Die Reizblase – ein Symptomenkomplex
Dieser Beitrag soll eine Übersicht geben über die vielfältigen Behandlungsmöglichkeiten des Symptomenkomplexes „Reizblase“, dessen korrekte medizinische Bezeichnung überaktive Blase oder overactive bladder (OAB) lautet.
Der Ausdruck „Reizblase“ war lange ein medizinisch wenig streng definierter Begriff, der früher in den verschiedenen Disziplinen durchaus unterschiedlich angewendet wurde, beispielsweise von gynäkologischer Seite als „endokrine Zystopathie“ mit neurohormonaler Störung des vegetativen Nervensystems, gegebenenfalls mit nachweisbarem Östrogenmangel. Auch in der Psychosomatik gilt die Reizblase als ein Ersatzsymptom für phobische Ängste, Aggressionshemmung und Hingabestörung.
Dabei liegt dem Beschwerdebild keine fassbare Ursache zugrunde, so dass von einem idiopathischen Krankheitsbild gesprochen werden muss. Mögliche Ursachen für eine sekundäre Symptomatik wären chronische Infekte, Blasensteine, eine benigne Prostatahyperplasie oder ein Urothelkarzinom. Solche Erkrankungen müssen immer durch eine sorgfältige Diagnostik ausgeschlossen oder kausal behandelt werden.
BEGRIFFSDEFINITION
Nach Definition der Internationalen Kontinenzgesellschaft (ICS) handelt es sich bei der OAB um ein Miktionsverhalten mit mehr als zehn Entleerungen pro Tag, die jeweils mit einem imperativen Harndrang einhergehen.
Prävalenz und Risikofaktoren der Reizblase
Etwa jeder sechste Erwachsene in Deutschland ist von einer überaktiven Blase betroffen. Frauen sind doppelt so häufig und etwa 20 Jahre früher betroffen als Männer. Die Häufigkeit steigt mit zunehmendem Alter. Gesicherte unabhängige Risikofaktoren für die Entstehung einer Reizblase sind Alter und Übergewicht. Erkrankungen die häufig begleitend auftreten sind Verstopfung, Depressionen und Erektionsstörungen. In Studien gut belegt sind Zusammenhänge zwischen Menopause, Hormonmangel und Reizblasenbeschwerden.
Physiologie und Pathophysiologie der Reizübermittlung der Blase
Das viszerale afferente Nervensystem der Blase zur Übermittlung von Blasenfüllung, Harndrang oder Schmerz ist sehr komplex. Freie Nervenendigungen wurden in der Blasenwand zwischen den Urothelzellen und auch zwischen glatten Muskelzellen identifiziert. Bei der normalen Blasenfüllung erfolgt die Reizübermittlung hauptsächlich über afferente A-delta-Fasern und nur wenig über nicht-myelinisierte C-Fasern.Verschiedene pathophysiologische Situationen führen zu einer Aktivierung der schmerzleitenden C-Fasern. Bleibt dieser Stimulus über längere Zeit bestehen, das heißt wird der Reiz chronisch, so entwickelt sich langsam eine erhöhte Erregbarkeit des zentralen Nervensystems, eine „Erweiterung des rezeptiven Feldes“ (auch „wind up“ genannt). Ferner wird über freigesetzte Neuropeptide (z. B. Substanz P, Tachykinine) Einfluss genommen auf Gefäßpermeabilität, Kontraktilität der glatten Muskulatur, Transmitterfreisetzung und auch das Immunsystem. Der genaue Pathomechanismus der idiopathischen OAB ist jedoch nicht bekannt.
Diagnostik
© Illustration: Pogorelova Olga - shutterstock
Zum Basisprogramm gehören
- eine ausführliche Anamnese
- die körperliche Untersuchung und
- eine Urinanalyse.
Wichtigster Punkt hierbei ist das eingehende Anamnesegespräch, um das Beschwerdebild genau zu erfassen. Oft ist es hilfreich, in einem Miktionsprotokoll über mindestens 48 Stunden sämtliche Toilettengänge mit Angabe des Urinvolumens und möglichem vorherigem Urinverlust dokumentieren zu lassen. Symptomfragebögen können die Kategorisierung der Beschwerden erleichtern. An weitergehenden Untersuchungen schließen sich eine Ultraschalluntersuchung der Harnwege und bei Männern eine Untersuchung der Prostata an. Eine Zystoskopie schließt chronisch-entzündliche Veränderungen, Blasensteine und ein Urothelkarzinom aus. Über eine urodynamische Evaluation können Blasenkapazität und Detrusordruckverhältnisse in Füllungs- und Entleerungsphase bestimmt werden.