Was hat Zoster mit dem Gehirn zu tun?
Spannend wird die Geschichte dort, wo die klassische Vorstellung von Gürtelrose als rein peripherer Nervenerkrankung endet. VZV ist neurotrop und kann bei einer Reaktivierung nicht nur entlang peripherer Nerven wandern, sondern auch das zentrale Nervensystem und zerebrale Gefäße betreffen. Beschrieben sind unter anderem Meningitiden, Enzephalitiden, Myelitiden und eine VZV-Vaskulopathie.3
Das häufig verwendete Bild, das Virus müsse dafür schlicht „die Blut-Hirn-Schranke überwinden“, ist allerdings zu einfach. Für VZV werden unterschiedliche Wege diskutiert, darunter eine zentrale Ausbreitung entlang neuronaler Strukturen und die Infektion zerebraler Arterien. Bei der VZV-Vaskulopathie lassen sich Virus und entzündliche Veränderungen direkt in Gefäßwänden nachweisen. Damit ist eine Kausalkette von Virusreaktivierung über Gefäßschädigung und Entzündung bis hin zu möglichen langfristigen Auswirkungen auf die Hirngesundheit biologisch plausibel. Ob diese Prozesse den beobachteten Zusammenhang mit Demenz erklären, ist offen.3
Hinzu kommt eine zweite Hypothese: Impfungen können über ihr spezifisches Antigen hinaus das angeborene und adaptive Immunsystem beeinflussen. Auch solche sogenannten Off-target-Effekte werden als mögliche Erklärung diskutiert. Für den adjuvantierten Zoster-Impfstoff ist aber nicht belegt, dass etwa eine direkte Modulation von Mikroglia die beobachteten Demenzsignale verursacht.
Zoster-Impfung und Demenz: aus einem Signal wird eine ernsthafte Forschungsfrage
Der stärkste Hinweis auf einen möglichen kausalen Zusammenhang stammt aus Wales. Dort wurde die Impfberechtigung bei Einführung des damaligen Zoster-Impfprogramms durch ein exaktes Geburtsdatum festgelegt. Menschen, die nur wenige Tage auseinander geboren waren, unterschieden sich dadurch deutlich in ihrer Chance, überhaupt geimpft zu werden. Dieses natürliche Experiment reduziert viele Verzerrungen, die gewöhnliche Beobachtungsstudien belasten.
Über sieben Jahre war der Erhalt des damaligen attenuierten Lebendimpfstoffs mit einer um 3,5 Prozentpunkte geringeren Wahrscheinlichkeit einer neuen Demenzdiagnose verbunden; relativ entsprach dies einer Reduktion um etwa 20 Prozent.4 Wichtig ist die Einschränkung: Untersucht wurde der heute in Deutschland nicht mehr verwendete Lebendimpfstoff. Das Ergebnis darf deshalb nicht einfach auf den aktuellen rekombinanten Impfstoff übertragen werden.
Für genau diesen aktuellen Impfstoff gibt es inzwischen jedoch ebenfalls Daten. Eine 2026 publizierte große Kohortenstudie untersuchte 65.800 zweifach mit dem rekombinanten Zoster-Impfstoff geimpfte Menschen ab 65 Jahren und mehr als 260.000 ungeimpfte Vergleichspersonen. Im Vergleich mit Tdap- Geimpften blieb die Zoster-Impfung mit einer niedrigeren Rate späterer Demenzdiagnosen assoziiert; die adjustierte Hazard Ratio lag bei 0,73.5 Das ist ein bemerkenswertes Signal. Es bleibt aber eine Beobachtungsstudie und die Studie wurde von GSK finanziert und zum Teil durch Mitarbeitende betreut – ein Interessenkonflikt kann zumindest nicht ausgeschlossen werden.
Was lässt sich daraus für die Praxis ableiten?
Noch scheint der Satz „Zoster-Impfung verhindert Demenz“ nicht endgültig bewiesen. Randomisierte Studien mit Demenz als prospektivem Endpunkt fehlen und Demenzprävention ist weder Zulassungsindikation noch Bestandteil der STIKO-Empfehlung. Ebensowenig kennen wir den Mechanismus sicher. Für die Impfberatung ist der Befund dennoch relevant – nicht als Nutzenversprechen, sondern als interessante Ergänzung zu einer ohnehin gut begründeten Impfung. Wer gegen Herpes zoster impft, schützt zuverlässig vor Gürtelrose und ihren Komplikationen. Ein möglicher Zusammenhang mit geringerem Demenzrisiko wäre ein genialer Zusatznutzen.
Vielleicht ist gerade das die spannendste Botschaft moderner Impfmedizin: Wir verstehen genauer, wie sich gezielte Immunität auslösen lässt und entdecken zugleich, dass die Folgen einer Impfung mitunter weiter reichen könnten als die reine Verhinderung der Infektion. Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang zum Beispiel die durch Impfung zu verhindernde maserninduzierte „immune amnesia“, bei der ein Teil des zuvor erworbenen immunologischen Gedächtnisses verloren gehen kann.
Ein Gedanke am Schluss sei gestattet: Wenn Patienten und Patientinnen impfkritischen Argumenten zugewandt sind, sollte man versuchen überzeugend am Ball zu bleiben. Wenn Ärzte und Ärztinnen zu Impfgegnern und -gegnerinnen werden, haben sie hingegen zentrale Prinzipien der ärztlichen Kunst nicht verstanden. Denn Impfungen waren, sind und werden auch in Zukunft ein wichtiger Bestandteil moderner Medizin bleiben.