Zusammenhang zwischen Händigkeit und frühen sprachbezogenen Entwicklungsstörungen
Ergebnisse einer aktuellen Second-Order-Meta-Analyse deuten darauf hin, dass atypische Händigkeit bei früh auftretenden, sprachbezogenen Störungen wie Autismus, Schizophrenie und Dyslexie häufiger vorkommt. Dies könnte auf gemeinsame neurobiologische Entwicklungsprozesse im Gehirn hinweisen.
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Der Zusammenhang zwischen Händigkeit und bestimmten sprachbezogenen Entwicklungsstörungen steht im Fokus einer aktuellen Meta-Analyse zur funktionellen Lateralisation des Gehirns. Ein internationales Forschungsteam gingen der Hypothese nach, ob Abweichungen in rechtshändiger Dominanz als Prädiktor für spezifische neuropsychiatrische Entwicklungsstörungen interpretiert werden kann – insbesondere für solche, deren Symptomatik eng mit sprachlicher Verarbeitung zusammenhängt und die sich bereits in der frühen kindlichen Entwicklung manifestieren.
Sprache und motorische Dominanz gelten seit Jahrzehnten als relevante Korrelate neurologischer und psychischer Entwicklung und sind beide typischerweise in einer Gehirnhälfte lateralisiert. In Bezug auf die Verbindung von Händigkeit und Sprachentwicklung erklärte Dr. Julian Packheiser: „Sprache ist wie die Händigkeit im Gehirn sehr einseitig beheimatet, weswegen es naheliegt, dass die Entwicklung von beidem und ihre Störungen zusammenhängen könnten.“ Während Rechtshändigkeit als neurobiologische Norm gilt, stellen Links- und Gemischt-Händigkeit Abweichungen dar, die potenziell auf atypische neurokognitive Entwicklungsprozesse hinweisen könnten.
Methodik
Ausgewertet wurden systematische Übersichtsarbeiten, die Prävalenzdaten zur Händigkeit in Verbindung mit verschiedenen psychischen und neurologischen Störungsbildern berichteten. Diese wurden im Rahmen einer Second-Order-Meta-Analyse zusammengeführt und hinsichtlich übergreifender Muster erneut ausgewertet.
Zentrale Ergebnisse
Die Analyse ergab eine signifikant höhere Prävalenz von Links- oder gemischt-Händigkeit bei Personen mit Autismus-Spektrum-Störungen, Schizophrenie und Dyslexie. Diese Erkrankungen sind durch eine frühe Manifestation gekennzeichnet und weisen zentrale sprachliche Defizite auf: Kommunikationsstörungen im Autismus, formale Denkstörungen und auditive Halluzinationen bei Schizophrenie sowie phonologische Defizite bei Dyslexie.
Im Gegensatz dazu zeigte sich bei Erkrankungen mit späterem Beginn, wie etwa unipolaren Depressionen, kein signifikanter Zusammenhang zur Händigkeit. Diese Befunde stützen die Hypothese, dass der Zusammenhang zwischen abweichender Händigkeit und bestimmten Störungsbildern auf frühneuronale Entwicklungsprozesse zurückzuführen ist, die sowohl die Händigkeit als auch die sprachliche Organisation betreffen.
Kerndaten der Studie:
Datenbasis: 202.434 Personen aus 402 Datensätzen
Hauptergebnis: Nicht-Rechtshändigkeit bei Betroffenen signifikant häufiger als gesunden Vergleichsgruppen → OR: 1,46
Stärkste Effekte: Bei Autismus, Dyslexie und Schizophrenie
Keine Effekte: spät beginnende Störung (z. B. unipolare Depression)
Händigkeit und Sprache -Neurobiologischer Kontext
Die funktionelle Lateralisation sprachlicher Verarbeitung – üblicherweise in der linken Hemisphäre lokalisiert – steht entwicklungsgeschichtlich in engem Zusammenhang mit der Händigkeit. Abweichungen von der rechtshändigen Norm gelten daher als möglicher Marker veränderter Hirnasymmetrie. Die Autorinnen und Autoren der Meta-Analyse vermuteten, dass beide Merkmale durch überlappende Prozesse der frühen Hirnentwicklung beeinflusst werden. Bestätigt wurde dies durch den Befund, dass eine erhöhte Prävalenz nicht-rechtshändiger Dominanz insbesondere bei früh manifesten Störungsbildern mit sprachlicher Symptomatik auftritt. Die Ergebnisse liefern einen Hinweis dafür, dass Händigkeit und bestimmte neurologische Störungen durch ähnliche Prozesse in der Hirnentwicklung beeinflusst sein könnten.
Fazit zur Bedeutung der Händigkeit
Die vorliegenden Daten liefern keinen direkten Kausalnachweis, stützen jedoch die Hypothese, dass Links- und Gemischthändigkeit als unspezifischer Marker atypischer neuroentwicklungsbezogener Prozesse dienen könnte – insbesondere bei Störungen mit sprachlicher Symptomatik und früher Manifestation. Weitere Forschung ist notwendig, um die zugrunde liegende Neuroentwicklung präziser zu identifizieren, etwa durch bildgebende Verfahren zur Untersuchung struktureller und funktioneller Asymmetrien im Gehirn betroffener Personen.
Packheiser J, Borawski J, Berretz G, Merklein SA, Papadatou-Pastou M, Ocklenburg S. Handedness in Mental and Neurodevelopmental Disorders: A Systematic Review and Second-Order Meta-Analysis. Psychological Bulletin. 2025. DOI: 10.1037/bul0000471
Quelle: Ruhr-Universität Bochum