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Studie

Geschlechterverhältnis bei Geschwistern: Zufall oder System?

Eine neue Studie deutet darauf hin, dass das Geschlechterverhältnis bei Geschwistern nicht rein zufällig ist. Stattdessen könnten genetische Merkmale und das Alter der Mutter eine Rolle bei der einseitigen Geschlechterverteilung spielen. Experten ordnen die Ergebnisse jedoch kritisch ein.


25.07.2025
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In der Gesamtbevölkerung ist das Geschlechterverhältnis in etwa ausgeglichen, wenn auch mit einer leichten Tendenz zu mehr Geburten von Jungen. Einige Studien deuten jedoch darauf hin, dass innerhalb kinderreicher Familien häufiger Kinder des gleichen Geschlechts geboren werden als bei einer rein zufälligen Verteilung. Ein Forschungsteam der Universität Harvard hat dieses Phänomen in einer groß angelegten US-Studie genauer analysiert und im Fachjournal „Science Advances“ publiziert.1

Die Analyse basiert auf Daten von zwei großen US-amerikanischen Studien (Nurses’ Health Study II (NHSII) und Nurses’ Health Study 3 (NHS3)) mit 58.007 Frauen und 146.064 Schwangerschaften zwischen 1956 und 2015. Berücksichtigt wurden unterschiedliche Einflussfaktoren wie beispielsweise Blutgruppe, Größe, BMI mit 18 Jahren und Alter sowie genetische Eigenschaften der Frauen.

Ergebnis: Häufung gleicher Geschlechter in großen Familien

Die Auswertungen zeigen: 

  • Bei Familien mit mehr als zwei Kindern ist es wahrscheinlicher, weitere Kinder des bereits häufiger vertretenen Geschlechts zu bekommen.
  • Nach drei Jungen liegt die Wahrscheinlichkeit für einen vierten Jungen bei 61%, nach drei Mädchen bei 58% für ein weiteres Mädchen.

Statistisch folgt das Geschlechterverhältnis in diesen Familien nicht der klassischen Binomialverteilung (klassischer Münzwurf), sondern einer Beta-Binomialverteilung („gewichteter Münzwurf“). Das bedeutet, dass jede dieser Familien offenbar eine individuelle Wahrscheinlichkeit für Jungen- oder Mädchengeburten hat.

Oft beenden Paare ihre Familienplanung, wenn sie von jedem Geschlecht mindestens ein Kind bekommen haben. Wurde das letzte Kind aus der Analyse ausgeschlossen, war der Effekt der Geschlechtshäufung noch deutlicher.

Einfluss von Alter und genetischen Faktoren der Mutter

Das Forschungsteam identifizierte zudem maternale Faktoren, die mit einem einseitigen Geschlechterverhältnis in Zusammenhang stehen könnten. Insbesondere ein höheres Alter der Mutter bei der ersten Geburt stand im Zusammenhang mit wiederholten Jungen- oder Mädchengeburten. Mögliche biologische Mechanismen hierfür könnten hormonelle Veränderungen oder ein veränderter vaginaler pH-Wert im Alter sein, wodurch das Überleben bestimmter Embryotypen begünstigt sein könnte.

Eine genomweite Assoziationsstudie fand zudem SNPs (Einzelnukleotid-Polymorphismen, single-nucleotide polymorphism) bei einigen Müttern: 

  • NSUN6 war assoziiert mit ausschließlich weiblichen Nachkommen.
  • TSHZ1 wurde häufiger bei ausschließlich männlichem Nachwuchs gefunden.

Die Autoren betonen jedoch, dass diese genetischen Zusammenhänge bislang rein assoziativ sind und keine Kausalität belegen.

Experteneinschätzungen der Studie

Dr. Jan Korbel, Europäisches Laboratorium für Molekularbiologie (EMBL), Heidelberg, hebt die Aussagekraft der großen Datenbasis hervor: Die Studie „ermöglicht robuste statistische Analysen familienspezifischer Geschlechtsverteilungen und reduziert stichprobenbedingte Verzerrungen“. Allerdings weist er auch darauf hin, dass „Informationen zum Alter des biologischen Vaters nicht berücksichtigt werden konnten“ und dass „zukünftig funktionelle oder mechanistische Studien erforderlich“ sind, um die Ergebnisse zu validieren.

Neuartig an den Studienergebnissen sei die Kombination genetischer Marker mit maternalen Einflussgrößen wie dem Alter. 

„Besonders die Identifikation spezifischer genetischer Eigenschaften (SNPs) – zum Beispiel NSUN6 und TSHZ1 – im Zusammenhang mit ausschließlich männlichen oder weiblichen Nachkommen ist interessant. Neuartig ist auch die statistische Evidenz für altersabhängige Geschlechtsdisposition, was frühere spekulative Beobachtungen empirisch untermauert.“2


Prof. Dr. Christian Schaaf, Universitätsklinikum Heidelberg, bewertet die Ergebnisse zurückhaltend. Aus seiner Sicht wären die Ergebnisse 

„viel überzeugender, wenn sie in einer zweiten, unabhängigen Kohorte bestätigt worden wären. Dies würde ich für notwendig erachten, bevor wir hier weitere Schlüsse ziehen.“ 

Schaaf betont zudem, dass die gefundenen SNPs „keinen Hinweis auf funktionelle Zusammenhänge geben. Die genannten Gene könnten mit der Geschlechtswendigkeit der Kinder etwas zu tun haben, müssen dies aber nicht. Die kausal relevanten Faktoren könnten auch an ganz anderer Stelle im Genom zu finden sein. Es besteht lediglich ein statistischer Zusammenhang zwischen den entsprechenden genetischen Varianten und dem gehäuften Auftreten des einen oder anderen Geschlechts.“2

Fazit: Neue Hinweise, aber offene Fragen

Die Studie liefert erste Belege dafür, dass familienspezifische Wahrscheinlichkeiten für das Geschlecht von Kindern existieren könnten – möglicherweise beeinflusst durch genetische und altersabhängige Faktoren der Mutter. Für gesicherte Aussagen braucht es jedoch weitere Forschung, insbesondere zu den biologischen Mechanismen hinter den statistischen Auffälligkeiten.

Originalpublikation

1 Zhu, C., et al. (2024): Is sex at birth a biological coin toss? Insights from a longitudinal and GWAS analysis. Science Advances. https://doi.org/10.1126/sciadv.adu7402

2 Science Media Center Germany, Statements von Dr. Jan Korbel und Prof. Dr. Christian Schaaf zur Studie

Quelle: Science Media Center Germany

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