Patienten beschreiben neuropathische Schmerzen oft als „Stromstöße“, „Feuer in den Füßen“ oder so, „als würde schon die Bettdecke wehtun“. Solche Schilderungen sind diagnostisch wertvoll. Sie sprechen für neuropathische Schmerzen, die mit Allodynie, Parästhesien, nächtlicher Verschlechterung und Schlafstörungen einhergehen können.1-3 Wichtig ist, früh an behandelbare Ursachen und Risikofaktoren zu denken. Neben Diabetes mellitus, Herpes zoster, Alkoholabusus oder neurotoxischen Therapien gehören dazu auch ein Mangel an essenziellen Biofaktoren wie den Vitaminen B1 und B12:
- Für Vitamin B12 gibt es Hinweise auf einen klinischen Nutzen, besonders bei postherpetischer Neuralgie und schmerzhafter peripherer Neuropathie.
- Vitamin B1, insbesondere in seiner lipidlöslichen und besser verfügbaren Vorstufe Benfotiamin, ist vor allem dann relevant, wenn bei diabetischer Neuropathie ein funktioneller Vitamin-B1-Mangel wahrscheinlich ist und Brennen oder Parästhesien im Vordergrund stehen.
Auch an Vitamin B12 denken4-6
Ein Vitamin-B12-Mangel sollte bei neuropathischen Schmerzen immer rechtzeitig mitbedacht werden. Er ist häufig und wird im Praxisalltag dennoch leicht übersehen. Hinweise sind neben den typischen Schmerzen vor allem Brennen, Kribbeln, Taubheitsgefühl, Gangunsicherheit oder ein Manschettengefühl an den Unterschenkeln – nicht selten auch ohne hämatologische Befunde. Gerade in der Hausarztpraxis gilt das besonders für Patienten unter Metformin,7,8 im höheren Alter, bei vegetarischer oder veganer Ernährung, Resorptionsstörungen, atrophischer Gastritis oder langfristiger Säureblockade. Auch ein aktueller Expertenkonsens empfiehlt, bei neurologischen Symptomen wie Parästhesien oder neuropathischen Schmerzen frühzeitig an einen Vitamin-B12 -Mangel zu denken und gezielt zu substituieren.6
Verschiedene Übersichtsarbeiten beschreiben für Vitamin B12 therapeutische Effekte insbesondere bei postherpetischer Neuralgie und schmerzhafter peripherer Neuropathie. In einigen randomisierten Studien wurde der Biofaktor zudem mit einer signifikanten Schmerzreduktion in Verbindung gebracht; eine placebokontrollierte Studie bei schmerzhafter diabetischer Neuropathie berichtete über eine signifikante und sichere Linderung der Schmerzen.9-12
Bei Beschwerden oder Risikofaktoren sollte rechtzeitig an die Diagnostik13-15 und bei Bedarf auch an eine gezielte Substitution gedacht werden. Bei gesichertem oder wahrscheinlichem Mangel kommt eine orale Hochdosistherapie mit 1.000 µg Vitamin B12 täglich in Betracht. Eine aktuelle Arbeit von März 2026 konnte zeigen, dass abgesehen von höheren Serum-Vitamin-B12-Spiegeln eine höhere Tagesdosis von 2.000 μg keine zusätzlichen neuropathischen oder metabolischen Vorteile bot.16 Bei ausgeprägten neurologischen Symptomen wird oft initial parenteral substituiert.
Rolle von Benfotiamin17,18,19
Benfotiamin gehört vor allem bei schmerzhafter diabetischer Neuropathie in die engere Wahl, nicht zuletzt aufgrund des erhöhten Risikos für einen Vitamin-B1-Mangel bei Diabetes mellitus.20 Hintergrund ist ein möglicher funktioneller Mangel an Vitamin B1: Thiamin, die aktive Form von Vitamin B1, ist für den Energiestoffwechsel der Nervenzelle unverzichtbar. Benfotiamin als fettlösliche Vorstufe wird besonders gut aufgenommen21,22 und kann sinnvoll sein, wenn neben Schmerzen auch Brennen, Kribbeln oder andere sensible Missempfindungen bestehen.
Auch die Studien liefern hierzu ermutigende Hinweise. In der randomisierten BENDIP-Studie besserte sich der Neuropathy Symptom Score nach sechs Wochen signifikant in der Per-Protocol-Analyse; beim Total Symptom Score zeigte sich der deutlichste Effekt beim Symptom Schmerz. Hinzu kommt, dass Benfotiamin in der Regel gut vertragen wird.23 Für die hausärztliche Praxis ist Benfotiamin vor allem dann eine Option, wenn bei diabetischer Neuropathie ein Vitamin-B1-Mangel wahrscheinlich ist und die Patienten über Brennen, Kribbeln oder schmerzhafte Missempfindungen klagen. In klinischen Studien und im Praxisalltag werden meist 300 bis 600 mg Benfotiamin pro Tag eingesetzt, häufig verteilt auf zwei Einzelgaben.
Fazit für die Praxis
Bei neuropathischen Schmerzen lohnt es sich, möglichst früh nach behandelbaren Ursachen zu suchen – dazu gehört vor allem ein Vitamin-B12-Mangel. Vitamin B12 ist klinisch besonders relevant, weil es einen häufigen und gut behandelbaren Mangel ausgleicht und zugleich günstige Effekte auf neuropathische Schmerzen zeigt. Benfotiamin ist vor allem bei diabetischer Neuropathie und entsprechender Symptomatik eine gut verträgliche Option, besonders wenn ein Vitamin-B1-Mangel wahrscheinlich ist. Beide Biofaktoren sollten bei passenden Beschwerden und Risikokonstellationen Anwendung finden.
Dr. Daniela Birkelbach