Zum Überleben benötigen Zecken einen geeigneten Wirt und passende Klimabedingungen.1, 2 Dr. Helen Esser von der Wildlife Ecology & Conservation Group der Universität Wageningen in den Niederlanden veranschaulichte Gründe für die steigenden Fallzahlen zeckenübertragener Krankheiten am Beispiel der Niederlande. Während die Anzahl der Frosttage pro Jahr von 1906 bis 2022 kontinuierlich sank, nahmen die Tage mit Temperaturen von mindestens 25 °C zu. Dies begünstigt, dass Zecken vermehrt ganz-jährig aktiv sind.3 Durch den Klimawandel breiten sich Zecken zudem vermehrt in nördlichere Breiten-grade und in höhere Lagen aus.4, 5 Doch auch andere Maßnahmen wie beispielsweise die Aufforstung und die vermehrte Begrünung in Städten bieten Zecken neue Lebensräume.6, 7 Somit ist das Grüne – wo sich Zecken aufhalten können – heutzutage auch in dichtbesiedelten Regionen fußläufig erreichbar und auch Stadtbewohner können vermehrt mit Zecken in Kontakt kommen.7
Mit dem steigenden Risiko werden auch Präventionsmaßnahmen immer wichtiger. Allgemein können Repellentien, lange, geschlossene Kleidung und das Absuchen des Körpers nach dem Aufenthalt im Grünen schützen. Die wichtigste Präventionsmethode gegen FSME ist jedoch die Impfung.8
Lyme-Borreliose Fälle werden deutlich unterschätzt
Dr. Gordon Brestrich (Senior Scientific Advisor, Vaccine Pipeline, Pfizer) beleuchtete das Thema Lyme-Borreliose und die bestehende Problematik der uneinheitlichen Surveillance in vielen Ländern Europas, darunter auch Deutschland. So besteht hierzulande keine bundesweite Meldepflicht für die Lyme-Borreliose, sondern es gibt eine solche lediglich auf Basis von Landesverordnungen in neun BundesländernA. Identifizierte Krankheitsfälle werden durch Behandelnde oder Labore nicht direkt an das Robert Koch-Institut (RKI) gemeldet, sondern an lokale Gesundheitsämter und von diesen über die Landesgesundheitsämter an das RKI. In den fünf Bundesländern, in denen Labore Fälle melden können, werden die meisten Krankheitsfälle über diesen Weg gemeldet. Ein jährliches Reporting gibt es nicht.9, 10 Während die Lyme-Borreliose-Fälle auf Basis der Surveillance tendenziell unterschätzt werden, zeigen Auswertungen medizinisch versorgter Fälle ein vollständigeres Bild der Krankheitssituation: Während auf Surveillance-Basis 2015 bis 2019 circa 11.000 Borreliose-Fälle gemeldet wurden, kommen Studien zur Auswertung medizinisch versorgter Fälle im gleichen Zeitraum auf etwa 200.000 Erkrankungen. In Deutschland wird demnach nur jeder 18. Borreliose-Fall durch die Surveillance erfasst. Real-World-Studien zur Evidenz aus dem Versorgungsalltag können daher dabei helfen, die Epidemiologie genauer einzuschätzen.11
Die Betrachtung medizinisch betreuter Fälle ist somit essenziell, um die tatsächliche Epidemiologie zu identifizieren und geeignete Präventions- und Behandlungsstrategien zu entwickeln.11, 12 Es besteht dementsprechend ein großes Verbesserungspotential beim Meldesystem, denn derzeit können nur Annahmen zu tatsächlichen Fallzahlen getroffen werden.
Aktuell steht kein Impfstoff gegen Borreliose zur Verfügung – es befinden sich jedoch Vakzine in klinischer Entwicklung. Dazu gehört der von Pfizer und Valneva gemeinsam entwickelte Impfstoff LB6V (ehemals VLA15).13
Steigenden FSME-Fallzahlen durch vollständigen Impfschutz begegnen
Abschließend befasste sich Prof. Gerhard Dobler (Konsiliarlabor für FSME, Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr, München) mit der Entwicklung der FSME-Fallzahlen in Europa. In Zentraleuropa zeigte sich in den Jahren 2005 bis 2023 ein zyklisches Muster mit seit 2016 ansteigenden Fallzahlen.14, 15 Dabei breitet sich die FSME von Osten nach Westen aus.14, 16 In Deutschland lagen die Fallzahlen 2024 und 2025 auf einem besonders hohen Niveau.17 Eine epidemiologische Studie in Niederbayern unter-suchte Blutspenden (1.339 Serumproben) auf FSME-Exposition, indem sie die durch Impfung und Infektion induzierten Seroprävalenzen verglich. Die Impfschutzrate lag bei 81,7 % und FSME-Infektionen traten insgesamt bei 3,1 % auf, waren jedoch unter den Ungeimpften fünffach häufiger (16,7 %).18 In den untersuchten Gebieten zeigten sich große Unterschiede bei der FSME-Infektionsrate in den Blutspenden. In Regionen mit landwirtschaftlichem Fokus waren die Infektionsraten niedriger als in Bereichen mit Bergen und Wäldern.19
Eine Auswertung bundesweiter Meldezahlen aus dem Jahr 2025 verdeutlicht die Relevanz des vollständigen Impfschutzes: 98 % der gemeldeten FSME-Erkrankten war nicht oder nur unzureichend geimpft. Bei einem unvollständigen Impfschutz wurde entweder die Grundimmunisierung nicht abgeschlossen oder es fehlten Auffrischimpfungen.20
Die Seroprävalenzdaten verdeutlichen: auch in Gebieten mit bereits hohen FSME-Impfquoten unter-schätzen die gemeldeten Erkrankungszahlen die tatsächliche Zahl der FSME-Infektionen. Die Infektionslast konzentriert sich dabei insbesondere auf nicht immunisierte Bevölkerungsgruppen.18 Um den aktuellen epidemiologischen Trends zu begegnen und die Fallzahlen zu senken, sollte ein größerer Fokus auf umfangreiche Präventionsmethoden gelegt werden. Den zuverlässigsten Schutz gegen FSME bietet laut RKI die FSME-Impfung. Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt diese daher allen Personen, die in einem FSME-Risikogebiet leben oder einen Aufenthalt dorthin planen und mit Zecken in Kontakt kommen können.20 Die Grundimmunisierung besteht aus drei Impfungen und kann beispielsweise mit dem Impfstoff FSME-IMMUNB durchgeführt werden. Im Anschluss sollte an eine regelmäßige Auffrischung gedacht werden. Die erste Auffrischimpfung erfolgt drei Jahre nach Abschluss der Grundimmunisierung und anschließend alle fünf Jahre bzw. ab dem 60. Lebensjahr alle drei Jahre.21, 22
A Bayern, Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen
B FSME-IMMUN wird als Synonym für die beiden Impfstoffe FSME-IMMUN 0,25 ml Junior und FSME-IMMUN 0,5 ml Erwachsene verwendet.