Skip to main content

Dieser Beitrag ist nur für Mitglieder verfügbar!

Dermatologie, Allergologie Dermatologie Dermatologie, HAUT
Antibiotic Stewardship

Delabeling von Penicillinallergien durch Nicht-Dermatologen

Eine Penicillinallergie wird häufig dokumentiert, ohne dass eine aktuelle allergologische Bestätigung vorliegt. Dies führt zu suboptimaler Antibiotikatherapie, erhöhter Mortalität, erhöhter Resistenzentwicklung und steigenden Behandlungskosten. Der PEN-FAST-Score* ermöglicht eine strukturierte Risiko­stratifizierung und ermöglicht ein sicheres Delabeling bei Patienten** mit niedrigem Risiko – auch ­außerhalb allergologischer Fachexpertise. Anhand einer Kasuistik aus der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie wird die praktische Umsetzung eines ABS-basierten Delabelings durch Nicht-Dermatologen dargestellt. Eine klare Kommunikation ist essenziell, um ein Re-Labeling zu vermeiden.


05.06.2026
I. Joost
Teilen auf:
drucken Gefällt mir merken

Zitierweise: HAUT 2026; 37 (3): 106-109



10 bis 12 % der stationären Patienten geben eine Penicillinallergie (PA) an, jedoch bestätigt sich diese Diagnose lediglich bei 5 bis 10 % in der allergologischen Testung1. Eine falsch angenommene PA erhöht die Mortalität, verlängert Krankenhausaufenthalte, erhöht das Risiko für Infektionen mit multiresistenten Erregern wie MRSA, C. difficile oder Vancomycin-resistenter Enterokokken und führt zu höheren Kosten2-4. Der vermehrte Einsatz von Breitspektrumantibiotika erhöht das Risiko für bakterielle Resistenzen in einer global ohnehin angespannten Resistenzlage. Die klassische allergologische ­Diagnostik umfasst Anamnese, serologische Verfahren und Hauttestungen. Sie ist ressourcen­intensiv, in vielen Einrichtungen nicht zeitnah verfügbar und insbesondere bei Personen mit einem sehr niedrigem Risiko auch ökonomisch nicht sinnvoll5. Vor diesem Hintergrund gewinnen pragmatische Delabeling-Strategien im Rahmen von Antibiotic-­Stewardship-Programmen (ABS) zunehmend an Bedeutung. Um eine sichere Abgrenzung von Patienten mit einem sehr niedrigen Risiko für eine tatsächliche PA durchführen zu können, wurde der PEN-FAST-Score entwickelt (Tab. 16). Durch 4 einfach zu merkende anamnestische Fragen kann so die Wahrscheinlichkeit einer tatsächlichen PA abgeschätzt werden. Patienten mit einem niedrigen Risiko (PEN-FAST-Score 0 bis 2) können durch einen direkten oralen Provokationstest von Nicht-Allergologen getestet werden. Daten zeigen, dass 47,8 % aller PA-Patienten auf diese Weise evaluiert werden können und die Rate des erfolgreichen Delabelings bei > 96 % liegt6,7.

PENPatient gibt eine Penicillinallergie an?Wenn ja, fortfahren mit Assessment:
FFünf Jahre oder weniger seit letzter Reaktion?±2 Punkte

A

 

S

Anaphylaxie oder Angioödem?

oder:

Schwere Hautreaktion? (SCAR#)

2 Punkte
TTherapie benötigt?±1 Punkt
  Gesamtpunktzahl
PunkteInterpretation:Risiko
0sehr niedriges Risiko einer positiven PA-Testung< 1%
1-2niedriges Risiko einer positiven PA-Testung5%
3mittleres Risiko einer positiven PA-Testung20%
4-5hohes Risiko einer positiven PA-Testung> 50%
Tab. 1: PEN-FAST-Score nach Trubiano et al6. PA: Penicillinallergie; ± beinhaltet „unbekannt“; # beinhaltet z. B. Steven-Johnson-Syndrom, toxisch epidermale Nekrolyse, DRESS-Syndrom (Drug Rash with Eosinophilia and Systemic Symptoms), AGEP (akute generalisierte exanthematische Pustulose).

PEN-FAST-Score in der Praxis

Bei einer Patientin aus der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie erfolgte die Risiko­stratifizierung mittels PEN-FAST-Score. Bei niedrigem Risiko wurde ein strukturiertes Delabeling nach ABS-Prinzipien durch­geführt, einschließlich Aufklärung, direktem oralen Provokationstest, klinischer Über­wachung und Dokumentation.

Die 42-jährige Patientin stellte sich mit einem odontogenen Abszess im Unterkiefer vor. In der Anamnese wurde eine „Penicillin­allergie“ angegeben. In der detaillierten Allergieanamnese berichtet sie, dass nach Einnahme von Amoxicillin im Rahmen einer Mandelentzündung vor 12 Jahren ein makulopapulöses Exanthem aufgetreten sei, einige Tage nach Beginn der Einnahme. Es bestanden keine Hinweise auf Atemnot, Kreislaufreaktionen, Schleimhautbeteiligung oder Anaphylaxie. Es war keine weitere Behandlung erforderlich gewesen.

Die Anwendung des PEN-FAST-Scores ergab einen Wert von 0 (keine anaphylaktischen Symptome, Reaktion > 5 Jahre zurückliegend, keine Therapiebedürftigkeit). Somit wurde die Patientin als Niedrig­risikoperson eingestuft.

Nach schriftlicher Aufklärung und Einwilligung erfolgte im stationären Setting ein kontrollierter oraler Provokationstest mit Amoxicillin. Innerhalb der ersten Überwachungsperiode über 2 Stunden traten keine allergischen Symptome auf. Bei akuter Notwendigkeit einer antibiotischen Therapie wurde eine Therapie mit Ampicillin-­Sulbactam gestartet, was zu einer raschen klinischen Besserung führte. In den weiteren klinischen Kontrollen über die folgenden 5 Tage traten ebenfalls keine allergie­verdächtigen Symptome auf. Das Penicillin­allergie-Label wurde aus der Patientenakte gelöscht, die Patientin wurde aufgeklärt und erhielt einen Allergieausweis. Darin wurde die Verträglichkeit dokumentiert, um eine nachfolgende Informationsweitergabe an Haus- und Fachärzte zu erleichtern.

Weniger Resistenzen durch Delabeling

Die Fehlkennzeichnung einer Penicillin­allergie ist ein relevantes medizinisches und gesundheitsökonomisches Problem. Sie führt zur Vermeidung von First-Line-Antibiotika und begünstigt den Einsatz breiter wirksamer Alternativen, was Resistenzdruck, Nebenwirkungen und Kosten erhöht.

Die umfassende allergologische Diagnostik ist zeit- und personalintensiv und im klinischen Alltag häufig nicht unmittelbar verfügbar. Vor diesem Hintergrund bieten risikobasierte Delabeling-Strategien eine praktikable Alternative.

Der PEN-FAST-Score ist ein validiertes Instrument zur Einschätzung des Allergierisikos. Ein Score von 0 bis 2 identifiziert Patientinnen und Patienten mit sehr geringem Risiko für eine echte Penicillinallergie. In dieser Gruppe kann unter geeigneten Sicherheitsmaßnahmen ein Delabeling auch durch Nicht-Dermatologen erfolgen, insbesondere im Rahmen strukturierter ABS-Programme.

ABS-basiertes Delabeling trägt zur Optimierung der Antibiotikatherapie, zur Reduktion des Einsatzes von Reserveantibiotika und zur Eindämmung antimikrobieller Resistenzen bei. Entscheidend sind dabei eine klare interdisziplinäre Zusammenarbeit sowie eine standardisierte Dokumentation.

Ein zentraler Aspekt ist die Kommunikation: Patientinnen und Patienten müssen verständlich darüber informiert werden, dass keine bestätigte Penicillinallergie vorliegt. Ebenso wichtig ist die Weitergabe dieser Information an Hausärzte, Fachärzte und Apotheken, um ein erneutes, unbegründetes Re-Labeling zu verhindern.

* Penicillin Allergy Decision Rule

**Zur besseren Lesbarkeit kann in Texten das generische Maskulinum verwendet werden. Nichtsdestoweniger beziehen sich die Angaben auf Angehörige aller Geschlechter.

Dr. med. Insa Joost

Korrespondenzadresse

Dr. med. Insa Joost

Institut für Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene, ABS Team Universitätsklinikum Düsseldorf
Universitätsstr. 1, 40225 Düsseldorf
E-Mail: Insa.joost@med.uni-duesseldorf.de