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Das Potsdamer Konzept der Liposuktion beim Lipödem

Die Liposuktion ist mit steigender Tendenz eine der am häufigsten durchgeführten plastisch-chirurgischen Operationen weltweit. Zum einen erfolgt der Eingriff aus ästhetischen Gründen zur Körperkonturierung, zum anderen kann die Liposuktion beim Lipödem in einer zum ästhetischen Eingriff ganz unterschiedlichen Herangehensweise vollzogen werden. Wenn die konservativen Therapiemaßnahmen des Lipödems frustran verliefen, stellt die Liposuktion eine Behandlungsalternative dar. 


04.07.2023
J. Schmidt, M. Ghods
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Schlüsselwörter: Lipödem, Liposuktion nach Ghods, Komplexe Physikalische Entstauungstherapie

ZITIERWEISE: VASOMED 2023; 35 (4): 116-117

Einleitung

Die konservative Therapie des Lipödems wird als Komplexe Physikalische Entstauungstherapie zusammengefasst (KPE) und besteht aus den fünf Basismaßnahmen manuelle Lymphdrainage (MLD), Kompressionstherapie, Bewegungstherapie, Hautpflege und Selbstmanagement/Selbsthilfe. Obwohl es bisher keine ausreichende Evidenz für den Nutzen der Liposuktion beim Lipödem gibt, kann die Reduktion des krankhaften Fettgewebes durch eine Operation zu einer deutlichen und dauerhaften Reduktion der Beschwerdesymptomatik führen und eine kausale Therapieoption in der Behandlung des Lipödems darstellen (1, 2). An der Klinik für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Mikrochirurgie, Handchirurgie am Klinikum Ernst von Bergmann behandelt Chefarzt PD Dr. Mojtaba Ghods seit über 15 Jahren Lipödempatientinnen nach einem standardisierten operativen Vorgehen für die Liposuktion bei Lipödem, das im Folgenden dargestellt wird. 

Indikation und Selektion der Patientinnen

Die Indikationsstellung Lipödem erfolgt bei der Behandlung von Lipödempatientinnen an unserer Klinik primär immer durch einen Lymphologen oder Phlebologen und nach dem Vier-Augen-Prinzip. Entsprechend den Empfehlungen der S1-Leitlinie Lipödem sollte vor einer Liposuktion eine mindestens sechs Monate andauernde KPE durchgeführt worden sein, die zu keiner wesentlichen Verbesserung der Beschwerdesymptomatik geführt hat (3). Präoperativ sollten Begleiterkrankungen wie eine Adipositas oder eine Varikosis leitliniengerecht therapiert oder saniert werden. Ab einem Body-Mass-Index (BMI) von ≥35 kg/m² ist die Indikation zur Liposuktion kritisch zu hinterfragen und in jedem Fall nach einem interdisziplinären Konzept eine bariatrische Therapie einzuleiten.  

Operationstechnik

In den meisten Fällen sollte ein mehrzeitiges Vorgehen durchgeführt werden und gerade bei hohen Aspirationsvolumina wegen der Gefahr von Wundheilungsstörungen auf eine zirkuläre Liposuktion der Extremitäten verzichtet werden. Der Hämoglobin-Wert sollte im oberen Normbereich liegen und gegebenenfalls ist eine Vitamin-B12- und Eisensubstitution durchzuführen. Um präoperativ ein möglicherweise begleitendes Ödem zu reduzieren und so bessere Operationsbedingungen zu schaffen, sollten vor der Liposuktion die Kompressionstherapie sowie die Anzahl an MLD-Sitzungen intensiviert werden. Das Intervall zwischen den Operationen sollte mindestens sechs bis zwölf Wochen betragen, um eine ausreichende Rekonvaleszenz zu ermöglichen. 

Prinzipiell kann die Liposuktion ambulant in Tumenszenz-Lokalanästhesie und Analgosedierung oder im stationären Setting in Allgemeinnarkose durchgeführt werden (4, 5). Allerdings erfordern Liposuktionen beim Lipödem häufig hohe Aspirationsvolumina und bei Megaliposuktionen >3.000 ml Aspirat sollte ein ausreichendes post-operatives Monitoring >12 Stunden im stationären Rahmen gewährleistet sein. Für die Absaugungen beim Lipödem stehen zum einen vibrationsassistierte (VAL oder PAL) und zum anderen wasserstrahl­assistierte (WAL) Systeme zur Verfügung, wobei es bislang keine Evidenz darüber gibt, welches System geringere Komplikationsraten aufweist. Bei der Liposuktion haben sich stumpfe Mehrloch-Aspirationskanülen der Stärke 3–5 mm durchgesetzt (6), und zur Schonung der Lymphbahnen sollte die Aspiration streng longitudinal erfolgen und auf ein „Criss-Cross“, das heißt auf ein Arbeiten quer zur Längsachse der Lymphbahnen, verzichtet werden (7). 
 



Die Absaugung erfolgt stets in verschiedenen Schichten, um so eine vollständige Reduktion des krankhaften Fettgewebes zu erreichen, und es sollte regelmäßig in der tiefen Schicht begonnen werden (2, 8).

Nach der Liposuktion wird ein oberflächlicher subkutaner Reiz mit Kanülen, die einen Durchmesser von 3 mm besitzen, gesetzt, der durch Vernarbung dem Entstehen eines Hautüberschusses vorbeugen soll. Im Anschluss findet eine Nivellierung des Absaugareals mit Kanülen mit einem Durchmesser von 4 mm ohne Sog statt.

Um das bereits erfolgte Maß der Absaugung zu evaluieren, hat sich der intraoperativ durchgeführte „Pinch-Test“ etabliert und liefert neben dem Lipoaspirat, das 8–10 % des Körpergewichts nicht überschreiten sollte, einen wichtigen intraoperativen Kontrollparameter (9) (Abb. 1).

Der blutige Anteil des Lipoaspirats (blutige Phase), der ebenfalls intraoperativ zu überwachen ist, ist häufig der limitierende Faktor für die Menge des Aspirationsvolumens und sollte, um Komplikationen zu verringern, einen Anteil von 20 % nicht übersteigen (Abb. 2).

Intraoperativ findet ein Temperaturmonitoring sowie die Verwendung von angewärmten Infusionen und Oberkörper-Wärmesystemen statt. Nach Abschluss der Operation wird das Gewebe mechanisch modelliert, die Insertionsstellen verschlossen und die zuvor angepasste Kompressionswäsche der Kompressionsklasse II noch auf dem Operationstisch angelegt. 

Nachsorge

Nach unserer Erfahrung kann auf eine postoperative Antibiotikatherapie verzichtet werden. Viel entscheidender ist der frühzeitige Beginn der täglichen MLD. Neben der Hautpflege kommen externe Topika zur Hämatom- und Schwellungsreduktion in Einzelfällen zum Einsatz. Die Thrombose­prophylaxe ist bis zur adäquaten Mobilisierung durchzuführen, die Kompressionswäsche ist für sechs Wochen tagsüber und nachts zu tragen. Ein Ziehen der Fäden ist durch die Verwendung von resorbierbarem Nahtmaterial nicht erforderlich. 

Take-Home-Messages

Megaliposuktionen, wie sie häufig beim Lipödem notwendig sind, sollten im stationären Rahmen mit postoperativen Überwachungsmöglichkeiten an einem auf das Lipödem spezialisierten Zentrum stattfinden.

Um eine dauerhafte Entfernung des Lipödems zu erreichen, sollte eine ausreichende, subtotale Reduktion des Fettgewebes durchgeführt werden, eine Behandlung in allen betroffenen Arealen stattfinden (Leistenband bis Malleolus bzw. Axilla bis Handgelenk) und die Absaugung stets in longitudinaler Richtung entlang der Lymphgefäße erfolgen.

Wichtige intraoperative Kontroll­parameter während der Liposuktion zur Bestimmung des möglichen Lipoaspirats sind der Pinch-Test sowie das Messen der blutigen Phase während des Eingriffs (<20 %).

1.    Kruppa P et al. A 10-Year Retrospective before-and-after Study of Lipedema Surgery: Patient-Reported Lipedema-Associated Symptom Improvement after Multistage Liposuction. Plast Reconstr Surg, 2022;149(3):529e-541e.
2.    Ghods M. Standardisierung der chirurgischen Therapie bei Lipödem Patienten. Habilitationsschrift, Universität Potsdam 2021. 
3.    S1-Leitlinie Lipödem, Stand 2015. AWMF Registernummer 037-012. 
4.    Baumgartner A, Hueppe M, Schmeller W. Long-term benefit of liposuction in patients with lipoedema: a follow-up study after an average of 4 and 8 years. Br J Dermatol 2016;174(5): 1061-7.
5.    Wollina U, Heinig B. Treatment of lipedema by low-volume micro-cannular liposuction in tumescent anesthesia: Results in 111 patients. Dermatol Ther 2019:e12820.
6.    Stutz JJ, Krahl D. Water jet-assisted liposuction for patients with lipoedema: histologic and immunohistologic analysis of the aspirates of 30 lipoedema patients. Aesthetic Plast Surg 2009;33(2):153-62.
7.    Cornely M. Lymphologische Liposkulptur. Der Hautarzt 2007;58(8):653-658.
8.    Sattler G, Sommer B, Hanke CW. Lehrbuch der Liposuktion. Thieme Verlag, Stuttgart 2003;274.
9.    G-BA. Abschlussbericht Liposuktion bei Lipödem im Stadium III, 2019.

Autoren:
J. Schmidt, M. Ghods
Klinikum Ernst von Bergmann, Klinik für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Mikrochirurgie/Handchirurgie, Potsdam

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