Neue Leitlinie Harnwegsinfektionen der WikiGuidelines-Group
Harnwegsinfektionen (HWI) gehören weltweit zu den häufigsten Infektionen und beeinträchtigen erheblich die Lebensqualität. Die Ende 2024 veröffentlichte Leitlinie der internationalen WikiGuidelines-Group gibt Empfehlungen für Prävention, Diagnose und Therapie von HWI bei Kindern und Erwachsenen.1
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Die Leitlinie stellt einen evidenzbasierten Ansatz zur Behandlung von Harnwegsinfektionen dar und wurde für den praktischen Einsatz in unterschiedlichen klinischen Settings entwickelt.1
Harnwegsinfektionen weisen unterschiedliche Ätiologien und klinische Schweregrade auf, von der einfachen Zystitis bis zur Pyelonephritis und lebensbedrohlichen Sepsis. Die Diagnose kann eine Herausforderung darstellen, da es keine validierten, hochpräzisen Tests gibt. Die Therapie wird durch die zunehmende Multiresistenz erschwert.
Dem Expertenteam, das die neue Leitlinie1 entwickelte, gehörten 54 Experten aus zwölf Ländern an, darunter Ärzte, Pharmazeuten und Wissenschaftler mit Fachkenntnissen in Innerer Medizin, Pädiatrie, Infektionskrankheiten und/oder Mikrobiologie. Im Mai 2023 wurden die Experten gebeten, Fragen zur Prävention, Diagnose und Behandlung von HWI zu stellen. Zu jeder dieser Fragen führten sie bis Anfang 2024 Literaturrecherchen in allen Sprachen durch.
Die Evidenz wurde gemäß der WikiGuidelines-Charta angegeben: Klare Empfehlungen wurden nur dann ausgesprochen, wenn reproduzierbare, prospektive, kontrollierte Studien die Hypothese bestätigten. In Ermangelung solcher Daten wurden klinische Übersichten erstellt, in denen die verfügbare Literatur und die damit verbundenen Risiken und Vorteile der verschiedenen Ansätze erörtert wurden. Das Team überprüfte 914 Artikel zu den Themen „Prophylaxe und Prävention“, „Diagnose und Diagnostik-Stewardship“, „empirische Behandlung“, „endgültige Behandlung und antimikrobielles Stewardship“ sowie „spezielle Bevölkerungsgruppen und genito-urinäre Syndrome“.
Evidenzbasierte Strategien zur Prävention von Harnwegsinfektionen
In Tabelle 1 stellen wir beispielhaft die in der Leitlinie zusammengestellten Strategien zur Prävention von HWI vor. Die Expertengruppe befasste sich u.a. auch mit der Rolle von D-Mannose in der Prävention von HWI. Die klinische Überprüfung ergab jedoch eine unzureichende Evidenzqualität für eine klare Empfehlung.1 Trotz biologischer Plausibilität für die Wirksamkeit gäbe es derzeit keine ausreichenden Belege, um die Anwendung von D-Mannose zur Prävention von Harnwegsinfektionen zu unterstützen oder zu widerlegen.1
Die Expertengruppe schlussfolgerte, dass für die meisten Themen im Zusammenhang mit der Prävention, Diagnose und Behandlung von HWI hochwertige prospektive Daten fehlen würden, sodass keine eindeutigen Empfehlungen ausgesprochen werden könnten. Allerdings, so die Experten, würden zurzeit randomisierte klinische Studien durchgeführt, um diese Wissenslücken zu schließen; weitere Forschung sei jedoch von größter Bedeutung, um eine wirklich evidenzbasierte und nicht eminenzbasierte Therapie zu ermöglichen.
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| Strategie | Evidenzgrad | Intervention | Kommentar |
| Kontinuierliche oder postkoitale Antibiotikaprophylaxe | klinische Überprüfung | TMP/SMX: kontinuierlich: 40 mg/ 200 mg 1 x tgl. oder 40 mg/200 mg 3 x wöchentl.; postkoital: 40 mg/200 mg oder 80 mg/200 mg 1 x postkoital Nitrofurantoin: kontinuierlich: 50 mg oder 100 mg tgl.; postkoital: 50 mg oder 100 mg 1 x postkoital | Bei der Entscheidung für eine Antibiotikaprophylaxe muss die Notwendigkeit der Vorbeugung gegen das Risiko unerwünschter Arzneimittelwirkungen, antimikrobieller Resistenzen und Störungen des Mikrobioms abgewogen werden. |
| Cranberry-Produkte | klare Empfehlung | Cranberry-Produkte mit einem Proanthocyanidin-Gehalt von 36 mg | Cranberry-Produkte können wiederkehrende HWI bei Frauen, Kindern und Personen, die anfällig für HWI sind, reduzieren. Die Daten für ältere Menschen, Menschen mit Blasenentleerungsstörungen oder schwangere Frauen sind unzureichend. |
| Probiotika | klinische Überprüfung | keine Empfehlung | Studien waren hinsichtlich Patientenpopulationen, spezifischer Probiotika, Art der Verabreichung und Studiendesign heterogen. |
| Vaginales Östrogen | klare Empfehlung | vaginales Östrogen, wie Vaginalringe, Vaginaleinlage oder Vaginalcreme | Große Vielfalt an Formulierungen und lokalen Verabreichungsmethoden. Verfügbarkeit kann in verschiedenen Ländern oder geografischen Regionen variieren. |
| Vermehrte Wasseraufnahme | klinische Überprüfung | zusätzlich 1,5 l Wasser | In einem RCT bei gesunden Frauen konnte gezeigt werden, dass die zusätzliche Aufnahme von Wasser die Zahl von HWI verringerte. Da es sich um eine risikoarme Methode handelt, ist es bis zu einer bestätigenden Studie sinnvoll, diese Intervention gesunden Frauen mit wiederkehrenden HWI zu empfehlen. |
| Methenamin-Hippurat | klare Empfehlung | Methenamin-Hippurat 1 g 2 x tgl.; Methenamin-Mandelat 1 g alle 6 h | Methenamin ist eine vielversprechende antimikrobielle Maßnahme zur Verringerung von HWI bei Patienten ohne Inkontinenz und mit voll funktionsfähiger Blase. |
- Nelson Z et al. Guidelines for the Prevention, Diagnosis, and Management of Urinary Trac tInfections in Pediatrics and Adults - A Wiki Guidelines Group Consensus Statement
JAMA Netw Open. 2024;7(11):e2444495. doi:10.1001/jamanetworkopen.2024.44495