Bereits in den 1980er-Jahren entwickelte Bernd Schneider, Lymphtherapeut an der Földi Klinik in Hinterzarten, ein besonders wirkungsvolles Polsterverfahren für den lymphologischen Kompressionsverband (LKV). Mithilfe tausender handgeschnittener Schaumstoffwürfel (ca. 1 cm3 groß), eingepackt in dünne Schlauchverbände, erreichte er eine enorme Lockerung des gestauten und „verhärteten“ Gewebes beim Lymphödem.
Damit wurde auch der gesamte Entstauungserfolg deutlich beschleunigt (höchster Mikro-Massage-Mobilisations (MMM)-Faktor). Die Nachteile dieses damals innovativen Verfahrens waren der hohe Zeitaufwand für die Herstellung großer Mengen an Schaumstoffwürfeln und dass es sich bei diesen um kein geprüftes Medizinprodukt handelte.
Wellige Schaumstoffe
Mit der Entwicklung von welligen Schaumstoffauflagen bzw. vorgefertigten welligen Schaumstoffumhüllungen ab dem Jahr 2000, die als Medizinprodukte von Lohmann & Rauscher (L & R) (Komprex® II) und Juzo (SoftCompress) auf den Markt gebracht wurden, änderte sich dies. Damit lies sich nun eine gute Lockerung (MMM) des fibrotischen Gewebes erzielen.
Dazu ergänzend waren Schaumstoffbinden (z. B. Rosidal® soft, Autosana, CompriFoam®) erhältlich, die als Bindenmaterial verordnungsfähig waren und zusätzlich ausreichende Polstereigenschaften bzw. Rutschfestigkeit boten. Die MMM-Wirkung war natürlich durch das flächige Material sehr gering. Damit wurden die bis dahin zur Polsterung üblichen synthetischen Wattebinden abgelöst, die ein hohes Risiko für das Verrutschen des Verbandes, keinerlei Rückstellkraft und keine MMM-Wirkung hatten.
Systematische Polsterung bei lymphostatischen Ödemen bedeutet auch immer die Berücksichtigung des Laplace-Gesetzes, sodass prominente Gebiete durch entsprechende seitliche Aufpolsterungen oder, wie in der Area retromalleolaris üblich, direkte zonale Aufpolsterungen mit hochdichtem Schaustoff (z. B. L & R Komprex®, Jobst® Foam Pad) versorgt werden. Hier ist das Ziel, möglichst zylindrische Querschnitte zu erreichen, da sich bei gleichem Radius (Laplace) der Druck der Binde gleichmäßig verteilt.
Die Entwicklung der Medizinischen Adaptiven Kompressionssysteme (MAK) ist im Rahmen des unterstützenden Selbstmanagements ein wichtiger Fortschritt. Allerdings sollte der Patient in der Lage sein, Finger bzw. Zehen vor Anlage des MAKs selbst zu bandagieren. Auch müssen besonders „verhärtete Gewebe“ lokal mit MMM-Materialien aufgepolstert werden, da der MAK eine gute Kompression mit hoher „Stiffness“ bewirkt, jedoch durch die völlig ebene Kontaktfläche keinerlei MMM-Wirkung aufweist.
Leider kann der behandelnde Physiotherapeut seinen Patienten bei der Anlage des MAKs nicht unterstützen, da diese Tätigkeit nicht mit den Krankenkassen abrechenbar ist.
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Die größte Herausforderung bei der Therapie des Lymphödems stellt nach heutigem Kenntnisstand nicht die sogenannte kollagene lymphostatische Fibrose dar, da man kollagene Fasern im besten Fall aus „Verklebungen“ lösen kann. Denn kollagene Fasern können aufgrund ihrer biologischen Eigenschaften weder gelockert noch gedehnt werden! Es sind die Proteoglykane und Glykosaminoglykane im epifaszialen Gewebezylinder des lymphödematösen Tributargebietes, die sich mit entsprechend aufgebauten Kompressionsverbänden bzw. Kompressionsteilen mit einem hohen MMM-Faktor „verflüssigen“ lassen (Herabsetzung der Viskosität).
In der ambulanten Lymphologie ergeben sich sehr häufig bezüglich der Kompression zwei Probleme: Der klassische mehrlagige Kurzzugverband verliert über den Tag hinweg allzu schnell seine Kompressionswirkung. Der Kompressionsverband wird vor der Bettruhe häufig abgelegt und so addiert sich die Zeit ohne Kompression bis zur nächsten Behandlung und im Rahmen des behandlungsfreien Wochenendes stark. Das Risiko einer Reödematisierung ist groß.
Kompression für die Nacht und spezielle Körperregionen
Sicher ist die Mobiderm®-Technologie von Thuasne (seit 2008) heute die innovativste Form von Kompressionsverband bei allen lymphostatischen Ödemen, da sie Kurzzugcharakteristik mit hoher Stiffness und Langzugeigenschaften mit hoher Rückstellkraft verbindet und sich auf die sich kontinuierlich verändernden Ödemvolumina anpasst. Durch die höchste MMM-Wirkung à la „Schneider-Verband“ benötigt man deutlich weniger Anlagedruck. Dies erhöht die Beweglichkeit und damit die Akzeptanz der betroffenen Patienten erheblich.
Auch die nötige Körperpflege ist morgens und abends ohne lange Kompressionsunterbrechungen möglich, da mit Mobiderm® Autofit zusätzlich eine komfortable, mit Klettverschlüssen justierbare Kompression für die Nacht oder für das behandlungsfreie Wochenende angeboten wird. Auch andere Hersteller wie Jobst® mit Relax Arm + Bein oder Juzo mit SleepCompress haben auf diese Versorgungslücke adäquat reagiert.
Erfreulich ist, dass inzwischen viele Firmen für Gesichts-, Mamma- und Genitallymphödeme komprimierende, selbst anzulegende Auflagen und Kompressionsbekleidung anbieten, die in diesen empfindlichen Körperregionen die nötige Kompression und einen hohen MMM-Faktor verwirklichen (Thuasne, Amoena, Anita, Juzo, Jobst).
Intermittierende Pneumatische Kompression
Ganz zu Unrecht fehlt die in Fachkliniken häufig zusätzlich angewandte Intermittierende Pneumatische Kompression (IPK) in der ambulanten Therapie, da sie bis heute nicht als verordnungsfähiges Heilmittel angesehen wird. Die IPK würde die Arbeit – ergänzend zur Manuellen Lymphdrainage (MLD) als unverzichtbare Vorbehandlung der Abflussgebiete – wesentlich erleichtern. Im Einzelfall kann die IPK als verordnungsfähiges Heimgerät die Gefahr der Reödematisierung zusätzlich verhindern. Die IPK sollte beim chronischen Lymphödem wie das häusliche Fahrradergometer beim chronisch Herzkranken angesehen werden.
In den Abbildungen 2 und 3 sind zwei meiner Patienten dargestellt, die mit MMM-Kompressionsmaterialien, IPK (lympha-mat® von Bösl) in Verbindung mit der MLD, systematischer Hautpflege, entstauender Übungsbehandlung und unterstützendem Selbstmanagement therapiert wurden.
Der Beitrag beruht auf einem Vortrag bei der 66. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie und Lymphologie am 02.-05.10.2024 in Freiburg im Breisgau.
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