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Orthopädie, Schmerztherapie, Medizin Orthopädie Orthopädie
28. AE-Kongress

Gelenkerhalt vor Hüftendoprothese: Klinikdirektor über moderne Therapien der Hüftarthrose

Gelenk erhalten oder ersetzen? Um diese Frage dreht sich der Vortrag von Prof. Georgi Wassilew im Rahmen des 28. AE-Kongresses in München. Im Zentrum moderner Hüftchirurgie sieht er möglichst langen Gelenkerhalt – sofern es das Stadium der Hüftarthrose zulässt.  


07.07.2026
J. Gutmann
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Die Hüftarthrose (Coxarthrose) zählt zu den häufigsten Erkrankungen in Industrienationen. Bei schätzungsweise fünf Prozent der Menschen in Deutschland besteht im Laufe ihres Lebens Behandlungsbedarf aufgrund der daraus resultierenden Beschwerden. Dabei beginnen die Abnutzungserscheinungen in den Hüftgelenken meist schleichend und unspezifisch. „Patienten beschreiben häufig Schmerzen im vorderen Oberschenkel oder im Knie”, sagt Prof. Georgi Wassilew, Generalsekretär der AE – Deutsche Gesellschaft für Endoprothetik und Direktor der Klinik für Orthopädie, Unfallchirurgie und Rehabilitative Medizin der Universitätsmedizin Greifswald. Viele Schmerzen ausgelöst durch Hüftarthrose können ins Kniegelenk projiziert werden, so der Orthopäde. 

Die moderne Hüftchirurgie beginnt genau hier: Bei den ersten Anzeichen einer Hüftarthrose. Nicht erst, wenn ein künstliches Hüftgelenk nötig wird. „Unser Ziel ist es, Beschwerden rechtzeitig zu erkennen, Ursachen zu behandeln und das natürliche Gelenk möglichst lange zu erhalten”, so Wassilew. Wenn etwa eine Fehlbelastung als mögliche Ursache einer späteren Hüftarthrose früh korrigiert wird, können weitere Knorpelschäden vermieden werden. 

„Die moderne Hüftchirurgie ist heute hochindividualisiert. (…)Entscheidend sind Gelenkzustand, biologische Voraussetzungen, Aktivitätsniveau und die Wünsche unserer Patientinnen und Patienten.“ 

Prof. Georgi Wassilew, AE-Generalsekretär

Gelenkerhalt als wichtigstes Therapie-Ziel bei Hüftarthrose

Welche Therapie individuell am besten zum jeweiligen Patienten oder zur jeweiligen Patientin passt, ist stark von individuellen Faktoren ab. Dazu zählen Alter, Schweregrad des Knorpelverschleißes, Stärke der Schmerzen, das Ausmaß der Fehlstellung, die Beweglichkeit, die Erwartungen der Patientinnen und Patienten, Einschränkungen im Alltag und das Geschlecht. Frauen etwa zählen nach dem Klimakterium zur Risikogruppe, da in dieser Lebensphase knorpelschützende Hormone nicht mehr ausgeschüttet werden. 

„Die entscheidende Frage lautet heute nicht mehr nur ‘Wann braucht ein Patient eine Hüftprothese?’, sondern vielmehr ‘Wie lange können wir das eigene Gelenk erhalten und welche Therapie ist für den Einzelnen Patienten die Beste?’”

G. Wassilew

Welche gelenkerhaltende Therapie ist für den einzelnen Patienten die Beste? Wassilew: „Gerade in diesem Bereich hat sich die Hüftchirurgie in den letzten Jahren enorm weiterentwickelt. Gelenkserhaltende Verfahren wie die Korrekturosteotomie der Hüftpfanne, arthroskopische Korrekturen des femoroacetabulären Impingements (FAI), aber auch moderne Knorpeltherapien ermöglichen es uns, Fehlstellungen zu korrigieren und die Entstehung einer Arthrose teilweise über Jahrzehnte hinauszuzögern”. Davon würden nicht nur junge Patienten profitieren, sondern auch Patienten über 40 Jahren – wenn die Gelenksituation geeignet und die Knorpelsubstanz noch ausreichend erhalten ist.

Biologische Knorpelverfahren bei Hüftarthrose

Zu den biologischen und knorpelregenerativen Verfahren zählen Mikrofrakturierung, AMIC, autologe Knorpelzelltransplantation/ACT oder matrixgestützte Verfahren. Das Ziel derartiger Verfahren: begrenzte Schäden frühzeitig adressieren. Eine fortgeschrittener Arthrose können sie nicht rückgängig machen: „Sie kommen vor allem bei begrenzten Knorpelschäden infrage – häufig nur dann, wenn zugleich die mechanische Ursache der Fehlbelastung behandelt wird", so Orthopäde und Unfallchirurg Wassilew: „Aktuelle Daten zeigen, dass geeignete gelenkerhaltende Eingriffe die Lebensdauer des eigenen Hüftgelenks in ausgewählten Fällen um 20 bis 30 Jahre verlängern können“.

Mögliche Ursachen einer Hüftarthrose und passende Therapieverfahren

  • Angeborene Hüftgelenksdysplasie (HD): periazetabuläre Osteotomie, kurz PAO, um die Hüftpfanne operativ so auszurichten, dass der Hüftkopf wieder besser überdacht und die Belastung im Gelenk gleichmäßiger verteilt wird.
  • Unbehandeltes femoroacetabuläres Impingement, kurz FAI: arthroskopische Eingriffe, um knöcherne Engstellen zu korrigieren und Schäden am Knorpel und Labrum zu behandeln.
  • Lokale Knorpelschäden: biologische und knorpelregenerative Verfahren wie Mikrofrakturierung, AMIC, autologe Knorpelzelltransplantation/ACT oder matrixgestützte Verfahren, um die Funktion des natürlichen Gelenks möglichst lange zu erhalten.
  • Großflächiger Knorpelverlust bei stark eingeschränkter Beweglichkeit: Hüftendoprothese 

Moderne Hüftendoprothesen: Schmerzen lindern, Beweglichkeit erhalten

Ist eine Arthrose weit fortgeschritten, stößt der Gelenkerhalt an Grenzen. Der Deutschen Gesellschaft für Endoprothetik zufolge sind fortgeschrittene Arthrose, großflächiger Knorpelverlust, stark eingeschränkte Beweglichkeit und präoperativ schlechte Funktion Anzeichen dafür, dass endoprothetische Verfahren in Erwägung gezogen werden sollten. „Minimalinvasive Zugänge, robotisch assistierte Systeme und knochensparende Hüftimplantate ermöglichen eine sehr präzise Wiederherstellung der individuellen Anatomie”, so Wassilew. Auch die Langlebigkeit moderner Hüftendoprothesen ist gut wie nie. Internationale Registerdaten zeigen Überlebensraten moderner Hüftendoprothesen von über 90 Prozent nach 30 Jahren. „Das heißt, viele Patienten nehmen ihre Prothese gegebenenfalls mit ins Grab", ordnet Wassilew ein. 

Juliane Gutmann