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Allergologie, Allgemein- & Innere Medizin, Dermatologie, Gastroenterologie, Psychiatrie, Medizin Dermatologie, Allgemein- & Innere Medizin, Neurologie Dermatologie, HAUT
Biogene Amine in Lebensmitteln

Tyramin und Histamin

In gereiften Lebensmitteln, besonders in trocken fermentierter Wurst, sind hohe Konzentrationen an Tyramin und Histamin zu finden. Beide Amine können zu Tachykardie beitragen. Monoaminoxidase (MAO) baut Tyramin ab und ist an der Metabolisierung von Histamin beteiligt. Das Tuberkulostatikum Isoniazid hemmt sowohl Monoaminoxidase als auch Diaminoxidase. Unter der Therapie sind gereifte Lebensmittel zu vermeiden. Während es vor allem unter der Wirkung von MAO-Hemmern zu tyramininduzierten unerwünschten Wirkungen kommt, können bei histaminsensiblen Patienten schon geringe Mengen des Amins Beschwerden verursachen.


12.02.2025
P. M. Schweikert-Wehner
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Schlüsselwörter: Tyramin, Histamin, Salami

Abstract: Matured foods, especially dry-fermented sausages, contain high concentrations of tyramine and his­tamine. Both amines can contribute to tachycardia. Monoamine oxidase (MAO) breaks down tyramine and is involved in the metabolism of histamine. The tuberculostatic drug isoniazid inhibits both monoamine oxidase and diamine oxidase. Under the therapy, ripened foods must be avoided. While tyramine-­induced adverse effects occur mainly under the effect of MAO inhibitors, even small amounts of the amine can cause symptoms in histamine-sensitive patients.

Key words: tyramine, histamine, salami

Zitierweise: HAUT 2025; 36 (1): 18-21



Hippokrates setzte vor über 2.000 Jahren Käse als Therapeutikum ein. Dabei beobachtete er aber gelegentlich auch unerwünschte Wirkungen, wie „Unbehagen, Hitzeanfälle, Kopfschmerzen, Durchfall und Haut­ausschläge“ nach „Überdosierung“1.

Beschwerden durch Tyramin

Tyramin, 4-Hydroxyphenylethylamin, ist ein biogenes Amin, das beim Reifen von protein­haltigen Lebensmitteln durch bakteriellen enzymatischen Abbau aus L-Tyrosin entsteht. Es wird durch Monoaminoxidase (MAO) größtenteils präsystemisch zu 4-Hydroxyphenylacetaldehyd metabolisiert. Erst ab 1.000 mg Tyramin ist die Metabolisierungskapazität erschöpft und es kommt zu unerwünschten Wirkungen. Als Substrat des Noradrenalintransporters in sympathischen Nervenendigungen hemmt Tyramin die Aufnahme von Noradrenalin in die Speichervesikel. Dadurch reichert sich Noradrenalin im Axon an und wird unter Umkehrung der normalen Transportrichtung in den synaptischen Spalt freigesetzt. Außerdem erhöht Tyramin die Wiederaufnahme von freigesetztem Noradrenalin ins Axon und wirkt somit in der Summe durch Wirk­verstärkung von Noradrenalin indirekt sympathomimetisch. Die durch Noradrenalin vermittelte Vasokonstriktion hat den Anstieg von systolischem und diastolischem Blutdruck zur Folge2. Zu den beschriebenen Beschwerden gehören neben der Hypertonie auch Kopfschmerzen und Tachykardie3.

Beschwerden durch Histamin

Histamin (2-(4-Imidazolyl)ethylamin) ist ein biogenes Amin und wird durch endogene Synthese aus der Aminosäure Histidin gebildet. Es ist an vielen physiologischen Vorgängen beteiligt. Histamin wird zum einen über Methylierung durch die Histamin-N-Methyltransferase (HNMT) zu 1-Methylhistamin und weiter mithilfe der Diaminoxidase (DAO) oder Monoaminooxidasse (MAO) zu Methylimid­azolacetaldeyd oder, in einem zweiten Weg, zunächst über Diaminoxidase (DAO) zu Imid­azol-4-acetaldeyd und weiter mittels Aldehyddehydrogenase (ALDH) zu Imidazolessigsäure metabolisiert bzw. deaktiviert. Histamin­rezeptoren befinden sich in vielen Organen im Körper, sodass eine komplexe Symptomatik bei Verdacht auf Überempfindlichkeit naheliegend ist. Als klassische Symptome einer ­Histamin­unverträglichkeit sind plötzliche Erytheme im Gesicht (Flush) sowie Juckreiz und Erytheme am Körper beschrieben. Auch gas­trointestinale Symptome wie Übelkeit, Erbrechen und Diarrhö sowie abdominale Schmerzen können durch Histamin ausgelöst werden. Seltener sind Symptome des Respirationstrakts oder kardiovaskuläre Befunde, wie Blutdruckabfall, Schwindel oder Tachykardie4,5.

Tyramin und Histamin in Lebensmitteln

Die Reifung beziehungsweise der Verderb von eiweißreicher Nahrung führt zur Anreicherung der biogenen Amine in der Nahrung. Beispielsweise enthalten folgende Lebensmittel im Mittel einen hohen Anteil an Tyramin und Histamin2,5:

  • Salami (trockenfermentierte Wurst): Tyramin 23 mg/ kg; Histamin 33 mg/ kg,
  • Camembert (Rohmilchkäse): Tyramin 100 mg/ kg; Histamin 60 mg/ kg,
  • Rotwein: Tyramin bis 25 mg/kg; Histamin 3,9 mg/ kg.

Tyramin und Histamin sind unter den biogenen Aminen in Lebensmitteln – laut einer Publikation der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit – die Produkte mit dem höchsten toxischen Potenzial und stellen ein Risiko für die Verbraucher in der Europäischen Union dar5.

Wechselwirkung mit der Nahrung: Anti­depressivum

Das Antidepressivum Tranylcypromin ist ein irreversibler Inhibitor beider Isoformen der MAO, dem Abbauenzym des Tyramins. Tranylcypromin wird in der antidepressiven Therapie nur dann eingesetzt, wenn andere Arzneistoffe kontraindiziert sind oder therapeutisch nicht ausreichen. Tranylcypromin wirkt stark antriebssteigernd. Neben der erwünschten Konzentrationssteigerung von Noradrenalin und Serotonin wird durch Tranylcypromin der Abbau exogen zugeführten Tyramins größtenteils verhindert, was zu hypertensiven Krisen führen kann. Daher ist zur Vermeidung einer übermäßigen sympathomimetischen Wirkung auf eine tyramin­arme Ernährungsweise zu achten.

Wechselwirkung mit der Nahrung: Tuberkulostatikum und ­Anti­histaminikum

Das Tuberkulostatikum Isoniazid hemmt beide Monoaminoxidasen zwar schwach, aber irreversibel. Durch Inhibition der Diamin­oxidase verstärkt es die Wirkung des mit der Nahrung aufgenommenen Histamins. Diese unerwünschte Hemmwirkung zeigen neben Isoniazid beispielsweise auch Cefuroxim und das Antihistaminikum Cimetidin. Patienten sollten unter der Therapie mit Isoniazid auf tyramin- und histaminreiche Nahrung verzichten, um neben einem tyramin­vermittelten Blutdruck- und Herzfrequenzanstieg auch histamin­induzierte Beschwerden, zu denen auch die Tachykardie gehört, zu vermeiden2.

Gefährdet: Patienten mit MAO-­Hemmern oder Histaminintoleranz

Trockenfermentierte Würste können hohe Mengen Tyramin und Histamin enthalten und werden in Spanien häufig konsumiert. Ziel der Arbeit von Latorre-Moratalla und Kollegen6 von der Fakultät für Pharmazie und Lebensmittelwissenschaften der Universität Barcelona war es, die Exposition der spanischen Bevölkerung gegenüber Tyramin und Histamin über den Verzehr von fermentierten Trocken­würsten und das sich hieraus ergebende Risiko akuter gesundheitlicher Auswirkungen zu bewerten. Trockenfermentierte Würste sind die am häufigsten konsumierten fermentierten Produkte in Spanien, entweder als Snack oder als Teil eines Hauptgerichtes. Insgesamt wurden 474 Proben verschiedener Arten von fermentierten Rohwürsten berücksichtigt: Salchichón (n = 357), Chorizo (n = 87), Salami (n = 18) und andere. Die durchschnittliche ernährungs­bedingte Exposition gegenüber Tyramin betrug 6,21 mg/ Mahlzeit, was 139,2 mg/ kg Tyramin entspricht. Für Histamin betrug die aufgenommene Menge 1,39 mg/ Mahlzeit, was 26,5 mg/ kg entspricht. Die höchsten gefundenen Werte in den trockenfermentierten Würsten betrugen für Tyramin 742 mg/ kg und für Histamin 485 mg/ kg. Das Risiko bei einer gesunden Bevölkerung, aufgrund der Einnahme von Tyramin bzw. Histamin aus trockenfermentierten Würsten eine hypertensive Krise oder eine Histaminvergiftung zu erleiden, kann generell als vernachlässigbar angesehen werden. Bei Personen, die mit MAO-Hemmern behandelt werden, wurde die Wahrscheinlichkeit, die als sichere Schwellendosis gesehene Menge Tyramin von 6 mg/ Mahlzeit zu überschreiten, auf 34 % geschätzt. Für Patienten mit Histamin­intoleranz ist selbst das Vorhandensein kleinster Mengen des Amins in Lebensmitteln nicht tolerierbar. Es wurde ermittelt, dass in der spanischen Bevölkerung etwa 7.000 Personen pro einer Million Menschen gefährdet sind, die mit Histamin verbundenen Symptome nach dem Verzehr von trockenfermentierten Würsten zu erleiden6.

1. A. Vogelreuter. Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH, S. 88, 2012.

2. Podlogar J, Smollich M. Der Cheese-Effekt: Tyramin haltige Lebensmittel und ihre Wechselwirkung mit MAO-Hemmern, Deutsche Apotheker Zeitung 2016;23:34.

3. Ogbuagu Emmanuel O, Ogbuagu U, Offiah AU: Tyramine Induced Hypertension (TIH)-A review. Journal of Medical Investigation and Practice 2020;11(2).

4. Reese I, Ballner-Weber B, Beyer K et al.: Leitlinie zum Vorgehen bei Verdacht auf Unverträglichkeit gegenüber oral aufgenommenem Histamin, Allergologie select 2021;5:305-314.

5. Comas-Basté O, Sánchez-Pérez S, Veciana-Nogués MT et al. Histamine Intolerance: The Current State of the Art. Biomolecules 2020(14);10(8):1181.

6. Latorre-Moratalla ML et al.: Tyramine and histamine risk assessment related to consumption of dry fermented sausages by the Spanish population. Food and Chemical Toxicology 2017;99:78-85.

Korrespondenzadresse

Dr. Peter M. Schweikert-Wehner e.K.
Apotheke am Kreiskrankenhaus
Stiftsweg 17, 53894 Mechernich
E-Mail: info(at)apotheke-mechernich.de