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Inflammation, Sepsis und Gerinnungssystem

Koagulopathie ist eine häufige und schwerwiegende Komplikation der Sepsis. Die sepsisinduzierte Koagulopathie stellt eine komplexe Interaktion zwischen Entzündung und Gerinnung dar, die wesentlich zur Morbidität und Mortalität beiträgt. Der Beitrag beschreibt Diagnostik und Therapie.

 


17.01.2025
Z. Wolf
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ZITIERWEISE: VASOMED 2025; 37(1): 15-19

Zusammenfassung

Koagulopathie ist eine häufige und schwerwiegende Komplikation der Sepsis, die von subklinischer Hyperkoagulabilität bis zur lebensbedrohlichen disseminierten intravasalen Gerinnung (DIC) reichen kann. Die sepsisinduzierte Koagulopathie (SIC) stellt eine komplexe Interaktion zwischen Entzündung und Gerinnung dar, die wesentlich zur Morbidität und Mortalität beiträgt. Die Einführung von SIC-Kriterien soll eine frühere Erkennung und Behandlung ermöglichen und damit das Outcome von Patienten mit Sepsis verbessern.

Schlüsselwörter: Sepsis, Koagulopathie, sepsisinduzierte Koagulopathie (SIC), disseminierte intravasale Gerinnung (DIC), Thrombozyten, Thromboinflammation 

Die Sepsis, definiert als „akute lebensbedrohliche Organdysfunktion, verursacht durch eine dysregulierte Reaktion des Wirts auf eine Infektion“ gemäß der dritten internationalen Konsensusdefinition (Sepsis-3), stellt eine der größten Herausforderungen der modernen Medizin dar (1). Die alarmierenden Statistiken zeigen nicht nur eine weltweit steigende Inzidenz, sondern auch eine signifikante Mortalitätsrate, die die Sepsis zu einer der häufigsten Todesursachen weltweit macht.  Im Jahr 2017 registrierte die Global Burden of Disease Study insgesamt 48,39 Mio. Sepsisfälle und 11 Mio. sepsisbedingte Todesfälle, d. h. ca. 20 % aller Todesfälle weltweit sind auf Sepsis zurückzuführen (2). Die hohe 30-Tage- und 90-Tage-Mortalität von 24 % bzw. 32 % unterstreicht die Dringlichkeit verbesserter Präventions- und Behandlungsstrategien (3). 

Ein zentraler Aspekt in der Pathophysiologie der Sepsis ist die komplexe Interaktion zwischen Gerinnung und Entzündung, ein Phänomen, das als „Immunthrombose“ bezeichnet wird (4). Dieser Prozess dient zunächst als Abwehrstrategie des Organismus, indem Krankheitserreger durch die Bildung intra­vaskulärer Mikrothromben isoliert und deren Ausbreitung eingedämmt wird. Die lokale Mikrothrombose ist daher in geringen Mengen für den Wirt vorteilhaft, da sie als physikalische Barriere für Krankheitserreger fungiert. Eine Dysregulation dieses fein abgestimmten Systems zwischen Gerinnungsaktivierung und Entzündungsreaktion kann jedoch zu einer sich selbst verstärkenden „Thromboinflammation“ führen. Die übermäßige Bildung von Thromben führt nicht nur zu Gewebeschäden, sondern auch zum Verbrauch von Gerinnungsfaktoren, was sich schließlich in Blutungskomplikationen manifestieren kann. Dieses Zusammenspiel verdeutlicht die Komplexität der Sepsis und die Herausforderungen bei ihrer Behandlung.



Pathophysiologie

Die Pathophysiologie der sepsisinduzierten Koagulopathie (SIC) ist komplex und vielschichtig. Zu den wichtigsten Aspekten gehören überlappende Abwehrmechanismen wie die unkontrollierte Aktivierung der angeborenen Immunität, Entzündungsprozesse, Gerinnung, Thrombozyten, Komplementsystem, Endotheliopathie sowie die Unterdrückung der Fibrinolyse (Abb. 1) (5, 6). 

Nach der Invasion von Krankheitserregern erkennen Zellen des angeborenen Immunsystems „Pathogen-assoziierte molekulare Muster“ (PAMPs) über Muster­erkennungsrezeptoren (PRRs). Aktivierte Immunzellen setzen Zytokine, Chemokine, Entzündungsmediatoren wie Tumornekrosefaktor-α (TNF-α), Interferon-β (IFN-β), Interleukin-1β (IL-1β), Interleukin-6 (IL-6), Interleukin-8 (IL-8) und proteolytische Enzyme frei, die die prothrombotische Veränderung myeloischer Leukozyten fördern. Monozyten exprimieren Tissue Factor (TF), der die extrinsische Gerinnungskaskade aktiviert und zur Bildung von Thrombin führt. Thrombin induziert nicht nur die Ablagerung von Fibrin, sondern verstärkt auch die Entzündungsreaktion, indem es Protease-aktivierte Rezeptoren (PARs) auf verschiedenen Zelltypen aktiviert. Dadurch wird die weitere Freisetzung von inflammatorischen Zytokinen und extrazellulären Vesikeln gefördert. 

Thrombozyten spielen eine zentrale Rolle bei der Regulation der Thrombo­inflammation durch ihre Interaktion mit Leukozyten, NETs (neutrophil extracellular traps) und Endothelzellen. Aktivierte Thrombozyten setzen eine Reihe von entzündlichen und hämostatischen Mediatoren wie P-Selektin, TF, Thrombozytenfaktor 4, von-Willebrand-Faktor (VWF) und Faktor VIII sowie Zytokine und Chemokine frei (7). Sie aktivieren Leukozyten, Monozyten und Endothelzellen und führen zur Freisetzung von Mikropartikeln, die sowohl die Gerinnung als auch Entzündungsprozesse verstärken.

Inflammatorische Zytokine aktivieren Neutrophile, die durch NETose NETs auswerfen. NETs bestehen aus einer Matrix extrazellulärer DNA, die mit Histonen, Myeloperoxidase und Elastase angereichert ist.  NETs spielen eine wichtige Rolle bei der Eliminierung von Krankheitserregern; eine übermäßige Bildung von NETs kann jedoch zur Schädigung des Endothels und damit zur weiteren Rekrutierung und Aktivierung von Leukozyten und Thrombozyten sowie zur Aktivierung der Gerinnungskaskade beitragen:

  • binden an den von-Willebrand-Faktor und fördern der Thrombozytenrekrutierung
  • aktivieren die Histone H3 und H4 rekrutierte Thrombozyten
  • aktivieren den intrinsischen Gerinnungsweg über Faktor XII
  • aktivieren den extrinsischen Gerinnungsweg über TF
  • fördern die lokale Anreicherung von Enzymen wie neutrophile Elastase und Myeloperoxidase, die natürliche Inhibitoren wie Tissue Factor Pathway Inhibitor (TFPI) und Thrombo­modulin inaktivieren und das Endothel schädigen (4).  

Die Endothelschädigung führt zum Verlust der Glykokalyx, zur verminderten Freisetzung von Stickstoffmonoxid und Prostazyklin und damit zu einer Beeinträchtigung der Mikrozirkulation, der Kapillarpermeabilität und des endogenen Inhibitorpotenzials (8). Natürliche gerinnungshemmende Systeme wie Protein C und Antithrombin werden bei Sepsis herunterreguliert und fördern eine unkontrollierte Gerinnungsaktivierung. Darüber hinaus exprimieren aktivierte Endothelzellen Adhäsionsmoleküle, TF und VWF und setzen proinflamma­torische Mediatoren frei. Die Endothelzelldysfunktion führt zu einer Überproduktion von Plasminogenaktivator-Inhibitor-1 (PAI-1), was zu einer gestörten Fibrinolyse bis hin zum Fibrinolyse-Shutdown führt (6). Das Gleichgewicht zwischen Fibrinbildung und Fibrinabbau ist entscheidend für die Aufrechterhaltung der Gefäßdurchlässigkeit und der Gewebedurchblutung, sodass die unterdrückte Fibrinolyse zum Fortschreiten der mikrovaskulären Thrombose und Organdysfunktion beiträgt.

Klinische Manifestation von SIC und DIC

Die Sepsis induziert eine systemische Gerinnungsstörung, die sich jedoch je nach Gleichgewicht zwischen prokoagulatorischen, antikoagulatorischen und fibrinolytischen Wegen in unterschiedlichen Phänotypen manifestiert (9). Im Jahr 2001 definierte die International Society on Thrombosis and Haemostasis (ISTH) die disseminierte intravasale Gerinnung (DIC) als „ein erworbenes Syndrom, das durch eine intravaskuläre Aktivierung der Gerinnung mit Verlust ihrer Lokalisation aufgrund verschiedener Ursachen gekennzeichnet ist. Die DIC kann aus einer Schädigung der Mikrozirkulation resultieren und diese wiederum schädigen, was bei entsprechender Schwere zu Organschäden führt“ (10). Die Entwicklung der Koagulopathie im Verlauf der Sepsis ist jedoch ein dynamischer Prozess und die klinische Ausprägung der DIC ist vielfältig. Im kompensierten Zustand (Non-Overt- [nicht offene] DIC) besteht zunächst ein thrombotisches Risiko mit einem Überschuss an Prokoagulanzien, proinflammatorischen Zytokinen, aktivierten mononukleären Zellen und Endothelzellen sowie einer exzessiven Thrombo­zytenaktivierung. Mittlerweile ist SIC als eigenständige Kategorie innerhalb des Spektrums der sepsisassoziierten Koagulopathien anerkannt (10). Die Früherkennung von SIC ist entscheidend, da sie eine rechtzeitige therapeutische Intervention ermöglicht, bevor irreversible Gerinnungsstörungen auftreten. Abbildung 2 zeigt die typischen Veränderungen der Gerinnungswerte in den verschiedenen Phasen der Sepsis (9). 

Klinisch stellt sich die SIC als nicht offene DIC mit systemischer Thrombinbildung und mikrovaskulärer Thrombosierung dar. Die Laboranalyse zeigt bei SIC typischerweise einen prokoagulatorischen Zustand mit vermehrter Thrombinbildung (z. B. Thrombin-Antithrombin-Komplexe [TAT]) und mäßig verminderten Inhibitoren (z. B. Antithrombin, Protein C etc.). Der Fibrinogenspiegel ist bei der SIC normal oder sogar erhöht. Dagegen entwickelt sich bereits in der Frühphase eine Thrombozytopenie, die mit dem Schwere­grad und der 30-Tage-Mortalität korreliert und somit ein unabhängiger Prädiktor für eine schlechtere Prognose im Verlauf der Sepsis ist (11). Insgesamt kommt es jedoch noch nicht zu einem exzessiven Verbrauch von Gerinnungsfaktoren, Fibrinogen und Thrombozyten. 

Ein weiteres klinisches Merkmal der SIC ist die gestörte Fibrinolyse, die auf erhöhte Plasmaspiegel von PAI-1 zurückzuführen ist, das von aktivierten Endothelzellen exzessiv freigesetzt wird. Erhöhte PAI-1-Spiegel und eine gestörte Fibrinolyse sind mit dem Schweregrad der Sepsis assoziiert (12). Mit fortschreitender unkontrollierter Gerinnungsaktivierung kommt es zu ausgedehnter mikro- und makrovaskulärer Thrombosierung, progressiver Verbrauchskoagulopathie, massiver Thrombozytopenie, Hyperfibrinolyse und generalisierter Blutungsneigung (Overt- [offene] DIC). Schließlich hat sich die DIC als unabhängiger Prädiktor für Multiorganversagen und erhöhte Mortalität erwiesen (13). 

ParameterSIC-ScoreDIC-ScorePunkte
BereichBereich 
Thrombozytenzahl (-109/l)< 100< 502
≥ 100, < 150≥ 50, < 1001
FDP/D-Dimer—starker Anstieg3
—moderater Anstieg2
Prothrombinzeit (PT-Verhältnis)(> 1,4)≥ 6 s2
(> 1,2, ≤ 1,4)≥ 3 s, < 6 s1
Fibrinogen (g/ml)—< 1001

SOFA-Score

  • respiratorischer SOFA (PaO2/FiO2 < 300)
  • kardiovaskulärer SOFA (katecholaminpflichtig)
  • renaler SOFA (Bilirubin ≥ 2 mg/dl)
  • hepatischer SOFA (Kreatinin ≥ 2 mg/dl)
≥ 2—2
1—1
Symptome oder zugrundeliegende Erkrankungen, die bekanntermaßen mit DIC assoziiert sind erforderlich 
Gesamtpunktzahl für SIC oder DIC≥ 4≥ 5 

Tab. 1: SIC-Score und offener DIC-Score der International Society on Thrombosis and Haemostasis (mod. nach (10, 14)).
SOFA: sequentielle Beurteilung des Organversagens. SOFA-Punktzahl: Für jeden Parameter werden Punkte vergeben, die zu einer Gesamtpunktzahl addiert werden (Atemwegs-SOFA, kardiovaskuläres SOFA, Leber-SOFA, Nieren-SOFA).

Scoring-Systeme und Labordiagnostik der SIC/DIC 

Um eine schnelle und praxisnahe Diagnose zu ermöglichen, wurden von der ISTH Diagnosekriterien für die DIC entwickelt, die sich an routinemäßig erhobenen Gerinnungsparametern orientieren: verminderte Thrombozytenzahl, erhöhte Konzentrationen von Fibrinspaltprodukten (z. B. D-Dimere), verlängerte Prothrombinzeit und verminderter Fibrinogenspiegel (Tab. 1) (10). Da es sich bei der offenen DIC jedoch um eine späte und unkompensierte Gerinnungsstörung handelt, kann der DIC-Score die frühen Stadien der systemischen Gerinnungsaktivierung nicht ausreichend erfassen. Um das Management im Frühstadium zu verbessern, wurden daher von der ISTH (SSC Subcommittee DIC) die diagnostischen Kriterien der SIC eingeführt (14). Gemäß dieser Definition der SIC wird die Organfunktionsstörung mit dem  SOFA-Score nach der Sepsis-3-Definition und die Koagulopathie anhand der Veränderungen der Thrombozytenzahl und der Prothrombinzeit/INR beurteilt. Ein Vergleich des ISTH-Scoring-Systems für manifeste DIC mit dem SIC-Scoring-System zeigte, dass der SIC-Score sensitiver als die ISTH-Kriterien für die Erkennung einer sepsisinduzierten Koagulopathie in der Frühphase ist (15, 16). 

Die ISTH empfiehlt außerdem ein zweistufiges Vorgehen bei der Diagnose der septischen Koagulopathie (Abb. 3) (17). Sepsis-Patienten mit Thrombo­zytopenie werden zunächst mit dem SIC-Score gescreent; ist dieser > 4, wird der DIC-Score berechnet. Da SIC und offene DIC ein Kontinuum bilden, ist der Beginn von SIC der optimale Zeitpunkt für eine Antikoagulanzientherapie. Dieser Ansatz könnte helfen, Patienten zu identifizieren, die für eine rechtzeitige Antikoagulationstherapie geeignet sind. Wenn weder SIC noch DIC vorliegen, müssen eine thrombotische Mikroangiopathie (TMA) und andere Ursachen der Thrombozytopenie in Betracht gezogen werden (18).

Therapie der sepsisassoziierten Koagulopathie

Die Eckpfeiler der Behandlung sind nach wie vor eine gezielte antimikrobielle Therapie der zugrundeliegenden Infektion in Kombination mit einer frühzeitigen Fokussanierung sowie einer adäquaten Supportivtherapie und Organersatztherapie (6, 9). Idealerweise sollte das Gleichgewicht zwischen Entzündung und Gerinnung wiederhergestellt werden, ohne die Immun­antwort des Körpers auf die Infektion zu beeinträchtigen. Die Substitution von Gerinnungsfaktoren und Thrombozyten bei Blutungsneigung hat lediglich einen unterstützenden Charakter. Die klinische Wirksamkeit natürlicher Inhibitoren wie Gewebefaktor-Signalweg-Inhibitoren, Antithrombin, aktiviertes Protein C und Thrombomodulin sowie der Antikoagulation wurde intensiv untersucht. Obwohl kein internationaler Konsens über die Behandlung der sepsisassoziierten Koagulopathie besteht, gibt es Hinweise darauf, dass Antikoagulanzien wie Heparine und rekombinantes Thrombomodulin (rhTM) von Nutzen sein könnten (19–21). 

Fazit 

Die Koagulopathie spielt eine zentrale Rolle bei der Morbidität und Mortalität der Sepsis. Die Früherkennung von SIC ist entscheidend, um eine gezielte Therapie einzuleiten und das Fortschreiten zur DIC mit irreversiblen Organschäden zu verhindern. In Zukunft könnte maschinelles Lernen einen wertvollen Beitrag leisten, indem es präzise Vorhersage­modelle für DIC in frühen Stadien liefert (22). Ein besseres Verständnis der molekularen Mechanismen der Thromboinflammation wird ebenfalls neue diagnostische und therapeutische Ansätze eröffnen.

 

Literatur

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Autorin

Dr. med. Zsuzsanna Wolf, PhD
Deutsches Herzzentrum München
Klinikum der Technischen Universität München 
Institut für Laboratoriumsmedizin
Lazarettstraße 36, 80636 München
wolfz(at)dhm.mhn.de