Haltung als Strategie: Privatpraxis jenseits klassischer Konzepte
Der Schritt in die Privatmedizin kann neue konzeptionelle und unternehmerische Freiräume eröffnen – verlangt aber auch eine klare Haltung und Strategie. Die Münchner Dermatologin Sophie Müller-Wiefel hat diesen Weg bewusst gewählt und mit „PRIDESKIN“ eine Privatpraxis gegründet, die medizinische Expertise mit einem ganzheitlichen und wertschätzenden Ansatz verbindet.
09.03.2026
A. Kaufmann
Teilen auf:
drucken
Gefällt mir
merken
Sehr geehrte Frau Müller-Wiefel,
Was hat Sie dazu bewogen, sich für die privatärztliche Tätigkeit zu entscheiden und Ihr Praxiskonzept auf „PRIDESKIN“ auszurichten?
Müller-Wiefel: Meine Facharztausbildung habe ich 2016 abgeschlossen, klassisch geprägt durch Jahre an zwei großen Universitätskliniken sowie in einer dermatologischen Gemeinschaftspraxis mit Kassensitzen. Zusätzlich arbeitete ich in Privatpraxen mit einem Selbstzahler-Anteil von teils bis zu 50 %. Ich kenne daher beide Welten gut. Die Entscheidung für „PRIDE SKIN“ ist über Jahre gereift. Mir wurde klar: Ich verstehe Medizin ganzheitlich – zuhören, Zusammenhänge erkennen, psychosoziale Aspekte berücksichtigen. Hauterkrankungen sind selten rein lokal, denn Stress, Hormone, Identität oder chronische Belastungen spielen oft eine zentrale Rolle. Das kassenärztliche System lässt diese Art der Medizin kaum zu. Dieses fragmentierte Arbeiten entspricht nicht meinem ärztlichen Selbstbild. Ich wollte Menschen begleiten, nicht nur Erkrankungen abarbeiten. Deshalb habe ich mich aus Überzeugung für die Privatmedizin entschieden. „PRIDESKIN“ steht für wertschätzende, diskriminierungsfreie Dermatologie.
Mit welchen Arbeitszeitmodellen gelingt es Ihnen, trotz Fachkräftemangel ein breites Leistungsspektrum vorzuhalten?
Müller-Wiefel: Der Fachkräftemangel ist real, besonders in München. Deshalb setze ich auf flexible Strukturen. Zentral ist dabei meine Praxismanagerin, eine Quereinsteigerin, die das gesamte administrative Aufgabengebiet übernimmt. Das ist essenziell, um ärztlich arbeiten zu können. Medizinisch bin ich sehr eigenständig tätig. Als meine Kosmetikerin nach drei Wochen unfallbedingt ausfiel, übernahm ich alle Behandlungen selbst. Das hat mir die Abhängigkeit von einzelnen Personen vor Augen geführt – deshalb denke ich über freiberufliche, flexible Modelle nach. Daneben sind die Arbeitszeiten bei uns familienfreundlich; ich bin alleinerziehende Mutter. Gleichzeitig erfordert der Aufbau Flexibilität: monatlich ein langer Freitag bis 22 Uhr und ein Samstag. Gerade zu Beginn braucht es für die Umsetzung von Visionen ein klares „All-in“.
Interviewpartnerin
Sophie Müller-Wiefel Facharztpraxis für Dermatologie, Venerologie und Ästhetik, München
Sie verfolgen ein ganzheitliches Konzept in Ihrer Praxis. Welche Besonderheiten gibt es bei den drei Patientengruppen: Frauen in der Perimenopause, Kindern und transidenten Personen?
Müller-Wiefel: Grundsätzlich sind alle Patientinnen und Patienten bei uns willkommen. Bei den folgenden drei Patientengruppen gibt es Besonderheiten, die schlecht in eine schematische Medizin passen.
Frauen in der Perimenopause: Die Perimenopause ist eine unterschätzte Phase im Leben einer Frau, mit Akne, Haarausfall und Juckreiz. Ursachen sind hormonelle Schwankungen und kein klarer Mangel. Die Standardtherapien greifen hier zu kurz. Deshalb ist es entscheidend, dass eine genaue Anamnese und Aufklärung mit genügend Zeit stattfindet.
Kinder und Jugendliche: Bei Kindern und Jugendlichen sind Zurückhaltung, Sicherheit und Vertrauen essenziell. Sanfte Therapien und eine sorgfältige Abwägung sind gefragt. Bei Jugendlichen spielen Selbstwert, Scham und Identität eine große Rolle. Das Ziel ist nicht eine „perfekte Haut“, sondern eine stabile, langfristig tragfähige Behandlung.
Transidente Personen: Für transidente Menschen sind medizinische Kompetenz und eine klare Haltung Voraussetzung. Hormontherapien beeinflussen die Haut erheblich. Ich arbeite affirmativ, ohne Pathologisierung. Namen und Pronomen werden bei uns selbstverständlich respektiert. Vertrauen ist entscheidend.
Meine Konzepte basieren auf Zeit, individueller Lebensrealität und ehrlicher Kommunikation.
Vielen Dank für das Gespräch!
Ausgeblendeter Inhalt
Bitte erteilen Sie Ihre Cookie-Zustimmung, um alle Inhalte unserer
Website sehen und vollumfänglich nutzen zu können.
Klären Sie Ihr ärztliches Selbstbild. Die Privatmedizin ist kein einfacher Ausweg, sondern anderes Arbeiten – mit mehr Freiheit und Verantwortung. Der Wechsel sollte aus Überzeugung erfolgen, nicht aus Frustration.
Planen Sie realistisch, reduzieren Sie Personalabhängigkeiten, unterschätzen Sie die Administration nicht. Nutzen Sie Digitalisierung kritisch-pragmatisch. Haben Sie Geduld: Der Schritt ist auch eine persönliche Transformation.
Wichtig: Die Privatmedizin ist kein Garant für hohen Verdienst. Gerade anfangs erfordert sie Zurückhaltung, Investitionen, Risikobereitschaft. Der Gewinn liegt in der Art zu arbeiten – nicht zwingend im Einkommen.
Autorin
A. Kaufmann, Redaktion
Ausgeblendeter Inhalt
Bitte erteilen Sie Ihre Cookie-Zustimmung, um alle Inhalte unserer
Website sehen und vollumfänglich nutzen zu können.
Wir erheben und verarbeiten Ihre Daten auf dieser Website, um besser zu verstehen, wie sie verwendet wird. Wir holen hierfür immer Ihre Einwilligung ein. Sie können Ihre Datenschutzeinstellungen hier ändern.
Sie haben noch kein Benutzerkonto?
Jetzt kostenlos registrieren und von Ihrem Mitgliedsstatus profitieren: