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vasomed 2/24

Lokale Therapie chronischer Wunden

Die Behandlung chronischer Wunden kann immer wieder eine therapeutische Herausforderung darstellen. Eine Abklärung der Ursache sowie eine kausale und symptomatische Therapie stellen die Eckpfeiler dar. Außerdem sind Begleiterkrankungen, Schmerzmanagement, Ernährungsstatus und Mobilität im Behandlungskonzept zu berücksichtigen.


06.03.2024
B. Binder
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Schlüsselwörter: Chronische Wunden, lokale Therapie, Infektionskontrolle, Wundauflagen 

ZITIERWEISE: VASOMED 2024; 36(2): 46-49

Als chronisch wird eine Wunde definiert,  wenn diese trotz kausaler und fachgerechter Therapie innerhalb von acht Wochen keine Heilungstendenz zeigt bzw. nach zwölf Wochen nicht abgeheilt ist (1). Die häufigste Ursache ist die chronisch venöse Insuffizienz (bis zu 70 %, Abb. 1), gefolgt von der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (pAVK), Diabetes mellitus mit dem diabetischen Fußsyndrom (Abb. 2) oder eine chronische Druckeinwirkung (Dekubitus); selten verantwortlich sind Neoplasien (Abb. 3), Infektionen, Autoimmunerkrankungen, Medikamente und andere (2).



Ursachenabklärung

Vor Beginn der Therapie ist eine Abklärung der möglichen Ursache durchzuführen, damit auch eine eventuelle kausale Intervention (z. B. Varizenoperation, Rekanalisierung bei pAVK etc.) bereits anfangs in die Therapieplanung integriert wird; Bestimmung der Stoffwechsellage, Medikamenten-, Allergie- und Schmerzanamnese und Beurteilung des Allgemein- und Ernährungszustandes runden das Bild ab (ABCDE-Regel, Tab. 1) (3).
 

AAnamnese (anamnesis)
BBakterien (bacteria)
Cklinische Untersuchung (clinical examination)
DDurchblutung (defective vascular system)
EExtras (extras)
Tab. 1: ABCDE-Regel der Diagnostik chronischer Wunden.

Lokaltherapie

Der Goldstandard der Lokaltherapie ist die feuchte Wundbehandlung – ausgenommen davon ist die trockene periphere arterielle Gangrän (4) – welche entsprechend der jeweiligen Wundheilungsphase angepasst werden muss. Dies sind: die Reinigungs-, Granulations- und Epithelialisierungs­phase, wobei die einzelnen Phasen fließend ineinander übergehen. Unterstützung findet man in der Verwendung des M.O.I.S.T.-Konzeptes bei der Planung und Durchführung der Lokaltherapie (Tab. 2) (5). Eine große Produktpalette steht für die verschiedenen Wundheilungsphasen, Exsudatmanagement und Infektionsbehandlung/­
-vermeidung zur Verfügung.

Nekrektomie

Am Behandlungsbeginn ist es notwendig, nekrotisches Material, Zelldetritus, Biofilm zu entfernen, da ansonsten die Heilung gestört wird. Die Nekrektomie erfolgt mechanisch mittels Skalpell, Cürette oder scharfem Löffel, indem der Belag „abgekratzt“ wird, unterstützt im Intervall durch Enzymexterna. Umschläge mit Wundspüllösungen oder neutralen Lösungen beim regelmäßigen Verbandswechsel führen ebenso zu einer Reinigung des Ulkus. Eine schmerzarme Therapieoption stellt die Zuhilfenahme einer Monofilamentkompresse dar. Zur Vermeidung bzw. Milderung von Schmerzen kann vor der Nekrektomie/dem Debridement auch ein Lokalanästhetikum in Form eines Sprays oder einer Creme appliziert werden. In hartnäckigen, ausgewählten Fällen führt die Madentherapie zu einem guten Erfolg.

Infektionskontrolle

Die Infektionskontrolle ist ein wichtiger Faktor bei der Behandlung von chronischen Wunden. Es werden abhängig von der Virulenz bzw. Anzahl der Bakterien folgende Stadien unterschieden: Kontamination, Kolonisation, kritische Kolonisation, lokale Infektion und die systemische Infektion. Die Zunahme der Bakterienlast zeigt sich an der Wunde durch vermehrte Sekretion, Geruchsentwicklung und verstärkte Schmerzsymptomatik, Eine systemische Antibiotika­gabe ist nur bei einer Infektion (Calor, Rubor, Tumor, Dolor) mit Systemzeichen (Fieber) indiziert (Abb. 4); nur in diesem Fall sollte ein Wundabstrich gemacht werden inkl. Erstellung eines Antibiogrammes. Ansonsten wird eine topische antimikrobielle Therapie angewendet.  

Antimikrobiell wirksame Lösungen

Zur Infektionsprophylaxe, für die Eradikation multiresistenter Keime oder die Behandlung lokaler Infektionen werden antimikrobiell wirksame Lösungen und/oder Wundverbände zeitlich begrenzt eingesetzt (z. B. Polihexanid, Natriumhypochlorit/hypochlorige Säure, silber- oder kupferhaltige Produkte, medizinischer Honig oder Aktiv-Kohleverbände, Dialkylcarbamoylchlorid-­Produkte) (6).

Wundauflagen

Für die Granulations- und Epithelisierungsphase stehen Wundauflagen mit speziellen Wirkungs-/und Funktionsmechanismen zur Aufrechterhaltung eines feuchten Wundmilieus zur Verfügung. Wichtig ist v. a. ein entsprechendes Exsudatmanagement. Eine mäßig bis stark sezernierende Wunde verlangt nach Verbandstoffen, die das überschüssige Sekret in sich aufnehmen, eine Mazeration des Wundrandes verhindern und trotzdem die Wunde feucht halten. Dafür eignen sich Verbände mit einem Superabsorber oder Schaumstoff. Per se trockene Wunden verlangen nach Wundauflagen/Produkten, die Feuchtigkeit zuführen, wie z. B. Hydrogele. 

Zur Aufrechterhaltung dieses feuchten Wundmilieus stehen weitere Produktgruppen wie Alginate, Hydrofaserverbände, Schaumstoffe oder auch Hydrokolloide zur Verfügung. Alginate (wirkstofffreie Kalzium-Alginat-Fasern) sind gekennzeichnet durch eine vertikale und horizontale Absorption; daher ist ein Wundrandschutz erforderlich. Hydrofaserverbände bestehen aus einer stark vertikal absorbierenden Natriumcarboxycellulose; die Wundumgebung wird vor Feuchtigkeit geschützt. Beide Produktgruppen nehmen das Sekret, Bakterien und den Wunddetritus in sich auf, und es entsteht eine gelartige Wundabdeckung. Durch die Verformbarkeit der Wundauflage kann man auch tiefe Defekte austamponieren. Der Verbandswechsel sollte anfangs alle ein bis zwei Tage erfolgen; Kombinationen mit verschiedenen Sekundärverbänden sind möglich. 

Polyurethanschaumstoffverbände nehmen das Sekret in sich auf und speichern es; diese Verbände sind atmungsaktiv und es wird kein Sekret nach außen abgegeben. Einige Produkte sind noch zusätzlich an der Wundseite mit Silikon beschichtet, damit ein Verkleben mit der Wunde verhindert wird. Indikation ist die mäßig bis stark sezernierende Wunde. Der Verband kann abhängig von der Sekretion bis zu sieben Tage belassen werden; sog. „Borderverbände“ haben einen Kleberand und verhindern dadurch das Verrutschen der Wundauflage.

Hydrokolloidverbände (in verschiedenen Stärken) quellen durch Aufnahme von Wundsekret und bilden ein visköses Gel, das in die Wunde expandiert und diese feucht hält. Der Verband ist zu wechseln, wenn sich eine Blasenbildung in Größe der Wunde zeigt, kann aber abhängig von der Exsudatmenge bis zu sieben Tage belassen werden. Diese Wundauflagen können bis zur vollständigen Epi­thelialisierung verwendet werden. Man sollte beachten, dass die Wundumgebung nicht traumatisiert ist, denn ansonsten kann es beim Verbandswechsel zu einer zusätzlichen Schädigung der umgebenden Haut kommen.

Aktive Wundtherapeutika

Eine heterogene Gruppe stellen sogenannte aktive Wundtherapeutika dar. Durch Beeinflussung von Metalloproteinasen, pH-Wert, Sauerstoff, Zytokinen, Makrophagen und Wachstumsfaktoren wird das Wundmilieu per se moduliert und dadurch verbessert sich die Heilung. Dazu gehören u. a. Hyalu­ronsäure, Ameliogenin und Wachstumsfaktoren wie PDGF oder EGF. Für die Modulation der Metalloproteinasen stehen Kollagene und die sogenannte NOSF-Technologie (Nano-Oligo-Saccharid-Faktor) zur Verfügung. 

Sauerstoff

Ein Merkmal chronischer Wunden ist unter anderem der chronische Sauerstoffmangel. Durch Zufuhr von Sauerstoff – systemisch (hyperbare Sauerstofftherapie) oder lokal (Verbände, Gele, Hämoglobinspray oder Sauerstoffkammern) – kann dieses Defizit verbessert werden (7).

Vakuumtherapie

Für größere Weichteildefekte, akute oder chronische Wunden, mit oder ohne Infektion, hat sich die Vakuumtherapie, auch Unterdrucktherapie genannt, im klinischen Alltag etabliert. Durch die umschriebene Sogwirkung kommt es zu einer Ableitung von überschüssigem Exsudat, einer Wundretraktion, Anregung der Bildung von Granulationsgewebe und Wundbettkonditionierung. Die Mikrozirkulation wird durch die Reduktion des interstitiellen Ödems verbessert und damit auch die Wundheilung. Als Wundfüller werden offenporige Schwämme oder spezielle Gazeverbände verwendet. Durch zusätzliche Flüssigkeitsapplikation (sog. Instillationstherapie) mit z. B. Ringerlösung wird die Spülfunktion erhöht bzw. bei Kontaminationen/Infektionen durch Verwendung von Antiseptika die Bakterienlast deutlich reduziert (8).

Medizinischer Honig

Medizinischer Honig ist in verschiedenen Formen – als Gel/Balsam, beschichtete Gaze, Alginate und Polyacrylatverbände – auf dem Markt. Eine bedeutende Rolle spielt die antiinfektiöse Komponente sowohl gegen grampositive und -nega­tive Bakterien, Viren als auch Pilze. Bisher wurden noch keine Resistenzen beschrieben. Es kommt zur Entzündungs- und Ödemreduktion, Nekrektomie, Geruchshemmung sowie Förderung der körpereigenen Immunantwort, Angiogenese, und der Bildung von Granulations- und Epithelgewebe. Bei der Anwendung bedeutend ist, dass der Sekundärverband dem Exsudationsgrad angepasst wird. Täglicher bis zu wöchentlicher Verbandswechsel ist notwendig. Medizinischer Honig kann in allen Phasen der Wundheilung angewandt werden und hat seine Indikation bei akuten (Verbrennungen, Strahlendermatitiden) als auch bei infizierten und chronischen Wunden unterschiedlicher Genese (9).
 

MMoisture balance (Exsudatmanagement)
OOxygen balance (Sauerstoffbalance)
IInfection control (Infektionskontrolle)
SSupport (Unterstützung des Heilungsprozesses)
TTissue management (Gewebemanagement)
Tab. 2: M.O.I.S.T.-Konzept für die Lokaltherapie chronischer Wunden.

Behandlung der Umgebungshaut

Bei der Behandlung von chronischen Wunden sollte auch immer die Umgebungshaut entsprechend mitbehandelt, d. h. entsprechende Basistherapie/Hautpflege durchgeführt werden. Dabei ist zu berücksichtigen, dass bei Patienten mit chronischen Wunden in bis zu 80 % Kontaktsensibilisierungen gefunden werden. Diese betreffen sowohl Hautpflegemittel als auch Inhaltsstoffe von Produkten, die direkt auf die Wunde appliziert werden. Dazu gehören u. a. Kolophonium, Propylenglykol, Wollwachsalkohole, Cetylstearylalkohol, Gentamycin und Neomycin, wobei lokale Antibiotikagaben keine Indikation in der Behandlung von chronischen Wunden haben. 

Druckentlastung

Zusätzliche Maßnahmen beinhalten beim diabetischen Fußsyndrom sowie bei Dekubitalgeschwüren die konsequente Druckentlastung. Vor allem beim diabetischen Fußsyndrom muss darauf geachtet werden, dass ein orthopädisch angepasstes Schuhwerk ständig getragen wird. Bei einer arteriellen Durchblutungsstörung sollte neben der Reperfusion ein regelmäßiges Gehtraining durchgeführt sowie eventuell eine medikamentöse Unterstützung angestrebt werden (10).

Kompressionstherapie

Unabhängig von der Wundauflage muss beim Ulcus cruris venosum (eine arterielle Minderdurchblutung ist vorher auszuschließen) immer eine Kompressionstherapie durchgeführt werden. Diese erfolgt mit Kurzzugbandagen bis zur vollständigen Ödemreduktion und anschließend mit Kompressionsstrümpfen, bevorzugt mit sogenannten Ulkusstrumpfsystemen, welche meist aus zwei Komponenten bestehen, einem Unterstrumpf sowie einem Kompressionsstrumpf für den Unterschenkel (11).

Schmerzmanagement

Eine große Bedeutung in der Behandlung chronischer Wundpatienten hat die Vermeidung von Schmerzen; Schmerzen reduzieren in einem starken Ausmaß die Lebensqualität. Diese erfolgt einerseits durch Anpassung der Lokaltherapie (kein Verkleben der Verbandsstoffe mit der Wunde, Exsudatmanagement etc.) sowie auch Adaptierung der systemischen Schmerztherapie (12, 13).

Fazit

Insgesamt erfordert die Behandlung chronischer Wunden jeglicher Genese eine interdisziplinäre und interprofessionelle Zusammenarbeit. Eine ausführliche primäre Diagnostik, kausale Therapie, phasengerechte Wundbehandlung, entsprechende Schmerztherapie und Ernährungsoptimierung sind Komponenten, die zur Abheilung beitragen. 

Hinweis: Dieser Beitrag ist eine aktualisierte Version von Artikeln der Autorin. Von der Verfasserin wird kein Anspruch auf Vollständigkeit in der Nennung aller Produkte erhoben.

Dieser Beitrag wurde in der Zeitschrift „der niedergelassene arzt“ 8/2023 erstveröffentlicht.

1  Heyer K, Herberger K, Protz K et al. Epidemiology of chronic wounds in Germany: Analysis of statutory health insurance data. Wound Rep Reg 2016;24:434-442.
2 Dissemond J, Körber A, Grabbe S. Differentialdiagnosen des Ulcus cruris. J Dtsch Dermatol Ges 2006;4:627-634.
3 Dissemond J. ABCDE-Regel der Diagnostic chronischer Wunden. J Dtsch Dermatol Ges 2017; 15:732-734.
4 Winter GD. Formation of the scab and the rate of Epithelialization of superficial wounds in the skin of the young domestic Pig. Nature 1962;193: 293-294.
5 Dissemond J, Assenheimer B, Engels P et al. M.O.I.S.T. – ein Konzept für die Lokaltherapie chronischer Wunden. J Dtsch Dermatol Ges 2017; 15:443-445.
6 EWMA Positionsdokument: Management von Wundinfektionen. Mai 2007. EWMA Position Documents 2002–2008  – ewma.org
7 Gottrup F, Dissemond J, Bainers C et al. Use of Oxygen therapies in woundhealing. J Wound care 2017;26(Sup5):S1-S43.
8 Apelquist J, Willy C, Fagerdahl AM et al. EWMA document: negative pressure wound therapy. J Woud care 2017;26:S1-S154.
9 Oryan A, Alemzadeh E, Moshiri A. Biological  properties and therapeutic activities of honey in wound healing: A narrative review and meta-analysis. J Tissue Viability 2016;25:98-118.
10 Powers JG, Higham C, Broussadr K et al. Wound healing and treating wounds: Chronic wound care and management. J Am Acad Dermatol 2016;74: 607-625.
11 Dissemond J, Assenheimer B, Bültemann A et al. Kompressionstherapie bei Patienten mit Ulcus cruris venosum. J Dtsch Dermatol Ges 2016; 14(11):1072-1087.
12 Leren L, Johansen E, Eide H et al. Pain in persons with chronic leg ulcers: A systematic review and meta analysis. Int Wound J 202;17:466-484.
13 Dissemond J, Bültemann A, Gerber V et al. Standards für die Diagnostik und Therapie chronischer Wunden. Stand 2020. Initiative Chronische Wunden e.V., www.icwunden.de

Autorin

Korrespondenzadresse 
PD Dr. med. Barbara Binder
Univ.-Klinik für Derma­tologie ­und Venerologie
Medizinische Universität Graz
Auenbruggerplatz 8, A-8036 Graz, Österreich

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