Warum sind gerade Bienen- und Wespengifte besonders häufig Auslöser schwerer allergischer Reaktionen?
Prof. Mahler: Die Stachel von Bienen und Wespen sind so geformt, dass sie die Epidermis der gestochenen Person durchdringen und das Insektengift direkt in die Dermis injiziert wird. Ihre Gifte sind komplex zusammengesetzt und enthalten zahlreiche Proteine, Peptide und niedermolekulare Mediatoren, die unterschiedliche, beispielsweise enzymatische, toxische oder allergene Wirkungen entfalten. Sie können eine schnelle und intensive Reaktion nach erfolgter Sensibilisierung verursachen, die lebensbedrohlich sein kann.
Was gibt Anlass für eine allergologische Diagnosestellung, wenn Patientinnen und Patienten aufgrund von Insektenstichen vorstellig werden? Welche Möglichkeiten der Diagnostik gibt es?
Prof. Mahler: Anlass für die Diagnosestellung gibt die Krankengeschichte von Patientinnen und Patienten. Nach einem Stichereignis mit systemischer allergischer Reaktion ist es wichtig herauszufinden, welches Insekt die Reaktion hervorgerufen hat und eine allergologische Testung durchzuführen.
Die genaue Erhebung der Krankengeschichte stellt dabei einen wesentlichen Pfeiler der Diagnostik dar. Es ist notwendig, dabei die Anzahl der Stiche, die Symptome und den Ablauf der Stichreaktion wie auch die Situation, in der die betroffene Person gestochen wurde, zu erfassen. Außerdem sind wichtig: Angaben zur Art des Insekts, zu vorangegangenen Stichereignissen sowie individuelle Risikofaktoren für schwere Anaphylaxie (beispielsweise Vorerkrankungen von Herzkreislaufsystem, Mastozytose und Medikamenteneinnahme).
Darauf aufbauend erfolgt der diagnostische Nachweis von spezifischen IgE-Antikörpern gegen Bienen- und Wespengift und/oder darin enthaltenen bekannten molekularen Komponenten im Serum der Betroffenen. Wenn diese IgE-Diagnostik unauffällig verläuft oder eine Diskrepanz zwischen der Krankengeschichte und den Laborbefunden besteht, werden zusätzlich Hauttests mit den Insektengiften durchgeführt. Meist ist dies ein Pricktest, gefolgt von einer intrakutanen Titrationstestung zur Ermittlung der individuellen Reaktionsschwelle der Betroffenen.
Was sollte bei der Akuttherapie allergischer Reaktionen auf Insektenstiche beachtet werden?
Prof. Mahler: Bei verstärkter Lokalreaktion nach Stichreaktionen kann die Akutbehandlung symptomatisch mit nicht-sedierenden Antihistaminika, kühlenden Umschlägen, lokal angewendeten und/oder systemischen Glukokortikoiden erfolgen.
Personen mit akuter systemischer allergischer Reaktion und Personen mit besonderen Risikofaktoren für schwere Anaphylaxien (z. B. bei bekannter Mastozytose oder einer Vorgeschichte schwerer systemischer Allgemeinreaktionen auf Insektenstiche), die noch keine Allergen-Immuntherapie (Hyposensibilisierung) erhalten haben, sollen nach eingetretenem Stich unverzüglich ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen.