PSA-Screening senkt Prostatakrebs-Sterblichkeit wahrscheinlich doch: Cochrane revidiert Bewertung
Neuer Cochrane-Review kippt frühere Einschätzung: Aktuelle Daten zeigen, dass das PSA-Screening die prostatakrebsspezifische Mortalität wahrscheinlich senkt und auch die Gesamtmortalität senken könnte. Aussagekräftige Daten zur Überdiagnostik fehlen. Was die neuen Erkenntnisse für die Praxis bedeuten.
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Der PSA-Test senkt wahrscheinlich das Risiko, an Prostatakrebs zu sterben. Zu diesem Schluss kommt ein aktualisierter Cochrane-Review, der im Mai 2026 veröffentlicht wurde. Damit revidiert das internationale Autorenteam um Erstautor Dr. Juan Franco vom Universitätsklinikum Düsseldorf die Einschätzung von 2013, wonach das Screening keinen signifikanten Effekt auf die krankheitsspezifische Mortalität habe. Für Hausärztinnen, Hausärzte und niedergelassene Urologen und Urologinnen liefert die Analyse damit eine belastbarere Grundlage für die oft schwierige Beratung ihrer männlichen Patienten – auch wenn die Debatte um Überdiagnosen und Übertherapie damit nicht beendet ist.
Sechs Studien, fast 800.000 Männer und die Frage: PSA-Test – Ja oder Nein?
Für das Update durchsuchten die Studienautoren die Cochrane Library, MEDLINE, Embase sowie fünf weitere Datenbanken bis November 2025. Eingeschlossen wurden sechs randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt 789.086 Männern im Alter zwischen 45 und 80 Jahren. Die Untersuchungen stammen größtenteils aus Europa und Nordamerika, die Nachbeobachtungszeit reichte von 3,2 bis 23 Jahren. Fünf Studien verglichen den PSA-Test – mit oder ohne digital-rektale Untersuchung – mit der üblichen Versorgung ohne systematisches PSA-Screening. Die drei größten Studien (CAP, PLCO und ERSPC) stellten 85 Prozent der Teilnehmer. Der aktualisierte Review enthält auch eine Studie zu einer bestimmten neuen Screeningmethode, die sogenannte ProScreen-Studie mit gut 60.000 Teilnehmern aus Finnland. In dieser Studie ist der PSA-Test Teil einer umfassenderen Screeningstrategie: Das Blut der Teilnehmer wurde nicht nur auf PSA hin untersucht, sondern bei erhöhten Werten auch auf weitere „verwandte“ Eiweiße, die so genannten Kallikreine.
Studienergebnisse zeigen leicht positive Effekte von PSA-Tests
Mit Blick auf die Prostata-bedingte Sterblichkeit werteten die Review-Autoren fünf dieser sechs Studien aus. Dabei zeigte sich, dass die prostatakrebsspezifische Sterblichkeit unter PSA-Screening möglicherweise leicht sinkt: Von 16 auf 15 Todesfälle pro 1.000 Männer (721.607 Teilnehmer; Evidenzqualität nach GRADE: niedrig). Am deutlichsten fällt der Effekt in der europäischen ERSPC-Studie mit der längsten Nachbeobachtung von 23 Jahren aus. Hier reduzierte das PSA-Screening die Prostatakrebs-Mortalität wahrscheinlich um etwa zwei Todesfälle pro 1.000 Männer (162.236 Teilnehmer; moderate GRADE-Evidenzqualität). Anders formuliert: Etwa 500 Männer müssen zum Screening eingeladen werden, um einen prostatakrebsbedingten Todesfall zu verhindern. Auch die Gesamtmortalität sinkt durch das Screening möglicherweise leicht über den Zeitraum von 15 bis 23 Jahren – dieses Teilergebnis ist jedoch mit deutlicher Unsicherheit behaftet, wie die Autoren anmerken (Datengrundlage: vier Studien, 675.121 Teilnehmer; niedrige GRADE-Evidenzqualität).
„Mit den inzwischen verfügbaren neuen Daten können wir nun mit moderater Sicherheit sagen, dass das PSA-Screening Todesfälle durch Prostatakrebs bei Männern mit ausreichender Lebenserwartung verringert. (…) Für gut informierte Patienten mit ausreichender Lebenserwartung könnte es daher sinnvoll sein, mit ihrer Ärztin oder ihrem Arzt über ein PSA-Screening zu sprechen.“
Dr. Philipp Dahm, University of Minnesota (USA), Seniorautor des aktualisierten Reviews
Fehlende Daten zu Überdiagnosen und Folgen durch PSA-Tests
Deutlich fällt die Überdiagnostik ins Gewicht: In der ERSPC-Studie führte das Screening nach 23 Jahren zu 36 zusätzlichen Prostatakrebs-Diagnosen pro 1.000 gescreente Männer – vor allem in frühen Stadien (34 zusätzliche lokalisierte Tumoren pro 1.000 gescreente Männer). Die Autoren betonen in diesem Zusammenhang, dass Screeningtests auch langsam wachsende Tumoren entdecken können, die möglicherweise nie Beschwerden verursacht hätten bzw. jahrelang keine Metastasen bilden. Die Diagnose eines solchen Tumors kann aber dennoch psychisch belasten und zu anstrengenden Abklärungsuntersuchungen führen: zu Biopsien beispielsweise und zu unnötigen Behandlungen oder Operationen, die für die betroffenen Männer teils schwere Folgen haben können – etwa Erektionsstörungen und Harninkontinenz. Die Autoren merken jedoch an: Die Studien, die für den Review ausgewertet wurden, hatten mögliche Überdiagnosen bzw. Folgen durch PSA-Tests nicht ausreichend untersucht.
PSA-Screening: Wichtige Erkenntnisse im Überblick
- Wahrscheinlich sinkt die Prostatakrebs-Sterblichkeit durch PSA-Screening leicht.
- Der absolute Nutzen ist gering: Etwa zwei Todesfälle pro 1.000 gescreente Männer können über 23 Jahre verhindert werden.
- Gleichzeitig kommt es zu Überdiagnosen: 36 zusätzliche Diagnosen pro 1.000 Männer wurden im Nachbeobachtungszeitraum von 23 Jahren beobachtet.
- Mögliche Folgen sind unnötige Biopsien und Behandlungen mit Nebenwirkungen wie Inkontinenz oder Erektionsstörungen.
- Daher bleibt eine individuelle, ergebnisoffene Beratung über Nutzen und Risiken entscheidend.
Was heißt das für die Praxis der Prostatakrebs-Früherkennung?
In Deutschland ist der PSA-Test nicht Teil des gesetzlichen Krebsfrüherkennungsprogramms, sondern eine IGeL-Leistung. Gegenwärtig untersuchen die zuständigen Stellen hierzulande, ob sich ein besseres Nutzen-Risiko-Verhältnis erreichen lässt, wenn man den PSA-Test in eine mehrstufige Screening-Strategie einbettet. Der Gemeinsame Bundesausschuss hat etwa das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) mit der Prüfung eines risikoadaptierten, kombinierten PSA- und MRT-Screenings beauftragt; der Abschlussbericht wird Ende 2026 erwartet.
Für die Praxis bedeutet das Update: Die Evidenz für einen Nutzen des PSA-Screenings ist heute belastbarer als vor gut zehn Jahren. Gleichzeitig bleibt die Aufklärung über Überdiagnostik und Übertherapie zentral. „Die Entscheidung für oder gegen ein Screening sollten der betroffene Mann und sein Arzt oder seine Ärztin immer gemeinsam treffen – mit einem guten Verständnis der möglichen Vorteile, aber auch der Risiken von Überdiagnosen und unnötigen Behandlungen“, betont Erstautor Dr. Juan Franco. Die aktuelle S3-Leitlinie Prostatakarzinom (Version 8.0, Juli 2025) empfiehlt unter Punkt 4.2: ‘Männer ab dem Alter von 45 Jahren mit einer Lebenserwartung von mindestens zehn Jahren, die eine Prostatakarzinom-Früherkennung wünschen, sollen ergebnisoffen über die Vor- und Nachteile beraten werden’. Die neuen Cochrane-Daten liefern nun konkrete Zahlen für das Aufklärungsgespräch.
Review-Limitationen
Die Studienautoren geben zu Bedenken, dass bei fünf der sechs Studien methodische Bedenken bestehen und die Ergebnisse voneinander abweichen. Außerdem heißt es in der Review: “Diese Übersichtsarbeit liefert nur wenige Informationen zu den unerwünschten Wirkungen von Vorsorgeuntersuchungen, da die von uns berücksichtigten Studien diese Informationen in der Regel nicht erfassen, insbesondere nicht verzögerte oder selten auftretende unerwünschte Wirkungen.” Auch die ProScreen-Studie zum kombinierten Screening aus PSA, Kallikrein-Panel und MRT ist bislang nicht ausreichend aussagekräftig. Der für den aktuellen Review ausgewertete Nachbeobachtungszeitraum der ProScreen-Studie lag im Median bei nur 3,2 Jahren: zu kurz, um Mortalitätseffekte zu erkennen, wie Professor Jörg Meerpohl, wissenschaftliche Vorstand der Cochrane Deutschland Stiftung, betont.
„Die ersten Daten aus diesen gut drei Jahren Nachbeobachtung deuten darauf hin: Ein Kombinationsscreening aus PSA-Test, Kallikrein-Panel und MRT macht wahrscheinlich bei der Zahl der Prostatakrebsdiagnosen nur einen kleinen Unterschied im Vergleich zu keinem Screening. Ob das kombinierte Screening Todesfälle verhindert oder unnötige Biopsien und Überdiagnosen verringert, wurde bislang nicht berichtet. Dafür braucht es eine längere Nachbeobachtung bzw. weitere Studien.“
Prof. Jörg Meerpohl, Cochrane Deutschland Stiftung
Autorin: Juliane Gutmann