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Möglichkeiten der Kompressionsversorgung bei Lymphödemen im Brust-/Thorax- oder Genitalbereich

Die Kompressionstherapie ist ein wesentlicher Bestandteil der Lymphödemtherapie. Sie umfasst das Tragen von speziellen, meist flachgestrickten Kompressionsstrümpfen, Bandagen oder Kompressionsärmeln/-Handschuhen. Durch den von außen ausgeübten Druck wird das Gewebe komprimiert, was den Lymphfluss verbessert und das Fortschreiten der Schwellung verhindert.


24.08.2023
C. Hemmann-Moll
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ZITIERWEISE: VASOMED 2023; 35(5): 162-163

Bei der Behandlung von Lymphödemen (primär oder sekundär) der Extremitäten mit Kompression hat sich in den letzten Jahren die Versorgungsqualität stark verbessert. Die Produktvielfalt mit ihrer modischen Farbwelt unterstützt das Selbstbewusstsein der Patienten und bietet passgenaue, gut verträgliche Lösungen, die die Therapiesituation erleichtern.  

Bei der Therapie von Lymphödemen im Brust-Thoraxbereich (z. B. n. Mammakarzinom) oder bei Genitallymphödemen stehen für Patienten andere Kriterien im Vordergrund. Schmerzen beeinträchtigen die Lebensqualität in hohem Maße und schränken die Aktivitäten stark ein oder machen die Teilnahme am sozialen Leben nahezu unmöglich. Bei brusterhaltend operierten Frauen liegt die Häufigkeit, ein Brustlymphödem zu entwickeln, immerhin bei 27 %, und Thoraxwandödeme werden laut aktueller Studienlage mit 19 % beziffert. 

Kompressionstherapie im Brust-/Thoraxbereich

Brustlymphödeme sind schmerzhaft und belasten die betroffenen Patientinnen  und Patienten extrem in ihrem Alltag. 

Schlechtsitzende, einschnürende BHs wirken ödembegünstigend. Ist das Ödem auf die Brust begrenzt, können spezielle Kompressions-BHs eingesetzt werden. Sie sind mit breiten Trägern ausgestattet und sollten submammär nicht einschneiden, sie werden von verschiedenen Herstellern angeboten. Diese fallen unter die Gruppe der verordnungsfähigen Hilfsmittel und können budgetneutral verordnet werden.

Bei Kombinationsformen von Brust- und Thoraxwand-Ödemen wird seitlich eine breitere, textile, elastische Anlage notwendig, wie sie lange Kompressions-BHs bieten. Wenn ebenfalls die Schulterregion von einem Lymphödem betroffen ist oder zu Schwellungen und Schmerzen neigt, ist eine Thorax-Kompressionsbandage nach Maß sinnvoll. 
Die Versorgung von Brust- und Thoraxlymphödemen erfordert eine ausführliche Anamnese, genaue Palpation und Lokalisation der betroffenen Region, um danach die richtige Auswahl der Kompressionsversorgung zu treffen (Abb. 1). 

Sowohl Kompressions-BHs als auch Thoraxbandagen können individuell mit Druckpelotten (evtl. mit unruhiger Oberfläche zur Fibroselockerung) ausgestattet werden, um den Lymphabfluss zu verbessern. Dabei sollten die Lymphabflusswege berücksichtigt und ggf. in Zusammenarbeit mit der/dem behandelnden Therapeutin/Therapeuten besprochen werden. Mit selbsthaftenden Silikonauflagen, die mehrfach zu verwenden sind, wird in Kombination mit Kompression die Narbenheilung optimiert.

CAVE: Kompression im Thoraxbereich muss unter Berücksichtigung der gelenkigen Verbindungen (Wirbel, Rippen, Brustbein) besonders sensibel gehandhabt werden. Bei einer zu engen, festen Kompression wird die Patientin/der Patient versuchen, dies mit eingeschränkter Atmung zu kompensieren. Die Thoraxbandage sollte deshalb nur mit leichter Kompression (ca. 20 mmHg) verordnet werden. 

Die Aktivität des Lymphabflusses wird durch eine tiefe Bauchatmung gefördert. Deshalb ist es notwendig, die Patientin/den Patienten hinreichend einzuweisen und die Atem-Exkursion bei angelegter Kompression zu kontrollieren.



Kompressionsmöglichkeiten im Genitalbereich 

Die genaue Inzidenz von Genitallymph­ödemen ist weniger gut dokumentiert. Das liegt zum einen daran, dass diese Ödeme seltener vorkommen, doch die Hauptursache ist erfahrungsgemäß bei dem mit großem Schamgefühl besetzten Thema zu sehen und diese Problematik offen anzusprechen. 

Da Genitallymphödeme schmerzhaft sind und im Tagesverlauf Schwellungen und damit die Beschwerden zunehmen, ziehen sich Patientinnen und Patienten eher zurück und vermeiden Aktivitäten und soziale Kontakte. Aufgrund von adjuvanter Strahlentherapie nach einer Krebserkrankung kann die Funktion von Blase und/oder Darm beeinträchtigt sein. Genitallymphödeme neigen zu Lymphfisteln und damit auch zu Geruchsbildung, was für die Betroffenen eine zusätzliche Belastung darstellt.

Die chirurgische Therapie von Genitallymphödemen gewinnt zunehmend an Bedeutung und verhilft dank modernste Mikrochirurgie den Patientinnen und Patienten zu neuer Lebensqualität. Zur Vorbereitung des Eingriffs muss das Ödem bestmöglich entstaut werden (Komplexe Physikalische Entstauungstherapie Phase I).

Es benötigt bei der Behandlung und Therapie großes Vertrauen gegenüber den Therapeuten und den Versorgenden sowie eine engmaschige interprofessionelle Zusammenarbeit aller am Prozess beteiligten Personen und ein hoch motiviertes Selbstmanagement. 

Um eine passgenaue individuelle Kompression zu entwickeln, sind verschiedene Kriterien (Abb. 2) zu beachten. Der Einsatz von Druckpelotten ist in diesem Versorgungsareal (Mons pubis) wichtig, erfordert obendrein eine hohe Sensibilität und muss den hygienischen Anforderungen gerecht werden (Abb. 3). 

Materialien mit einem Silberanteil, die atmungsaktiv sind, verbessern das Hautklima und reduzieren damit die Neigung zu Hautpilzen. 

  • Bei Patienten können handelsübliche (evtl. aus dem Sportbereich) oder nach Maß angefertigte Suspenso­rien Entlastung schaffen. Hierbei ist unbedingt auf eine breite Gurtführung zu achten, um ein Einschneiden und damit eine Unterbrechung der Lymphabflusswege zu vermeiden. Das Suspensorium mit einer Kompressionshose/Einbeinhose/Bermuda zu kombinieren ist sinnvoll, da das Ödem selten nur auf das Genital begrenzt ist. 
  • Bei Patientinnen kommen Kompressionshosen/-Bermudas oder mehrteilige Versorgungen mit kompressiv gearbeitetem Schrittteil zum Einsatz und bieten z. B. mit eingelegten Hygieneeinlagen bei Ödemen der Labien eine suffiziente Entlastung. Generell gilt es bei der Kompressionsversorgung auf einen weichen, nicht einschneidenden Taillenabschluss zu achten. 

Take-Home Message

Am Markt wird mittlerweile eine große Vielfalt an Produkten angeboten, die sehr gute Möglichkeiten für die Kompressionstherapie bieten und dennoch benötigt es handwerkliches Knowhow und eine hohe Versorgungskompetenz, um mit den Patientinnen und Patienten die beste Lösung für diese sensiblen Versorgungsbereiche zu entwickeln.     

Der Mensch ist das Maß aller Dinge und gibt uns damit die Koordinaten vor, die es bei der Therapie des Lymphödems und der Kompressionstherapie im Besonderen zu beachten gilt. Neben modernster digitaler Daten- und Maßerfassung kommt es darauf an, dass für jede Patientin und jeden Patienten die passgenaue Antwort auf die individuelle Problemstellung gefunden wird, um das bestmögliche Ergebnis im Versorgungskontext zu erzielen. 

Korrespondenzadresse

Christine Hemmann-Moll
Selbstständige Bandagisten-Meisterin
Buchenstraße 34
74906 Bad Rappenau
training(at)hemmann-moll.de
www.hemmann-moll.de