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Interview

Neue S3-Leitlinie zu Depressionen im Kindes- und Jugendalter: Prof. Möhler im Interview

Im März 2026 erschien die überarbeitete Leitlinie zur Behandlung depressiver Störungen bei Kindern und Jugendlichen. Prof. Dr. Eva Möhler, Universitätsklinikum des Saarlandes, ordnet im Interview die wichtigsten Neuerungen und ihre Bedeutung ein.


03.07.2026
J. Aldinger
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Im März 2026 veröffentlichte die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie e.V. (DGKJP) federführend die aktualisierte Leitlinie „Behandlung von depressiven Störungen bei Kindern und Jugendlichen“. Die letzte Version der Leitlinie erschien vor 13 Jahren. Wir haben mit Prof. Dr. med. Eva Möhler, Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Universitätsklinikum des Saarlandes, gesprochen und sie um eine Einordnung der Neuerungen gebeten.

Im Interview

Prof. Dr. Eva Möhler 

Universitätsklinikum des Saarlandes

Frau Prof. Möhler, sicherlich hat sich seit der letzten Version der Leitlinie vor 13 Jahren in der Forschung und Therapie viel getan. Gibt es in der aktualisierten Leitlinie wesentliche Änderungen, von denen Kinder und Jugendliche mit depressiven Erkrankungen besonders profitieren?

Eva Möhler: Die neue Leitlinie der AWMF (2026), die ebenso wie die Vorgänger-Version von 2013 eine vollumfängliche Evidenzbasierung und somit S3-Niveau hat, verbessert die klinische Versorgung depressiver Kinder und Jugendlicher in mehreren zentralen Dimensionen. Ihr Mehrwert liegt vor allem in der noch fundierteren Evidenzbasierung, Differenzierung und Patientenzentrierung – mit konkreten Auswirkungen auf Diagnostik, Therapieplanung und Versorgungsstrukturen. Eine wesentliche Neuerung ist zudem die Einstufung der Empfehlungen nach Altersgruppen, beginnend ab ca. 3 Jahren. Dadurch ergibt sich die Möglichkeit einer passgenaueren, individualisierten Behandlung anstatt ‚One Size fits All‘. Insbesondere in der Kindheit ist die Berücksichtigung des Entwicklungsstandes essenziell, sodass der neue Aufbau einen entscheidenden Vorteil gegenüber der vorherigen Version darstellt.

In die Leitlinie wurden auch einige neue Empfehlungen zu alternativen Therapiemethoden im Vergleich zur Pharmakotherapie aufgenommen. Welche würden Sie hierbei gesondert hervorheben?

Möhler: Die neuen Empfehlungen zu alternativen bzw. ergänzenden Therapieansätzen sind ein wichtiger Fortschritt der Leitlinie – vor allem, weil sie niedrigschwellige, nebenwirkungsarme und alltagsnahe Interventionen stärker berücksichtigen. Insbesondere hat sich in den letzten 13 Jahren die Evidenz zu Sport- und Bewegungsinterventionen drastisch vermehrt. Sportinterventionen wirken nachweislich auch bei Kindern und Jugendlichen auf Antrieb, Schlaf und Selbstwirksamkeit, zudem gibt es gute Evidenz für stimmungsaufhellende Effekte. Mitunter sind sie auch präventiv wirksam und reduzieren zudem zahlreiche biologische Stressparameter. Nicht zuletzt wird die Gehirnentwicklung insbesondere bei Kindern und Jugendlichen positiv unterstützt. Somit können auch Effekte hinsichtlich Konzentration und Kognition erzielt werden.

Hervorzuheben sind auch die Empfehlungen der Leitlinie zu kreativen und künstlerischen Therapien, die in der Praxis oft einen sehr guten Zugang zu verschlossenen oder sehr kontaktscheuen Kindern und Jugendlichen eröffnen können. Insbesondere für Kinder mit eingeschränkter Verbalisierungsfähigkeit sind diese Therapien sehr hilfreich.

Die empfohlenen Achtsamkeits- und Entspannungsverfahren fördern ebenfalls die Stressreduktion, zusätzlich aber auch noch die Emotionsregulation und die Selbstwahrnehmung und sind eine gute, bei Jugendlichen sogar evidenzbasierte Ergänzung zur Psychotherapie.

Gleichfalls betont die neue Leitlinie erfreulicherweise deutlich stärker als die Vorgängerversion den Einbezug von Familie und Umfeld. Allerdings ist dies im engeren Sinne keine alternative Methode, sie gehört bei jeder kinderpsychiatrischen Behandlung dazu. Die Relevanz des Umfeldes, insbesondere der Eltern-Kind-Interaktion, ist zwischenzeitlich aber umso deutlicher geworden, von daher ist die Hervorhebung sehr zu begrüßen.

Gibt es in der Leitlinie wichtige Aspekte, die aus Ihrer Sicht in der Therapie noch fehlen oder zu kurz kommen?

Möhler: Zwar empfiehlt die Leitlinie, in der Anamnese eines jeden depressiven Kindes auf belastende Lebensereignisse oder -umstände zu fokussieren, aber angesichts der Häufigkeit von Misshandlungserfahrungen (bis zu 80%) bei kinderpsychiatrisch behandelten Kindern wären häufigere Hinweise auf die evidenzbasierten Verfahren zur Traumadiagnostik und strukturierten, expositionsbasierten Traumatherapie meiner Meinung nach sehr wichtig – ebenso wie auf die existierenden Kinderschutzprotokolle und Workflows. Zwar liegt entsprechend des Auftrages dieser Leitlinie nunmal der klare Schwerpunkt auf Depression, nicht auf Trauma oder Kinderschutz. Andererseits ist es in Kinderschutzsituationen aber zu umständlich, mehrere Leitlinien zu konsultieren. Beispielsweise beinhaltet eine zentrale Empfehlung der AWMF-Kinderschutzleitlinie, dass bei jedem Kind mit Verhaltensauffälligkeiten eine Kindesmisshandlung ausgeschlossen werden sollte. Von daher sollte dies, wie ich finde, auch in allen Leitlinien für Kinder- und Jugendpsychiatrie explizit und wiederholt so stehen.

In der Leitlinie wurden Empfehlungen aufgenommen, dass früher noch als bereits zuvor Behandlungen angeboten werden sollen. Gleichzeitig werden viele vertragspsychotherapeutische Leistungen seit dem 1. April 2026 um 4,5 % gekürzt. Wie passt das zusammen?

Möhler: Die Empfehlungen in der Leitlinie sind medizinisch, die Leistungskürzungen haben wirtschaftliche Hintergründe, so dass dies nicht zur Deckung zu bringen ist. In der Praxis scheitert eine frühe Behandlung von depressiven Kindern nicht wirklich erst seit der Leistungskürzung, sondern an der Struktur des auf einer ‚Komm-Struktur‘ basierenden ambulanten Versorgungssystems, das für Erwachsene, aber nicht für alle Kinder und Jugendliche geeignet ist.

Insbesondere für komplexe Fälle mit multiplem psychosozialen Hilfebedarf ist schwer, bis fast unmöglich, einen Kinderpsychotherapeuten zu finden. Die derzeitige Wartezeit beträgt etwa 8-10 Monate und diese umkämpften Therapieplätze erhalten in der Regel dann die Kinder aus hochstrukturierten und funktionalen Familien, die eine regelmäßige Teilnahme des Kindes an den Sitzungen gewährleisten. Emotional instabile Jugendliche oder Kinder aus Familien mit psychisch erkrankten oder suchtkranken Eltern fallen immer schon durch das Netz der ambulanten Psychotherapie.

Es bestand also auch vor den Leistungskürzungen schon ein großer Bedarf, das herkömmliche System der ambulanten Vertragspsychotherapeuten grundsätzlich zu verändern – zum Wohle der komplex belasteten Kinder und Jugendlichen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Julian Aldinger