Skip to main content

Dieser Beitrag ist nur für Mitglieder verfügbar!

Dermatologie, Wirtschaft Dermatologie Dermatologie, HAUT
HAUT 5/19

Scheichs und Oligarchen im Wartezimmer: Profitieren Dermatologen vom Medizintourismus?

Es ist schon sehr verlockend, die Praxis voller zahlungskräftiger Selbstzahler zu haben, die nicht auf den Cent gucken, oft mit der ganzen Familie anreisen und bereit sind, mehrere hundert oder gar tausend Euro für den hiesigen Qualitätsstandard zu bezahlen. Regelmäßig greifen auch Fernsehreportagen das Thema auf und zeigen Scheichs und Oligarchen nebst Anhang, die mit Limousinen vorgefahren werden und den Arztbesuch mit einem ausgedehnten Shopping-Erlebnis verbinden. Wer möchte da nicht auch einen kleinen Teil vom Kuchen abbekommen?


16.10.2019
E. Kron
Teilen auf:
drucken Gefällt mir merken

Zitierweise: HAUT 2019;30(5):251-252

Jedoch sind die „goldenen Zeiten“ Vergangenheit, als Patienten aus dem Ausland herbeiströmten und nur das Ziel hatten, von einem deutschen Arzt behandelt zu werden, ohne Rücksicht auf die Kosten. Heute kommen meist sehr gut informierte Patienten, die sich vorab im Internet kundig gemacht haben. Sie kennen die deutschen Abrechnungssysteme und wissen sehr genau, welche Ärzte sie aufsuchen möchten und wie hoch die üblichen Preise sind. Sie sind gut vernetzt und tauschen sich aus. Es spricht sich schnell auf den entsprechenden Internet­portalen herum, wenn vermutet wird, dass ein Arzt sich unangemessen bereichern möchte. Horrende Steigerungsfaktoren werden nicht mehr hingenommen und zu Recht reklamiert. 

Zum Hautarzt? Nur, wenn man ohnehin da ist

Die deutschen Mediziner genießen im Ausland einen sehr guten Ruf. Daher kommen auch weiterhin jährlich mehrere Tausend oft russische oder arabische Patienten nach Deutschland. Sie bringen den deutschen Medizinern und Kliniken mehr Vertrauen entgegen als denen des eigenen Landes und verfügen über die Mittel, sich diese Reise und Behandlung leisten zu können.

Nun ist die Dermatologie nicht gerade der Fachbereich, den sie am meisten frequentieren. Kein Patient kommt nur wegen eines Hautscreenings oder eines Ausschlages um die halbe Welt gereist und investiert erhebliche Reisekosten für eine hautärztliche Behandlung. In den meisten Fällen geht es um Patienten, die operiert werden müssen oder aufgrund einer lebensbedrohlichen Erkrankung gern die Einschätzung eines deutschen Mediziners einholen möchten. Da diese Patienten oft von Angehörigen begleitet werden, kommt es aber natürlich vor, dass auch andere Fachgruppen in niedergelassenen Praxen aufgesucht werden. Denn wenn man schon mal da ist, kann man den Aufenthalt auch sinnvoll nutzen und ein Besuch beim Hautarzt reißt im Vergleich zu einem Klinikaufenthalt mit ggf. größerem Eingriff natürlich kein großes Loch in die Reisekasse. 

Kliniken mit „Auslandsabteilung“

Viele Ärzte und Kliniken haben sich diesem Reisetrend angepasst, ihre Homepages in die jeweiligen Sprachen übersetzen lassen und ihr Marketingbudget erhöht. Krankenhäuser in bei ausländischen Touristen beliebten Städten haben ganze Stationen luxuriös und nach Hotelstandards umbauen lassen und eigene Abteilungen eröffnet, die sich nur mit Patienten aus dem Ausland befassen, inklusive der Reisearrangements. Das mag sich für eine Klinik unter Umständen durchaus lohnen, da dort Eingriffe durchgeführt werden, die beträchtliche Rechnungen generieren. 

Unseriöse Vermittler

Aber auch niedergelassene Ärzte profitieren von dieser Art des Tourismus. Da wundert es nicht, dass Patientenvermittler und Anzeigenverkäufer schnell parat stehen. Vermittler wittern ihre große Stunde. Sie nähern sich dem Arzt mit dem Versprechen, über Kontakte zu Patienten aus dem Ausland zu verfügen und dass sie gern bereit sind – gegen eine für sie angemessene Provision – all diese Patienten exklusiv diesem Arzt zuzuführen. Weigert sich der Arzt, Provisionen zu zahlen, wird er selbstverständlich nicht empfohlen, und sei er auch der Beste auf seinem Gebiet. Call-Center-Mitarbeiter möchten Anzeigen in diversen Magazinen verkaufen, die in Flugzeugen, Hotels und auf Fachmessen ausgelegt werden, also eine große Reichweite haben und ganz bestimmt viele neue solvente Patienten in die Praxis locken werden.

Aber seien Sie auf der Hut! Sogenannte Patientenvermittler sind in vielen Fällen unseriös, Vermittlungspauschalen natürlich verboten und Rechnungen von Vermittlern, die noch Tätigkeiten wie Übersetzungen oder Homepagebetreuung ausweisen, schlicht und ergreifend Betrug. Seriöse Patientenvermittler gibt es zwar auch – doch treffen diese mit dem Patienten und nicht mit dem Arzt eine Vereinbarung.

Anzeigen auf speziellen Stadtplänen oder in Reisemagazinen lohnen sich im besten Falle für Kliniken mit Abteilungen für Patienten aus dem Ausland und weniger für eine Praxis einer Fachrichtung, wo für ambulante Behandlungen verhältnismäßig kleine Rechnungen entstehen.

Medizintouristen kosten Zeit …

Bedenken Sie, was es bedeutet, wenn eine mehrköpfige Gruppe das Wartezimmer belegt, wovon aber nur einer Patient ist. Da wird die Praxis für eine längere Zeit quasi lahmgelegt und verdient wird – je nach Fachrichtung – verhältnismäßig wenig. Selbst wenn der Medizintourist allein erscheint, nimmt er meist mehr Zeit in Anspruch, und sei es wegen der Sprach­barriere.

… stellen hohe Ansprüche ...

Die Erwartungshaltung an den Service in der Praxis ist sehr hoch. Englische Sprachkenntnisse der Praxismitarbeiter sind ein Muss, arabische oder russische Sprachkenntnisse natürlich von Vorteil. Die Kultur­unterschiede sind zum Teil erheblich und können zu Irritationen auf beiden Seiten führen.

Längere Wartezeiten oder gar Termin­vereinbarungen, insbesondere bei nieder­gelassenen Ärzten, werden meist nicht akzeptiert. Der solvente Medizintourist geht meist davon aus – und das wird ihm im Heimatland oft so vermittelt – dass er als gut zahlender Kunde prioritär behandelt wird. Viele Ärzte werfen in der Tat alle sonst gültigen praxisinternen Absprachen über Bord in der Hoffnung, diesen Patienten als Multiplikator nutzen zu können, der viele weitere Patienten in die Praxis spülen wird.

… und auch die Abrechnung birgt Fallstricke

Viele Ärzte bleiben auf offenen Rechnungen sitzen, wenn sie sich bereit erklärt haben, eine Kostenübernahme der jeweiligen Botschaft zu akzeptieren. Die Zahlungsmoral einiger Botschaften ist eher schlecht. Es kostet (unbezahlte) Zeit und Nerven, wenn man monatelang telefonieren, schreiben und mailen muss, um vielleicht doch noch sein Honorar zu erhalten. Daher gilt: Der Patient, dessen Behandlungskosten von der Botschaft übernommen werden, zahlt in der Praxis. Die Erstattung seiner Rechnung durch die Botschaft liegt dann in seiner Verantwortung.

Fazit

Haben Sie eine dermatologische Praxis, lassen Sie sich nicht von Vermittlern zu Vereinbarungen hinreißen, die rechtswidrig sind. Überlegen Sie gut, bevor Sie teure Anzeigen in Hochglanzmagazinen buchen. Das Internet ist auch für Patienten aus dem Ausland inzwischen das Informations­medium Nummer 1. Medizintouristen, die in der Stadt sind und eine hautärztliche Behandlung wünschen, finden ganz allein die passende Praxis – wenn diese online gut zu finden ist und sich ansprechend präsentiert. Optimieren Sie also lieber Ihre Auffindbarkeit im Internet und nutzen Sie unter Umständen auch die sozialen Medien in Deutschland und in den Zielländern. Verschätzen Sie sich aber nicht beim ­Kosten-Nutzen-Verhältnis.

Disclaimer: Bitte konsultieren Sie bei Rechts- und Steuerfragen stets zusätzlich Ihren Steuerberater oder Rechtsanwalt.



Korrespondenzadresse

Edith Kron
Kron Praxisprojekte
Haroldstraße 22, 40213 Düsseldorf
E-Mail: info(ett)kron-praxisprojekte.de
www.kron-praxisprojekte.de