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Allgemein- & Innere Medizin, Endokrinologie, Gefäßmedizin, Medizin Gefäßmedizin Gefäßmedizin, vasomed
vasomed 3/24

Die Rolle von Gerinnungs-Expertise in der Transgender-Medizin

Die Transgender-Medizin ist ein sich entwickelnder Bereich, der darauf abzielt, die Lebensqualität und die psychische Gesundheit einer traditionell marginalisierten Gruppe von Menschen zu verbessern. Gender-diverse Menschen erleben häufig negative Begegnungen mit medizinischem Fachpersonal (3). In diesem Beitrag, der auf einem Vortrag der Autorin Prof. Fionnuala Ní Áinle auf der GTH-Tagung* beruht, wird die Rolle der venösen Thromboembolie (VTE) und der Gerinnung in der Transgender-Medizin unter Bezugnahme auf aktuelle Erkenntnisse zu diesem Thema erörtert. 


03.05.2024
F. Ní Áinle, C. Hanley
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ZITIERWEISE: VASOMED 2024; 36(3): 90-91

Schätzungen zufolge identifizieren sich weltweit bis zu 25 Millionen Menschen als Transgender (7). Als Medizinerinnen und Mediziner ist es unerlässlich, dass wir uns mit den aktuellen Behandlungsplänen der geschlechtsangleichenden Hormontherapie (GAHT) sowie deren Risiken und Vorteilen vertraut machen. Von besonderer Bedeutung für die Gerinnungsmedizin ist das offensichtlich erhöhte VTE-Risiko, das mit bestimmten GAHT-Therapien verbunden ist. Dieses erhöhte Risiko wird durch den Nutzen der GAHT für die Lebensqualität (4) und die lebensverändernden konkurrierenden Risiken, die mit der Beendigung der GAHT verbunden sind, ausgeglichen.

Transgender-Frauen, die GAHT auf Östrogenbasis einnehmen, haben im Vergleich zu Cisgender-Frauen, die keine Hormonbehandlung erhalten, ein erhöhtes VTE-Risiko (5). Dieses Risiko steigt mit der Dauer der Behandlung. VTE als Folge eines persistierenden Provokationsfaktors weist laut Literatur das höchste prognostizierte Rezidivrisiko auf (8). Bei diesen Patientinnen verfolgen wir derzeit eine Behandlungsstrategie mit einer begrenzten Antikoagulationsdauer, gefolgt von einer Diskussion darüber, ob eine weitere Antikoagulation gerechtfertigt ist. Die Diskussion sollte auf anfänglichen und anhaltenden Risikofaktoren, Blutungsrisiko, geschlechtsspezifischen Überlegungen und Patientenpräferenzen basieren, insbesondere in Situationen, bei denen die optimale Dauer der Antikoagulation weniger klar ist. Aktuelle Leitlinien betonen die Bedeutung der Titrierung von Östrogen auf physiologische Werte (6).

Da qualitativ hochwertige Daten zur Versorgung von Transgender-Frauen fehlen, werden viele Daten zum VTE-Risiko bei Transgender-Patientinnen und -Patienten aus einer Cisgender-Population extrapoliert. Aus Daten zu Cisgender-Frauen, einschließlich der ESTHER-Studie, können wir schließen, dass das VTE-Risiko im Zusammenhang mit einer Hormonbehandlung von der Indikation für die Östrogentherapie sowie der Zusammensetzung und dem Verabreichungsweg abhängt (Tab. 1). Hierbei weist transdermales Estradiol ein sehr geringes Risiko einer assoziierten VTE auf (1). Es wurde auch gezeigt, dass östrogenassoziierte VTEs ein geringeres Rückfallrisiko haben als nicht-östrogenbedingte, wobei das Absetzen des Hormons zu einem geringeren Rezidivrisiko für VTE führt (2). Antikoagulierte Personen, die weiterhin östrogenbasierte Therapien erhalten, scheinen jedoch während der anfänglichen Antikoagulationsphase eine ähnliche VTE-Rezidivrate zu haben wie Personen, die während der Antikoagulation kein Östrogen einnehmen (9).

relatives ThromboserisikoÖstrogen-Präparat
hoch bis mittelEthinylestradiol
  • hoch
  • EE 50 µg
  • mittel
  • EE 30/35 µg
  • geringer mittel
  • EE 20 µg
moderat geringkonjugiertes equines Östrogen
geringorales Estradiol
geringEstradiolvalerat (parenteral)
sehr geringtransdermales Estradiol

Tab. 1: Thromboserisiko, das mit verschiedenen Östrogen-Präparaten assoziiert ist (adaptiert nach (3)).

Transgender-Männer, die eine Hormontherapie auf Testosteronbasis bekommen, scheinen kein erhöhtes VTE-Risiko zu haben, entwickeln jedoch häufig eine sekundäre Erythrozytose. Es ist noch unklar, ob die sekundäre Erythrozytose in dieser Population ein höheres VTE-Risiko darstellt (10).

Obwohl uns noch keine umfassenden Daten zu den mit GAHT verbundenen Risiken vorliegen und die Evidenz häufig aus der Cisgender-Population extrapoliert wird, sollten eine individuelle Risikobewertung und gemeinsame Entscheidungsfindung für jede Tansgender-Patientin  bzw. jeden Tansgender-Patienten die Norm sein. Dies ist besonders relevant in einer Population, in der ein Therapieabbruch oft nicht akzeptabel ist und die Menschen bereit sind, ein erhöhtes Thromboserisiko oder die gleichzeitige Anwendung von Antikoagulanzien in Kauf zu nehmen, falls es erforderlich ist.



1.    Canonico M, Oger E, Plu-Bureau G et al. Hormone therapy and venous thromboembolism among postmenopausal women. Circulation. 2007;115(7):840–5. doi:10.1161/circulationaha.106.642280. 
2.    Christiansen SC, Lijfering WM, Helmerhorst FM et al. Sex difference in risk of recurrent venous thrombosis and the risk profile for a second event. J Thromb Haemost. 2010;8(10):2159-2168.
3.    Connors JM, Middeldorp S. Transgender patients and the role of the coagulation clinician. Journal of Thrombosis and Haemostasis. 2019;17(11):1790–7. doi:10.1111/jth.14626. 
4.    D’hoore L, T’Sjoen G. Gender-affirming hormone therapy: An updated literature review with an eye on the future. Journal of Internal Medicine. 2022;291(5):574–92. doi:10.1111/joim.13441. 
5.    Getahun D, Nash R, Flanders WD et al. Cross-sex hormones and acute cardiovascular events in transgender persons. Annals of Internal Medicine. 2018;169(4):205. doi:10.7326/m17-2785. 
6.    Hembree WC, Cohen-Kettenis PT, Gooren L et al. Endocrine treatment of gender-dysphoric/gender-incongruent persons: An endocrine society* clinical practice guideline. The Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism. 2017;102(11):3869–903. doi:10.1210/jc.2017-01658. 
7.    James SE, Herman JL, Rankin S et al. The Report of the 2015 U.S. Transgender Survey. Washington, DC: National Center for Transgender Equality 2016.
8.    Kearon C, Ageno W, Cannegieter SC et al. Categorization of patients as having provoked or unprovoked venous thromboembolism: Guidance from the SSC OF ISTH. Journal of Thrombosis and Haemostasis. 2016;14(7):1480–3. doi:10.1111/jth.13336. 
9.    Martinelli I, Lensing AW, Middeldorp S, et al. Recurrent venous thromboembolism and abnormal uterine bleeding with anticoagulant and hormone therapy use. Blood. 2016;127(11):1417–1425.
10.    Oakes M, Arastu A, Kato C et al. Erythrocytosis and thromboembolic events in transgender individuals receiving gender-affirming testosterone. Thrombosis Research. 2021;207:96–8. doi:10.1016/j.thromres.2021.09.005. 

* Dieser Beitrag beruht auf einem Vortrag bei der 68. Jahrestagung der Gesellschaft für Thrombose- und Hämostaseforschung e. V. (GTH) in Wien vom 27.02.–01.03.2024.

Autorinnen
F. Ní Áinle1, C. Hanley2
1 Mater Misericordiae University Hospital and Rotunda Hospital, Haematology dept., Dublin, Irland 
2 Mater Misericordiae University, Dublin, Irland

Korrespondenzadresse

Prof. Fionnuala Ní Áinle 
Mater Misericordiae University Hospital, 
Haematology dept.
Eccles St, Dublin 7 Irland
fniainle(at)mater.ie