etwa 50.000 Amputationen führt.
Welche Bedeutung haben die Vitamine B1 und B12?
Classen: Patienten mit Diabetes haben auch ein erhöhtes Risiko für einen Vitamin-B1-Mangel. Zum einen erhöht sich der Vitamin-B1-Bedarf, zum anderen wird der Biofaktor renal vermehrt ausgeschieden. Als Folge kann es zu Nervenschäden mit der Entwicklung einer diabetischen Neuropathie kommen. Um einen Vitamin-B1-Mangel zu behandeln, wird übrigens häufig das besser bioverfügbare Benfotiamin angewendet, das zu einer Linderung neuropathischer Beschwerden beitragen kann.
Und Vitamin B12?
Classen: Der Vitamin-B12-Status wird durch das orale Antidiabetikum Metformin beeinflusst, dessen hoher therapeutischer Wert für Diabetiker keinesfalls bestritten werden soll. Patienten mit einem Diabetes, die Metformin einnehmen, haben aber ein deutlich höheres Risiko für einen Vitamin-B12-Mangel. Der ungünstige Einfluss von Metformin auf den Vitamin-B12-Spiegel ist mittlerweile gut dokumentiert – zuletzt in einer Studie vom April 2023. Hier wurden verschiedene Risikofaktoren für einen Vitamin-B12-Mangel bei Diabetes-Patienten untersucht und unter anderem eben eine Metformintherapie. Fast jeder dritte Patient, der täglich 1,5 g Metformin einnahm, hatte einen Vitamin-B12-Mangel. Und bei einer täglichen Metformindosis von 3 g waren es sogar zwei von drei Patienten.
Was bedeuten diese Ergebnisse für die Praxis? Laut Autoren der Studie sollte das Screening auf einen Vitamin-B12-Mangel Teil der jährlichen Untersuchung von Patienten mit Diabetes sein. Und zwar unabhängig von der Erkrankungsdauer und insbesondere, wenn die Patienten mehr als 1,5 g Metformin täglich einnehmen, Vegetarier sind und keine Vitamin-B12-Supplemente erhalten. Ebenfalls interessant: Auch die Deutsche und die Amerikanische Diabetes-Gesellschaft empfehlen, bei Patienten unter Metformintherapie regelmäßig den Vitamin-B12-Status zu prüfen.
Vielen Dank, Prof. Classen, für das Interview.