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Allgemein- & Innere Medizin, Diabetologie, Gefäßmedizin, Gefäßchirurgie, Medizin Allgemein- & Innere Medizin, Gefäßmedizin Allgemein- & Innere Medizin, Gefäßmedizin
Wundbehandlung

Diabetisches Fußulkus: Diagnostik & Therapie

Als diabetisches Fußsyndrom (DFS) beschreibt man entsprechend der WHO-Definition eine Infektion, Ulzeration und/oder Zerstörung tiefer Gewebe am Fuß, verbunden mit neuropathischen Störungen sowie peripheren arteriellen Durchblutungsstörungen (pAVK) unterschiedlichen Grades bei Menschen mit Diabetes. Somit wird hier ein Komplex von Symptomen zusammengefasst, der sich direkt oder indirekt als Folge eines Diabetes mellitus entwickeln kann.


15.06.2026
J. Dissemond
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Tab. 1: Auswahl von Risikofaktoren für das diabetische Fußulkus
  • Arterieller Hypertonus
  • Bewegungsmangel
  • Eingeschränkte Gelenkmobilität, Fußdeformität
  • Hypercholesterinämie
  • Insuffiziente Blutzuckereinstellung
  • Neuropathie
  • Periphere arterielle Verschlusskrankheit
  • Nikotinabusus
  • Plantare Hyperkeratosen
  • Ungeeignetes Schuhwerk

In Deutschland haben mehr als fünf Millionen Menschen einen Diabetes mellitus. Hierbei werden verschiedene Typen unterschieden: Typ-1- und Typ-2-Diabetes (> 90 % aller Fälle) sowie andere spezifische Diabetesformen, beispielsweise bei Pankreatitis, im Rahmen von Endokrinopathien oder steroidinduziert sowie Gestationsdiabetes. Das DFS kann potenziell alle Patienten mit Diabetes mellitus betreffen. In Deutschland leiden 4 – 10 % aller Menschen mit Diabetes mellitus unter einem DFS. Die Inzidenz liegt bei etwa 2,2 – 5,9 %.

Ätiologie

Ein DFS kann die Folge verschiedener kausal relevanter Faktoren darstellen. Die beiden wichtigsten sind die distal-symmetrische sensomotorische Polyneuropathie (PNP) und pAVK. Die diabetische PNP führt zu einem Verlust der Wahrnehmung von Schmerz-, Druck- und Temperaturempfindungen sowie zu einer Störung der Propriozeption. Es resultiert der sogenannte Leibesinselschwund, bei dem die Betroffenen Körperregio­nen (hier Füße) nicht mehr als Teil des eigenen Körpers empfinden. Bei der pAVK ist die Makroangiopathie wesentlich in der Genese des DFS. Zudem wird eine funktionelle Mikroangiopathie diskutiert. Darüber hinaus existieren eine Reihe weiterer Risikofaktoren, die in der Entstehung eines diabetischen Fußulkus (DFU) relevant sein können (Tab. 1). Die Wagner-Armstrong-Klassifikation ermöglicht eine Beschreibung des Schweregrads bei DFU (Tab. 2).

  

Wagner-Grad

Armstrong-

Stadium

 012345
Aprä- oder postulzerale Läsionoberflächliche WundeWunde bis zur Ebene von Sehne oder KapselWunde bis zur Ebene von Knochen oder GelenkNekrose von FußteilenNekrose des gesamten Fußes
Bmit Infektionmit Infektionmit Infektionmit Infektionmit Infektionmit Infektion
Cmit Ischämiemit Ischämiemit Ischämiemit Ischämiemit Ischämiemit Ischämie
Dmit Infektion und Ischämiemit Infektion und Ischämiemit Infektion und Ischämiemit Infektion und Ischämiemit Infektion und Ischämiemit Infektion und Ischämie
Tab. 2: Wagner-Armstrong-Klassifikation des diabetischen Fußulkus

Spezifische Diagnostik

Neben der regelmäßigen Kontrolle der Blutzuckerwerte sollten bei allen Menschen mit Diabetes Füße und Schuhwerk regelmäßig untersucht werden. Zu jeder Untersuchung gehören die gezielte Anamnese, die beidseitige Fußinspektion, die Prüfung der Berührungssensibilität sowie die Palpation der Fußpulse. Die Berührungssensibilität kann klinisch mit dem Monofilament oder der Rydel-Seiffer-Stimmgabel getestet werden. Für diese Testung sind allerdings Areale mit ausgeprägter Hyperkeratose oder Narben ungeeignet. Bezüglich der Diagnostik einer pAVK ist es wichtig, dass tastbare Fußpulse eine pAVK nicht sicher ausschließen. Es sollte daher immer auch der Knöchel-Arm-Druck-Index (KADI) oder Ankle-Brachial-Index (ABI) bestimmt werden. Ist der ABI > 1,3 oder < 0,9, ist eine weiterführende Diagnostik für die Planung des weiteren therapeutischen Vorgehens sinnvoll. Eine Sondierung mit einer sterilen Sonde (Probe-to-bone-Test) sollte durchgeführt werden, wenn der Verdacht auf Osteomyelitis besteht. Kann der Knochen ertasten werden, besteht ein hoher Verdacht darauf. Röntgen-Untersuchungen der Füße in zwei Ebenen sollten bei Verdacht auf Osteomyelitis oder neuropathische Osteoarthropathie (Charcot-Fuß) durchgeführt werden.



Klinischer Befund

Entsprechend des Ausmaßes der Gewebezerstörung und des Vorliegens einer Infektion und/oder Ischämie kann das DFU nach Wagner-Armstrong klassifiziert werden (Abb. 1). Das typische durch eine Polyneuropathie verursachte Ulkus ist meist plantar lokalisiert. Hier zeigt sich insbesondere die anatomische Region im Bereich der Plantae unter den Grundgelenken der zweiten bis vierten Zehe betroffen (Abb. 2). In Abhängigkeit von der Fußfehlstellung oder dem nicht adäquat passenden Schuhwerk können die Ulzerationen aber auch an den Fersen (Abb. 3) oder Zehen (Abb. 4) auftreten. Die scharf begrenzten, meist wenig schmerzhaften Ulzerationen besitzen oft einen ausgeprägten hyperkeratotischen Randsaum. Ulzerationen, die primär durch eine pAVK entstehen, sind hingegen eher akral an den Zehen lokalisiert und zeichnen sich klinisch nach einer initialen lividen Verfärbung oft durch die Ausbildung von scharf begrenzten Nekrosen aus. Der betroffene Fuß ist meist blass und kühl.

Bei einem Charcot-Fuß kommt es zu einer progressiven Destruktion der Fußknochen und -gelenke. Betroffen ist meist der Mittelfuß-, seltener auch der Vor- oder Fußrückenbereich. Es handelt sich ursächlich um eine Kombination aus Malnutrition und ossärer Entkalkung sowie Traumen, die durch die PNP nicht bemerkt werden. Die resultierenden Frakturen führen zu einer klinisch sichtbaren Fußfehlstellung.

Spezifische Therapie

Bei den meisten Patienten mit DFU ist eine Reihe von verschiedenen Faktoren kausal relevant, sodass nahezu immer ein interdisziplinäres, interprofessionelles Vorgehen bei der Behandlung der Patienten sinnvoll ist. Die Behandlungsstrategien basieren auf verschiedenen Säulen. Die Druckentlastung sollte in erster Linie durch das konsequente Tragen von individuell angepasstem Schuhwerk gewährleistet werden. Insbesondere bei therapierefraktären Verläufen kann auch der Einsatz von sogenannten Total-Contact-Casts (TCC) sinnvoll sein. Hilfsmittel wie Orthesen, Gehstützen oder Rollstühle können zusätzlich die Druckentlastung unterstützen.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus folgendem Buch:

Blickdiagnose chronischer Wunden
Über die klinische Inspektion zur Diagnose

Prof. Dr. med. Joachim Dissemond

5. erweiterte und vollständig überarbeitete Auflage, 331 Seiten, WPV. Verlag, ISBN 978-3-934371-71-2, Preis: 45 Euro, erschienen im Februar 2026.

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Wenn eine Amputation unvermeidlich sein sollte, dann ist es jedoch wichtig, die Amputationsgrenzen durch Gehtraining und rheologische Maßnahmen möglichst distal zu halten und eine aufsteigende Infektion zu verhindern. Bei Nachweis einer Osteomyelitis kann eine systemische Antibiotikagabe über mehrere Wochen oder sogar Monate versucht werden. Bei größerer Ausdehnung und/oder therapierefraktärem Verlauf ist jedoch eine Knochen(teil)resektion meist unumgänglich.

Es werden in Deutschland immer noch mehr als 60.000 Amputationen pro Jahr durchgeführt. Etwa 70 % der Betroffenen sind Menschen mit Diabetes. Bei circa 85 % dieser Patienten geht der Amputation ein DFU voraus. Bei 80 – 90 % der Patienten soll das Fußulkus aus einem Trauma resultieren, das durch unsachgemäßes Schuhwerk verursacht wurde. Diese Zahlen verdeutlichen die Notwendigkeit einer frühzeitigen komplexen interdisziplinären Behandlungsstrategie.

 

Autor
Prof. Dr. med. Joachim Dissemond
Facharzt für Dermatologie und Venerologie
Klinik und Poliklinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie, Universitätsklinikum Essen
Hufelandstraße 55
45122 Essen