Die Rolle der Dermatologie: Komplementäre Medizin in der Dermato-Onkologie
Verfahren der komplementären oder alternativen Medizin (KAM) werden oft parallel zur konventionellen Tumortherapie angewendet. Bei Patienten* mit Hautkrebs liegt die Nutzerrate bei etwa einem Viertel bis etwa der Hälfte1,2. Angesichts der enormen Bandbreite komplementärer oder alternativer Methoden und der ebenso breiten Streuung von Nutzen und Risiken bedeutet dies eine große Herausforderung für die Arzt-Patienten-Kommunikation.
14.10.2024
J. Hübner
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Schlüsselwörter: komplementäre Medizin, alternative Medizin, Mikronährstoffe, Nahrungsergänzungsmittel, Vitamin D
Abstract: Treatments of complementary or alternative medicine are often applied parallelly to conventional tumor therapy. Approxymately 25 to 50 percent of patients with skin cancer use complementary or alternative medicine1,2. The enormous range of complementary and alternative methods, as well as the wide variance of benefits and risks, means a big challenge for the communication between doctors and patients.
Key words: complementary medicine, alternative medicine, micronutrients, dietary supplements, vitamin D
Zitierweise: HAUT 2024; 35 (5): 214-220
Das Feld der komplementären oder alternativen Medizin (KAM) ist unscharf definiert. Es umfasst Verfahren, die oft parallel zur konventionellen Tumortherapie angewendet werden. KAM wird häufig in der Onkologie angewendet. Die Einstellungen von Laien und Ärzten dazu variieren erheblich. Über die Hälfte der Patienten zeigt Interesse an KAM, oft motiviert durch den Wunsch, sich etwas Gutes zu tun, oder durch den Druck von Familie und Freunden, die nach Hilfestellungen suchen. Bei Patienten mit Melanom und anderen Hautkrebsarten liegen die Nutzerraten in mehreren in Deutschland durchgeführten Querschnittsstudien bei etwa einem Viertel bis etwa der Hälfte1,2. Das Internet ist die Hauptinformationsquelle, soziale Medien gewinnen an Bedeutung. Angesichts der enormen Bandbreite komplementärer oder alternativer Methoden und der ebenso breiten Streuung von Nutzen und Risiken haben wir hier eine große Herausforderung für die Arzt-Patienten-Kommunikation. Trotz der sich rasch entwickelnden onkologischen Therapie zeigt das Nutzerverhalten eine relative Konstanz, was Ärztinnen und Ärzten einen Überblick über wichtige Themen ermöglicht.
* Zur besseren Lesbarkeit kann in Texten das generische Maskulinum verwendet werden. Nichtsdestoweniger beziehen sich die Angaben auf Angehörige aller Geschlechter.
Es ist entscheidend, dass Ärzte grundsätzlich über KAM informiert sind, um Patienten zu beraten oder wenigstens an seriöse Informationsquellen zu verweisen. Die S3-Leitlinie „Komplementärmedizin für onkologische Patient*innen“ betont die regelmäßige Befragung der Patienten zu aktuellen und geplanten KAM-Anwendungen. Ein darin bereitgestellter Fragebogen ermöglicht einen schnellen Überblick über risikoarme (grün), potenziell risikoreiche (gelb) oder eindeutig gefährliche (rot) Methoden (Abb. 1). Wünschenswert wären Grundkenntnisse über die wichtigsten Themen bei allen Ärztinnen und Ärzten, die onkologische Patienten betreuen. Hier können die Zertifikatsfortbildungen der Arbeitsgemeinschaft Prävention und Integrative Onkologie oder das Wissensportal der Stiftung Perspektiven weiterhelfen (Links bei der Literatur).
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Alternative Medizin: keine Evidenz und der Tumor wächst weiter
Abb. 1: Ein Ausschnitt aus dem Patientenfragebogen zu aktuellen und geplanten KAM-Anwendungen. Er ermöglicht einen schnellen Überblick über risikoarme (grün), potenziell risikoreiche (gelb) oder eindeutig gefährliche (rot) Methoden.
Quelle: S3-Leitlinie „Komplementärmedizin für onkologische Patient*innen“, verfügbar über
https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/032-055OL .
Die Begriffe „alternative“ und „komplementäre“ Medizin sind häufig unscharf definiert. Patienten wählen alternative Medizin als Ersatz für evidenzbasierte Therapien. Patienten, die sich für alternative Medizin entscheiden, suchen oft Heilung mit dem Versprechen hoher Erfolgsraten bei gleichzeitig geringen Nebenwirkungen. Alternative Medizin geht mit einem Tumorwachstum einher und kann zu einer inkurablen Situation führen. Oft wenden sich Patienten alternativer Medizin zu, weil die Kommunikation mit den Ärzten nicht gelungen ist. Ärzte werden als wenig verständnisvoll, Behandlungen als bedrohlich erlebt. Auch Laienvorstellungen zur Krebstherapien, etwa „Vergiftung des Körpers“ oder „Verstrahlung“, spielen eine Rolle. Dem sollte mit guter Kommunikation und geduldigem Erklären begegnet werden.
Komplementäre Medizin umfasst evidenzbasierte Methoden, die nicht essenziell für die Tumortherapie sind, aber die Kommunikation zwischen medizinischem Personal und Patienten verbessern können. Patienten fragen oft, was sie selbst tun können. Hier bietet die komplementäre Medizin Chancen für die Arzt-Patienten-Kommunikation. Eine klare Zielsetzung ist wichtig. Komplementäre Medizin kann zwar nicht den Krebs direkt bekämpfen, aber die Lebensqualität verbessern, die onkologische Therapie besser verträglich machen – und damit indirekt vielleicht auch die Prognose verbessern. Körperliche Aktivität und ausgewogene Ernährung gehören zu den evidenzbasierten Empfehlungen für onkologische Patienten und fördern Selbstwirksamkeit und Selbstbestimmtheit.
Auf Wechselwirkungen achten!
Auf der anderen Seite muss auf Wechselwirkungen geachtet werden, wenn Patienten KAM nutzen, dies sind meist Nahrungsergänzungsmittel und Heilpflanzen. In der oben bereits zitierten Studie2 nutzten 28 % biologisch basierte KAM. Die Therapie des Melanoms bestand aus Interferon, Strahlentherapie, Chemotherapie, BRAF-Inhibitoren oder anderen Tyrosinkinase-Inhibitoren oder Ipilimumab. Interaktionen waren möglich bei einem Viertel der Patienten unter Tumortherapie und bei 85 % derer, die substanzgebundene KAM nutzten3.
Nahrungsergänzungsmittel
Werden einfache Regeln einer ausgewogenen Ernährung beachtet, sind Nahrungsergänzungsmittel bis auf wenige Ausnahmen nicht notwendig und nicht empfehlenswert. Umfassende Spiegelbestimmungen von Mikronährstoffen sind daher ebenfalls nicht ratsam. Die Leitlinie empfiehlt jedoch ausdrücklich die Bestimmung von Vitamin B12, Vitamin D und Selen. Bei einem Mangel sollte die Ursache geklärt werden: Handelt es sich um die Folge einer Mangelernährung oder ist die Ursache eine andere? Eine Mangelernährung kann auch im Rahmen von sog. „Krebsdiäten“, Fasten oder besonderen Ernährungsformen wie Veganismus auftreten. Hier ist eine qualifizierte Ernährungsberatung die entscheidende Maßnahme. Nahrungsergänzungsmittel sind allein ungeeignet, Defizite einer Mangelernährung auszugleichen. Sonderfälle sind z. B. Vitamin B12 nach Gastrektomie oder Vitamin D. Hier sind gezielte Substitutionen erforderlich.
Für alle Vitamine und Spurenelemente/ Mineralien gilt: Ein Mangel ist ungesund, aber eine Überdosierung ist im onkologischen Setting ebenfalls kritisch. Studien zeigen für verschiedene Mikronährstoffe, dass zu hohe Spiegel mit einer erhöhten Erkrankungsrate und einer schlechteren Prognose einhergehen.
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