Diese Voraussetzungen sind nicht in allen Populationen gleichermaßen gegeben. In vielen Kohorten mit guter Adhärenz sind vor allem kaukasische Männer, die Sex mit Männern (MSM) haben, repräsentiert. So berichtet das RKI, dass in Deutschland derzeit ca. 40.000 Menschen HIV-PrEP nutzen, die 2019 bis 2023 mehrheitlich männlich wären, und dass HIV-Neuinfektionen mit 0,07/100 Personenjahre bei hoher PrEP-Effektivität praktisch kaum vorkommen4. Demgegenüber bestehen für Frauen, migrantische Populationen, jüngere Menschen sowie Personen mit strukturellen Zugangsbarrieren weiterhin Versorgungslücken. Für diese Gruppen kann die tägliche Tabletteneinnahme durch Stigmatisierung, Lebensrealität, Diskretionserfordernisse oder medizinische Komorbiditäten erschwert sein.
Zur oralen PrEP ist auch Emtricitabin/Tenovofiralafenamid mit einem anderen Tenofovir-Prodrug in Studien wirksam, welches sich durch eine bessere renale und ossäre Verträglichkeit auszeichnet. Der Einsatz zur HIV-PrEP ist in Deutschland praktisch nicht relevant, weil der pharmazeutische Unternehmer auf die Zulassung in Europa verzichtet hat und es daher praktisch nicht eingesetzt werden kann.
Langwirksames Cabotegravir ist der oralen PrEP in Studien überlegen
Mit Cabotegravir (CAB) steht eine langwirksame intramuskulär zu applizierende PrEP-Strategie zur Verfügung, die in zwei randomisierten Phase-III-Studien der oralen TDF/FTC-PrEP überlegen war. In der Studie HPTN 083 wurde bei cis-geschlechtlichen Männern und Transgender-Frauen, die Sex mit Männern haben, eine Überlegenheit von injizierbarem Cabotegravir gegenüber oralem TDF/FTC gezeigt. Das Infektionsrisiko war unter CAB 66 % reduziert (1,22 vs. 0,41/100 Personenjahre)5. Auch die Studie HPTN 084 belegte bei cisgeschlechtlichen Frauen in Subsahara-Afrika eine Überlegenheit von Cabotegravir gegenüber oraler PrEP. Es reduzierte das Risiko um 88 % im Vergleich zur oralen PrEP (1,85 vs. 0,20/100 Personenjahre)6.
Der klinische Mehrwert dieser Strategie liegt nicht allein in einer pharmakologischen Innovation, sondern vor allem in der Entkopplung der Schutzwirkung von der täglichen Tabletteneinnahme. Dadurch ist Cabotegravir insbesondere für Populationen attraktiv, bei denen eine dauerhafte orale Adhärenz unwahrscheinlich ist oder die eine diskretere, weniger alltagsabhängige Präventionsform bevorzugen. Die Studien sprechen daher dafür, langwirksame PrEP nicht als Ersatz aller bisherigen Strategien, sondern als gezielte Erweiterung des Präventionsspektrums zu verstehen.