Diagnose und Therapie der Thrombose in der Hausarztpraxis
Bei akutem Beinschmerz sind Hausärztin oder Hausarzt meist der erste Anlaufpunkt zum Ausschluss oder zur Bestätigung einer Thrombose. Dieser Fachbeitrag beschreibt das diagnostische und therapeutische Vorgehen in der Hausarztpraxis.
Hausarztpraxen sind meist der erste Anlaufpunkt bei akutem Beinschmerz, denn häufig haben Patienten Angst vor einer Beinvenenthrombose. Dies ist einerseits sinnvoll, um den potenziell fatalen Folgen der Erkrankung vorzubeugen, auf der anderen Seite kann die Angst davor Menschen dazu veranlassen, mit jedem Beinschmerz zum eiligen Arztbesuch aufzubrechen. Die frühzeitige Diagnose einer Thrombose kann jedoch nicht nur eine lebensgefährliche Lungenembolie vermeiden, sondern auch die lebenslange Belastung durch ein Postthrombotisches Syndrom. Dies führt zu einer Gratwanderung für Hausärztinnen und Hausärzte, denn nicht jeder akute Beinschmerz entspricht einer Thrombose und nicht jede Thrombose verursacht Schmerzen. Hier helfen Anamnese und Befund sehr gut, um schnell eine erste Orientierung zu finden sowie – in geübten Händen – auch der Point-of-Care-Ultraschall, der ggf. direkt in der Hausarztpraxis durchgeführt werden kann. Für die Entscheidung der weiteren Therapie spielen Hausärztin und Hausarzt eine maßgebliche Rolle, da sie alle Diagnosen, Risikofaktoren und Medikamente des Patienten kennen. Dieser Fortbildungsbeitrag beleuchtet, wie Hausärztin und Hausarzt diagnostisch vorgehen sollten und wann die Überweisung zum gefäßmedizinischen Facharzt nowendig ist. Ebenso befasst er sich damit, wie Kompression und Langzeittherapie mit Antikoagulanzien im Sinne des Patienten in der Hausarztpraxis mitbetreut werden können.
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Durch die Aufklärung in Form von Ratgeber-Büchern (1), aber auch durch das Internet hat erfreulicherweise die Achtsamkeit gegenüber schwerwiegenden Erkrankungen wie der tiefen und auch der oberflächlichen Beinvenenthrombose in der Bevölkerung zugenommen. Die Kehrseite dieser Medaille ist, dass viele Menschen beim leichtesten Beinschmerz sofort an eine Thrombose denken und beunruhigt sind. Bei Betrachtung ihres Beines finden sie evtl. eine Krampfader oder einen Besenreiser, die zunächst einmal eine plausible Erklärung für den Schmerz darstellen. Krampfadern sind allerdings bei immerhin 73,4 % der erwachsenen Bevölkerung vorhanden (2). Daher ist es so wichtig, in der Bevölkerung, aber auch bei den Primärversorgern, wie Notärzten, Ärzten in der Krankenhausaufnahme und Hausärzten, eine ausreichende Aufklärung zu den verschiedenen Ursachen für Beinschmerzen zu gewährleisten. Tabelle 1 gibt einen Überblick über die Ursachen und die weiterführenden Maßnahmen bei Beinschmerzen (3).
Diagnose
Zeichen
Maßnahmen
Diagnostik
oberflächliche Venenthrombose (OVT)
Verhärtung mit oder ohne Rötung einer oberflächlich gelegenen Vene, meist einer vorher bekannten Krampfader (Abb. 1)
Kompression (Bandage, Kompressionsstrumpf), Antiphlogistika, bei tastbarer Länge über 5 cm und Risikofaktoren für Thrombose Fondaparinux 2,5 mg bis zur endgültigen Diagnose
Duplexsonographie zum Ausschluss einer Progression in die Stammvenen/ tiefe Beinvenen binnen 24–48 Stunden
tiefe Beinvenenthrombose (TVT)
s. Tab. 2, bläulich violette Verfärbung eher des gesamten Beins/der Wade (Abb. 2)
Kompression, therapeutische Antikoagulation
Duplexsonographie je nach klinischer Wahrscheinlichkeit und Wells-Score (s. Tab. 2) binnen 24–48 Stunden
Erysipel
Rötung, Überhitzung und Schwellung
Antibiose, Kompression erst nach Einleitung der Antibiose
Blutbild, CRP
Schwellung
beidseitig bei Lipödem, internistischen Ursachen; einseitig oder bds. bei Lymphödem
Kompression, je nach Ausprägung einleitend als Bandage; je nach Ausprägung Manuelle Lymphdrainage
Ursachensuche
Taubheitsgefühl
im Seitenvergleich Taubheitsgefühl in einem Areal
Krankengymnastik, Osteopathie, je nach Ursache weitere Maßnahmen
orthopädische/neurologische Abklärung
längsausstrahlende Schmerzen
Dermatom entsprechend oder Nervenverlauf entsprechender Schmerz
Krankengymnastik, Osteopathie, je nach Ursache weitere Maßnahmen
orthopädische oder neurochirurgische Abklärung
Tab. 1: Differentialdiagnose des Beinschmerzes mit Maßnahmen und weiterführender Diagnostik (nach (3))
Diagnostisches Vorgehen
Wann besteht der Verdacht auf eine tiefe Venenthrombose?
Das Kardinalsymptom der tiefen Venenthrombose (TVT) ist eine akute Schwellung eines Beins (meist der Wade, manchmal gemeinsam mit dem Oberschenkel), oft begleitet von Schmerzen und einer lividen Verfärbung (Abb. 1). Sinnvolle Hinweise gibt die Anamnese, insbesondere die Abfrage der Risikofaktoren (4–8):
kürzliche Immobilisierung (z. B. Gipsverband)
kürzliche Vollnarkose oder längere Erkrankung mit Bettlägerigkeit
bösartige Erkrankung
Autoimmunerkrankungen
frühere venöse Thrombosen
hohes Alter
Schwangerschaft und Wochenbett
Adipositas
neurologische Erkrankungen
Herzerkrankungen
Einnahme oraler Kontrazeptiva (besonders wenn sie erst seit weniger als drei Monaten genommen werden)
Inspektion der Beine (beide, um den Seitenvergleich festzustellen)
Liegt eine Seitendifferenz in Bezug auf den Umfang vor? (Maßband Mitte Wade über 3 cm ist ein sehr starker Hinweis, s. auch Wells-Score, Tab. 2)
Ist das Bein im seitenvergleich bläulich oder dunkelrötlich verfärbt? (Cave: Hellrot und warm spricht eher für ein Erysipel.)
Palpation der Beine
Liegt ein dellenbildendes Ödem nur an der betroffenen Wade (neu!!) vor?
Ist die Wadenmuskulatur verhärtet und druckschmerzhaft?
Ist die Dorsalflexion des Fußes schmerzhaft?
Der Wells-Score ist ein Instrument, das validiert die Ergebnisse der Befragung und Untersuchung zusammenfasst (Tab. 2). Der aktuell verwendete Wells-Score besteht aus zwei Stufen. Ergibt die Summe der Punkte 2 oder mehr, liegt die Prävalenz einer Thrombose bei 30 % in Studien (9, 10). Eine bildgebende Diagnostik muss eingeleitet werden (4-8) und zwar ohne eine zusätzliche Bestimmung der D-Dimere. Punktwerte zwischen -2 und 1 deuten darauf hin, dass eine TVT „unwahrscheinlich“ ist. Besteht jedoch weiterhin ein hoher klinischer Verdacht auf eine Thrombose aufgrund anderer Faktoren (wie Schwangerschaft oder kürzlicher Beginn der Einnahme oraler Kontrazeptiva), kann ein negativer D-Dimer-Test eine TVT wirksam ausschließen, bei positivem D-Dimer-Test sollte auch eine bildgebende Diagnostik eingeleitet werden.
Faustregeln zur Differentialdiagnose akuter Beinschmerzen:
Bei Schmerzen mit folgenden Eigenschaften
längs ausstrahlend,
mit Taubheitsgefühlen gekoppelt,
im Liegen und bei Beinhochlagerung unverändert persistierend,
am Oberschenkel außen oder im Hüftbereich angesiedelt
sind Venen und Thrombosen als Ursache sehr untypisch. Diese Symptome treten eher bei neurologischen/orthopädischen Erkrankungen auf (Tab. 1).
Wie erkennt man eine oberflächliche Venenthrombose?
Die oberflächliche Beinvenenthrombose (OVT) tritt meist akut, manchmal aber auch chronisch rezidivierend auf, in der Regel im Verlauf einer vorher vorhandenen meist ausgeprägt sichtbaren Krampfader (Abb. 2), selten auch auf vorher gesunden Venen.
Man tastet einen verhärteten Strang, der bräunlich verfärbt und oft von rotem Gewebe umgeben und extrem schmerzhaft ist. In diesem Bereich fühlt sich die Haut meist auch wärmer an. Bei einer älteren OVT ist nur noch der braune, dann in der Regel nicht mehr schmerzhafte Strang zu tasten. Der Abbau einer OVT kann mehrere Monate benötigen. In Abwesenheit einer Verhärtung ist eine OVT ausgeschlossen. Die Gefahr einer OVT liegt darin, dass sie nur die Spitze des Eisbergs darstellen könnte und über Perforansvenen oder die Stammvenen in die tiefen Beinvenen per continuitatem einwachsen könnte. Außerdem wurden bei 30 % der Patienten mit einer ausgedehnten OVT (auch unabhängig voneinander) eine tiefe Beinvenenthrombose nachgewiesen, in 4 % eine Lungenembolie (6).
Eine weiche, mit dem Finger komprimierbare Vene, die (zufälligerweise) über einem schmerzhaften Bereich liegt, enthält mit hoher Wahrscheinlichkeit keinen Thrombus. Die einzige klinisch für den phlebologisch unerfahrenen Kollegen schwer zu stellende Differentialdiagnose der OVT sind neu aufgetretene Schmerzen, die in Bereichen venös bedingter verhärteter und fibrotischer Areale mit Hyperpigmentierung (chronische venöse Insuffizienz (CVI) mit Hautveränderungen) vorkommen.
Der früher gängige Name (Thrombo-)Phlebitis wird nicht mehr verwendet, da er verwirrend war und zu oft zu einem Antibiotika-Einsatz führte unter der Annahme, es handele sich um einen Infekt (11).
Symptome
Punkte
aktive Krebserkrankung (d. h. Tumordiagnose vor weniger als 6 Monaten, aktive Anti-Tumortherapie oder Palliativsituation)
1
Ruhigstellung eines Beines durch gelenküberschreitenden Verband oder infolge einer Parese
1
Bettruhe > 3 Tage, große Chirurgie vor weniger als 12 Wochen
1
Schmerz, Verhärtung entlang der tiefen Venen
1
Schwellung des gesamten Beines
1
Schwellung Unterschenkel > 3 cm mehr als Gegenseite
1
einseitiges Ödem am symptomatischen Bein
1
prominente, nicht variköse, oberflächliche Kollateralvenen (neu)
1
frühere, dokumentierte tiefe Venenthrombose
1
alternative Diagnose genauso wahrscheinlich wie Thrombose
-2
Gesamtpunktzahl
Tab. 2: Wells-Score zur Bestimmung der klinischen Wahrscheinlichkeit einer Thrombose.
Hat sich in einer Krampfader eine OVT entwickelt, sollte die Therapie der Varikose zeitnah eingeleitet werden, um Rezidiven mit potenziellen Lungenembolien vorzubeugen.
Hat sich eine OVT auf einer gesunden (also nicht geschlängelten oder nicht als Krampfader bekannten) oberflächlichen Beinvene entwickelt, müssen Systemerkrankungen und insbesondere maligne Erkrankungen, die häufig dabei vorkommen, ausgeschlossen werden.
Die Kompressionssonographie ist die diagnostisch sicherste Form der Feststellung oder des Ausschlusses einer Thrombose. Mit Hilfe des Schallkopfs wird die untersuchte Vene komprimiert. Lässt sie sich komplett „wegdrücken“, ist kein Gerinnsel vorhanden. Ist thrombotisches Material in der Vene, lässt sich die Vene nicht ganz „wegdrücken“. Dabei wird das Bein entlang der tiefen Venen im Querschnitt untersucht. Das sogenannte „B-Bild“ (Brightness, Graustufen des Gewebes) wird in zwei Hälften geteilt: links die Darstellung der Gefäße ohne Kompression, rechts mit Kompression (Abb. 3 und 4). Manchmal sind Thromben auch direkt sichtbar (Abb. 5).
Angepasst an die Schwierigkeit, schnell eine umfassende Diagnostik zu erhalten, wurde in der neuen Leitlinie (7) unterschieden zwischen der duplexunterstützten vollständigen Kompressionssonographie (dv-KUS) und der „Point-of-Care“- Kompressionssonographie (POKUS), bei der nur die Leiste und die Kniekehle, ggf. auch die V. femoralis am Oberschenkel, untersucht werden.
CAVE: Bei hoher klinischer Wahrscheinlichkeit (Wells-Score > 2) und negativem POKUS ist aber dennoch eine kurzfristig angesetzte, komplette Diagnostik unbedingt erforderlich.
Der Point-of-Care-Kompressionsultraschall entspricht auch dem orientierenden Ultraschall in geschulten und geübten Händen in der Hausarztpraxis. Die Untersuchung erfolgt mit einem Ultraschallgerät unter Einsatz einer „small parts“-Sonde (z. B. auch für die Sonographie der Schilddrüse), bei der mittels Kompressionssonographie orientierend die V. femoralis in der Leiste und die V. poplitea in der Kniekehle dargestellt wird. Das ist besonders sinnvoll, wenn die klinische Wahrscheinlichkeit gering ist, der Patient aber sehr besorgt. Es erspart eine unnötige Vorstellung beim Facharzt und führt zur Beruhigung des Patienten. Da die Kompressionssonographie der Venen (EBM-Ziffer 33076) in den meisten Hausarztpraxen nicht abrechnungsfähig ist, besteht die Chance einer IGeL-Leistung für diesen guten Patientenservice.
Sollte hierbei ein Thrombus gefunden werden, empfiehlt es sich trotzdem immer, den Patienten kurzfristig beim Facharzt vorzustellen, um auch aus forensischen Gründen die Therapie der Thrombose in geübte Hände zu legen. Nicht ratsam ist es, die Therapie in der Hausarztpraxis zu beginnen und den Patienten erst nach einigen Wochen zum Facharzt zu überweisen, da dann möglicherweise der gesamte Thrombus oder Teile von ihm schon abgebaut sind. Es könnte eine gewisse Unsicherheit in Bezug auf die Wertigkeit der Erstdiagnose, der Ausdehnung der Thrombose etc. auftreten, was bezüglich der weiteren Therapie bei dieser oder ggf. rezidivierend auftretenden Thrombosen nachteilig für den Patienten wäre.
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