Skip to main content

Dieser Beitrag ist nur für Mitglieder verfügbar!

Gefäßmedizin, Infektiologie, Medizin Gefäßmedizin Gefäßmedizin, vasomed
vasomed 4/23

Bakterielle Infektionen schwer heilender Wunden: „Antimicrobial Stewardship“ – Seid ihr noch tolerant oder schon resistent?

Die weltweite Prävalenz chronischer Wunden unterschiedlicher Ätiologie wird auf 2,2 pro 1.000 Einwohner geschätzt (1), wobei die Zahl aufgrund der sogenannten „Lifestyle Diseases“ (2) und des demographischen Wandels (3) stetig wächst. Sie sind nicht nur weltweit ein zunehmendes sozioökonomisches Problem (4), sondern reduzieren auch die Lebensqualität der Betroffenen (5, 6). Viele Arten von Mikroorganismen können Wunden infizieren, jedoch sind Bakterien am häufigsten (7). Da sie eine der Haupt­ursache der verzögerten Wundheilung sind, sind Infektionsprävention und die reflektierte Anwendung antimikrobieller Lösungen und Wundauflagen von zentraler Bedeutung (6). 


04.07.2023
E. K. Stürmer
Teilen auf:
drucken Gefällt mir merken

ZITIERWEISE: VASOMED 2023; 35 (4): 120-122

Die antimikrobielle Resistenz (AMR) ist ein wachsendes Problem, das ein globales und koordiniertes, gemeinsames Handeln erfordert (7, 8). Das Wort „antimikrobiell“ ist dabei ein Überbegriff, der sich auf Desinfektionsmittel, Antiseptika, Virustatika, antimykotische und antiparasitäre Mittel sowie Antibiotika bezieht (9, 10) und nicht allein auf letztere. AMR beschreibt, dass Mikroorganismen (Stoffwechsel-)Mechanismen (z. B. Multi-Drug-Efflux-Pumpen, Resistenzgen-Austausch) entwickeln, die verhindern, dass Wirkstoffe sie schädigen oder töten. Somit verlieren diese ihre therapeutische bzw. prophylaktische Wirkung, die Patienten in vielen Bereichen, wie z. B. bei postoperativen (Wund-)Infektionen, schützt und Leben rettet. Weltweit werden Mikroorganismen zunehmend resistent gegen Antibiotika (11), deshalb sollte der Einsatz dieser „Wunderwaffe“ stets überdacht werden. Die Hauptursachen für die AMR werden darin gesehen, dass triviale oder gar virale Infektionen mit Antibiotika behandelt werden – auch weil viele Ärzte eine „schnelle Lösung“ zur Therapie ihrer Patienten finden müssen, die Verordnung bzw. Einnahme durch Patienten zu kurz oder zu lang ist oder in Unkenntnis des Wirkspektrums des jeweiligen Antibiotikums unnötig ein Breitspektrum- oder Reserve-Antibiotika eigesetzt wird – letzteres auch in der Veterinärmedizin.

Somit fokussiert das „Antimicrobial Stewardship“ (AMS) in erster Linie auf den Einsatz von Antibiotika (12). Das Robert-Koch-Institut definiert wie folgt: „Unter Antibiotic Stewardship versteht man den rationalen und verantwortungsvollen Einsatz von Antibiotika durch den Nachweis einer bakteriellen Infektion, die Wahl des geeigneten Antibiotikums, die Anpassung von Therapiedauer, Dosierung und Form der Antibiotika-Gabe. Ziel ist, die Patienten bestmöglich zu behandeln und gleichzeitig zu verhindern, dass Selektionsprozesse und Resistenzen bei den Bakterien auftreten.“ (13) Die Furcht vor Zunahme (bakterieller) Resistenzen wird auch anhand der „World Antimicrobial Awareness Week“ (WAAW), die die WHO jährlich Ende November ausruft, deutlich.

Für die Praxis bedeutet AMS, dass bei Patienten mit chronischen Wunden im Vorfeld bereits Maßnahmen ergriffen werden sollten, um eine systemische Infektion und damit eine medizinisch-indizierte Antibiotikagabe zu vermeiden, wobei lokale Antibiotika bei chronischen Wunden generell obsolet sind (14). Zu diesen oben genannten Maßnahmen gehört z. B. der gezielte Einsatz von Antiseptika (z. B. Polyhexanid, Octenisept®, hypochlorige oder chlorhaltige Lösungen). Als diagnostische Hilfe, wann ihr Einsatz sinnvoll ist, existieren zwei Scores, bei denen die individuellen Risiken der Patienten berücksichtigt (W.A.R.-Score (15)) oder die aktuellen, klinischen Wundmerkmale fokussiert werden (TILI-Score (16)). Wie, wann und ob überhaupt dann bei mehr oder minder sicheren Zeichen der (lokalen) Wundinfektion ein Wundabstrich entnommen werden sollte, bleibt in Diskussion. Nur eines scheint in diesem Zusammenhang eindeutig: Die Gewebe­biopsie ist dem Wundabstrich nach Levine (17) bzw. dem Essener Kreisel (18) im Hinblick auf die mikrobielle Detektion nicht überlegen (19).

Auch wenn es immer wieder postuliert wird, so scheint es zum jetzigen Zeitpunkt keine klinisch-relevante bakterielle Resistenz gegenüber den in der Wundversorgung verwendeten Antiseptika zu geben. Ein Großteil human-pathogener Bakterien ist jedoch in der Lage, sogenannte Biofilme zu bilden, die wie ein Schutzschild gegen Antiseptika (und auch Antibiotika) wirken (20). Biofilme bestehen im Wesentlichen aus (Lipo-)Polysacchariden, Proteinen und darin eingebetteten Bakterien verschiedener Spezies (21). An dieser Biofilm-Matrix scheitern antimikrobielle Wirkstoffe. Diese sind nicht in der Lage, sie zu spalten, in sie einzudringen und die darin enthaltenen Mikroorganismen zu töten. Deshalb spricht man von „antimikrobieller Toleranz“ der Biofilm-Bakterien. Durch die regelmäßige Durchführung eines Wund-Debridements 
(Abb. 1) kann jedoch die bakterielle Belastung gesenkt (22, 23), ihre Zusammensetzung positiv beeinflusst (24), die Effektivität der lokalen Antiseptika erhöht und damit ein Schritt in Richtung „Wundheilung“ unternommen werden – auch wenn es dafür (noch) keine ausreichende Evidenz gibt. 

Interessenkonflikte: Die Autorin erhielt Honorare für Beratung, Vorträge und/oder Studien von curea medical, Essity, Serag-Wiessner, Schülke & Mayr, Smith+Nephew.

Dieser Beitrag beruht auf einem Vortrag beim Deutschen Wundkongress, der vom 10.–12.05.2023 in Bremen stattfand.



1.    Martinengo L, Olsson M, Bajpai R, et al. Prevalence of chronic wounds in the general population: systematic review and meta-analysis of observational studies. Ann Epidemiol. 2019; 29:8–15.
2.     Gethin G, Touriany E, van Netten J, et al. The impact of patient health and lifestyle factors on wound healing, Part 1: Stress, sleep, smoking, alcohol, common medications and illicit drug use. 
J Wound Manag. 2022;23(1 Suppl 1):1–41.
3.     Gould L, Abadir P, Brem H, et al. Chronic Wound Repair and Healing in Older Adults: Current Status and Future Research. J Am Geriatr Soc. 2015;63:427–38.
4.     Olsson M, Järbrink K, Divakar U, et al. The humanistic and economic burden of chronic wounds: A systematic review: The burden of chronic wounds. Wound Repair Regen. 2019;27:114–25.
5.     Järbrink K, Ni G, Sönnergren H, et al. The humanistic economic burdenof chronic wounds: A protocol for a systematic review. Syst Rev 2017;6:15
6.     Probst S, Apleqvist J, Bjarnsholdt T, et al. Antimicrobials and Non-healing Wounds: An Update. J Wound Management. 2022;23(3 Sup1):S1-S33.
7.     Bessa LJ, Fazii P, Di Giulio M, et al. Bacterial isolates from infected wounds and their antibiotic susceptibility pattern: Some remarks about wound infection: Bacterial isolates from infected wounds and their antibiotic susceptibility pattern. Int Wound J. 2015;12:47–52.
7.     Murray CJ, Ikuta KS, Sharara F, et al. Global burden of bacterial antimicrobial resistance in 2019: A systematic analysis. The Lancet. 2022;399:629–55.
8.     World Health Organization. Global antimicrobial resistance and use surveillance system (GLASS) report: 2021; World Health Organization; 2021: apps.who.int/iris/handle/10665/341666.
9.     Siddiqui AR, Bernstein JM. Chronic wound infection: Facts and controversies. Clin Dermatol. 2010;28:519–26.
10. Edwards-Jones V. Antimicrobial stewardship in wound care. Br J Nurs. 2020;29:S10–6.
11. Guan H, Dong W, Lu Y, et al. Distribution and Antibiotic Resistance Patterns of Pathogenic Bacteria in Patients With Chronic Cutaneous Wounds in China. Front Med. 2021;8:609584.
12. Dyar OJ, Huttner B, Schouten J & ESGAP (ESCMID Study Group for Antimicrobial stewardship). What is antimicrobial stewardship? Clin Microbiol Infect. 2017;23:793-798. 
13. Definition Antibiotic Stewardship. Robert-Koch-Institut, Deutschland. www.rki.de/DE/Content/Infekt/Antibiotikaresistenz/Antibiotic_Stewardship.html.
14. AWMF S3-Leitlinie 091-001 „Lokaltherapie chronischer Wunden bei den Risiken CVI, PAVK und Diabetes mellitus“ 2023 (derzeit Konsultationsfassung). Deutsche Gesellschaft für Wundheilung und Wundbehandlung e.V. (DGfW); online: www.awmf.org.
15. Dissemond J, Assadian O, Gerber V, et al. Classification of wounds at risk and their antimicrobial treatment with polihexanide: a practice-oriented expert recommendation. Skin Pharmacol Physiol. 2011; 24:245-55.
16. Dissemond J, Gerber V, Lobmann R et al. Therapeutic index for local infections score (TILI): a new diagnostic tool. J Wound Care. 2020;29:720-726.
17. Levine NS, Lindberg RB, Mason AD, et al. The quantitative swab culture and smear: A quick, simple method for determining the number of viable aerobic bacteria on open wounds. J Trauma. 1976;16:89-94.
18. Al Ghazal P, Korber A, Klode J et al. Evaluation of the Essen Rotary as a new technique for bacterial swabs: results of a prospective controlled clinical investigation in 50 patients with chronic leg ulcers. Int Wound J. 2014;11:44-49.
19. Rondas AALM, Schols JMGA, Halfens RJG et al. Swab versus biopsy for the diagnosis of chronic wound infected wounds. Adv Skin Wound Care 2013;26:211-9.
20. Stürmer EK. Wundbiofilm – eine bakterielle Erfolgsgeschichte. Wundmanagement 2022;16(Supp.1):1-35.
21. Costerton JW, Stewart PS, Greenberg EP. Bacterial Biofilms: A Common Cause of Persistent Infections. Science. 1999;284:1318–22.
22. Edwards J, Stapley S. Debridement of diabetic foot ulcers. Cochrane Database Syst Rev 2010: CD003556.
23. Dissemond J, Bültemann A, Gerber V et al. Positionspapier der Initiative Chronische Wunde (ICW) e. V. zur Nomenklatur des Débridements chronischer Wunden. Hautarzt 2022;73:369–375.
24. Durand BARN, Pouget C, Magnan C, et al. Bacterial Interactions in the contex of chronic wound biofilm: a review. Microorganisms 2022;10:1500.

Korrespondenzadresse

Univ.-Prof. Dr. med. Ewa K. Stürmer
Comprehensive Wound Center UKE, Translationale Wund­forschung 
Klinik und Poliklinik für Gefäßmedizin
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Martinistr. 52, 20246 Hamburg
e.stuermer(at)uke.de