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Parkinson-Tag 2025

Biomarker, Therapie, Prävention: Neue Perspektiven zum Welt-Parkinson-Tag 2025

Zum Welt-Parkinson-Tag 2025 stellte die Deutsche Gesellschaft für Parkinson und Bewegungsstörungen neue Erkenntnisse zu Diagnostik und Therapien vor – mit Fokus auf Biomarker, krankheitsmodifizierende Therapien, Forschungsförderung und alltagsnahe Strategien wie Bewegung und Schlaf.


07.07.2025
L.Abraham
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Krankheitsmodifizierende Therapien im Fokus

Prof.  Brockmann, stellte aktuelle Entwicklungen in der medikamentösen Parkinson‑Therapie vor. Im Fokus stehen zwei molekulare Zielstrukturen: der GLP-1-Rezeptor, dessen Aktivierung neuroprotektive Effekte haben könnte, und alpha-Synuclein, dessen Aggregation mit der Pathogenese von Parkinson in Verbindung steht. Letzteres gilt aufgrund seiner pathophysiologischen Rolle als vielversprechend.

„Wir befinden uns in einer äußerst spannenden Phase an der Schwelle zu einem Durchbruch in der Parkinson-Behandlung.“

- Prof.  Brockmann

Brockmann verwies auf die PASADENA‑Studie1, deren Subgruppenanalyse2 nahelegte, dass der alpha-Synuclein-Antikörper Prasinezumab bei Patienten mit rascher Progression in der Frühphase positive Effekte erzielen könnte. In der open-label-Extensionsphase3 der PASADENA-Studie1 zeigte sich über vier Jahre ein verlangsamter Krankheitsverlauf – unabhängig vom Behandlungsbeginn – im Vergleich zu einer externen Kohorte, gemessen am MDS‑UPDRS Part III (MDS-UPDRS, Movement-Disorder-Society Unified Parkinson's Disease Rating Scale).3 Die fehlende placebokontrolle begrenzte jedoch die Aussagekraft. Zur Validierung seien größere, placebokontrollierte Langzeitstudien unerlässlich, so Brockmann.

Basierend auf den Erkenntnissen der PASADENA-Studie wurde die PADOVA‑Studie4 initiiert. Sie untersucht Prasinezumab bei 586 Betroffenen im Frühstadium der Parkinson-Erkrankung, die derzeit bereits mit Levodopa oder MAO-B-Hemmern behandelt wurden. Im Vergleich zur PASADENA-Studie ist die PADOVA-Kohorte im Durchschnitt älter, länger erkrankt und motorisch stärker eingeschränkt.4

Auch GLP‑1‑Rezeptoragonisten bleiben im Fokus: Exenatid zeigte in einer aktuellen Phase‑III‑Studie keinen signifikanten Nutzen.5 Frühere Studien lieferten jedoch Hinweise auf potentiell neuroprotektive Effekte.6,7 Für Lixisenatid ergab eine multizentrische Untersuchung eine geringe, aber statistisch signifikante Verlangsamung der Progression.8 Künftige Studien werden sich laut der Expertin auf höhere Dosierungen und eine verbesserte ZNS-Durchdringung des Wirkstoffes konzentrieren.



Biomarker für Frühdiagnose und personalisierte Therapie

Prof.  Mollenhauer, hob die zentrale Rolle der Biomarkerforschung für eine moderne Parkinson-Medizin hervor. Biologische Marker seien essenziell für Früherkennung, Differenzialdiagnostik und individualisierte Therapien. Ein Durchbruch gelang mit dem Seed Amplification Assay (SAA), der fehlgefaltetes alpha‑Synuclein erstmals hochspezifisch im Liquor in vivo nachweisen kann9 – ein Nachweis, der zuvor nur post mortem möglich war. 

„Ein entscheidender Schritt im Parkinson-Management von der rein symptomatischen hin zu einer präventivpersonalisierten Medizin.“

- Prof. Mollenhauer

Laut der Expertin erkennt der Test neurodegenerative Veränderungen mit einer Treffsicherheit von 97 % und zeigt bei Risikopersonen mit REM-Schlaf-Verhaltensstörung bereits Jahre vor Symptombeginn ein positives Ergebnis. Diese Erkenntnisse könnten den Weg für eine Neudefinition von Parkinson als alpha‑Synuclein-Erkrankung ebnen.10

Zur besseren klinischen Nutzbarkeit entwickeln Mollenhauer und ihr Team blutbasierte Tests. In einer multizentrischen Studie identifizierten sie mithilfe künstlicher Intelligenz acht Proteine, die eine Parkinson-Erkrankung bis zu sieben Jahre vor Symptombeginn vorhersagen können.11 Ziel ist ein einfacher Test, auch im hausärztlichen Umfeld anwendbar.

Ergänzend wurde ein neuartiger synSAA (alpha-Synuclein Seed Amplification Assay) entwickelt, der verschiedene alpha‑Synuclein-Pathologien unterscheiden kann: Lewy-Körperchen (typisch für Parkinson und Lewy-Körper-Demenz) und Gliazellen-Einschlüsse (typisch für Multisystematrophie, MSA).12 Zudem erlauben neue bildgebende Verfahren wie mit dem Positronen-Emissions-Tomographie-(PET)-Tracer [18F] ACI-12589 die Visualisierung von alpha-Synuclein-Ablagerungen im Gehirn und ermöglichen so eine frühere Unterscheidung zwischen Multisystematrophie, Parkinson und gesunden Personen.13

Weitere Biomarker gewinnen Bedeutung: Genetische Risikoprofile, spezifizierte Immunzellveränderungen, etwa verstärkte Differenzierung von CD8‑TEMRA-Zellen im Frühstadium,14 sowie Veränderungen im Mikrobiom15 eröffnen neue Möglichkeiten für personalisierte Therapieansätze. Digitale Biomarker ergänzen das Spektrum durch objektive Erfassung motorischer und nichtmotorischer Parameter. Biomarker würden nicht nur eine frühere und präzisere Diagnosestellung ermöglichen, sondern – so Mollenhauer – seien sie der Schlüssel für eine präventiv-personalisierte Medizin. „Ich halte es für realistisch, dass wir bis zum Jahr 2040 über krankheitsmodifizierende Therapien verfügen“, resümierte sie.

Rekordförderung für sechs Leuchtturmprojekte zur Frühintervention bei Parkinson

Prof. Volkmann, präsentierte eine bislang einzigartige Förderinitiative: Im Rahmen des „Leuchtturm-Projektverbunds Parkinson“ fließen in den nächsten drei Jahren 2,3 Millionen Euro aus privaten Mitteln in sechs ausgewählte Forschungsprojekte. Ziel ist die Entwicklung biologischer Marker zur frühzeitigen und präzisen Diagnose sowie zur Vorbereitung krankheitsmodifizierender Interventionen. 

„Wir befinden uns an einem entscheidenden Wendepunkt in der Parkinson-Forschung. Die Erkenntnisse der letzten Jahre haben uns einer kausalen Therapie so nahegebracht wie nie zuvor.“

- Prof. Volkmann

Das gemeinsame Rahmenthema „Biologische Klassifikation der Parkinson-Krankheit – Validierung von Biomarker-Kriterien und Strategien für frühe Intervention “ steht für einen Paradigmenwechsel – weg von klinischer Syndromdiagnostik hin zu einer Einteilung anhand molekularer und genetischer Merkmale, z.B basierend auf den sogenannten SynNeurGe-Kriterien: pathologisches alpha-Synuclein („Syn“), bildgebend erfassbare Neurodegeneration („Neur“) und genetische Risikofaktoren („Ge“).

 

Die geförderten Projekte im Überblick:

  • Prof. Günter Höglinger (München): Optimierung der präzisen Klassifikation von Parkinson gemäß den SynNeurGe-Kriterien, um die biomarkerbasierte Diagnose und Stadieneinteilung zu fördern.
  • PD Dr. Ana Westenberger und Prof. Dr. Norbert Brüggemann (Lübeck): Genetische Charakterisierung der ROPAD-Kohorte mit Fokus auf GBA1-, LRRK2- und PRKN-Mutationen.
  • Prof. Matthias Brendel (München): Validierung bildgebender Marker für Neurodegeneration zur differenzierten Diagnostik auch im präklinischen Stadium, um die Prozesse der Neurodegeneration über das gesamte Spektrum der Parkinson-Krankheit abzuleiten.
  • Prof. Kathrin Brockmann (Tübingen) und Prof. Björn Falkenburger (Dresden): Entwicklung hochempfindlicher Seed Amplification Assays zum Nachweis pathologischen alpha-Synucleins in Frühstadien und zur Untersuchung der biologischen Heterogenität von Parkinson.
  • Prof. Brit Mollenhauer (Kassel): Etablierung prädiktiver Blut-Protein-Marker in einer bevölkerungsbasierten Risikokohorte (BRIDGE-PD).
  • PD Dr. Eva Schäffer und Prof. Dr. Daniela Berg (Kiel): Interventionsstudie PREVENTION-IN-PD zu Lebensstilfaktoren im prodromalen Stadium.

Volkmann verwies auf Erfahrungen aus der Alzheimer-Forschung, wo Biomarker basierte Diagnostik neue Behandlungsoptionen eröffnet hat – ein Ansatz, den man nun auch bei Parkinson prüfen möchte.

Bewegung und Schlaf – therapeutische Säulen im Alltag mit Parkinson

Die DPG und Parkinson Stiftung betonten die Bedeutung von Schlaf und Bewegung als tragende Elemente eines ganzheitlichen Parkinson-Managements. Unter dem Motto „Train and Regain“ wurde hervorgehoben, dass guter Schlaf und regelmäßige körperliche Aktivität nicht nur die Lebensqualität steigern, sondern auch das Fortschreiten der Erkrankung günstig beeinflussen können.

Schlafstörungen gehören zu den häufigsten und oft frühesten Begleiterscheinungen von Parkinson. Neben klassischen Beschwerden wie Insomnie oder nächtlichem Harndrang rücken zunehmend auch biologische Hintergründe wie zirkadiane Rhythmusstörungen oder eine gestörte Funktion des glymphatischen Systems in den Fokus.16 Dieses spielt vermutlich eine Schlüsselrolle bei der nächtlichen „Reinigung“ des Gehirns von neurotoxischen Proteinen. Erholsamer Schlaf wird daher verstärkt als potenziell schützender Faktor diskutiert.

Bewegungstherapie gilt derzeit als der am besten belegte nichtmedikamentöse Ansatz zur Krankheitsmodulation. Eine Meta-Analyse aus dem Jahr 202317 mit über 7.900 Teilnehmenden zeigte, dass verschiedenste Trainingsformen – von Tai Chi bis BIG-Therapie – sowohl motorische Funktionen als auch das allgemeine Wohlbefinden verbessern können. Entscheidend ist weniger die Art der Bewegung als ihre Regelmäßigkeit: Bewegung hilft – unabhängig von Sportart und Intensität.

 1   Pagano G et al. N Engl J Med. 2022;387(5):421–432. www.doi.org/10.1056/NEJMoa2202867 (PASADENA)

  2   Pagano G et al. Nat Med. 2024;30:1096–1103. www.doi.org/10.1038/s41591-024-02886-y

  3   Pagano G et al. Nat Med. 2024. www.doi.org/10.1038/s41591-024-03270-6

  4   Nikolcheva T et al. Parkinsonism Relat Disord. 2025;132:107257. www.doi.org/10.1016/j.parkreldis.2024.107257

  5   Vijiaratnam N et al. Lancet. 2025. doi:10.1016/S0140-6736(24)02808-3

  6   Aviles-Olmos I et al. J Clin Invest. 2013;123(6):2730–2736;123(6):2730-6. doi: 10.1172/JCI68295

  7   Athauda D et al. Lancet. 2017;390:1664–1675

  8   Meissner WG et al. N Engl J Med. 2024;390(13):1176–1185. doi:10.1056/NEJMoa2312323

  9   Siderowf A et al. Lancet Neurol. 2023;22(5):407–417. doi:10.1016/S1474-4422(23)00109-6

10   Simuni T et al. Lancet Neurol. 2024;23(2):178–190 doi:10.1016/S1474-4422(23)00405-2

11   Hällqvist J et al. Nat Commun. 2024;15(1):4759. doi:10.1038/s41467-024-48961-3

12   Ma Y et al. Lancet Neurol. 2024;23(12):1225–1237. doi:10.1016/S1474-4422(24)00395-8

13   Smith R et al. Nat Commun. 2023;14:6750. doi.org/10.1038/s41467-023-42305-3

14   Capelle CM et al. Nat Commun. 2023;14(1):7461. doi:10.1038/s41467-023-43053-0

15   Zhao Z et al. NPJ Parkinsons Dis. 2024;10(1):203. 10.1038/s41531-024-00802-2

16   Ghanizada H, Nedergaard M. Handb Clin Neurol. 2025;209:161–170

17   Ernst M et al. Cochrane Database Syst Rev. 2023;1:CD013856

Quelle: Online-Pressekonferenz anlässlich des Welt-Parkinson-Tages 2025: „Fortschritte in Früherkennung, Diagnostik und Therapie” am 07.04.2025

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