HPV-Impfung nach Konisation: Evidenz für geringeres Rückfallrisiko?
Ein aktueller Cochrane-Review deutet darauf hin, dass die HPV-Impfung bei Frauen nach Konisation das Risiko für erneute hochgradige Krebsvorstufen (CIN2+) verringern könnte. Die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz bleibt jedoch gering und der Forschungsbedarf bleibt groß.
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Laut Robert Koch-Institut werden in Deutschland jährlich rund 25 000 Konisationen aufgrund HPV-bedingter Krebsvorstufen (CIN 2+) durchgeführt – überwiegend bei Frauen mittleren Alters. Nach dem Eingriff bleibt ihr Risiko für erneute HPV-assoziierte Läsionen und langfristig auch für die Entwicklung eines Zervixkarzinoms deutlich erhöht.
„Frauen, die bereits eine Konisation hinter sich haben, haben ein höheres Risiko, erneut HPV-bedingte Krebsvorstufen oder Gebärmutterhalskrebs zu entwickeln, als andere Frauen“, erklärt Philipp Kapp vom Institut für Evidenz in der Medizin am Universitätsklinikum Freiburg und Erstautor. Der vom Universitätsklinikum Freiburg geleitete Cochrane-Review untersuchte daher, ob eine HPV-Impfung bei Frauen kurz vor, während oder nach einer Konisation das Risiko für ein Rezidiv reduzieren kann. Hinweise deuten darauf hin, dass die Impfung selbst bei bereits HPV-infizierten Frauen noch einen protektiven Effekt haben könnte – insbesondere bei dieser klar definierten Risikogruppe, betont Erstautor Philipp Kapp vom Institut für Evidenz in der Medizin.
Ergebnisse des Cochrane-Reviews
In die Auswertung flossen 13 Studien mit insgesamt 21 453 Frauen ein, darunter zwei randomisiert kontrollierte Studien (RCTs). Die Metaanalyse der beiden RCTs zeigte einen potenziellen Nutzen: Basierend auf den berichteten Ereignisraten entwickelten innerhalb von zwei bis drei Jahren 0,6–1,5 % der geimpften Patientinnen erneut Läsionen, gegenüber 2,3 % in den Kontrollgruppen ohne Impfung. Dies entspricht einer geschätzten Risikoreduktion von rund 60 %.
Darüber hinaus untersuchten die Forschenden, ob die Impfung das Risiko einer HPV-Neuinfektion, einer persistierenden Infektion, höhergradiger Läsionen (CIN 3+) oder eines invasiven Zervixkarzinoms senken kann. Für diese Endpunkte liegen laut Kapp bislang keine belastbaren randomisierten Daten vor; die Evidenz wird als sehr unsicher bewertet.
Zur Sicherheit der HPV-Impfung in diesem klinischen Kontext liegen nur wenige Daten vor. Lediglich eine Studie berichtete Nebenwirkungen: 92 % der Frauen entwickelten lokale Reaktionen wie Rötungen oder Exantheme, 8 % Kopfschmerzen und 1 % eine schwere allergische Reaktion. Weitere Studien machten hierzu keine Angaben, sodass eine zuverlässige Bewertung seltener unerwünschter Ereignisse derzeit nicht möglich ist.
Geringe Evidenzqualität limitiert Aussagekraft
Beide RCTs wiesen methodische Verzerrungsrisiken auf, was die Aussagekraft der Ergebnisse einschränkt. Auch der optimale Impfzeitpunkt – vor, während oder nach der Konisation – ist bislang nicht geklärt.
Review im Überblick
- Studienumfang: 13 Studien (2 RCTs, 11 Beobachtungsstudien) mit > 21 000 Patientinnen
- Ziel: Bewertung des Nutzens einer HPV-Impfung rund um den Zeitpunkt der Konisation
- Ergebnisse: Risiko erneuter Läsionen (CIN 2+) um ≈ 60 % reduziert (RR 0,40; 95 %-KI 0,26–0,63)
- Evidenzbewertung: niedrig bis sehr niedrig (GRADE)
- Sicherheit: Nebenwirkungsdaten unzureichend, keine schweren Ereignisse belegt
„Wir müssen die Ergebnisse unseres Reviews aber mit Vorsicht interpretieren. Denn die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz ist gering, teils sogar nur sehr gering – und zwar deshalb, weil wir bei den beiden RCTs, die wir ausgewertet haben, Verzerrungsrisiken sahen. Sprich: Die tatsächliche Wirkung der Impfung könnte deutlich von der Wirkung abweichen, die die Studien berichten.“
- Philipp Kapp, Universitätsklinikum Freiburg
HPV-Impfung nach Konisation: Klinische Relevanz
Trotz der limitierten Evidenz empfehlen einige Ärztinnen und Ärzte ihren Patientinnen nach einer Konisation eine HPV-Impfung, um das Risiko eines Rückfalls möglicherweise zu senken. Mehrere gesetzliche Krankenkassen übernehmen die Kosten inzwischen auf Antrag, obwohl die Impfung bislang nicht regulär für diese Indikation vorgesehen ist.
Für eine robustere Evidenzbasis sind weitere randomisiert kontrollierte Studien erforderlich, die Alter, Vorimpfstatus und Impfzeitpunkt berücksichtigen, betont Kapp. Ein groß angelegter RCT unter Leitung des Imperial College London befinde sich derzeit in der Durchführung und soll voraussichtlich in naher Zukunft publiziert werden. Kapp zufolge könnte diese Studie die aktuelle Evidenzlage maßgeblich verändern und mehr Klarheit für die klinische Entscheidungsfindung schaffen.
Hintergrund
Der veröffentlichte Cochrane Review „Human papillomavirus (HPV) vaccination in women with conisation” (CD016121) basiert auf einem Bericht, der im Auftrag der Europäischen Exekutivagentur für Gesundheit und Digitales (HaDEA) für das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) erstellt wurde. Finanziert wurde die Forschung aus dem EU4Health-Programm der Europäischen Union.
Bericht des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC)
Kapp, P. et al (2025). Human papillomavirus (HPV) vaccination in women with conisation (Cochrane Database of Systematic Reviews, CD016121). aufrufbar unter: https://doi.org/10.1002/14651858.CD016121
Quelle: Cochrane Deutschland