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Allergologie, Allgemein- & Innere Medizin, Dermatologie Dermatologie, Allgemein- & Innere Medizin Dermatologie
Hyposensibilisierung

Insektenstichallergien: Früh erkennen – effektive Behandlung

Der Sommer ist die Zeit der Insekten. Prof. Dr. med. Vera Mahler spricht mit uns über Bienen- und Wespenstiche, die für viele Patientinnen und Patienten nicht nur lästige Ärgernisse sind, sondern schwere allergische Reaktionen auslösen können.
 


08.09.2025
V. Mahler
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Sehr geehrte Frau Prof. Mahler, 

welche Rolle spielen Bienen- und Wespenstiche tatsächlich in der Notfallmedizin?

Prof. Mahler: Nach Daten des Anaphylaxie-Registers (Network for Online-Registration of Anaphylaxis, NORA)1 werden etwas über 50 % aller schweren allergischen Reaktionen durch Bienen- oder Wespenstiche verursacht. Bei Erwachsenen sind diese Insektenstiche die häufigste Ursache schwerer allergischer Reaktionen noch vor Nahrungsmitteln und Medikamenten. Bei Kindern und Jugendlichen stellen sie die zweithäufigste Ursache nach Nahrungsmitteln dar.

Interviewpartnerin
Autorenfoto von Frau Prof. Dr. Vera Mahler. (Insektenstich allergie Behandlung)

Prof. Dr. med. Vera Mahler
Expertin für Dermatologie und Allergologie
Leiterin der Abteilung Allergologie des Paul-Ehrlich-Instituts, Langen

Mögliche Symptome einer allgergischen Allgemeinreaktion

Eine allergische Allgemeinreaktion tritt mit milden bis schweren Symptomen eines oder mehrerer Organsysteme in unterschiedlichen Kombinationen auf, die in vier Schweregrade (Tab. 1) gruppiert werden. Die Symptome können sich äußern als 

  • akute generalisierte Hautreaktionen (Flush, Urtikaria, Angioödem)
  • milde bis mäßig ausgeprägte Atemwegsbeschwerden
  • Herz-/Kreislaufbeschwerden und/oder Beschwerden des Verdauungstrakts
  • bis hin zu schwerer Atemwegsobstruktion, anaphylaktischem Schock mit Bewusstlosigkeit und/oder Herzkreislauf-/Atemstillstand.

Warum sind gerade Bienen- und Wespengifte besonders häufig Auslöser schwerer allergischer Reaktionen?

Prof. Mahler: Die Stachel von Bienen und Wespen sind so geformt, dass sie die Epidermis der gestochenen Person durchdringen und das Insektengift direkt in die Dermis injiziert wird. Ihre Gifte sind komplex zusammengesetzt und enthalten zahlreiche Proteine, Peptide und niedermolekulare Mediatoren, die unterschiedliche, beispielsweise enzymatische, toxische oder allergene Wirkungen entfalten. Sie können eine schnelle und intensive Reaktion nach erfolgter Sensibilisierung verursachen, die lebensbedrohlich sein kann.

Was gibt Anlass für eine allergologische Diagnosestellung, wenn Patientinnen und Patienten aufgrund von Insektenstichen vorstellig werden? Welche Möglichkeiten der Diagnostik gibt es?

Prof. Mahler: Anlass für die Diagnosestellung gibt die Krankengeschichte von Patientinnen und Patienten. Nach einem Stichereignis mit systemischer allergischer Reaktion ist es wichtig herauszufinden, welches Insekt die Reaktion hervorgerufen hat und eine allergologische Testung durchzuführen.

Die genaue Erhebung der Krankengeschichte stellt dabei einen wesentlichen Pfeiler der Diagnostik dar. Es ist notwendig, dabei die Anzahl der Stiche, die Symptome und den Ablauf der Stichreaktion wie auch die Situation, in der die betroffene Person gestochen wurde, zu erfassen. Außerdem sind wichtig: Angaben zur Art des Insekts, zu vorangegangenen Stichereignissen sowie individuelle Risikofaktoren für schwere Anaphylaxie (beispielsweise Vorerkrankungen von Herzkreislaufsystem, Mastozytose und Medikamenteneinnahme).

Darauf aufbauend erfolgt der diagnostische Nachweis von spezifischen IgE-Antikörpern gegen Bienen- und Wespengift und/oder darin enthaltenen bekannten molekularen Komponenten im Serum der Betroffenen. Wenn diese IgE-Diagnostik unauffällig verläuft oder eine Diskrepanz zwischen der Krankengeschichte und den Laborbefunden besteht, werden zusätzlich Hauttests mit den Insektengiften durchgeführt. Meist ist dies ein Pricktest, gefolgt von einer intrakutanen Titrationstestung zur Ermittlung der individuellen Reaktionsschwelle der Betroffenen.

Was sollte bei der Akuttherapie allergischer Reaktionen auf Insektenstiche beachtet werden?

Prof. Mahler: Bei verstärkter Lokalreaktion nach Stichreaktionen kann die Akutbehandlung symptomatisch mit nicht-sedierenden Antihistaminika, kühlenden Umschlägen, lokal angewendeten und/oder systemischen Glukokortikoiden erfolgen.

Personen mit akuter systemischer allergischer Reaktion und Personen mit besonderen Risikofaktoren für schwere Anaphylaxien (z. B. bei bekannter Mastozytose oder einer Vorgeschichte schwerer systemischer Allgemeinreaktionen auf Insektenstiche), die noch keine Allergen-Immuntherapie (Hyposensibilisierung) erhalten haben, sollen nach eingetretenem Stich unverzüglich ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen.

Schweregradskala zur Klassifizierung anaphylaktischer Reaktionen

GradHautAbdomenRespirationstraktHerz-Kreislauf
IJuckreiz; Flush; Urtikaria; Angioödem---
IIJuckreiz; Flush; Urtikaria; AngioödemNausea; KrämpfeRhinorrhoe; Heiserkeit; DyspnoeTachykardie (Anstieg ≥ 20/min); Hypotonie (Abfall ≥20 mmHg; systolisch); Arrhythmie
IIIJuckreiz; Flush; Urtikaria; AngioödemErbrechen; DefäkationLarynxödem; Bronchospasmus; ZyanoseSchock; Bewusstlosigkeit
IVJuckreiz; Flush; Urtikaria; AngioödemErbrechen; DefäkationAtemstillstandKreislaufstillstand
* Die Klassifizierung erfolgt nach den schwersten aufgetretenen Symptomen (kein Symptom ist obligat).
Tab 1: Auszug aus der Leitlinie „Diagnose und Therapie der Bienen- und Wespengiftallergie“3, S. 11: Schweregradskala zur Klassifizierung anaphylaktischer Reaktionen (nach Ring und Messmer4)

Wie sieht das langfristige Management bei Insektengiftallergien aus – und welche Rolle spielt dabei die Allergen-Immuntherapie?

Prof. Mahler: Menschen mit allergischer Allgemeinreaktion kann eine Allergen-Immuntherapie dabei helfen, die Empfindlichkeit gegenüber Bienen- oder Wespenstichen zu verringern. Die Hyposensibilisierung wird bei Insektengiftallergie ab einem Schweregrad II empfohlen und kann bereits bei Schweregrad I bei Erwachsenen durchgeführt werden, wenn sie einem hohen Risiko für erneute Stiche ausgesetzt sind oder ihre Lebensqualität durch die Allergie stark eingeschränkt ist. In Deutschland sind derzeit vier unterschiedliche Präparate zur Behandlung der Bienengiftallergie und vier zur Behandlung der Wespengiftallergie zugelassen.2

Die Behandlung muss in der Regel drei bis fünf Jahre lang als subkutane Injektionstherapie durchgeführt werden, um eine nachhaltige Umstimmung des Immunsystems zu erzielen. Die Einleitung erfolgt entweder unter stationären Bedingungen als Rush- oder Ultra-Rush-Therapie mit täglicher Verabreichung mehrerer Injektionen bis zum Erreichen der Erhaltungsdosis innerhalb weniger Tage. Der Vorteil dieses Schemas ist, dass eine erste Schutzwirkung bereits am Ende dieser mehrtägigen Therapieeinleitung besteht.

Bei der konventionellen Allergen-Immuntherapie besteht der Vorteil hingegen in der ambulanten Therapieeinleitung mit wiederholten einzelnen Injektionen über mehrere Wochen. Hier tritt jedoch das Erreichen der Erhaltungsdosis und eine erste Schutzwirkung erst nach Wochen bis Monaten ein. Die Fortsetzungsbehandlung erfolgt bei beiden Schemata im Anschluss an die Einleitungsphase in vier- bis sechswöchigen Abständen.

Die Behandlung muss in der Regel drei bis fünf Jahre lang als subkutane Injektionstherapie durchgeführt werden, um eine nachhaltige Umstimmung des Immunsystems zu erzielen. Die Einleitung erfolgt entweder unter stationären Bedingungen als Rush- oder Ultra-Rush-Therapie mit täglicher Verabreichung mehrerer Injektionen bis zum Erreichen der Erhaltungsdosis innerhalb weniger Tage. Der Vorteil dieses Schemas ist, dass eine erste Schutzwirkung bereits am Ende dieser mehrtägigen Therapieeinleitung besteht.

Bei der konventionellen Allergen-Immuntherapie besteht der Vorteil hingegen in der ambulanten Therapieeinleitung mit wiederholten einzelnen Injektionen über mehrere Wochen. Hier tritt jedoch das Erreichen der Erhaltungsdosis und eine erste Schutzwirkung erst nach Wochen bis Monaten ein. Die Fortsetzungsbehandlung erfolgt bei beiden Schemata im Anschluss an die Einleitungsphase in vier- bis sechswöchigen Abständen.

Bei bekannter allergischer Allgemeinreaktion kommen auch Selbsthilfemaßnahmen bei erneutem Stich große Bedeutung zu. Das Mitführen eines Notfallsets ermöglicht sofortige medizinische Hilfe. 

Therapieformen zur Hyposensibilisierung

Konventionelle TherapieRush-/Ultra-Rush Therapie
Therapieeinleitungambulantmeist stationär erforderlich
Dauer bis SchutzwirkungWochen bis Monatewenige Tage
Organisation/Aufwandwenig aufwendig und gut planbaranfangs aufwendiger
Eignungfür die meisten Patientenbesonders für Hochrisikopatienten
Tab. 2: Vor-/Nachteile der Therapieformen zur Hyposensibilisierung

Gibt es einen guten Zeitpunkt, um mit der Therapie zu beginnen, insbesondere in Bezug auf die Insektensaison?

Prof. Mahler: Prinzipiell kann die Therapie ganzjährig begonnen werden. Es ist jedoch sinnvoll, die Therapie vor der Insektenflugsaison zu beginnen, damit vor Beginn der nächsten Flugsaison die Erhaltungsdosis und eine erste Schutzwirkung erreicht werden können.

Was empfehlen Sie hautärztlichen Kolleginnen und Kollegen zusätzlich?

Prof. Mahler: Bereits bei ärztlicher Erstvorstellung ist es empfehlenswert, die spezifischen IgE-Antikörper im Serum zu bestimmen, auch wenn die Vorstellung sehr kurz nach dem Stichereignis erfolgt. Ist das Ergebnis negativ, wird die Bestimmung etwa zwei bis sechs Wochen nach Stich wiederholt. Eine starke Änderung der Konzentration der insektengiftspezifischen IgE-Antikörper kann einen Hinweis auf die stattgehabte Allergenexposition und damit auf das ursächliche Insektengift geben. Die vermeintliche Identifikation des ursächlichen Insekts durch die Patientin bzw. den Patienten ist in vielen Fällen nicht verlässlich. Eine Doppelsensibilisierung auf Bienen- und Wespengift kommt regelmäßig vor.

Bei einer Vorstellung über zwei Wochen nach der Stichreaktion wird empfohlen, die Untersuchungen möglichst frühzeitig nach dem Stich durchzuführen, weil es danach zu einem mehr oder minder raschen Abfall der spezifischen IgE-Antikörper kommen kann.

Weiterhin ist es notwendig, das Verhalten im Falle eines erneuten Stichs und die Anwendung eines verordneten Notfallsets (i.d.R. bestehend aus Antihistaminikum, Glukokortikoid und Adrenalinautoinjektor) mit den Betroffenen zu besprechen und die Anwendung des Adrenalin-Autoinjektors am Oberschenkel mit einem Dummy-Gerät außerhalb der Notfallsituation einzuüben.

"Jeder Person, der wegen Insektengiftallergie ein Notfallset mit Adrenalin-Autoinjektor verordnet wird, sollte auch eine Allergen-Immuntherapie empfohlen werden.”

- Prof. Dr. med. Vera Mahler

Zusätzlich kann das Aushändigen eines Notfall-Ausweises und von Merkblättern hilfreich sein. In der aktuellen Leitlinie „Diagnose und Therapie der Bienen- und Wespengiftallergie“ sind zu wichtigen Themen Vorlagen enthalten.

Was kann man Patientinnen und Patienten zusätzlich raten?

  • nicht aus Flaschen oder Getränkedosen trinken und Trinkgläser abzudecken
  • dunkle Kleidung meiden
  • nicht barfuß gehen
  • Insekten nicht von Futterquellen zu verscheuchen, vor allem nicht mit hektischen Bewegungen.
  • Bei bekannter allergischer Allgemeinreaktion nach einem Insektenstich kommt den Selbsthilfemaßnahmen bei einem erneuten Stich eine große Bedeutung zu: Mitführen eines Notfallsets, welches in der Regel ein Antihistaminikum, ein Glukokortikoid und einen Adrenalinautoinjektor umfasst, ermöglicht die sofortige medizinische Hilfe. Allerdings kann das Mitführen eines Notfallsets teilweise auch als Einschränkung der Lebensqualität empfunden werden.
  • Patientinnen und Patienten mit einem hohen Risiko für künftige schwere Anaphylaxien sollte zusätzlich die Teilnahme an einer Anaphylaxie-Schulung empfohlen werden. Gleiches gilt für Patientinnen und Patienten, die starke Angst vor solchen Reaktionen entwickelt haben.

Vielen Dank für das Gespräch! 

ros

Literatur & Quellen

1 www.anaphylaxie.net/de [zuletzt abgerufen: 14.07.2025].

2 www.pei.de/DE/arzneimittel/allergene/therapie-subkutan/subkutane-therapie-node.html [zuletzt abgerufen: 14.07.2025].

3 register.awmf.org/assets/guidelines/061-020l_S2k_Diagnose-Therapie-Bienengiftallergie-Wespengiftallergie_2024-08.pdf [zuletzt abgerufen: 14.07.2025].

4 Ring J, Messmer K. Incidence and severity of anaphylactoid reactions to colloid volume substitutes. Lancet. 1977;1: 466–469.