ZITIERWEISE: VASOMED 2025; 37(2): 48-49
Da es sich beim Lipödem primär nicht um eine Ödemerkrankung oder eine Erkrankung des Lymphsystems handelt, soll die Kompressionstherapie nach der S2k-Leitlinie Lipödem in erster Linie zur Reduktion von Schmerzen und anderen subjektiven Symptomen eingesetzt werden (3, 4), bei zusätzlichen Ödemen auch zur Ödemverbesserung bzw. -prävention (5).
Bisher liegen keine größeren prospektiven und randomisierten Studien zur Schmerzreduktion beim Lipödem durch Kompression vor. In einer kleinen, randomisierten, prospektiven Pilotstudie wurden die sechs Patientinnen in eine Gruppe mit einem reinen Bewegungsprogramm und eine Gruppe mit Bewegungsprogramm und Kompressionstherapie (Kompressionsklasse 2, flachgestrickt) randomisiert (6). Nach sechs Wochen zeigte sich nur in der Kompressionsgruppe eine signifikante Reduktion des Schmerzes bei Palpation und der Hämatomneigung sowie eine Tendenz dafür, dass im Gegensatz zur Gruppe ohne Kompression die Beinumfänge gleichblieben oder abnahmen.
Eine Metaanalyse untersuchte den Effekt von Behandlungsansätzen mit Kompressionstherapie auf Schmerzen bei Patientinnen mit Lipödem (7). Eingeschlossen wurden lediglich drei Studien, von denen allerdings nur die Studie von Wright et al. (8) die alleinige Wirkung von Kompressionsstrümpfen mit der einer Kombinationstherapie aus täglicher Intermitterender Pneumatischer Kompression (IPK) und Kompressionsstrümpfen verglich, während die beiden anderen (9, 10) die Kompression mit anderen Therapietechniken wie Manueller Lymphdrainage (MLD), IPK oder Bewegung kombinierten. Die Metaanalyse zeigt signifikante, positive Effekte von multimodalen Behandlungsansätzen mit Kompressionstherapie auf Schmerzen bei Patientinnen mit Lipödem.
Was ist bei Kompressionstherapie sinnvoll, was nicht?
Die Kompressionstherapie soll der Besserung der Symptome dienen. Auch wenn die Kompressionsversorgung das disproportionierte Fettgewebe stützen, formen und modellieren kann, ist es Unsinn, den Patientinnen zu vermitteln, dass die morphologische Ausprägung, also das Ausmaß der Unterhautfettvermehrung, damit beeinflusst oder eine Volumenprogression damit aufgehalten werden kann, da letztere vor allem mit der Gewichtszunahme korreliert.
Keinen Sinn macht es, auf dem Tragen von Kompressionsstrümpfen zu beharren, wenn es gar keine Symptomatik gibt, die zu beeinflussen wäre: Die symptomlose, disproportionierte Vermehrung des Unterhautfettgewebes ist kein Lipödem, sondern eine Lipohypertrophie und stellt keine Indikation für eine Kompressionstherapie dar.
Auch wenn als Symptom einzig Berührungs- oder Druckempfindlichkeit ohne weitere Beschwerden wie Spannungs- oder Schweregefühl vorliegt, wird die Patientin kaum von der Kompression profitieren; dann darauf zu bestehen, ist ebenfalls nicht sinnvoll.
Bringt die Kompressionstherapie keine Verbesserung der Symptomatik, sollten die Diagnose hinterfragt und Differenzialdiagnosen ausgeschlossen werden, wie z. B. eine Fibromyalgie oder am lateralen Oberschenkel häufig vorkommende faszienassoziierte Beschwerden.
Ist die Diagnose gesichert, aber es tritt durch die Kompression keine ausreichende Besserung ein, kann – vor allem zu Beginn – zusätzlich mit MLD therapiert werden (3, 4).
Keinen Sinn ergeben natürlich auch schlechtsitzende oder ungeeignete Kompressionsstrümpfe, die Schmerzen nicht bessern, sondern verstärken.
Flachstrick oder Rundstrick – was macht wann Sinn?
Ob beim Lipödem rund- oder flachgestrickte Kompressionsstümpfe verwendet werden, hängt nicht vom Stadium, sondern in erster Linie von der Beinform und der Gewebebeschaffenheit ab. Ist die Beinform noch weitgehend normal ohne größere Kalibersprünge oder lokale Fettansammlungen, kann ein Versuch mit einer rundgestrickten Qualität unternommen werden. Im morphologischen Stadium III mit Wammenbildung und tiefen Gewebefalten kommt hingegen nur Flachstrickqualität in Frage. Diese ist ebenfalls immer notwendig bei großer Diskrepanz der Umfänge, z. B. bei ausgeprägter Volumenvermehrung der Oberschenkel, aber schlanken, nicht vom Lipödem betroffenen Unterschenkeln oder bei konisch geformten Extremitäten. In solchen Fällen rundgestrickte Kompressionsstrümpfe zu verordnen, um die Patientinnen an die Kompression zu gewöhnen, ist unsinnig und führt dazu, dass diese die Kompression erst recht ablehnen.
Entscheidend für die Wirkung von Kompressionsstrümpfen ist auch, wie effektiv diese durch ihre Stiffness dem zunehmenden Umfang bei Bewegung oder Ödembildung widerstehen und damit zu einer Drucksteigerung unter der Kompressionsversorgung beitragen (11). Oft ist Sport außerhalb des Wassers überhaupt erst möglich durch eine stützende und dadurch schmerzlindernde Kompressionsversorgung. Da es beim Lipödem zwar wohl zu einer Vermehrung der interstitiellen Flüssigkeit, nicht aber zu einem manifesten, formverändernden Ödem kommt, wird ein Gestrick benötigt, dass formt, stützt und die Gewebefalten überbrückt, statt einzuschnüren. Es kann aber immer die niedrigste Kompressionsklasse und das weichste Material verordnet werden, die zu einer ausreichenden Symptomverbesserung führen (3, 4).
Zur Verbesserung von Therapieadhärenz und Compliance sollte bei komplexer Beinform mit großen Umfangsänderungen, vor allem auch bei Adipositas, auf eine mehrteilige Versorgung zurückgegriffen werden, die ein leichteres An- und Ausziehen und ggf. auch das Weglassen einzelner Strumpfelemente ermöglicht. Da Hände und Füße vom Lipödem nicht betroffen sind, können Leggings gerade im Sommer die Akzeptanz erheblich erhöhen, wenn es keine Gewebeüberhänge im Sprunggelenkbereich gibt.
Fazit
Die Kompressionstherapie beim Lipödem erfolgt zur Besserung der subjektiven Beschwerden. Die Materialauswahl spielt für die Akzeptanz und Therapieadhärenz durch die Patientinnen eine große Rolle, weshalb eine enge Kooperation zwischen Verordner, Versorger und Patientin wichtig und sinnvoll ist. Bleibt die Beschwerdebesserung aus, müssen die Diagnose, aber auch die Art der Versorgung überprüft und überdacht werden. Schlechtsitzende Kompressionsstrümpfe sind nicht sinnvoll und verschlechtern die Beschwerden, gutsitzende überzeugen die Patientin durch ein gutes Tragegefühl und Schmerzreduktion und tragen hierdurch auch zu einer Verbesserung von Mobilität und Bewegungsfreude bei.