Gleichfalls betont die neue Leitlinie erfreulicherweise deutlich stärker als die Vorgängerversion den Einbezug von Familie und Umfeld. Allerdings ist dies im engeren Sinne keine alternative Methode, sie gehört bei jeder kinderpsychiatrischen Behandlung dazu. Die Relevanz des Umfeldes, insbesondere der Eltern-Kind-Interaktion, ist zwischenzeitlich aber umso deutlicher geworden, von daher ist die Hervorhebung sehr zu begrüßen.
Gibt es in der Leitlinie wichtige Aspekte, die aus Ihrer Sicht in der Therapie noch fehlen oder zu kurz kommen?
Möhler: Zwar empfiehlt die Leitlinie, in der Anamnese eines jeden depressiven Kindes auf belastende Lebensereignisse oder -umstände zu fokussieren, aber angesichts der Häufigkeit von Misshandlungserfahrungen (bis zu 80%) bei kinderpsychiatrisch behandelten Kindern wären häufigere Hinweise auf die evidenzbasierten Verfahren zur Traumadiagnostik und strukturierten, expositionsbasierten Traumatherapie meiner Meinung nach sehr wichtig – ebenso wie auf die existierenden Kinderschutzprotokolle und Workflows. Zwar liegt entsprechend des Auftrages dieser Leitlinie nunmal der klare Schwerpunkt auf Depression, nicht auf Trauma oder Kinderschutz. Andererseits ist es in Kinderschutzsituationen aber zu umständlich, mehrere Leitlinien zu konsultieren. Beispielsweise beinhaltet eine zentrale Empfehlung der AWMF-Kinderschutzleitlinie, dass bei jedem Kind mit Verhaltensauffälligkeiten eine Kindesmisshandlung ausgeschlossen werden sollte. Von daher sollte dies, wie ich finde, auch in allen Leitlinien für Kinder- und Jugendpsychiatrie explizit und wiederholt so stehen.
In der Leitlinie wurden Empfehlungen aufgenommen, dass früher noch als bereits zuvor Behandlungen angeboten werden sollen. Gleichzeitig werden viele vertragspsychotherapeutische Leistungen seit dem 1. April 2026 um 4,5 % gekürzt. Wie passt das zusammen?
Möhler: Die Empfehlungen in der Leitlinie sind medizinisch, die Leistungskürzungen haben wirtschaftliche Hintergründe, so dass dies nicht zur Deckung zu bringen ist. In der Praxis scheitert eine frühe Behandlung von depressiven Kindern nicht wirklich erst seit der Leistungskürzung, sondern an der Struktur des auf einer ‚Komm-Struktur‘ basierenden ambulanten Versorgungssystems, das für Erwachsene, aber nicht für alle Kinder und Jugendliche geeignet ist.
Insbesondere für komplexe Fälle mit multiplem psychosozialen Hilfebedarf ist schwer, bis fast unmöglich, einen Kinderpsychotherapeuten zu finden. Die derzeitige Wartezeit beträgt etwa 8-10 Monate und diese umkämpften Therapieplätze erhalten in der Regel dann die Kinder aus hochstrukturierten und funktionalen Familien, die eine regelmäßige Teilnahme des Kindes an den Sitzungen gewährleisten. Emotional instabile Jugendliche oder Kinder aus Familien mit psychisch erkrankten oder suchtkranken Eltern fallen immer schon durch das Netz der ambulanten Psychotherapie.
Es bestand also auch vor den Leistungskürzungen schon ein großer Bedarf, das herkömmliche System der ambulanten Vertragspsychotherapeuten grundsätzlich zu verändern – zum Wohle der komplex belasteten Kinder und Jugendlichen.
Vielen Dank für das Gespräch.
Julian Aldinger