Rasante Entwicklungen in der Rheumatologie durch personalisierte Medizin und KI
Vom 17.–20 September 2025 fand der Deutsche Rheumatologiekongress 2025 in Wiesbaden statt. Schwerpunkte waren unter anderem geschlechtsspezifische Aspekte in der Rheumatologie sowie innovative Versorgungskonzepte und die Integration von personalisierter Medizin und Künstlicher Intelligenz (KI). Ebenso ging es um die Zunahme autoinflammatorischer Erkrankungen, zelluläre Therapien und die Bedeutung von Sport bei Rheuma.
Die Rheumatologie entwickele sich derzeit rasant weiter, insbesondere durch die Fortschritte in der personalisierten Medizin und dem Einsatz von KI, betonte Prof. Andreas Schwarting (Mainz/Bad Kreuznach), Kongresspräsident der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie und Klinische Immunologie. „Diese Verfahren ermöglichen es uns, künftig noch genauer auf individuelle Bedürfnisse unserer Patientinnen und Patienten einzugehen.“ Neben wissenschaftlichen Innovationen wurde auf dem Kongress auch die Versorgungsrealität in Deutschland kritisch beleuchtet. Dafür diskutierten die Teilnehmenden Konzepte, die eine zukunftsfähige rheumatologische Betreuung sichern – beispielsweise unter Einbezug der Hausärztinnen und Hausärzte.
Geschlechtsspezifische Unterschiede
Ein besonderer Schwerpunkt war die Sitzung zu geschlechtsspezifischen Aspekten in der Rheumatologie. Zwar weisen Frauen häufiger entzündlich-rheumatische Erkrankungen als Männer auf, dennoch werden die Erkrankungen bei ihnen oft später erkannt. Dass männliche Betroffene die Diagnose früher im Krankheitsverlauf erhalten, liegt allerdings nicht daran, dass sie öfter zum Arzt gehen. Vielmehr machen sich Kollagenosen bei Männern häufiger mit schweren Organbeteiligungen bemerkbar. Das zeigen aktuelle Daten aus Beobachtungsstudien.1,2
Lange Zeit dachte man, dass Spondyloarthritiden überwiegend bei Männern vorkommen. „Dabei zeigen neuere Daten ein relativ ausgewogenes Verhältnis zwischen den Geschlechtern. Frauen mit axialer Spondyloarthritis erhalten ihre Diagnose jedoch im Schnitt mehr als zwei Jahre später als Männer“, berichtete Dr. Katinka Albrecht vom Deutschen Rheuma-Forschungszentrum (DRFZ) in Berlin. Albrecht benennt weitere Unterschiede: „Frauen mit Psoriasis-Arthritis haben vermehrt Entzündungen an den Gelenken und den Sehnenansätzen, während bei Männern eine größere Hautfläche betroffen ist. Hingegen manifestiert sich der systemische Lupus erythematodes bei Frauen oft an Haut- und Schleimhäuten, während Männer häufiger eine schwere Nierenbeteiligung, eine Herzbeutelentzündung oder einen Pleuraerguss entwickeln.“
Auch in der Therapie setzen sich die Unterschiede fort: Männer mit Spondyloarthritiden werden häufiger mit TNF-Inhibitoren behandelt und bei Frauen ist das Ansprechen auf die Therapie geringer. Dies zeigt sich auch bei rheumatoider Arthritis. Ein Blick auf Komorbiditäten von Rheumakranken offenbart außerdem, dass Frauen häufiger von Osteoporose, Depressionen oder Schilddrüsenerkrankungen betroffen sind, während Männer vermehrt Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen zeigen. „Als Ärztinnen und Ärzte müssen wir uns diese Unterschiede bewusst machen, um für die jeweiligen Patientinnen und Patienten die individuell beste Therapie finden zu können“, betonte Albrecht.
KI-Modelle in der Rheumatologie
PD Dr. Johannes Knitza vom Institut für Digitale Medizin am Universitätsklinikum Marburg stellte KI-Modelle in der Rheumatologie vor. So zeigten erste Studien, dass Large Language Models (LLMs) wie ChatGPT bei der Analyse identischer anamnestischer Informationen eine vergleichbare diagnostische Genauigkeit wie erfahrene Rheumatologinnen und Rheumatologen erreichen könnten.3 Darüber hinaus würden diese Modelle kontinuierlich leistungsfähiger und hätten in bestimmten Anwendungsbereichen bereits etablierte, zugelassene Systeme zur Diagnoseunterstützung übertroffen.4 Große Tech-Unternehmen wie Microsoft seien überzeugt, dass KI-Systeme in naher Zukunft ein nahezu fehlerfreies Niveau erreichen würden.5 „Die zentrale Frage wird daher künftig nicht mehr lauten, ob KI oder Ärztinnen und Ärzte „besser“ diagnostizieren, sondern ob der gezielte Einsatz von KI die Diagnosesicherheit erhöht und den Weg zur richtigen Diagnose beschleunigt“, sagte Knitza.
Laut Knitza bietet KI über die reine Diagnostik hinaus prädiktive Möglichkeiten, etwa zur Einschätzung der Krankheitsaktivität, zur Vorhersage von Schüben, zur Bestimmung optimaler Dosierungen und zur Prognose des Therapieansprechens anhand klinischer und serologischer Biomarker.6 Darüber hinaus könne generative KI administrative Prozesse entlasten und die Qualität von Patienteninformation und -aufklärung deutlich verbessern.7 „KI ist längst nicht mehr nur ein Zukunftsthema, sondern wird von Patientinnen und Patienten zunehmend aktiv genutzt. So greifen viele bereits auf sichere, datenschutzkonforme Chatbots wie „Lupus GPT“ (lupusgpt.org) zurück, um medizinische Fragen zu stellen und schnell fundierte Antworten zu erhalten“, beschrieb Knitza. Ein weiteres Einsatzfeld seien KI-basierte Scribe-Systeme, die Patientengespräche während der Konsultation aufzeichnen, transkribieren und daraus automatisch strukturierte Entwürfe für Arztbriefe erstellen und den Arzt damit entlasten könnten.
Fatigue als Leitsymptom bei Rheuma
Ebenfalls im Zentrum des Rheumatologiekongresses stand das Thema Fatigue, was zu den häufigsten und oft belastendsten Symptomen entzündlich-rheumatischer Erkrankungen zählt. Dennoch bleibt es oft unbeachtet. Betroffene beschreiben Fatigue als anhaltende, lähmende Erschöpfung, die weit über alltägliche Müdigkeit hinausgeht. Sie schränkt Lebensqualität, Arbeitsfähigkeit und soziale Teilhabe massiv ein – häufig stärker als die Gelenkbeschwerden. „Fatigue ist kein psychosomatisches Randthema, sondern ein zentrales Symptom rheumatischer Erkrankungen – das intensiver systematisch erforscht und behandelt werden muss“, betonte Schwarting.
Neue Studien geben Hinweise auf mögliche Pathomechanismen, die zu Fatigue führen könnten. Bei Betroffenen wurden u. a. entzündliche Prozesse im zentralen Nervensystem nachgewiesen. So zeigen sich Aktivierungen von Immunzellen des Gehirns, die Signalwege beeinflussen, die für Wachheit, Energiehaushalt und Motivation zuständig sind. Zudem verdichten sich Hinweise, dass Autoantikörper bei einigen Betroffenen die Blut-Hirn-Schranke überwinden und dort neuroinflammatorische Prozesse auslösen. Fatigue könnte auch durch Störungen in den Mitochondrien mitverursacht sein. Studien haben gezeigt, dass mitochondriale Fehlfunktionen in Immunzellen bei Menschen mit Rheumatoider Arthritis mit Fatigue deutlich ausgeprägter sind als bei jenen ohne Fatigue. Klinisch gibt es bislang keine gezielte Therapie gegen Fatigue. Kortison, Biologika oder Schmerzmittel lindern die Erschöpfung meist nur begrenzt. Erste Ansätze testen nun spezifische Antikörpertherapien, die Entzündungsprozesse im Gehirn dämpfen oder den Zellstoffwechsel stabilisieren sollen. Auch der Einsatz von Biomarkern zur personalisierten Steuerung der Therapie wird intensiv erforscht.
Zelluläre Therapien
Ein weiteres Symposium beschäftigte sich mit zellulären Therapien in der Rheumatologie.8-12 Die Verfahren nutzen körpereigene Abwehrzellen, um fehlgeleitete Immunreaktionen gezielt zu beeinflussen. Für Patientinnen und Patienten mit schwer behandelbaren entzündlich-rheumatischen Erkrankungen eröffnen zelluläre Therapien neue Behandlungsoptionen. Bei der sogenannten CAR-T-Zelltherapie werden Rheumakranken eigene T-Zellen entnommen. Diese werden im Labor gentechnisch verändert und anschließend den Patientinnen und Patienten wieder injiziert. Sie erkennen die krankmachenden B-Zellen im Körper und schalten diese gezielt aus. Ein anderer Ansatz arbeitet mit bispezifischen Antikörpern, die im Körper T-Zellen dazu bringen, gezielt gegen fehlgeleitete B-Zellen vorzugehen. Beide Konzepte unterscheiden sich grundlegend von klassischen Immunsuppressiva, die bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen breit im Organismus wirken, das Immunsystem insgesamt dämpfen und mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden sein können. „Die bisherigen klinischen Studien liefern ermutigende Ergebnisse“, sagte DGRh-Präsident Prof. Ulf Wagner (Leipzig).
Sport als „Breitbandmedikament“
Körperliche Aktivität stelle eine unverzichtbare Komponente im Management rheumatischer Erkrankungen dar, betonte der Kongresspräsident der Deutschen Gesellschaft für Orthopädische Rheumatologie PD Dr. Christoph Biehl vom Universitätsklinikum Gießen/Marburg. Studien hätten gezeigt, dass regelmäßige Bewegung Schmerzen lindern, die Muskulatur stärken und die Lebensqualität verbessern könne.13-15 Zudem verringere ein aktiver Lebensstil das Risiko für Begleiterkrankungen wie Übergewicht, kardiovaskuläre Erkrankungen und Depressionen, die häufig mit rheumatischen Erkrankungen assoziiert seien. „Sport und Bewegung fungieren als ‚Breitbandmedikament‘, das nicht nur die körperliche Gesundheit, sondern auch das psychische Wohlbefinden der Betroffenen fördert. Die Implementierung evidenzbasierter Bewegungsempfehlungen sollte daher als integraler Bestandteil der Behandlung bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen angesehen werden, um die Funktionsfähigkeit und Lebensqualität der Patienten nachhaltig zu verbessern“, betonte Biehl.
Autoinflammatorische Erkrankungen
Ein weiteres Thema des Kongresses waren autoinflammatorische Erkrankungen. Wie Dr. Martin Krusche vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf berichtete, seien diese zwar selten, dennoch nähmen ihre Diagnosen in den letzten Jahren scheinbar zu. Dies läge aber an besseren Diagnosemöglichkeiten. Ursprünglich habe der Begriff vor allem monogenetische, erbliche Fiebersyndrome, wie etwa z. B. das familiäre Mittelmeerfieber beschrieben. Inzwischen sei das Erkrankungsspektrum jedoch deutlich erweitert und umfasse auch polygenetische und multifaktorielle Erkrankungen wie z. B. Morbus Still oder Gicht. Inzwischen seien über 50 genetische Mutationen identifiziert worden, die zu eigenständigen autoinflammatorischen Krankheitsbildern führen würden und die Zahl wachse stetig weiter.16 Durch moderne molekulargenetische Verfahren, insbesondere das Next Generation Sequencing, könnten diese Erkrankungen heute schneller und präziser diagnostiziert werden.
„Interessanterweise wissen wir heute auch, dass autoinflammatorische Entzündungsprozesse nicht nur seltene genetische Erkrankungen erklären, sondern auch bei häufigen Volkskrankheiten eine Rolle spielen“, sagte Krusche. „So sind sie u. a. an der Entstehung von Arteriosklerose17 und möglicherweise auch bei neurodegenerativen Erkrankungen wie der Demenz18 beteiligt. Entsprechend geraten zielgerichtete antiinflammatorische Therapiekonzepte aus der Rheumatologie, etwa die Interleukin-1-Blockade oder die Hemmung des NLRP3-Inflammasoms, zunehmend auch bei der Behandlung dieser Volkskrankheiten in den Fokus.“ kb
1 Albrecht K et al. Z Rheumatol 83(9):749-759.
2 Albrecht K et al. Rheumatol Int 2025;45(7):160.
3 Krusche M et al. Rheumatol Internat 2023;44:303-306.
4 Kremer P et al. EULAR Rheumatology Open 2025;1:51-59.
5 Limb M. BMJ 2025;390:r1385.
6 Sequí-Sabater JM et al. RMD Open 2025;11:e004309.
7 Lechner F et al. Int J Rheum Dis 2025;28:e70124.
8 Mackensen A et al. Nat Med 2022;28(10):2124–2132.
9 Auth J et al. Lancet Rheumatol 2025;7(2):e83–e93.
10 Bucci L et al. Nat Med 2024;30(6):1593–1601.
11 Uhlmann L et al. Ann Rheum Dis 2025;84(7):1280–1283.
12 Hagen M et al. N Engl J Med 2024;391(9):867–869.
13 Dreher M et al. Orthopade 2019;48:917-926.
14 Dreher M et al. Ann rheum dis 2024;83:184-193.
15 Leyk D. Deutsch Ärztebl. int. 2009;106:713-714.
16 An J et al. J Rheumatol. September 2024;51(9):848–61.
17 Kong P et al. Signal Transduct Target Ther. 2022;7(1):131.
18 McManus RM et al. Neuropharmacology 2024;252:109941.
Quelle: Vorab-Pressekonferenz und Kongress-Pressekonferenz anlässlich des Deutschen Rheumatologiekongresses 2025 am 11.09.2025 und 18.09.2025 in Wiesbaden.
Deutscher Rheumatologiekongress
Der Deutsche Rheumatologiekongress fand vom 17.–20. September 2025 in Wiesbaden statt. Er vereint den 53. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie und Klinische Immunologie e. V. (DGRh) und die 39. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Orthopädische Rheumatologie (DGORh).