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Allgemein- & Innere Medizin, Endokrinologie, Gastroenterologie, Gefäßmedizin, Geriatrie, Kardiologie, Nephrologie, Neurologie, Psychiatrie, Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychotherapie, Medizin Allgemein- & Innere Medizin Biofaktoren, im Alter
Biofaktoren

Biofaktoren-Mangel im Alter

Bei Senioren wird die für die Altersgruppe empfohlene Zufuhr an Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen oft nicht erreicht. Ein Mangel an diesen essentiellen Biofaktoren kann neurologische und psychiatrische Beschwerden sowie Erkrankungen innerer Organe hervorrufen oder verschlimmern und die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit beeinträchtigen. Am Beispiel der Vitamine B12 und D sowie Magnesium und Zink zeigt dieser Beitrag die gesundheitlichen Folgen eines Mangels bei älteren Menschen. 


03.02.2021
K. Kisters
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Jeder zehnte Pflegeheimbewohner in Deutschland ab 65 Jahren gilt als mangelernährt, so die Ergebnisse der ErnSTES-Studie, einer Multicenterstudie zur Ernährung älterer Menschen in stationären Einrichtungen.1 Demnach befindet sich nur ein Drittel der Bewohner in einem unauffälligen Ernährungszustand, über die Hälfte der untersuchten Senioren wurde als mangelernährt, 11 % als manifest mangelernährt eingestuft. 

Aufgrund der schlechten Ernährungssituation ist es nicht verwunderlich, dass die Zufuhr der meisten Biofaktoren bei Senioren unterhalb der D-A-CH-Referenzwerte liegt.2 Im Zuge des Alterungsprozesses nimmt die Leistungsfähigkeit des Gastrointestinaltrakts und dadurch bedingt die Resorptionsquote von Biofaktoren aus der Nahrung ab. Zudem können Kau- und Schluckprobleme, mentale Störungen, eine verminderte Durst- und Geschmackswahrnehmung sowie chronische Erkrankungen und Arzneimittelinteraktionen einen Vitamin- und Mineralstoff-Mangel begünstigen, der wiederum das Risiko für die Entwicklung gesundheitlicher Beschwerden und Krankheiten erhöht.3 

Insbesondere kardiologische Krankheiten wie Herzinsuffizienz, Herzrhythmusstörungen oder Hypertonie, neurodegenerative Erkrankungen wie Demenz, Polyneuropathie und Parkinson sowie Osteoporose oder Depressionen können neben anderen Ursachen auch mit einer Unterversorgung an Vitaminen und Mineralstoffen in Zusammenhang stehen. Bei Verdacht auf einen Biofaktoren-Mangel sollte dieser diagnostisch überprüft und bei nachgewiesenem Mangel durch eine gezielte Supplementierung ausgeglichen werden, da nach länger bestehendem Mangel verursachte Schäden irreversibel werden können. 

Vitamin-B12-Mangel bei Senioren

Rund ein Drittel der Menschen über 65 Jahre sind von einem Vitamin-B12-Mangel betroffen, bei den über 85-Jährigen sind es 37,6 %,4 bei Senioren in stationären Pflegeheimen in einer Studie sogar 40 %.5 

Nicht nur durch ungenügende alimentäre Zufuhr, auch durch Malabsorption bei Darmkrankheiten wie Morbus Crohn und Zöliakie sowie nach Darmoperationen oder -resektionen kann es zu einem Vitamin-B12-Mangel kommen. Ein Mangel des Transportproteins Intrinsic-Faktor, verursacht durch eine chronische Gastritis, Magenteilresektionen oder eine Typ-A-Gastritis, führt ebenfalls zur verminderten Vitamin-B12-Aufnahme. Zudem kann es durch chronischen Alkoholkonsum oder Pankreaserkrankungen zu Vitamin-B12-Resorptionsstörungen kommen, genauso durch Lebererkrankungen aufgrund mangelnder Speicherung des Vitamins.

ArzneimittelgruppeArzneimittel (Wirkstoff)
Analgetika (Gruppe der NSAR)Acetylsalicylsäure, ASS
Antiepileptika

Carbamazepin

Valproinsäure

Primidon

Phenytoin

Phenobarbital

Antibiotika

Neomycin

Chloramphenicol

AntidiabetikaMetformin
AntihypertonikaMethyldopa
Antiparkinson-MittelL-Dopa
AntirheumatikaMethotrexat
Diuretika

Thiazide, z.B. Hydrochlorothiazid

Schleifendiuretika, z.B. Furosemid

Kaliumsparende Diuretika, z.B. Triamteren

Orale Kontrazeptiva„Pille“: Estrogene, Progesteron
LipidsenkerColestyramin
Magen-Darm-Therapeutika

Antazida mit Al-/Mg-hydroxid

Natriumbicarbonat

Protonenpumpenhemmer

H2-Antagonisten

Sulfasalazin

Tab. 1: Verschiedene Arzneimittel können einen Vitamin-B12-Mangel bedingen.

Vitamin-B12 und Arzneimittel

Bei Senioren kann es durch zahlreiche Arzneimittel zum Vitamin-B12-Mangel kommen.6 Eine langfristige Einnahme von Protonenpumpenhemmern erhöht das Risiko eines Vitamin-B12-Mangels um 65 % und von H2-Blockern um 25 %.7 Auch Diabetiker unter Metformintherapie können in einen Vitamin-B12-Mangel geraten. Die Gefahr ist bei Diabetikern unter Metformin dreifach erhöht im Vergleich zu Nicht-Diabetikern8 und doppelt so hoch im Vergleich zu Diabetikern ohne Metformin.9 

Bei intestinaler Zufuhr einer L-Dopa/Carbidopa-Kombination tritt bei den meisten Patienten ebenfalls ein Vitamin-B12-Mangel auf – oft begleitet von einem Vitamin B6- und Folsäuremangel.10 Patienten mit dieser Medikation müssen daher gezielt substituiert werden. Kontrollbedürftig sind die genannten Vitaminspiegel auch bei oraler L-Dopa-Medikation.11 Andere Arzneimittel können ebenfalls einen Vitamin-B12-Mangel auslösen (siehe Tab. 1).12

Fakten zur Physiologie

  • Vitamin B12 ist ein Überbegriff für verschiedene im Organismus wirksame Verbindungen mit demselben chemischen Grundgerüst, den Cobalaminen. Therapeutisch werden Cyano- und Hydroxocobalamin eingesetzt, die im Organismus zu den wirksamen Formen Methyl- und 5‘-Adenosylcobalamin umgewandelt werden können.13 
  • Vitamin B12 – zum Teil in Kombination mit Folsäure – ist an der DNA-Synthese und damit an allen Wachstumsprozessen beteiligt und essentiell für die Erneuerung und Vermehrung der Körperzellen. Wichtig ist Vitamin B12 für die Erythro­poese und Funktionen im ZNS, da es an Bildung und Regeneration der Myelinscheiden beteiligt ist sowie für intakte Schleimhäute des Gastrointestinaltrakts und die Regulierung zahlreicher weiterer B12-abhängiger Stoffwechselprozesse.
  • Vitamin B12 wird aktiv und passiv resorbiert. Nach der alimentären Aufnahme gelangt Cobalamin in mehreren Schritten ins Blut. Im ersten Schritt wird es an das Protein Haptocorrin (HC) gebunden, dass das säureempfindliche Cobalamin vor dem niedrigen pH-Wert des Magens schützt. Im Duodenum spaltet sich HC ab, und Cobalamin wird an den aus Magenzellen abgegebenen Intrinsic-Factor (IF) gebunden. Im Dünndarm wird Vitamin B12 aktiv in der an den IF gebundenen Form resorbiert. Die Resorptionskapazität ist dabei auf ca. 1 µg pro Mahlzeit begrenzt. Zudem wird Vitamin B12 passiv, über Diffusion, aufgenommen und gelangt ins Blut. Für diesen Mechanismus spielt der IF keine Rolle, und es gibt keine relevante Begrenzung der Resorptionskapazität. Therapeutisch kann man diesen passiven Resorptionsmechanismus u.a. bei Patienten mit fehlendem IF (z. B. nach Magenresektion) nutzen, um eine ausreichende Vitamin-B12-Resorption zu gewährleisten. Studien konnten zeigen, dass nach oraler Verabreichung von 1.000 µg Vitamin B12 10,5 µg über den Darm aufgenommen werden, davon nur 14 % über den IF und 86 % passiv über den Diffusionsmechanismus.14 Weiter konnte belegt werden, dass eine orale Hochdosistherapie von 1.000-2.000 µg Vitamin B12 bei Resorptionsstörungen genauso wirksam ist wie die intramuskuläre Injektion.15
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