Die Präzisionsmedizin schreitet immer weiter voran. Wie zeigt sich das in der Behandlung von Asthma und Allergie?
Prof. Harald Renz: Bei der Asthma- und Allergiebehandlung sind erhebliche Fortschritte bei der Präzisionsmedizin erzielt worden. Wir haben heute therapeutische Werkzeuge, so genannte Biologicals, die zielgerichtet eingesetzt werden können, um ganz bestimmte Pfade im Krankheitsgeschehen zu modulieren oder zu unterdrücken. In den letzten Jahrzehnten sind viele Krankheitspfade entdeckt worden. Damals gab es aber die therapeutischen Werkzeuge noch nicht, die wir jetzt haben.
Mit Biologicals meinen Sie monoklonale Antikörper?
Prof. Renz: Ja, vor allem für Allergie und Asthma reden wir über monoklonale Antikörper. Es gibt einen Antikörper seit 20 Jahren, das Anti-IgE, bekannt als Omalizumab. In den letzten 5 Jahren sind noch mehr hinzugekommen. Mittlerweile gibt es Antikörper gegen Interleukin (IL)-5, gegen IL-4-Rezeptor-Alphakette, gegen das TSLP (thymic stromal lymphopoietin). Weitere sind erfolgreich in der klinischen Prüfung.
Wie findet man den passenden Antikörper?
Prof. Renz: Patient 1 hat allergische Attacken gegen Milben oder Pollen, Patient 2 unterschwellige Entzündung mit Eosinophilen. Patient 3 hat beides. Genau hier setzt die Präzisionsmedizin ein. Wir müssen herausfinden, welcher Signalweg eine Rolle spielt. Deswegen können wir nicht alle monoklonalen Antikörper gleichsetzen.
Kann man das am Blutbild sehen?
Prof. Renz: Das ist ein Weg. Wir brauchen aber immer noch bessere Bluttests, also Biomarker, um die Pfade bei den Patienten besser zu kategorisieren.
Die Therapie mit monoklonalen Antikörpern ist teuer. Wird sich das in der Zukunft ändern?
Prof. Renz: Wenn man sich die klinischen Effekte ansieht, dann sind sie über die Dauer größer, als das Medikament am Ende kostet. Da gibt es mittlerweile gute wirtschaftliche Berechnungen. Denn: Heutige Medikamente unterdrücken nicht nur die Symptome und Beschwerden bei den Patienten. Sie greifen entscheidend in den Krankheitsverlauf ein und modifizieren ihn – hin zur Besserung. Das ist eine neue Qualität, die wir mit früheren Medikamenten nicht erreichen konnten.
Die 12-Monatsprävalenz für Asthma und Allergien steigt immer weiter an …
Prof. Renz: Alle Daten deuten darauf hin, dass wir das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht haben. Die Krankheiten nehmen zu, Inzidenz wie Prävalenz. Das ist schon beunruhigend.
Was sind die größten Faktoren dafür, dass Prävalenz und Inzidenz steigen?
Prof. Renz: Da sind viele Faktoren, die eine Rolle spielen. Aus meiner Sicht ist ein wesentlicher Faktor der Klimawandel. Das bedeutet nicht nur Hitze, sondern auch Sekundäreffekte, z. B. leidet die Biodiversität global. Es gibt einen Rückgang aller Arten von Lebensformen. Das betrifft auch Mikroben. Wir wissen, dass es zwischen dem Darmmikrobiom und dem Mikrobiom in unserem Umfeld enge Wechselwirkungen gibt. Wenn wir die Diversität in unserem Umfeld verlieren, dann auch die in unserem Darmmikrobiom. Wir wissen zusätzlich, dass eine reduzierte Diversität im Darmmikrobiom häufig mit chronischen Erkrankungen einhergeht, so auch Allergie und Asthma. Ein weiterer Faktor: Der Klimawandel hat einen Einfluss auf das Pollengeschehen. In unseren Breitengraden gedeihen dadurch Pflanzen, die Pollen tragen, schneller. Unter der Wirkung des Klimawandels ändern Pflanzen ihr Eiweißprofil, was dazu führt, dass sie aggressivere Pollen produzieren. Auch werden die Pollen über längere Zeiträume hergestellt: früherer Beginn und noch späteres Ende. Das hat zur Konsequenz, dass die Patienten einer Dauerbelastung ausgesetzt sind.