Dermatologie, Psychiatrie, Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychotherapie, Plastische und Ästhetische Chirurgie
Dermatologie
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Psychologische Faktoren in der Rehabilitation von Brandverletzten
Brandverletzungen sind häufig mit traumatischen Ereignissen, anhaltenden funktionellen Einschränkungen im Alltag und langfristigen Veränderungen im körperlichen Erscheinungsbild verbunden. Hierbei kann es für Betroffene zu vielfältigen Belastungen und – in Abhängigkeit von vorbestehenden Stressoren und verfügbaren Ressourcen – auch zu einer psychotherapeutischen Behandlungsbedürftigkeit kommen. Psychotherapeutische Mitbehandlungen und niedrigschwellige Beratungsangebote können Betroffene sowie deren Angehörige in dem oft langwierigen Prozess der Rehabilitation unterstützen.
Abstract: Burn injuries are often associated with traumatic events, persistent functional limitations in daily life, and long-term changes in physical appearance. This can lead to various burdens for those affected and, depending on pre-existing stressors and available resources, may necessitate psychotherapeutic treatment. Psychotherapeutic support and low-threshold counseling services can assist both affected individuals and their relatives in the often protracted rehabilitation process.
Brandverletzungen gelten als schwere Verletzungen, die Betroffene nicht nur auf physischer, sondern auch auf psychischer und sozialer Ebene enorm belasten können. In den frühen Behandlungsphasen der Intensiv- und Akutbehandlung stehen für Betroffene häufig die Verarbeitung des potenziell traumatischen Unfallereignisses und das Aushalten aversiver Erlebens- und Gefühlszustände im Vordergrund. Je nach Schwere der Verletzung kann es dabei zu mehrwöchigen stationären Aufenthalten mit invasiven Behandlungsmaßnahmen kommen, die mit Schmerzen, Juckreiz, Schlafstörungen, Desorientierung oder auch medikamentösen Nebenwirkungen einhergehen. Dies bedeutet erhebliche Einschränkungen von wesentlichen biologischen Grundbedürfnissen.
Schock und Überlebenskampf in der Akutbehandlung
Auf Intensivstationen und in anderen frühstationären Behandlungssettings ist die Erfüllung von psychologischen Grundbedürfnissen meistens deutlich begrenzt. Hierzu zählen vor allem die Grundbedürfnisse nach Bindung, Unlustvermeidung, Selbstbestimmung, Unabhängigkeit und Sicherheit. Betroffene mit schweren Brandverletzungen befinden sich oft über lange Zeiträume hinweg in einem Abhängigkeitsverhältnis zu Behandelnden und Angehörigen, in einer fremdbestimmten, lauten, hochtemperierten Umgebung, ohne Privatsphäre, ohne ihr vertrautes soziales Umfeld und ohne gewohnte Ablenkungsmöglichkeiten zur Stress- und Emotionsregulation. Zusätzlich können lebensbedrohliche oder delirante Zustände, Flashbacks und das Ohnmachtserleben gegenüber Schmerzen bei Betroffenen zu ausgeprägten Gefühlen von Hilflosigkeit und Todesängsten führen.
So ist es möglich, dass nicht nur die Unfallsituation selbst, sondern auch die notwendigen medizinischen Erstmaßnahmen für die Betroffenen traumatisierende Ereignisse darstellen. Potenzielle Traumafolgestörungen bedürfen hierbei schon während der Intensiv- und Akutbehandlung dringend psychotherapeutischer Begleitung.
Leistungsdruck und Ängste während der Rehabilitation
Nach den überstandenen Strapazen der Intensiv- und Akutbehandlung kommt es üblicherweise zu allmählichen oder auch abrupten Veränderungen beim Übergang in die Rehabilitationsphase. Rehabilitierende kommen hierbei wieder zunehmend in eine aktive und eigenverantwortliche Rolle. Das kann einerseits mit Vorfreude, andererseits aber auch mit Sorgen und Überforderungserleben einhergehen. Betroffene werden in ein weiterführendes stationäres oder sogar ambulantes Setting entlassen und sehen sich mit dem plötzlichen Wechsel zu neuen Behandelnden konfrontiert, zu denen sie erst wieder ein Vertrauensverhältnis aufbauen müssen.
Auch Versicherungsträger, Arbeitgeber oder Angehörige, die bei mangelndem Fachwissen und unzureichender Kommunikation häufig mit überhöhten Erwartungen auftreten, können bei Rehabilitierenden Stress mit Leistungsdruck und Versagensängsten verstärken. Viele Betroffene können während der medizinischen Rehabilitation noch nicht ausreichend abschätzen, ob und wann sie den Anforderungen ihres Berufs aus körperlicher und psychischer Sicht wieder gewachsen sein werden. So erleben sie oft Hemmungen, Befürchtungen oder sogar ausgeprägte Ängste bezüglich der geplanten Rückkehr an ihren Arbeitsplatz – insbesondere, wenn dieser mit dem Ort ihres Verbrennungsunfalls in Verbindung steht.
Darüber hinaus kann es vermehrt zu Existenzängsten und einer deutlichen Verunsicherung bzgl. beruflicher Perspektiven oder sozialmedizinischer Fragestellungen kommen, weil medizinische Prognosen für Betroffene keine Garantien darstellen können. Denn obwohl die Lebensqualität und Handlungsfähigkeit mit voranschreitender Wundheilung und Narbenreifung in der Regel weiter zunehmen, so kann sich auch im späteren Behandlungsverlauf noch ein protrahierter Prozess mit verlangsamten, stagnierenden Fortschritten oder sogar Rückschritten einstellen. Dies führt bei Betroffenen unter Umständen dazu, dass ihre Hoffnungen auf eine schnelle Rückkehr in das „alte Leben“ und auf eine „vollständige Heilung“ schmerzlich enttäuscht werden.
Der Blick in die Zukunft
Im voranschreitenden Behandlungsverlauf kommt es für Betroffene fortwährend zur Veränderung der Perspektive. Die Aufmerksamkeit, die zuvor auf die Verarbeitung des Erlebten und das Überleben im Hier und Jetzt gerichtet war, wird nun wieder mehr von der Zukunft vereinnahmt. Viele sehen sich hierbei erstmals mit den bleibenden Veränderungen ihres Körpers konfrontiert und realisieren die Bedeutung dieser Veränderungen für ihren Alltag. Wie können die Narben im Sommer vor der Sonne geschützt werden? Wer kann zu Hause helfen, die Kompressionswäsche anzuziehen? Welche Aufgaben im Haushalt können zukünftig nicht mehr übernommen werden? Und wie können funktionelle Grenzen an die Familie kommuniziert werden?
Die sichtbaren und die unsichtbaren Narben
Neben pragmatischen Fragestellungen zur Integration der Narbenpflege in den Alltag müssen sich die Betroffenen auch mit den Veränderungen im körperlichen Erscheinungsbild und mit ihrem etwaigen Gefühlschaos von z. B. Ekel, Scham, Schuld, Selbstärger, Angst oder Trauer auseinandersetzen, um allmählich eine akzeptierende, verantwortungsvolle und fürsorgliche Haltung zu ihren Narben zu entwickeln. Dies erscheint vor allem von wesentlicher Bedeutung, um die intrinsische Motivation zur regelmäßigen Narbenpflege aufzubauen und langfristig aufrechtzuerhalten.
Im Kontakt zu ihren Mitmenschen sehen sich Betroffene im Alltag oft mit unangenehmen und auch unangemessenen Reaktionen auf ihr verändertes körperliches Erscheinungsbild konfrontiert, was das Risiko für die Entstehung von Bewertungsängsten und Vermeidungsverhalten erhöht. Der Umgang mit dem veränderten Körperbild kann hierbei das Auftreten in der Öffentlichkeit, aber auch das Verhalten in intimen Situationen beeinträchtigen. So wird die Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln, der Familienausflug ins Freibad, der Handschlag im Bewerbungsgespräch oder auch die Sexualität für manche Betroffene zur großen Herausforderung.
Auch die Beeinträchtigung der körperlichen Leistungsfähigkeit kann zu erheblichen Veränderungen im psychosozialen Umfeld von Betroffenen führen. Der Familienvater, der sich zuvor stets als starkes Familienoberhaupt und geschickten, hilfsbereiten Hobby-Handwerker gesehen hat, muss mit seinen körperlichen Einschränkungen infolge seiner Brandverletzung für sich ggf. neue Werte definieren, um seinen Selbstwert wieder zu stabilisieren. Die Leistungssportlerin kommt infolge ihrer Brandverletzung möglicherweise nicht umhin, ihr leidenschaftliches Hobby und ihren Traumberuf als Berufssportlerin aufzugeben, diesen Verlust zu betrauern und alternative Interessen oder Lebensziele zu finden. Diese Beispiele zeigen eindrücklich, wie funktionelle Einbußen dazu beitragen können, dass Betroffene haltgebende Beziehungen, selbstwertstärkende Freizeitaktivitäten und identitätsstiftende gesellschaftliche Rollen loslassen und sich neu orientieren müssen.
Das Risiko für psychische Erkrankungen
Hinsichtlich der vielfältigen Belastungen von Brandverletzten zeigt sich, dass nicht nur Ausmaß und Dauer der Verletzung, sondern letztlich vor allem die Bedeutung dieser Verletzung für die individuelle Lebensführung darüber entscheidet, wie Betroffene den Einschnitt in ihr Leben bewältigen. In diesem Zusammenhang sollten bei der Anamnese stets auch die Stressoren berücksichtigt werden, die unabhängig von der Brandverletzung zu einer Belastung beitragen. Hierzu zählen etwa körperliche und psychische Vorerkrankungen oder auch Konflikte am Arbeitsplatz und in der Partnerschaft. Diese zusätzlichen Stressoren können im Zusammenwirken mit der akuten Belastung durch die Brandverletzung zu einer gegenseitigen Aufrechterhaltung führen und die psychischen Beschwerden verschlimmern. Sobald Betroffene diesen Stressoren keine Bewältigungsstrategien oder Ressourcen entgegensetzen können, scheint keine ausreichende Resilienz gegeben, was bildlich gesprochen die Waage zum Kippen bringen kann: Vereinzelte psychische Symptome können anhalten, sich verschlimmern und sich in behandlungsbedürftigen psychischen Erkrankungen manifestieren. Hierzu zählen in der psychologischen Diagnostik beispielsweise Anpassungsstörungen, Depressionen, Angststörungen oder posttraumatische Belastungsstörungen. Psychische Erkrankungen führen für Betroffene dabei häufig zu erheblichem Leidensdruck. Sie können bei ungünstigem Verlauf chronifizieren oder auch sekundäre psychische Erkrankungen wie Suchterkrankungen begünstigen.
Hilfe zur Selbsthilfe
Wie können wir diesem Risiko also rechtzeitig entgegenwirken? Psychosoziale Ressourcen, die zu funktionalen und flexiblen Bewältigungsstrategien im Denken und Verhalten beitragen, können wesentliche Schutzfaktoren darstellen, um die weitreichenden Belastungen einer Brandverletzung zu kompensieren. Hierzu zählen unter anderem eine soziale Vernetzung mit tragfähigen Beziehungen, ein stabiler Arbeitsplatz, aber auch eine zuversichtliche, offene und sinngebende Haltung von Betroffenen. Um diese Schutzfaktoren im Behandlungsverlauf frühzeitig präventiv zu stärken und interventiv auszubauen, gibt es verschiedene Unterstützungsangebote für Betroffene. Diese reichen von psychologischen Begleitgesprächen auf somatischen Stationen bis hin zu niedrigschwelligen Angeboten nach Entlassung. So können Betroffene z. B. von kostenfreien psychosozialen Beratungsstellen profitieren. Fachlich angeleitete Psychoedukation trägt zur Förderung von Selbstwirksamkeit und zur Entpathologisierung vorübergehender psychischer Reaktionen auf akute Belastungen bei. Darüber hinaus gibt es für Brandverletzte Vereine und Selbsthilfegruppen, die sie zum Austausch von Erfahrungen anregen und sie mit anderen Betroffenen sozial vernetzen können.
Im Falle einer behandlungsbedürftigen psychischen Diagnose sollten sich Betroffene zulasten der Versicherungsträger therapeutische Unterstützung suchen. Diese findet sich im Rahmen von stationären Aufenthalten mit psychosomatischem Schwerpunkt oder auch in ambulanten Psychotherapien mit Einzel- und Gruppensetting. Hierbei sei jedoch kritisch angemerkt, dass der allgemeine Bedarf für die Versorung der Patientinnen und Patienten im Praxisalltag oft nur unzureichend gedeckt werden kann. Spezifisch auf Brandverletzung zugeschnittene Therapieangebote sind zudem noch wenig vertreten.
Fazit
Es bleibt festzuhalten, dass für Brandverletzte zu verschiedenen Zeitpunkten des Behandlungsverlaufs anhaltende und wiederkehrende Belastungsfaktoren auftreten können, die auf allen Ebenen des biopsychosozialen Modells einen erheblichen Einfluss auf den medizinischen sowie beruflichen Rehabilitationsprozess haben. Vor diesem Hintergrund erscheint es aus fachlicher Sicht von großer Bedeutung, für Brandverletzte mehr Angebote von psychotherapeutischen und anderen psychosozialen Unterstützungsmöglichkeiten zu etablieren und Informationen über derartige Angebote in den Behandlungsalltag zu integrieren.
Literatur
1. Seehausen A, Renneberg B. Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie 2012;41(3):201-210.
2. Wallis-Simon H, Renneberg B. Psychotherapeutenjournal 2009;2:142-152.
Korrespondenzadresse
Susanne Gebhardt
Psychologische Psychotherapeutin für Erwachsene, Verhaltenstherapie E-Mail: s.gebhardt(at)sanmelio.de
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