Aktuelle Aspekte der Diagnostik und Therapie des Pyoderma gangraenosum
Das Pyoderma gangraenosum (PG) ist eine seltene inflammatorische Dermatose, bei der sich aus primär sterilen Pusteln oder Papeln rasch sehr schmerzhafte Wunden mit rötlich-lividem Randsaum entwickeln. Pathophysiologisch wird eine genetische Prädisposition für die autoinflammatorische Genese diskutiert. Bei vielen Patienten liegen auch weitere inflammatorische Komorbiditäten und/oder Neoplasien vor. Das PG kann durch ein Trauma oder die Einnahme von Medikamenten induziert werden. Die Prädilektionsstellen sind bei 70 % der Patienten die Streckseiten der unteren Extremitäten. Die Sicherung der Diagnose kann mit dem validierten PARACELSUS-Score erfolgen. Meist ist eine lokale und systemische immunsuppressive oder immunmodulierende Therapie notwendig. Begleitend sollte eine moderne Wund-, Kompressions- und Schmerztherapie erfolgen. Somit wird deutlich, dass sowohl die Diagnostik als auch die Therapien der Patienten mit PG interdisziplinär und interprofessionell erfolgen sollten.
Das Pyoderma gangraenosum (PG) ist eine seltene inflammatorische Hauterkrankung, die meist rasch äußerst schmerzhafte Ulzerationen verursacht. Das PG tritt mit einer Prävalenz von 0,3–5,8 pro 100.000 Einwohnern und einer Inzidenz von 3–10 pro Million Einwohner pro Jahr auf und wird daher auch zu den sogenannten Orphan diseases (UMLS: C5680157) gezählt (11). Ein PG kann grundsätzlich in jedem Lebensalter vorkommen. Der Altersgipfel der Erkrankung wird mit 30–70 Jahren in der Literatur sehr heterogen angegeben; Frauen sind zwei- bis dreimal häufiger betroffen als Männer (1).
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Die exakte Pathophysiologie des PG ist weiterhin unklar. Es wird aktuell eine genetische Prädisposition für die autoinflammatorische Genese diskutiert, die zu einer Dysfunktion der neutrophilen Granulozyten mit überschießender, unkontrollierter Entzündungsreaktion führt (11). Da die hier zugrundeliegenden Pathomechanismen vergleichbar mit anderen Krankheitsbildern sind, ist das oft zeitgleiche Auftreten von inflammatorischen Komorbiditäten wie chronische, entzündliche Darmerkrankungen, rheumatoide Arthritis, Spondyloarthritis, Uveitis und Psoriasis nicht verwunderlich. Zudem sollte beachtet werden, dass das PG eine potentiell paraneoplastische Erkrankung ist. Bei mindestens 10 % der Patienten können (hämatologische) Neoplasien gefunden werden (9). Es gibt auch eine Reihe von Medikamenten bzw. Drogen, die ein PG auslösen können. Besonders gut bekannt ist diese Assoziation für Kokain bzw. den Zusatz Levamisol oder auch Tyrosinkinase-Inhibitoren (13).
Klinisch entstehen bei einem PG an der Haut initial sterile Pusteln oder erythematöse Papeln, aus denen sich rasch größenprogrediente und stark schmerzhafte, oft bizarr konfigurierte Ulzera entwickeln. In der frühen inflammatorischen Phase ist die rötlich-livide Farbe der Effloreszenzen sehr typisch. Nach Auftreten von Ulzerationen sind die Wundränder dunkelrot bis livide verfärbt und meist unterminiert. Follikulär gebundene Pusteln können auch oft in der Wundumgebung gefunden werden (8). Hier ist es wichtig, diese primär sterilen Pusteln als Ansammlung neutrophiler Granulozyten im Rahmen einer Inflammation von sekundären Pusteln durch eine bakterielle Superinfektion zu unterscheiden.
Mindestens 30 % der Patienten beschreiben das Auftreten eines PG an einer Stelle, an der es zu einem (Minimal-)Trauma gekommen ist. Oft werden die primären Effloreszenzen als Insektenstich fehlgedeutet. Die traumatische Induktion wird auch als Pathergie-Phänomen bezeichnet. Auch wenn ein PG grundsätzlich an jeder Stelle des Körpers auftreten kann, sind die Prädilektionsstellen bei ca. 70 % der Betroffenen die Streckseiten der unteren Extremitäten. Bei Frauen ist die Brust der am zweithäufigsten beschriebene anatomische Bereich. Als weitere Prädilektionsstelle wird die Haut um ein Stoma beschrieben (12). Meist manifestiert sich bei den Patienten ein PG, dass rasch größenprogredient ist. Es wurden aber auch wiederholt in Fallberichten beschrieben, dass es Patienten mit mehr als 20 Ulzerationen durch PG gibt. Wenn ein PG abgeheilt ist, hinterlässt es typischerweise polyzyklische Narben, die auch als „strickleiterartig“ oder „siebartig“ beschrieben werden.
Diagnostik
Da sich die Diagnostik eines PGs oft sehr schwierig gestaltet und es keine spezifischen Kriterien gibt, wurde es in der Vergangenheit oft als Ausschlussdiagnose bezeichnet. Dies führte dazu, dass viele fehlerhafte Diagnosen gestellt wurden (14). Mittlerweile gibt es aber zwei validierte Scores, in denen durch die Summation einzeln betrachtet unspezifischer Kriterien die Diagnose mit guter Zuverlässigkeit gestellt werden kann (6). Der PARACELSUS-Score ist ein einfach anzuwendendes Hilfsmittel, das auf der Basis der aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse entwickelt wurde (Tab. 1).
Symptom
Punkte
Kategorie
Progredienter Krankheitsverlauf
3
Hauptkriterien
Ausschluss relevanter Differentialdiagnosen
3
Rötlich-livider Wundrand
3
Ansprechen auf Immunsuppressiva
2
Nebenkriterien
Charakteristische, bizarre Form der Ulzeration
2
Extremer Schmerz, VAS >4
2
Lokales Pathergie Phänomen
2
Suppurative Inflammation in der Histopathologie
1
Zusatzkriterien
Unterminierter Randsaum
1
Systemerkrankungen assoziiert
1
Tab. 1: PARACELSUS-Score für die Diagnostik bei Verdacht auf Pyoderma gangraenosum.
Ein additiver Punktwert von ≥10 macht das Vorliegen eines PG sehr wahrscheinlich (8). Es wichtig zu beachten, dass hier auch Aspekte berücksichtigt werden sollten, die anamnestisch oder auf klinischen Bildern vorlagen. Der Stellenwert der histopathologischen Untersuchung einer Biopsie wurde für die Diagnostik des PG bislang kontrovers diskutiert. In der deutschen AWMF-Leitlinie wird eindeutig aufgezeigt, dass diese histopathologischen Befunde zwar oft nicht spezifisch, jedoch insbesondere für den Ausschluss relevanter Differentialdiagnosen (Tab. 2) wichtig sind (1).
Dermatitis artefacta
Kalziphylaxie
Kutanes Lymphom
Kutane Vaskulitis
Leishmaniose
Livedovaskulopathie
Lues maligna
Necrobiosis lipoidica
Ulcus cruris venosum
Ulcus hypertonicum Martorell
Tab. 2: Auswahl klinischer Differentialdiagnosen.
Bei der typischen Lokalisation an den Unterschenkeln sollte immer auch eine vaskuläre Genese oder Komorbidität ausgeschlossen werden. Daher sollte bei diesen Patienten auch eine Untersuchung der Gefäßsysteme erfolgen. Für die Venen ist die Duplexsonographie und für die Arterien die Messung der arteriellen Verschlussdrücke (Ankle-Brachial-Index, ABI) die jeweilige diagnostische Mindestanforderung (7). Die weitergehenden Untersuchungen bei Patienten mit PG sollten individuell adaptiert erfolgen und verschiedene Aspekte der Komorbiditäten, insbesondere die potentiell paraneoplastischen Aspekte, berücksichtigen. Hier ist meist ein interdisziplinäres Vorgehen sinnvoll.
Therapie
Auf der Basis von kleineren klinischen Studien und Expertenempfehlungen stehen für die Behandlung der Patienten mit PG verschiedene immunmodulierende und/oder immunsupprimierende Therapien zur Verfügung. Bei der Auswahl der geeigneten Strategie sind u. a. der Schweregrad sowie die Akuität zu berücksichtigen. Insbesondere wenn relevante Komorbiditäten bestehen, sollte das Therapiekonzept interdisziplinär abgesprochen und geplant werden.
Topische Therapie
Für die topische Therapie werden meist hochpotente Glukokortikoide wie Betamethason, Mometason oder Clobetasol verwendet. Bei der längerfristigen Anwendung sind es dann auch Calcineurin-Inhibitoren wie Tacrolimus in Form einer Salbe, die alternativ eingesetzt werden können.
Intra- bzw. periläsional kann auch eine Injektionstherapie mit Triamcinolon erfolgen. Diese lokalen Therapien sind bei (noch) nicht-ulzeriertem PG und ansonsten in der Wundumgebung die Behandlungen der ersten Wahl (1).
Systemische Therapie
Bei den meisten Patienten sollte auch eine systemische Therapie eingeleitet werden. Hier sind die Glukokortikoide Prednison und Prednisolon aktuell die einzigen zugelassenen Therapeutika. Die Behandlung wird meist mit 0,5–1 mg/kg Körpergewicht (KG) begonnen und bei gutem Ansprechen sukzessive reduziert. Insbesondere bei einer längerfristigen Behandlung sollten weitere Medikamente zusätzlich in das Therapiekonzept eingebunden werden. Auf der Basis der wenigen vorhanden wissenschaftlichen Daten ist es oft Ciclosporin. Alternativen stellen die Immunsuppressiva Azathioprin und Mycophenolatmofetil (MMF) sowie die Immunmodulatoren Dapson und intravenöse Immunglobuline (IVIG) dar. Insbesondere bei Patienten, bei denen inflammatorische Komorbiditäten vorliegen, kann der Einsatz von Biologika oder Medikamenten, die als niedermolekulare Verbindungen (Small Molecules) bezeichnet werden, wie beispielsweise Januskinase (JAK)-Inhibitoren, überlegt werden. Vorteile sind dann u. a., dass oft mehrere Krankheitsbilder mit einem Medikament gleichzeitig behandelt werden können.
Zudem ist der Einsatz dieser Medikamente dann oft kein Off-Label-Use. Die beste Evidenz liegt für den TNF-α-Inhibitor Infliximab vor. Zudem gibt es zahlreiche Therapiealternativen wie beispielsweise andere TNF-α-Inhibitoren oder Biologika, die Interleukin (IL)-1, -17 und/oder -(12/)23 hemmen. Ein weiterer, ganz neuer Ansatz basiert auf der Inhibition des Komplementfaktors C5a. Bislang liegen für diese Medikamente allerdings ausschließlich Kaustiken oder Fallberichtserien vor, die deren Wirksamkeit bei PG bestätigen (2).
Wundbehandlung
Bei den Wunden, die durch ein ulzerierendes PG entstehen, sollte immer auch begleitend eine moderne, an den Phasen der Wundheilung orientierte Wundbehandlung erfolgen. Wichtige Aspekte sind, dass Wundverbände sich beispielsweise durch eine Silikonbeschichtung atraumatisch lösen lassen. Wenn die Patienten eine systemische immunsupprimierende Therapie erhalten, sollte auch eine antimikrobielle Behandlung erfolgen. Hierfür eignen sich beispielsweise Wundprodukte mit Polihexanid (PHMB), Octenidin oder Silber. Wenn ein Wunddebridement notwendig ist, dann gilt es zu beachten, dass mechanische und insbesondere chirurgische Optionen möglichst erst nach Kontrolle der Inflammation eingesetzt werden sollten. Atraumatische Alternativen sind beispielsweise das autolytische, enzymatische oder biochirurgische Debridement. Wenn sich die Inflammation gut kontrolliert zeigt, können grundsätzlich auch interventionelle Maßnahmen wie Vakuumtherapie, chirurgisches Debridement oder Spalthaut-Transplantation durchgeführt werden (4).
Kompressionstherapie
Bei Ödemen an den unteren Extremitäten sollte auch eine Kompressionstherapie durchgeführt werden. Aufgrund der ausgeprägten Schmerzhaftigkeit ist dies in frühen inflammatorischen Phasen des PG für viele Patienten sehr schmerzhaft. Daher sollte die Behandlung mit Kompressionssystemen mit niedrigen Andruckwerten von etwa 20 mmHg begonnen werden. Hierfür eignen sich beispielsweise Mehrkomponentensysteme in „Lite“-Varianten oder Medizinische Adaptive Kompressionssysteme (MAK) (3).
Analgesie
Die wichtigste Maßnahme im Rahmen der Schmerztherapie der Patienten mit PG ist die Reduktion der Inflammation durch die verschiedenen lokalen und systemischen Behandlungsansätze. Eine Behandlungsoption, die eine moderne Wundbehandlung mit einem antimikrobiell wirksamen Hydrogel und einer Schmerztherapie ermöglicht, ist eine Betäubungsmittel (BtM)-pflichtige Magistralrezeptur eines Morphin-Wundgels (Tab. 3) (4). Wenn dann weiterhin Schmerzen bestehen, sollte zusätzlich eine systemische Schmerztherapie eingeleitet werden, die sich an dem WHO-Stufenschema orientiert.
Morphinhydrochlorid-Trihydrat
0,1 g
Natriumedetat
0,1 g
Hydroxyethylcellulose 250 G
4,5 g
Polihexanid-Konzentrat 20 %
0,2 g
Aqua dest.
ad 100 g
Tab. 3: Rezeptur eines Morphin-Wundgels. Die Verordnung muss auf einem BtM-Rezept erfolgen.
Beurteilung und Prognose
Bevor es zu einer Verkleinerung der Wundfläche bis hin zu einer Abheilung kommt, sind es die Reduktion des lividen Randsaums und die Abnahme der Schmerzen, die auf eine potentiell erfolgreiche Therapie bei PG hinweisen (5). Die systemische Therapie kann dann sukzessive reduziert werden. Die Behandlung kann sich oft über mehrere Monate, selten auch über Jahre hinziehen. Patienten sollten nach vollständiger Abheilung darauf hingewiesen werden, dass es oft zu Rezidiven kommt. Dies rechtfertig keine dauerhafte prophylaktische Therapie, sollte die Patienten aber dafür sensibilisieren, dass bei erneuten Symptomen eine Behandlung so rasch wie möglich in einer darauf spezialisierten medizinischen Einrichtung erfolgen sollte. In der weiteren Betreuung der Patienten mit PG ist es zudem wichtig zu beachten, dass das Mortalitätsrisiko der Betroffenen gegenüber der Normalbevölkerung etwa dreifach erhöht ist (10).
1. AWMF: S1-Leitlinie Pyoderma gangraenosum, Register-Nr.: 013-091. 2. Dissemond J, Marzano AV, Hampton PJ, Ortega-Loayza AG. Pyoderma gangrenosum: Treatment options. Drugs 2023;83:1255-1267. 3. Dissemond J, Protz K, Stücker M. Kompressionstherapie in der Dermatologie. J Dtsch Dermatol Ges 2023;21:1003-1020. 4. Dissemond J. Modernes Management chronischer Wunden. Hautarzt 2021;72:733-744. 5. Erickson KM, Kody S, Ortega-Loayza AG. Pain as a patient-reported outcome measure in pyoderma gangrenosum. JAMA Dermatol 2023;159:1274-1275. 6. Haag C, Hansen T, Hajar T et al. Comparison of three diagnostic frameworks for pyoderma gangrenosum. J Invest Dermatol 2021;141:59-63. 7. Isoherranen K, O‘Brien JJ, Barker J et al. Atypical wounds. Best clinical practice and challenges. J Wound Care 2019;28(Suppl. 6):1-92. 8. Jockenhöfer F, Wollina U, Salva KA, Benson S, Dissemond J. The PARACELSUS score: A novel diagnostic tool for pyoderma gangrenosum. Br J Dermatol 2019;180:615-620. 9. Kridin K, Cohen AD, Amber KT. Underlying systemic diseases in pyoderma gangrenosum: A systematic review and meta-analysis. Am J Clin Dermatol 2018;19:479-487. 10. Langan SM, Groves RW, Card TR, Gulliford MC: Incidence, mortality, and disease associations of pyoderma gangrenosum in the United Kingdom: A retrospective cohort study. J Invest Dermatol 2013;132:2166-2170. 11. Maverakis E, Marzano AV, Le ST et al. Pyoderma gangrenosum. Nat Rev Dis Primers 2020;6:81. 12. Moelleken M, Erfurt-Berge C, Ronicke M et al. Predilection sites of pyoderma gangrenosum: Retrospective study of 170 clearly diagnosed patients. Int Wound J. 2023;20:4227-4234. 13. Wang JY, French LE, Shear NH et al. Drug-induced pyoderma gangrenosum: A review. Am J Clin Dermatol 2018;19:67-77. 14. Weenig RH, Davis MD, Dahl PR, Su WP. Skin ulcers misdiagnosed as pyoderma gangrenosum. N Engl J Med 2002;347:1412-1418.
Interessenkonflikte Der Autor hat Honorare für Vorträge, Beratungen und/oder klinische Studien von folgenden Firmen erhalten: 3M, Aurealis, Biomonde, Coloplast, Convatec, Curea, Flen Pharma, Integra, Juzo, Lohmann & Rauscher, medi, Mölnlycke, Novartis, Piomic, UCB, Urgo. Oberarzt Universitätsklinikum Essen. 1. Vorsitzender der AG Wunden der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft (DDG), Stellvertretender Vorsitzender der Initiative Chronischer Wunden (ICW) e.V., Stellvertretender Vorsitzender von WundDACH, Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie und Lymphologie (DGPL) e.V.
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