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Orthopädie, Rheumatologie, Schmerztherapie, Medizin Orthopädie Orthopädie
axSpA

Axiale Spondyloarthritis

Die axiale Spondyloarthritis (axSpA) gehört zu der Gruppe der Spondyloarthritiden (SpA) und stellt eine entzündlich-rheumatische Erkrankung des Achsenskeletts dar. Der zumeist primäre Befall der Sakroiliakalgelenke (SIG) kann auf die gesamte Wirbelsäule übergehen und zu entsprechenden Strukturveränderungen führen. Ätiopathogenetisch zeigt sich eine starke Assoziation mit dem MHC-Klasse-I-Antigen HLA-B27. Bei Befall der peripheren Gelenke präsentiert sich dieser als eine asymmetrische Oligo­arthritis mit Enthesitis-Komponente (Entzündung im Ansatzbereich von Sehnen und Bändern am Knochen), vornehmend der unteren Extremität. Die Therapie besteht aus dem frühen kontinuierlichen Einsatz von nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR) sowie dem Wechsel auf ein Biologikum (TNF-α-Inhibitoren, IL-17-Inhibitoren) oder Janus-Kinase-Inhibitoren bei Versagen von mindestens zwei NSAR. Im Sinne eines multimodalen Behandlungskonzeptes sollte die medikamentöse Therapie stets mit physio- und ergotherapeutischen sowie balneophysikalischen Maßnahmen ergänzt werden.


18.11.2021
Dr. Buschhorn-Milberger
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AS: ankylosierende Spondylitis
ASAS: Assessment-of-SpondyloArthritis-international-Society
ASDAS: Ankylosing Spondylitis Disease Activity Score
axSpA: axiale Spondyloarthritis
BASDAI: Bath Ankylosing Spondylitis Disease Activity Index
CED: chronisch-entzündliche Darmerkrankungen
DGRh: Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie
DISH: idiopathische skelettale Hyperostose
DMARD: Disease-modifying anti-rheumatic drug
FSE: Fast-Spinecho-Sequenz
HLA: Humanes-Leukozyten-Antigen
MHC: Haupthistokompatibilitätskomplex
MTX: Methotrexat
MRT: Magnetresonanztomographie)
nr-axSpA: nicht-röntgenologische axSpA
NSAR: nichtsteroidale Antirheumatika
p.a.: posterior-anterior
PsA: Psoriasisarthritis
r-axSpA: röntgenologische axSpA
SIG: Sakroiliakalgelenke
SpA: Spondyloarthritis
SSZ: Sulfasalazin
STIR: Short Tau Inversion Recovery
TIRM: Turbo-Inversion Recovery-Magnitude
VIBE: Volume Interpolated Breathhold Examination



Einleitung

Die axiale Spondyloarthritis (axSpA) ist eine entzündlich-rheumatische Erkrankung aus der Gruppe der Spondyloarthritiden (SpA), die häufig mit dem Haupthistokompatibilitätskomplex (MHC)-Klasse-I-Antigen Humanes-Leukozyten-Antigen (HLA)-B27 assoziiert ist. Initial zeigt sich zumeist ein Befall der Sakroiliakalgelenke (SIG), während im Verlauf auch weitere Abschnitte der gesamten Wirbelsäule mit entsprechenden Strukturveränderungen sowie die peripheren Gelenke betroffen sein können1,2. Folgende Erkrankungen sind dem Formenkreis der SpA zuzuordnen:

  • axiale Spondyloarthritis (axSpA)
    • röntgenologische axSpA (r-axSpA); Synonyme: ankylosierende Spondylitis (AS), Morbus Bechterew
    • nicht-röntgenologische axSpA (nr-axSpA)
  • SpA in Assoziation mit Psoriasis, Psoriasisarthritis (PsA) inklusive der Sonderform des SAPHO-Syndroms
  • reaktive SpA inklusive der Sonderform Reiter-Syndrom
  • SpA in Assoziation mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CED) wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa
  • Juvenile SpA (Oligoarthritis)

Hierbei ist die Unterscheidung zwischen der röntgenologischen axSpA (r-axSpA) sowie der nicht-röntgenologischen axSpA (nr-axSpA) in der Klassifikation besonders hervorzuheben. Diese Unterteilung der Erkrankungsgruppe der axSpA beruht auf einer rein röntgenologischen Bewertung des Strukturschadens an den SIG und nicht auf dem Ausmaß der klinischen Beschwerden. Daher werden fälschlicherweise häufig auch Patienten mit einer nr-axSpA als Morbus-Bechterew-Patienten bezeichnet, obwohl dies eigentlich einer strengen röntgenologischen Definition folgt. Ob und wann eine nr-axSpA in eine r-axSpA übergeht, ist variabel. In der klinischen Routine wird bei Diagnosestellung lediglich die Diagnose einer axSpA gestellt. Die Unterscheidung zwischen nr-axSpA und r-axSpA ist nur für Studien von Interesse3,4.

Das mittlere Erkrankungsalter liegt bei 26 Jahren, wobei sich bei der r-axSpA eine Häufung beim männlichen Geschlecht zeigt, wohingegen die nr-axSpA eine ausgeglichene Geschlechterverteilung aufweist. Grundsätzlich beträgt die Prävalenz der r-axSpA in Deutschland etwa 0,3–0,5 %. Für nr-axSpA liegen keine validen Daten bezüglich der Prävalenz vor5.

Während die Ätiopathogenese der Erkrankung größtenteils ungeklärt ist, zeigt sich bei den meisten Patienten eine deutliche Assoziation mit dem HLA-B27-Gen. Immerhin 60–70 % der nr-axSpA-Patienten und 80–90 % der r-axSpA-Patienten sind HLA-B27-positiv. Der Nachweis von HLA-B27 ist jedoch weder beweisend für eine axSpA (in Deutschland ist ca. 8 % der Gesamtbevölkerung HLA-B27-positiv, wovon >90 % gesund sind), noch spricht das Fehlen gegen die Erkrankung6. Die Diagnose wird aus einer Zusammenschau der klinischen, serologischen und bildgebenden Untersuchungen gestellt.

Diagnostik

Führend in der Diagnosestellung sind die anamnestischen Angaben des entzündlichen Rückenschmerzes. Der entzündliche Rückenschmerz wurde die letzten Jahre durch verschiedene Studien und Expertengruppen unterschiedlich definiert7. Die hier aufgeführten Variablen fassen die gängigsten Definitionen zusammen:

  • Alter: ≤45 Jahre
  • Dauer: ≥3 Monate
  • schleichenden Beginn
  • Morgensteifigkeit ≥30 Minuten
  • Besserung bei Bewegung
  • keine Besserung durch Ruhe
  • alternierender Gesäßschmerz
  • nächtliche Schmerzen mit Aufwachen, insbesondere in der zweiten Nachthälfte

Zusätzlich zu den Beschwerden des axialen Befalles können die Patienten eine asymmetrische Oligoarthritis, zumeist der unteren Extremität sowie körpernaher Gelenke (Schulter- und Hüftgelenke), mit entsprechenden Arthralgien, Gelenkschwellungen sowie Bewegungseinschränkungen vorweisen. Hier spielen auch schmerzhafte Sehnenansätze im Sinne einer Enthesitis sowie eine Gelenksentzündung im Strahl (Daktylitis) in der Anamnese sowie in der klinischen Untersuchung eine Rolle.

Bei bis zu 40 % der Patienten bestehen außerdem verschiedene extra-muskuloskelettale Manifestationen wie eine Augenbeteiligung (anteriore Uveitis), eine Assoziation mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (Morbus Crohn und Colitis ulcerosa) oder eine Psoriasis vulgaris als kutane Beteiligung8.

In selteneren Fällen treten auch eine kardiale Beteiligung mit Aortitis, einer Aortenklappeninsuffizienz und Reizleitungsstörungen, eine pulmonale Beteiligung mit apikaler Lungenfibrose sowie eine Nierenbeteiligung mit Ausbildung einer Amyloidose auf. Letzteres geht mit einer hohen Krankheitsaktivität und einer erheblichen, auch systemisch nachzuweisenden, Entzündung einher.

Neben der ausführlichen internistischen körperlichen Untersuchung sollte diese um eine Untersuchung des Bewegungsapparates komplettiert werden. Hier sollte eine Inspektion und Palpation der peripheren Gelenke sowie der Wirbelsäule mit einer Erhebung der Bewegungsgrade sowie der Wirbelsäulenbeweglichkeit erfolgen.

Das modifizierte Schober-Zeichen misst die Flexion der unteren Lendenwirbelsäule (LWS), hierbei gilt ein Unterschied von
≥5 cm zwischen Normalhaltung und Flexion als physiologisch. Die Lateralbeweglichkeit der Brustwirbelsäule (BWS) und LWS kann mithilfe des lateralen Schober-Zeichens (beidseits messen, normal ≥10 cm) eruiert werden. Ebenfalls von Interesse ist eine möglicherweise bestehende kosto­sternale oder kostovertebrale Beteiligung, welche zu einer eingeschränkten Thoraxexkursion führen kann. Daher wird die Thoraxexkursion mithilfe der auf Höhe des vierten Interkostalraums bestimmten Atembreite (physiologische Differenz zwischen maximaler Ex- und Inspiration mindestens 5 cm) erfasst. Eine bereits beginnende oder fortgeschrittene Kyphosierung der BWS wird mittels Tragus-Wand-Abstand erhoben. Zuletzt gehört die Palpation der SIG auf Druckempfindlichkeit sowie das Testen des Mennel-Zeichens zu der ausführlichen Untersuchung der Wirbelsäule.

Die radiologische Diagnostik hat in der Diagnose der axSpA einen hohen Stellenwert, wobei Röntgen und Magnetresonanztomographie (MRT) die wichtigsten bildgebenden Instrumente sowohl in der Frühdiagnose als auch in der Verlaufsbeurteilung der axSpA darstellen.

Häufig sind zu Beginn der Erkrankung keine röntgenologisch nachzuweisenden Strukturveränderungen vorhanden, sodass bei der Frühdiagnose die MRT durchzuführen ist. Hier spielen insbesondere Sequenzen mit Fett-Suppression (T2/FSE, STIR oder TIRM, T1/Gd) bei dem Nachweis einer floriden Entzündung eine Rolle. Zwischen der T1-Sequenz mit Kontrastmittel (Gadolinium) oder der STIR-Sequenz ohne Kontrastmittel gibt es keinen wesentlichen Unterschied in der Darstellung der entzündlichen Areale. Es können beide Verfahren zur Darstellung entzündlicher Prozesse verwendet werden.

Aber auch für den frühen Nachweis von Erosionen (mittels T1-gewichteter Spin-echo- oder VIBE-Sequenzen), insbesondere der SIG, wird die MRT zunehmend wichtiger. Abhängig von den klinischen Symptomen ist somit zu Beginn meistens eine MRT-Untersuchung der SIG sinnvoll. Hier stellen Knochenmarködeme, Synovitiden, Enthesitiden sowie Kapsulitiden Zeichen einer Sakroiliitis dar, während chronische Veränderungen in den SIG durch Erosionen, einer subchondralen Sklerose, Fettmetaplasien oder Knochenbrücken sowie Ankylosen charakterisiert sind9. Diese chronischen Veränderungen lassen sich z.T. auch röntgenologisch nachweisen. Die röntgenologische Graduierung der Sakroillitis erfolgte bereits 1966, wobei die strukturellen Veränderungen an den SIG in fünf Graden eingeteilt werden. Hierbei stellt Grad 0 normale Verhältnisse der SIG und Grad 5 eine totale Ankylosierung der SIG dar. Diese Graduierung der SIG fließt in die modifizierten New-York-Kriterien mit ein (Abb. 1)10. Die Röntgenaufnahmen von SIG und Wirbelsäule sollten in posterior-anteriorem (p.a.) Strahlengang durchgeführt werden. Die Wirbelsäule sollte ergänzend noch eine Aufnahme von lateral erhalten.

Eine Auflistung typischer akuter sowie chronischer Veränderungen sowohl im Röntgenbild als auch im MRT zeigt Tabelle 1.

Die laborchemischen Parameter geben bei der Diagnosestellung einer axSpA wenig Aufschluss. Ein Nachweis von Entzündungsparametern (erhöhtes CRP oder erhöhte BSG) ist bei gut der Hälfte der Patienten bei Aktivität der axSpA nicht vorhanden11. Im Durchschnitt weisen Patienten mit einer r-axSpA häufiger erhöhte Entzündungswerte auf als nr-axSpA-Patienten, jedoch ist bislang nur eine geringe Korrelation zwischen klinischer Krankheitsaktivität der axSpA (gemessen mit BASDAI) und serologischem Anstieg der Entzündungsparameter nachgewiesen12.

Bei der Diagnosefindung können die 2009 publizierten Klassifikationskriterien der ASAS (Abb. 2) hilfreich sein3. Nach erfülltem Eingangskriterium (=Vorhandensein eines chronischen Rückenschmerzes, Patientenalter <45 Jahre bei Symptombeginn) wird die weitere Abklärung in einen bildgebenden und einen klinischen Arm eingeteilt. Im bildgebenden Arm müssen mindestens ein und beim klinischen Arm mindestens zwei der folgenden SpA-Parameter vorliegen: entzündlicher Rückenschmerz, Arthritis, Enthesitis, anteriore Uveitis, Daktylitis, Psoriasis vulgaris, Colitis bei CED, gutes NSAR-Ansprechen, positive Familienanamnese für SpA, Nachweis von HLA-B27, erhöhtes CRP. Die Sensitivität und Spezifität der Klassifikationskriterien liegen bei 82,9 und 84,4 %.

Entscheidend in der Diagnose der axSpA ist die frühe Überweisung zum Rheumatologen. Daher haben die in der Primärversorgung tätigen Ärzte (insbesondere Hausärzte und Orthopäden) eine wichtige Rolle inne. Eine vor Jahren publizierte Analyse konnte eine (anlehnend an die bestehenden ASAS-Klassifikationskriterien) zweiphasige Strategie entwickeln, die zur Optimierung der frühen Diagnosestellung durch Identifikation möglicher SpA-Patienten in der Primärversorgung beitragen könnte13. Den Patienten, die sich vor dem 45. Lebensjahr mit einem chronischen Rückenschmerz in der Primärversorgung vorstellen, sollten folgende drei Fragen gestellt werden:

  1. Besteht ein beidseitiger Gesäßschmerz?
  2. Wird der Rückenschmerz durch Bewegung verbessert?
  3. Besteht eine Psoriasis vulgaris?

Werden mindestens zwei der drei Fragen bejaht, sollte eine Überweisung zu einem Rheumatologen veranlasst werden; werden weniger als zwei Fragen bejaht, sollte eine Bestimmung von HLA-B27 erfolgen. Zeigt sich hier das Vorliegen des genetischen Merkmals, sollte ebenfalls die Überweisung zum Rheumatologen initiiert werden.

Wichtige Differenzialdiagnosen

Die Angabe von Rückenschmerzen führt häufig zu radiologischer Diagnostik. Insbesondere in den Frühphasen der Erkrankung einer axSpA fällt die radiologische Unterscheidung zu anderen Erkrankungen schwer. Hier ist allen voran die Osteitis condensans ilii bzw. die Hyperostosis triangularis anzuführen. Dies ist eine durch mechanischen Stress induzierte Sklerose der sakroiliakalgelenksnahen Anteile des Os ilium, welche ebenfalls mit Erosionen an den SIG einhergehen kann. Entscheidend ist hier die Anamnese des Symptombeginnes. Nicht selten tritt diese Erkrankung bei Schwangeren oder bei Patientinnen kurz nach der Entbindung auf14.

Eine weitere wichtige Differenzialdiagnose, jedoch eher bei bereits bestehender axSpA und der Frage eines entzündlichen Schubes, stellt die bakterielle Spondylitis dar. Bei dieser Erkrankung kommt es ebenso zu MR-morphologisch nachzuweisenden entzündlichen Veränderungen der Wirbelkörper, welche z.T. schwierig von einer entzündlichen Aktivität der bekannten axSpA zu differenzieren sind. Hier liefern laborchemische sowie mikrobiologische Untersuchungen zum Nachweis einer bakteriellen Genese die entscheidenden Informationen, da eine Fehleinschätzung der Bildgebung von verheerenden Auswirkungen wäre. Während die entzündliche Aktivität der axSpA mit einer Umstellung bzw. Intensivierung der immunmodulierenden bzw. immunsupprimierenden Therapie einhergeht, muss eine bakterielle Spondylitis zeitnah hochdosiert antibiotisch anbehandelt und die Immuntherapie umgehend pausiert werden.

Die wichtigste Differenzialdiagnose für die r-axSpA stellt die idiopathische skelettale Hyperostose (DISH) dar. Die Unterscheidung ist häufig zusätzlich erschwert, da auch viele Patienten mit einer r-axSpA Anteile einer DISH aufweisen14. Prinzipiell gelingt die Unterscheidung mittels Bildgebung durch Nachweis charakteristischer Spondylophytenbildung bei der DISH im Vergleich zu Syndesmophytenbildung bei der r-axSpA.

 

Assessments zum Erfassen der Krankheitsaktivität

Aktuell gibt es zwei international verwendete Scores zum Erfassen der Krankheitsaktivität.

Im Bath Ankylosing Spondylitis Disease Activity Index (BASDAI) werden sechs Fragen bezüglich Müdigkeit/Erschöpfung, Schmerzen in Nacken, Hüfte, Rücken, Schmerzen in anderen Gelenken, Morgensteifigkeit im Allgemeinen, Morgensteifigkeit nach dem Aufwachen sowie Berührungs- bzw. Druckempfindlichkeit gestellt. Es können Werte zwischen 0 (keine Krankheitsaktivität) und 10 (maximal erhöhte Krankheitsaktivität) erreicht werden. Hierbei ist ein BASDAI von ≥4 mit einer erhöhten Krankheitsaktivität gleichzusetzen.7

Der Ankylosing Spondylitis Disease Activity Score (ASDAS) ist eine Weiterentwicklung des BASDAI und enthält drei Domänen des BASDAI in Kombination mit dem CRP-Wert und dem Patientenglobalurteil. Ein ASDAS <1,3 Einheiten zeigt keine Krankheitsaktivität an, während ein ASDAS >3,5 Einheiten mit einer sehr hohen Krankheitsaktivität einhergeht. Erst ein Rückgang des ASDAS um mehr als zwei Einheiten wird als klinisch relevante Verbesserung gewertet7.

Therapie

Neben der im Folgenden näheren erläuterten medikamentösen Therapie stellen nichtmedikamentöse Maßnahmen wie Physio- und Ergotherapie sowie balneophysikalische Maßnahmen einen wichtigen Baustein in der Behandlung der axSpA dar und sollten im Sinne eines multimodalen Behandlungskonzeptes regelmäßig ab dem Zeitpunkt der Diagnosestellung verordnet und durchgeführt werden. Insbesondere regelmäßige Bewegungsübungen sollten erlernt und täglich praktiziert werden, um die Wirbelsäulenbeweglichkeit und damit Funktionsfähigkeit lange zu erhalten7.

Die für die rheumatoide Arthritis wirksamen konventionellen DMARDs (csDMARDs; disease-modifying anti-rheumatic drugs) zeigen keinerlei Wirksamkeit auf entzündliche Veränderungen der Wirbelsäule, werden wohl aber bei einer peripheren Arthritis eingesetzt. Hier sind Sulfasalazin (SSZ) sowie Methotrexat (MTX) anzuführen, wobei die meisten Daten für SSZ vorliegen7.

Die medikamentöse Erstlinientherapie der axSpA basiert auf der Gabe von nicht-steroidalen Antirheumatika (NSAR). Hervorzuheben ist hier ein ggf. bestehender Vorteil von Coxiben gegenüber traditionellen NSAR auf die Röntgenprogression (radiologisch erkennbares Fortschreiten der Schädigungen)15. Außerdem ist die Maximaldosis des jeweiligen NSAR notwendig, um zu prüfen, inwieweit die NSAR Therapie hilft. Bei ausreichendem Ansprechen kann diese im Verlauf reduziert werden. Bei unzureichendem Ansprechen sollte ein Wechsel auf ein weiteres NSAR erfolgen. Laut den Empfehlungen der ASAS zur Therapie von Patienten mit
axSpA wird nach Behandlung von mindestens zwei NSAR über insgesamt vier Wochen die Eskalation der Therapie empfohlen16.

Die ersten, initial nur für die r-axSpA zugelassenen Biologika waren die TNF-α-Inhibitoren. Mittlerweile sind diese sowohl für die r-axSpA als auch für die nr-axSpA zugelassen. Aber nicht nur die TNF-α-Inhibitoren, sondern auch die IL-17-Inhibitoren sowie der JAK-Inhibitor Upadacitinib (nur für die r-axSpA), haben mittlerweile eine Zulassung in Deutschland. Tabelle 2 ermöglicht einen Überblick über alle aktuell in Deutschland zugelassenen immunmodulierenden Medikamente für die r-axSpA und nr-axSpA.

Zum aktuellen Zeitpunkt gibt es keine Empfehlung, mit welchem Biologikum bei isolierter axialer Manifestation zuerst begonnen werden sollte. Jedoch zeigt sich ein unterschiedliches Ansprechen der Medikamente auf bestehende extraartikuläre Manifestationen. Während die TNF-α-Inhibitoren und hier besonders die monoklonalen Antikörper (= alle TNF-α-Inhibitoren bis auf Etanercept) ein Ansprechen auf eine Darmbeteiligung (chronisch-entzündliche Darmerkrankungen) aufweisen sowie besser auf eine Augenbeteiligung (anteriore Uveitis) ansprechen, zeigt sich ein sehr gutes Ansprechen der IL-17-Inhibitoren auf eine zeitgleich bestehende Psoriasis vulgaris. Die Rolle der JAK-Inhibitoren in diesem Therapiealgorithmus wird zurzeit näher untersucht.

Grundsätzlich ist das Risiko- bzw. Sicherheitsprofil der zugelassenen Biologika bzw. JAK-Inhibitoren miteinander zu vergleichen. Es zeigt sich jedoch im Vergleich insbesondere bei den TNF-α-Inhibitoren ein erhöhtes Risiko der Reaktivierung einer latenten Tuberkulose, wohingegen bei JAK-Inhibitoren eine erhöhte Gefahr der Reaktivierung einer Herpes-zoster-Infektion besteht.

Bei unzureichendem Ansprechen eines Biologikums kann ein Wechsel sowohl innerhalb der Wirkstoffklasse mit häufig dann nochmalig erfolgreichem Ansprechen sowie zwischen den verschiedenen Wirkprinzipien erfolgen. Die Datenlage hierzu ist allerdings eher begrenzt. Die meisten Daten liegen für einen Wechsel zwischen verschiedenen TNF-α-Inhibitoren vor, wobei hier angemerkt werden sollte, dass sich bei dem zweiten bzw. dritten TNF-α-Inhibitor bereits ein schlechteres Ansprechen als bei dem ersten zeigte17.

Aufgrund der guten Therapieergebnisse mit allen oben genannten Therapieprinzipien werden operative Maßnahmen kaum noch durchgeführt. In seltenen Fällen kann eine Wirbelsäulenkorrekturosteotomie bei r-axSpA-Patienten mit eingeschränkter Fähigkeit zur horizontalen Sicht indiziert sein.

Prognose

Insbesondere der vermehrte Einsatz von Biologika führte in den letzten Jahren zu einer verbesserten Prognose der Patienten mit axSpA. Nichtsdestotrotz kommt es weiterhin zu einer verzögerten Diagnosestellung, was einen erheblichen Einfluss auf die Prognose der Patienten hat. Im Durchschnitt braucht es in Deutschland 5,7 Jahre, bis Patienten mit einer axSpA erstmalig bei einem Rheumatologen vorstellig werden18.

Grundsätzlich ist der Erkrankungsverlauf der Patienten sehr variabel und u.a. von einem frühen Einsatz mit anti-entzündlichen Medikamenten und damit einhergehend einer frühzeitigen Diagnosestellung abhängig. Immerhin bis zu 30 % der
axSpA-Patienten weisen einen progredienten Verlauf auf und entwickeln einen schweren Verlauf durch Syndesmophytenbildung an der Wirbelsäule19.

Die Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh) hat in ihrer zuletzt 2019 aktualisierten Leitlinie zur Behandlung der axSpA folgende prognostisch ungünstige Faktoren für einen schweren, bzw. rasch progredienten Verlauf einer axSpA genannt:

  • männliches Geschlecht
  • erhöhte Entzündungsparameter (CRP)
  • chronischer Nikotinabusus
  • periphere Gelenksbeteiligung
    • Hüftgelenksbeteiligung
  • radiologische Faktoren:
    • Syndesmophyten bei der Erstvorstellung
    • radiologische SIG-Veränderungen in den ersten zwei Jahren
    • erhebliche Sakroiliitis in der MRT bei der Erstvorstellung

Die Mortalität von Patienten mit axSpA ist entscheidend von der Krankheitsaktivität abhängig. Haupttodesursache stellen hier die kardiovaskulären Erkrankungen dar.

Fazit für die Praxis

 

  • Die axSpA ist eine primär den jüngeren Menschen betreffende Erkrankung, welche mit den Charakteristika eines entzündlichen Rückenschmerzes einhergeht.
  • Mithilfe gezielter Fragen kann bereits in der Anamnese die Wahrscheinlichkeit für das Bestehen einer axSpA eruiert werden.
  • Ergänzende Untersuchungen sind insbesondere die Bestimmung des genetischen Merkmals HLA-B27 sowie radiologische Diagnostik in Form einer MRT.
  • Die Therapie besteht aus einem multimodalen Behandlungskonzept aus Physiotherapie, Bewegungstherapie sowie medikamentöser Therapie.
  • Nach Versagen der Erstlinientherapie (NSAR) kommen Biologika (TNF-α-Inhibitoren, IL-17-Inhibitoren) sowie der JAK-Inhibitor Upadacitinib zum Einsatz.
     

Evidenzgrad: Ia
Interessenkonflikte: V. B.-M.: Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie (Mitgliedschaft). X. B.: Assessments in Spondyloarthritis International Society (ASAS) (Präsident), Bundesverband Deutscher Rheumatologen (Vorstandsmitglied), Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie (Beiratsmitglied), Verband Rheumatologischer Akutkliniken (Vorstandsmitglied), Europäische Rheumatologengesellschaft (Schatzmeister)
 

Korrespondenzadresse
Dr. med. Verena Buschhorn-Milberger
PD Dr. med. Xenofon Baraliakos
Rheumazentrum Ruhrgebiet
Ruhr-Universität Bochum
Claudiusstraße 45, 44649 Herne
xenofon.baraliakos(at)elisabethgruppe.de

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