Seit dem 1. April 2026 steht erstmals ein bundesweites, strukturiertes Lungenkrebsscreening mittels Niedrigdosis-Computertomographie (Low-Dose-CT, LDCT) zur Verfügung. Es richtet sich gezielt an Hochrisikopersonen, zu welchen Raucher und Raucherinnen zählen. Eingeordnet wird die Neuerung unter anderem auf der Vorab-Pressekonferenz anlässlich des 132. DGIM-Kongresses. Professor Tim O. Hirche, Direktor der Klinik für Pneumologie an den HELIOS Dr. Horst Schmidt Kliniken in Wiesbaden beschreibt es wie folgt: “Erstmals wird damit in Deutschland ein strukturiertes Früherkennungsprogramm für eine Hochrisikogruppe (Raucher) etabliert, welches auf einer soliden wissenschaftlichen Evidenz basiert und das Potenzial hat, die Mortalität des Lungenkrebses deutlich zu senken”.
Lungenkrebsscreening als Kassenleistung
Das Screening kann seit 1. April als neue Früherkennungsleistung der gesetzlichen Krankenkassen abgerechnet werden. Das hat der Gemeinsame Bundesausschuss beschlossen und dafür die bereits bestehende Krebsfrüherkennungs-Richtlinie angepasst. Die Untersuchung kann alle zwölf Monate in Anspruch genommen werden.
Die Relevanz ist gegeben: Lungenkrebs ist die häufigste krebsbedingte Todesursache weltweit und in Deutschland. Jährlich erkranken rund 58.000 Menschen, etwa 45.000 sterben an den Folgen. Trotz Fortschritten in Chirurgie, Strahlentherapie und Systemtherapie bleibt die Überlebensrate insgesamt schlecht. Die ungünstige Prognose ist maßgeblich darauf zurückzuführen, dass die Diagnose überwiegend erst in fortgeschrittenen Stadien (III/IV) erfolgt. Dann, wenn kurative Therapieansätze häufig nicht mehr möglich sind.
“Wenn man es schafft, eine frühe Diagnose zu stellen, dann ist eine Heilung sogar im Regelfall möglich. Das kommt eigentlich aber nur dann in Frage, wenn der Patient zufällig diagnostiziert wird, weil er ja keine Symptome hat. Also wenn er wegen anderen Gründen eine Untersuchung hat und dann findet man ein Frühstadium, dann kann man das heutzutage wunderbar – auch minimalinvasiv – chirurgisch entfernen. (…) Das heißt, es ist gar keine Frage, dass die moderne Medizin aufgerufen ist, hier die Diagnose früher zu stellen. Und wenn Sie bei jemandem, der keine Symptome hat, eine frühe Diagnose stellen wollen und das systematisch machen wollen, brauchen Sie ein Screening.”
Prof. Tim Hirche
Krebsfrüherkennung durch Lungenkrebsscreening ermöglicht frühzeitige Therapie
Mehrere groß angelegte randomisierte Studien zeigen, dass ein jährliches LDCT-Screening bei Hochrisikopersonen die lungenkrebsspezifische Mortalität signifikant senkt. Der zentrale Grund hierfür: Während symptomatisch entdeckte Tumoren überwiegend in fortgeschrittenen Stadien diagnostiziert werden, identifiziert das Screening primär Frühstadien (Stadium I), in denen eine kurative Therapie – häufig chirurgisch – realistisch ist.
Zielgruppe klar definiert – Ärzte und Ärztinnen mit Schlüsselrolle
Früherkennung von Lungenkarzinomen durch Lungenkrebsscreenings beeinflusst den Krankheitsverlauf direkt. Sie schafft die Voraussetzung für kurative Ansätze. Für niedergelassene Ärztinnen und Ärzte ergibt sich hier eine zentrale Gatekeeper-Funktion: Sie identifizieren geeignete Patientinnen und Patienten und klären über Nutzen und Risiken des Lungenkrebsscreenings auf. Sie motivieren zudem zur Teilnahme, integrieren das Screening in bestehende Präventionskonzepte einschließlich strukturierter Tabakentwöhnung und überweisen an entsprechende CT-Zentren.
“Ein starker Raucher hat ein bis zu 30-fach erhöhtes Risiko für Lungenkrebs und Patienten, die Lungenkrebs haben, sind zu über 90 Prozent Raucher. Da kann man sehr viel Erfolg erwarten, wenn das Screening etabliert ist.”
Prof. Tim Hirche
Das Screening adressiert gezielt Risikopatienten, die in der Lungenkrebs-Früherkennungs-Verordnung (LuKrFrühErkV) definiert werden:
- Raucherinnen und Raucher sowie Ex-Raucher im Alter zwischen 50 und 75 Jahren
- Bei relevanter Rauchhistorie von mindestens 15 Packungsjahren, was dem Konsum von einer Packung (ca. 20 Zigaretten) pro Tag über 15 Jahren entspricht
In Deutschland umfasst diese Gruppe etwa 3 bis 5 Millionen Anspruchsberechtigte.
Lungenkrebsscreening: Geringes Risiko, hohe diagnostische Präzision
Ein wesentlicher Aspekt für die Patientenakzeptanz ist das günstige Nutzen-Risiko-Profil des LDCT-Screenings. Moderne CT-Protokolle ermöglichen eine deutlich reduzierte Strahlenexposition bei gleichzeitig hoher Sensitivität für kleine pulmonale Rundherde. KI-gestützte Auswertungssysteme erhöhen zusätzlich die diagnostische Sicherheit. Sie helfen, falsch-positive Befunde zu reduzieren sowie unnötige invasive Folgeeingriffe zu reduzieren. Auch die Abklärung auffälliger Befunde hat sich verbessert. Robotisch assistierte Navigationsbronchoskopie ermöglicht heute etwa die gezielte Biopsie peripherer Läsionen unter 10 mm bei geringen Komplikationsraten.
Fazit
Das LDCT-basierte Lungenkrebsscreening stärkt die Früherkennung von Lungenkrebs entscheidend: Es bringt Diagnosen in ein heilbares Stadium. Für die Praxis bedeutet das: aktiv identifizieren, gezielt aufklären, konsequent begleiten. So lässt sich die Prognose vieler Patientinnen und Patienten nachhaltig verbessern, bei gleichzeitig hoher diagnostischer Sicherheit und geringem Risiko für die Untersuchten.